Erlebnisse vom Finale in Sevilla

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Teil 3:


 dem (leider viel zu kurzen) Moment, der unmittelbar auf die Geburt eines eigenen Kindes folgt. Wenn man also durch und durch glĂŒcklich ist und es nichts gibt, was dieses GefĂŒhl eintrĂŒben könnte, so klar und wach, wie man in einem solchen Augenblick ist, wĂ€hrend man doch gleichzeitig auch komplett abwesend und weggetreten ist, neben dem eigenen Körper schwebt. FĂŒr eine Frau mit noch viel engerer Bindung zum Baby mag dieser Vergleich nicht so gut zutreffen, vielleicht aber fĂŒr den ein oder anderen Papa.

Aufbruch zum Stadion, ein Lebensereignis nimmt seinen Lauf.

Bei gigantischer Hitze, fast 40 Grad ist es wohl, geht es also los. Die Laune ist gut, es wird gesungen, Fans und anderen Leuten, die ĂŒberall auf Balkonen und an Fenstern stehen zugewunken und – mit plötzlich in die Hand gedrĂŒckten Aufklebern – die ein oder andere Laterne verschönert. An einer GaststĂ€tte vorbeilaufend gehe ich zu einem Tisch Schotten und ĂŒberreiche einen Aufkleber. Ein kurzes GesprĂ€ch ergibt sich, man wĂŒnscht sich GlĂŒck und weiter geht’s. Aus unserer Gruppe entdeckt jemand einen Supermarkt in einer Seitenstraße und wir beschließen Eis zu holen und noch etwas zu trinken. Wir ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht, dass uns diese Entscheidung die weiteren Stunden sehr erleichtern wĂŒrde.

Als das ĂŒberschĂŒssige Eis aus der großen Packung an andere vorbeikommende Fans verteilt war und wir etwas getrunken hatten (ich hatte eine riesige Flasche mit fĂŒrchterlich schmeckender Elektrolyt-Plörre gekauft) gingen wir kurz weiter. Nach ca. 300 Metern Metern gelangten wir an eine Polizei-Sperre. Am Schild der nahe gelegenen Eck-Apotheke waren zwei Anzeigen. Die an der Hauptstraße zeigte 39 Grad an, die der Nebenstraße nur 38 Grad. Betonpiste, kein Luftzug, Polizei und stinkende Pferde.

Das Stadion nicht mehr weit entfernt, Unruhe macht sich im Zug breit. Die Polizei bedroht uns, wir wissen nicht warum und bekommen natĂŒrlich auch nicht gesagt, wann und wie es weitergehen wird.  Bis zum Spiel ist noch genug Zeit, wir schwitzen wie verrĂŒckt, Abertausenden geht es genauso.

Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit, tatsĂ€chlich waren es wohl ca. 35-40 Minuten des Wartens im Glutofen, gelangten wir an das Stadion. Ticketaktivierung verlief reibungslos, die nette Dame hat das perfekt hinbekommen und bei der Kontrolle kam ich auch mit nur einem Anschiss durch, weil ich eine Packung Fishermans nicht vorgezeigt hatte und der Polizist das nicht OK fand. Das klĂ€rte sich dann aber zum GlĂŒck schnell und wir 4, die nach dem schrecklichen Fanmarsch noch zusammen waren, trafen uns ein paar Meter weiter zur vorlĂ€ufigen Verabschiedung. Von 4 Powerbanks bekamen wir Übrigens 2 durch (die der Damen 
), der einzige Raucher musste zudem noch sein Feuerzeug abgeben.  

Jetzt sollte es also weiter gehen. Im Stadion stehen wir schnell vor unserem Block, die TĂŒr ist zu und wir werden vom Ordner weggeschickt. So gehen wir wieder eine Etage nach unten, raus zum nĂ€chsten Blockaufgang und auf dieser Etage dann zurĂŒck zu unserem Block. Ich bin mir nicht mehr sicher, glaube aber insgesamt nur 2 Kontrollen durchlaufen zu haben 


Am GetrĂ€nkestand anstehend gebe ich nach etwa 20 Minuten des Wartens bei weniger als 2 Metern Vorankommen auf. Gehe ich halt spĂ€ter etwas holen, dachte ich mir. Dass dies der Witz des Tages sein sollte, ahnte ich nicht. Das leidige Thema schließe ich hier auch ab: eine solch menschenverachtende Scheixxe habe ich noch nie, selbst in Bremen nicht, erlebt. Bei dieser Hitze etliche Stunden keine Möglichkeit zu haben an ein GetrĂ€nk zu gelangen, war Körperverletzung, nichts anderes. Der vermeintlich vorgetĂ€uschte Wasserrohrbruch, damit das Wasser in den Toiletten abgestellt werden konnte war dann der letzte tragische Schritt. An Erfrischung war nicht zu denken, aber wenn noch mehr das widerliche Nichttrinkwasser getrunken hĂ€tten, wĂ€re es ggf. auch zu massenhaft unerfreulichen Nebenwirkungen gekommen 

       
Nun zum Platz geklettert, ein Stadion, welches den Begriff kaum verdient. Es ist eines der ĂŒbelsten Sorte: eng, steil, ohne Sicherungen. Ich hĂ€tte es nicht fĂŒr möglich gehalten, dass es so etwas in Europa noch gibt. Die zwei Frauen vor mir haben scheinbar Angst aufzustehen. Eine wird spĂ€ter das ganze Spiel sitzen bleiben. Meine Tochter und ich sind ob der EindrĂŒcke erstmal kurz sprachlos. Wir können es nicht glauben, dass dies ein Endspielstadion sein darf. Krass.

Mit der Zeit gewöhne ich mich daran, fĂŒhle mich sicher. Bis zwei Reihen vor mir ein junger Kerl an einem Sitz hĂ€ngen bleibt, abschmiert und sich vier! Reihen weiter unten wiederfindet. Kein Witz, keine Übertreibung. Sichtlich mitgenommen kommt er wieder nach oben. Nicht viel passiert, er hatte GlĂŒck gehabt.

OK, wir wissen also jetzt, dass es tatsÀchlich schnell nach unten gehen kann, wenn man nicht aufpasst. Der zuvor gewonnene Eindruck hatte sich bestÀtigt.

Jetzt wurde es unruhig. Einige Ultras sagten, dass die Schotten links von unserem Ă€ußeren Block die Choreo zerstören wĂŒrden. Was da passiert ist weiß ich nicht, spĂ€ter bekamen wir aber mit, dass an einer Stelle, an der die Polizei unsere weißen Abdeckungen abgerissen hatte, Schotten und Adler gemeinsam die darunter auftauchenden UEFA-Banner abrissen. Erst auf der HaupttribĂŒnenseite, kurz darauf auch auf der GegentribĂŒnenseite.  

Als wir dann auch mental so richtig im Stadion angekommen waren, uns auf das nun folgende Lebensereignis einlassen konnten, waren wir vor Vorfreude elektrisiert. Einzig die ersten megalauten GesĂ€nge des Gegners machten uns Sorge. UnbegrĂŒndet, wie sich bald herausstellen sollte. Das Potential uns herauszufordern hĂ€tten die Unmengen (das waren schĂ€tzungsweise doppelt so viele wie wir) gehabt.

Ende Teil 3
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Teil 4:

Eine Nacht fĂŒr die Diva

Nachdem wir grob sondiert hatten, wer um uns herum ist, ging es auch schon los. SpielerbegrĂŒĂŸung, verpatzter Anlauf zur Choreo, Banner wieder eingeholt und nochmal 
 Diesmal haben auch die ahnungslosen Leute besser aufgepasst und so funktionierte die vollstĂ€ndige Entfaltung beim 2. Versuch gut genug. Peinlich, aber keiner hat es gemerkt, oder?

Anpfiff.

Das Spiel kennt jeder von uns, 0:1 aus dem Nichts, 2 Großchancen zum Ausgleich vergeben, DAS Tor!  

Mein Respekt an die Leute, die die Koordination der Kurve trotz der schwierigen UmstĂ€nde so genial hinbekommen haben. Martin S. wĂŒnsche ich alles Gute, bestmögliche und schnelle Genesung! Scheixxe, was war denn das? Wir haben die AtmosphĂ€re im Stadion geprĂ€gt, mit Einsatz und Willen gegen eine fiese und hochgelobte Überzahl! Eigenlob stinkt bekanntlich, sei es drum: Wir waren genial!
 
Nachdem Kevin das Spiel mit der unglaublichen Parade endgĂŒltig in das Elfmeterschießen gebracht hatte, kann ich mich nicht mehr an so viele Einzelheiten erinnern. Ein paar bleiben hĂ€ngen: die skurrile Situation nach Daichis Elfer z. B., als keiner im Umkreis richtig jubelte, meine Tochter mich entsetzt anschaute und „Papa, war der nicht drin?“ fragte. „Doch!“ sagte ich. Der gehaltene Elfer ist noch eingebrannt und das spĂ€ter vorm letzten Schottenelfer veranstaltete Theater des Schiris habe ich ebenfalls noch im Kopf. Wie unglaublich souverĂ€n Kevin damit umging: stark! Unsere SchĂŒtzen waren echt unglaublich nervenstark 


Dem Moment des Sieges werde ich hoffentlich nie vergessen! Feuerwerk im Kopf, GlĂŒck pur!  

Wir liegen uns in den Armen, als alte GlĂŒcks-Heulsuse, die ich in solchen FĂ€llen gerne Mal bin, fehlten mir diesmal allerdings die TrĂ€nen. Es war zu anstrengend gewesen. Als die Aufforderung von unten kam: „Und jetzt nochmal im Herzen von Europa! 
 So laut wie jeder kann!“ kam nur noch ein leiser Chor zusammen, obwohl sich alle so sehr anstrengten, dass noch laute Töne herauskommen. Das war schon richtig witzig, aber so wussten wir, dass die letzten Reserven zum richtigen Zeitpunkt aufgebraucht worden waren.

Die Schottenfans sind fast alle weg, als die Silbernen um die HĂ€lse ihrer mĂ€ĂŸig unterstĂŒtzten Spieler gehĂ€ngt wurden. Applaudierten wir halt artig, an deren Stelle 


Nach dem Feiern der Mannschaft gingen wir dann irgendwann los, trafen uns vor dem Stadion mit unserer neuen Freundin, um am Fan-Fest etwas trinken zu gehen und um unser GepÀck abzuholen.

Unsere GepĂ€ckrĂŒckgabe hat gut funktioniert, GetrĂ€nke bekamen wir nicht mehr. Keine Ahnung wie viele Stunden wir nun nichts bekommen konnten. Mist.

Also auf zu den Shuttlebussen. An der Straße herrschte das Chaos. GedrĂ€ngel, unerreichbare Busse, etliche Positionswechsel (also mal 300 Meter in die eine, dann wieder in die andere Richtung), dann per Zufall irgendwann doch in einen ĂŒberfĂŒllten Bus gelangt. Das Problem war, dass kontinuierlich mehr Leute nachkamen, als von den Bussen abgeholt wurden. Keine Wutz hat die Organisation ĂŒbernommen. Was auf der Anreise so wunderbar organisiert war, war nun leider einfach nur Mist.

Am Flughafen angekommen wurde dann endlich wieder alles normal. Ausnahmezustand beendet: Toiletten, Waschbecken (sogar mit fließend Wasser!), alle GetrĂ€nke, die das Herz begehrte und ein schöner ungemĂŒtlicher Platz auf dem harten Boden. Perfekt!

Nachdem wir gut ausgeruht zu unserem Flieger kamen war dort bereits freie Platzwahl ausgerufen worden. Das war OK, denn wir konnten deswegen wieder zusammensitzen. In Frankfurt angekommen fuhren wir noch vom Terminal 2 zum 1er zusammen, um uns dann zu verabschieden. Sicher wird man sich schon schnell wieder treffen, die CL wird uns doch sowieso wieder zum Reisen „zwingen“.  

Als ich dann meine freudestrahlende Frau im Arm hatte, die uns abholen kam, ist mir doch noch etwas ins Auge geflogen. Ich kann halt nicht raus, aus meiner Haut! 😉

Ende
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Habe es immer noch nicht verarbeitet.
Eintracht Frankfurt hat den Europapokal gewonnen. Ich weiß, dass wir vor ein paar Jahren noch die Relegation auf einer kleinen Leinwand im Waldstadion geschaut haben. Seferovic hat uns erlöst und das schlimmste war abgewendet. Eintracht Fan sein bedeutete schon immer leidensfĂ€hig sein, Ambivalenzen aushalten, ein Wellenbad der GefĂŒhle. Es war immer möglich (und ist es immer noch), dass man gegen große Clubs Spiele abliefert, die nicht von dieser Welt scheinen, wĂ€hrend dann eine Woche spĂ€ter gegen einen besseren Zweitligisten man wieder gar nichts zusammen lĂ€uft.
Wenn man frĂŒher im Fussball Training mit Eintracht Trikot kam, wurde man belĂ€chelt. Der Adler hatte noch nicht die Strahlkraft von heute, zwar regional gesehen der grĂ¶ĂŸte Verein, aber fĂŒr guten Fussball stand man in meiner Jugend nicht. Doch das war auch nie das, was den Verein ausgemacht hat. Man braucht nicht beliebt zu sein, man ist eine eingeschworene, ja eine heilige Gemeinschaft. Erst wenn man dazu gehört, versteht man langsam, was dieser Verein ĂŒberhaupt bedeutet. Nicht das Schöne, das Glitzern, die Marketing Fassade, wie viele Clubs aus Europa es sich mit Millionen aus Russland und Nahost erkaufen wollen nein. Nein, eine Gemeinschaft. Die kann man nicht kaufen, nur erarbeiten.
Dass die Mannschaft und der Verein in Sevilla sich in den Himmel des europĂ€ischen Fussballs geschossen haben, war vorrangig nicht das Ergebnis von Geld und Sponsoren, sondern von Arbeit, Zusammenhalt und UnterstĂŒtzung. Ein Team kann man nicht kaufen. Nicht im Fussball, nicht auf der Arbeit, nicht im Freundeskreis. Es wĂ€chst, es ist dynamisch, manchmal anstrengend, dann wieder sehr belohnen, aber einfach Kaufen, das geht nicht.
Es bildet sich aber auch durch Widerstand, durch das BelĂ€cheln, durch die Herablassung. Seit dem ich mein Herz an die Diva verloren habe, das war beim DFB Pokal Spiel gegen S06, mein erster Stadion Besuch, wurde man immer noch BelĂ€chelt. Eintracht Fan hat bedeutet, sich mit wenig zu BegnĂŒgen, sich dem Hohn anderer "Fans" auszusetzen, sich im Training anzuhören, was fĂŒr ein Witzverein man doch sei. Es kamen Abstiege, stĂ€ndige Saisons im Niemandsland der Tabelle, ein Hin und Her, Spieler, die nicht lange blieben. Konstant war eigentlich nur die Unkonstanz. Als man sich seit Jahren dann wieder, nach Abstiegen, 2017 fĂŒr ein Finale im DFB Pokal qualifizieren konnte, war die Euphorie groß. Doch die Mannschaft schien noch nicht bereit. Doch der Verein, die Fans, die Spieler. Alle hatte Blut geleckt. Und ein Jahr spĂ€ter wurde vollendet. Auch wenn ich 2018 nicht im Stadion war, das GefĂŒhl war Wahnsinn. Ein Titel der Eintracht. Nach dieser langen Zeit. Ich kann heute noch nicht richtig beschreiben, wie ich mich in diesem Moment gefĂŒhlt habe. Es wurde alles zurĂŒck gezahlt. Die Leiden, die Katastrophalen Sonntagsspiele in der zweiten Liga vorm TV, bei denen mich Freunde fragten, warum ich mir das ĂŒberhaupt antue. Es war der Gipfel. Etwas völliges unreales. Aber als ich auf dem Römer stand, die Mannschaft den Pokal hochreckte, Der Prince seinen Satz fĂŒr die Ewigkeit sagte, da dachte ich , da hatte ich alles gesehen, was ich je wollte. Ich war durch. Eintracht Frankfurt durchgespielt. Besser wird es nicht mehr. Über eine Meisterschaft zu reden scheint bei der Gewichtsverteilung eh Absurd. Und sich man in einem Europa Pokal durchzusetzen bei all den stĂ€rkeren Mannschaften quasi absoluter Quatsch.
Doch es ging ein Ruck durch den Verein. Was folgte, war völlig krank. Trainer weg, Mannschaft auf links gedreht aber eine Reise durch die Europa League, mit einer fussballerischen QualitĂ€t, wie ich sie bei Eintracht Frankfurt noch nie gesehen habe. Ein Durchmarsch, eine Macht. Und kurz vorm Gipfel ungeschlagen im Elfmeter-Schießen ausgeschieden. Jeder war sich sicher: Das wiederholt sich so schnell nicht mehr. So nah kommen wir einem EuropĂ€ischen Pokal nie wieder.
Es kam wieder ein Umbruch. Corona, eine andere Mannschaft, finanziell konnte man sich wohl ĂŒber Wasser halten, aber die Mannschaft war eine andere.
Leere Stadien, Keine Freunde treffen, Fussball gerÀt in den Hintergrund...
Dann die historische Chance auf die Champions League, so nah kann man gar nicht ran kommen. Und dann durch das Ego eines einzigen Mannes verspielt. GrĂŒĂŸe gehen raus. Die Qualifikation fĂŒr die Euro League wirkt wie ein Trostpreis ob der vertanen Chance, die ĂŒber die Bundesliga so schnell nicht mehr kommt. Nicht mit unseren Mitteln.
Doch die Stimmung war irgendwann wieder da, Fans durften wieder kommen, erst einige, dann gegen FĂŒrth auch wieder alle. Nur um dann den FC Barcelona zu einem EuropĂ€ischen Heimspiel begrĂŒĂŸen zu dĂŒrfen. Vor vollem Haus. Im Waldstadion. Was will man eigentlich noch mehr? Ein Pflichtspiel. Gegen Barca. Völliger Wahnsinn. Dann eine Choreo fĂŒr den JĂŒrgen. 90 min Vollgas. Und was macht eine Mannschaft, die indivuell nicht nur den ĂŒberbezahlten Schönlingen aus Spanien, sondern wohl auch der Mannschaft der 18/19er Saison unterlegen schien? Sie ringt der Übermannschaft ein Unentschieden ab, um eine Woche spĂ€ter wohl eines der legendĂ€rsten AuswĂ€rtsspiele der Vereinsgeschichte abzuliefern und Barca steht da, schaut 30k Leute im Camp Nou an, und heult spĂ€ter wie eine Schulhof Mannschaft, dass so viele Fans da waren. Absoluter Wahnsinn.
Daheim auf der Couch saß ich, Corona gebeutelt und traurig, ein solches Spektakel verpasst zu haben. Ich wollte gar nichts hören. Von diesem Triumph, von dieser Ekstase. Ich wollte nur, dass es weiter geht.
Diesmal ganz zum Ende. Zum Finale. Und dann. Wieder London. West Ham, ein Halbfinale. Aber nun das Hinspiel dort und das RĂŒckspiel vor den besten Fans der Welt. Wenn es diesmal nix wird, weiß ich auch nicht weiter.
Klar, die Mega AuswĂ€rtskulisse im Hinspiel blieb aus. Und da die Vereine jetzt auch wissen, was sie mit Frankfurt erwartet, wird es wohl nie wieder ein zweites Barca geben. Die Mannschaft unbeeindruckt. Kaum Siege in der Bundesliga, aber gegen West Ham drehen sie auf und gewinnen. Sogar souverĂ€n. Beste Anzeichen fĂŒrs Hinspiel. Direkt nach dem Hinspiel buchen wir Flug und Hotel nach Sevilla. Es muss diesmal alles passen. Es muss.
Eine Woche warten. Die Nerven sind angespannt. Konzentration auf irgendwas anderes nicht möglich. Noch bis kurz vorm Anstoß wusste ich nicht, was ich fĂŒhlen sollte. Noch beim Halten der Blockfahne im Oberrang kann ich die Emotionen nicht deuten. Was folgt, ist eine Achterbahn Fahrt. Hinti mit Verletzung raus, alles scheint gegen uns zu stehen. Doch die Eintracht hat das GlĂŒck des TĂŒchtigen. Rot fĂŒr West Ham. Tor durch BorrĂ©. Ein ungefĂ€hrdeter Sieg. ABPIFF. FINALE! TrĂ€nen, emotionaler Stillstand, Platzsturm, richtig feiern mit der Mannschaft war nicht möglich. Was man fĂŒhlen sollte, war mir nicht klar.
Es schien surreal. Eintracht Frankfurt erreicht das Finale des Europapokals. Was soll man davon halten? Es folgt eine chaotische Ticket Vergabe, etwas enttÀuscht, kein Ticket zu erhalten, aber kurz vor der Entscheidenden Woche kommt langsam die absolute Freude, nach Spanien zu Fliegen.

Freitag vor dem Endspiel. An arbeiten ist nicht wirklich zu denken, man unterhĂ€lt sich, klickt im Netz rum, liest Artikel ĂŒber historische Chancen und ForeneintrĂ€ge, tippt auf dem Handy rum. Die Zeit geht nicht um. Dann doch kurz arbeiten, ne halbe Stunde nicht aufs Handy geguckt und die Mail verpasst. Die Uefa schreibt, es sind noch Rest Tickets verfĂŒgbar. First Come, first Serve. Ab sofort. Ich könnte heulen. Den ganzen Tag am Handy gehangen und im entscheidenden Moment die Mail verpasst. Ich logge mich ein, aktualisiere die Seite. Nichts scheint zu gehen, immer wieder kommen vereinzelt PlĂ€tze rein, doch anderw sind schneller. Im Warenkorb können Sie nicht landen.
Also ich beinahe schon die letzte Hoffnung aufgegeben habe, starre ich nach dem hundertsten Klick auf "Buy" unglaublich auf den Bildschirm. Da sind zwei Tickets fĂŒr 100€, regulĂ€re Tickets in meinem Warenkorb. Ich versuche zu zahlen, die erste Kreditkarte wurde abgelehnt, ich denke mir schon "Das wars", jetzt flieg ich eh wieder raus. Doch offensichtlich funktioniert das Ticketing der UFEA etwas besser als das der Eintracht und die Kreditkarte meines Arbeitskollegen wird akzeptiert und did Buchung geht durch. Endspiel Tickets. Ich habe Endspiel Tickets. Mich ĂŒberwĂ€ltigen meine GefĂŒhle. Ich weiß nicht, was ich denken oder tun soll. Zwei Tickets. Wir brĂ€uchten fĂŒr die Gruppe doch fĂŒnf. Irre.
Erst mal aufs Rad heim, im Feld ein Schöppche trinken und alles sacken lassen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Das ganze Wochenende umtreibt mich der Gedanke, was ich machen soll. Die Karte meinem Bruder geben, der immer mit mir auf dem Dauerkarten Platz sitzt und jedes Spiel zusammen verfolgt? Moritz, meinem Trauzeugen, dann umgehe ich die die Situation entweder Christian oder Papa draußen zu lassen? Oder doch einfach Papa und seinem Kollegen die Karte geben, die auf so vielen AuswĂ€rts Spielen in der EL waren und die es sich auch irgendwie verdient hĂ€tten...
Ich schiebe die Entscheidung vor mir her. Das Wochenende ist unruhig und unentschlossen. Schließlich der Konsens fĂŒr mich: Papa kommt mit, Moritz und Christian bleiben beim Fan Fest. FĂŒr mich die sicher unangenehmste Entscheidung meines Lebens. Ich kann vorweg nehmen: Ich konnte mich erst wieder richtig freuen, als wir schließlich in Sevilla waren.
Doch es tat auch gut, die Entscheidung zu treffen.
Etwas losgelöst konnte ich meinen Rucksack packen und den Montag abwarten.
Kurze Nacht, drei Uhr raus, ab zum Flughafen. Am Gate noch ein Jacky Cola, dann ab nach Lissabon, Stimmung ist gut, aber auch erwartungsvoll. Noch nie war ich mit der Eintracht in Europa AuswÀrts unterwegs. Es war finanziell schlicht nicht drin. Und dann direkt ein Endspiel. Mit Tickets. Wow.
In Lissabon ein kurzer Stop, Bierchen und bisschen was essen, dann weiter nach Faro.
Bierchen tat mir wohl nicht gut, mit dem Mietwagen erst mal ein ein Poller umgefahren. Der Vermieter nimmts mit Humor, wedelt mit dem zerdellten Ding und ruft "This is your cup". Nun ja, dann halt los. Autobahn, es wird immer heißer, zwei Stunden nach Sevilla. Auto geparkt und ein Spaziergang durch die heißen Gassen. Die Medien hatten nicht gelogen. Überall Blau, ĂŒberall Schotten. Die ganze Stadt ist voll davon. Frankfurter kann man am Dienstag noch an einer Hand abzĂ€hlen.
Die Stimmung aber gut. Die Schotten durch die Bank weg sehr nette Menschen und fassen dich gerne an. Hornhaut vom HĂ€ndeschĂŒtteln ist die Folge.
Doch wir sind etwas platt von der Reise und Hitze. 35 Grad plus. Erst mal in die Klimatisierte Bude, etwas runter kommen. Dann ab durch die Stadt, alles erkunden. Sevilla ist heiß, aber schön. Die PlĂ€tze voll mit Schotten, ĂŒberall wird gesungen und gefeiert. Bierchen fließen. Nach Essen und Spaziergang wird sich erst mal ausgeruht und dann nochmal in die Stadt, die allerdings immer leerer wird. Die Kneipen machen viel frĂŒher zu, als wir dachten und man musste etwas suchen, bis wir schließlich im Capitol landen, wo keine Sau ist. Egal, Jungs vom Efc und wir stellen die Bluetooth Box aufn Tisch, Malle Songs raus, Jacky Cola bestellt. Halbe Stunde spĂ€ter ist die Bude rappelvoll, Eintracht und Rangers feiern gemeinsam, Stimmung ist vorhanden. Wir lassen den Abend ausklingen und fallen irgendwann völlig ĂŒbermĂŒdet in die Federn. Morgen ist Endspiel. Einen trinken wir noch und dann greifen wir an!

Am nĂ€chsten Tag ballert der SchĂ€del, die Hitze macht bereits morgens ihr ĂŒbriges. FrĂŒhstĂŒck suchend, schlappen wir durch die Stadt, die Mutti findet was bei TripAdvisor und der Weg hat sich gelohnt. Wir FrĂŒhstĂŒcken ausgiebig und fĂŒr mich sollte es die letzte Mahlzeit des Tages bleiben.
Doch es ist so heiß, wir warten Bier trinkend in unserer Bude auf drei weitere Jungs, die heute erst Anreisen. Stimmung ist super, es wird erzĂ€hlt und gelabert doch ab Mittag hĂ€lt uns nix mehr und wir laufen geschlossen zum Fan Fast auf den Prada San Sebastian. Die Eintracht hat BĂŒhne und Leinwand aufgebaut, es erwartet uns eine weiße Masse an Leuten. Es gibt Bier, gute Laune, Live Auftritte. Doch das alles kommt nicht so ganz an mich ran. Langsam werd ich nervös, will am liebsten schon zum Stadion und das alles hinter mich bringen. Kann mich nicht konzentrieren. Und will auch gar nichts mehr Bier trinken. Im Nachhinein wohl ein guter Schachzug.
Nun vergeht die Zeit Leider kaum noch. Ich latsch ĂŒber die Fan Meile, treffe Freunde, quatsche etwas, aber AufnahmefĂ€hig bin ich nicht...
Immer wieder nervös der Blick auf die Uhr, bis endlich der Fan-Marsch Richtung Stadion los geht. Als das Signal kommen, trennen wir uns von den Jungs ohne Ticket, eine weise Entscheidung, denn der Fan Marsch entpuppte sich als schrecklich.
Anfangs zogen wir gut gelaunt durch die Straßen Sevillas, feierten und sangen, wurden von Einwohnern gefilmt und beklatscht. Kurz vorm Stadien dann berittene Polizei und immer wieder anhalten und Pferde-Sperren, die den Zug der Fans von aufteilen sollte. Die Stimmung wurde zunehmend gereizter und 300m vorm Stadion dann der endgĂŒltige Stillstand. Problem an der Sache: Kein Trinken, 40 Grad pralle Sonne mitten auf dem Asphalt, vor uns die Pferde, der Schweiß ran an uns runter. Von der Polizei keinerlei Kommunikation. FĂŒr unsere Belange wurde sich nicht interessiert. Eine Stunde kamen wir keinen Meter voran, Pferde vor uns, weiße Masse hinter uns. Völlig Absurd. Ich fand zwar noch 20€ auf dem Boden, was allerdings nur ein schwacher Trost war. Die Stimmung kippte, Angst, nicht rechtzeitig auf den PlĂ€tzen zu sein, machte sich breit. Dann endlich ein Pfiff und wir durften durch. Nochmal umstĂ€ndlich um ein paar HĂ€user Blocks und dann standen wir vor der ersten Kontrolle, in der dann die Tickets via Bluetooth aktiviert wurden. Das klappte erstaunlich reibungslos.
Direkt im Anschluss wieder Kontrolle, diesmal Polizei. Alle Taschen leer. Trotz der Email der Eintracht, in der explizit erwĂ€hnt wurde, dass Powerbanks auf Grund der elektronischen Tickets empfohlen werden, wurden diese Kommentarlos mit andere GegenstĂ€nde in MĂŒlltonnen gepfeffert. Keine ErklĂ€rung, kein Pardon, keine Widerrede. Schikane pur. Wie schon beim Marsch gab die Polizei kein gutes Bild ab und wirkte definitiv nicht deeskalierend. Aber man kennt dies ja.
Gut, Papa wollte sich das nicht bieten lassen und trotz meiner Warnung, dass der Bulle ihn zu Brei boxt, wenn er die findet, steckte er sich das Ding in die Hose und suchte sich den Àltesten Polizisten, den er finden konnte und kam damit durch.
Dennoch die Behandlung und Haltung der Polizei war unterirdisch und eine Finales nicht wĂŒrdig. Zumal in der Stadt gar keine aufgehitzte AtmosphĂ€re herrschte.
Nach dieser Tortur waren wir endlich im Stadion. Beziehungsweise davor. Groß genossen haben wir das aber nicht, sondern sind direkt zu unserem Eingang gegangen, an dem wir die Tickets scannen mussten, nur um direkt wieder alle Taschen zu kontrollieren und nochmal ĂŒberprĂŒft zu werden. Diesmal von der Security mit Hund.
Nun ja, es scheint so als hÀtten wir nix dabei gehabt und wir konnten unsere PlÀtze aufsuchen.
Oberrang, direkt neben der Fan Kurve der Eintracht, eigentlich schön im Schatten sogar. Bei Hochlaufen fielen uns direkt lange Schlangen auf, die fĂŒr GetrĂ€nke und Essen anstanden und da wir nach Aufsuchen unserer PlĂ€tze wider Erwarten noch ca. 1,5 Std zum Anpfiff hatten, wollte ich noch etwas zu trinken holen. Angestellt. Es ging sehr langsam voran. Nach gut 45 min sah ich dann das Kiosk. Ein kleiner Stand mit drei Jungen Kerlen vor einem fast leeren KĂŒhlschrank(!). Es sprach sich schnell rum. Wasser war leer, Essen gab es keines mehr. Nur noch alkoholfreies Bier, Cola und Fanta. Als ich dann nach einer Stunde anstehen endlich dran war, nur noch das Bier. Ich bestellt noch drei der letzten Dosen und sie wurden in einer Seelenruhe in Becher umgefĂŒllt. Kein Wunder, dass es hier alles ewig dauerte. Die Stimmung war auch hier schon wieder angespannt, aber nicht zwischen Fans, sondern nur auf den Veranstalter, der offensichtlich an diesem Tag gar nicht geplant oder im Griff hatte. Kein Wasser, leere GetrĂ€nke vorm Anpfiff und von jeder Cola Flasche mussten die Deckel abgeschraubt werden, man könnte sie ja werfen. Ich habe noch nie eine Veranstaltung besucht, die unfĂ€higer organisiert war. Katastrophe. Ob nun die UEFA die Schuld trĂ€gt oder der FC Sevilla, is mir scheiß egal. Absolute Amateure. Papa hatte mittlerweile PlĂ€tze in der Frankfurter Kurve besorgt, neben seinem Kumpel war noch was frei und so konnten wir endlich gegen 20.30 Uhr unsere PlĂ€tze einnehmen und uns aufs Spiel freuen. Das Bier verdunstete bereits noch vor Anpfiff.

Die nĂ€chsten drei Stunden in Worte zu fassen ist fĂŒr mich sehr schwierig. Die Choreo der Ultras, die EL Hymne, der Kreis der Mannschaft, all das verschwamm ineinander. Wir waren platt, aber freuten uns. Schließlich der Anpfiff und die Eintracht spielte ihr erstes Europa Pokal Finale seit 42 Jahren...

Ich habe wohl schon bessere Spiele gesehen, aber in ihrer Dynamik wohl kaum ein spannenderes. Der Seppl, der nach ein paar Minuten blutet und mit Verband weiterspielt. Die Chancen und der Druck unserer Mannschaft, die Fans auf den RĂ€ngen, die 90min Vollgas gaben. Und mitten drin stehe ich und gucke zu. Manchmal so sprachlos ob der Situation, dass ich wirklich beim Endspiel im Stadion stehe und brĂŒlle. Bis zur Halbzeit hatte ich ein gutes GefĂŒhl, wir hatten Chancen, die wir teilweise fahrlĂ€ssig vergeben haben und die Rangers waren eher defensiv orientiert mit kaum Drang nach vorne. Wir hatten definitiv die Oberhand, nur der Dosenöffner fehlte.
In der Halbzeit versuchte Papa nochmal sein GlĂŒck, da unsere Nachbarin kurz vorher mit zwei Wasserflaschen hoch kam, allerdings war nichts zu machen. Kein Wasser und selbst in den Toiletten war das Wasser abgestellt (spĂ€ter stellte sich heraus, dass es wohl keine TrinkwasserqualitĂ€t hatte). Ein Disaster. Der Hals wurde also immer trockener und der Körper Hitzte sich spĂŒrbar auf, was sich allerdings nicht auf die FangesĂ€ngen auswirkte. Nach wie vor Peitschten wir die Weißen nach vorne. Von den Rangers hörte man bis auf ein paar Male, bei dem sie immer lauthals das selbe Lied sangen gar nichts. Dem britischen Fussball fehlt es nicht an Stimme auf den RĂ€ngen, wohl aber an organisiertem Support. Schade, aber wenn ihr eure Chancen nicht nutzen wollt, Pech gehabt.
Papa sagte noch in der Halbzeit zu mir "Hier gewinnt der, der das erste Tor schießt". Wir kamen etwas fahrig aus der Kabine, der Druck ließ nach, Rangers hatte ein paar gute Minuten, aber die wurden abgewehrt. Als dann alles wieder etwas geregelter schien, passierte es: Fehler beim Kopfball, Tuta stolpert, Aribo ist durch und schiebt neben Trapp den Ball ins Netz. Was fĂŒr ein unglaubliches Slapstick Tor. DĂ€mlicher kann man nicht in RĂŒckstand geraten. In der Kurve wurde es still. Zumindest ganz kurz.
Die Leistung der Mannschaft war an diesem Tag wirklich nicht herausragend und eine blieben oftmals hinter ihren Möglichkeiten zurĂŒck und vertendelten BĂ€lle. Insgesamt war es allerdings wie oft in dieser Saison: Im letzten Drittel zu wenig und irgendwie auch ohne Idee. Das GefĂŒhl, das Ganze hier noch zu drehen schwand. Allerdings nur fĂŒr ein paar Minuten.
Dann schlug Kostic, mal wieder Kostic, seine gefĂŒhlt 20. Flanke auf den kleinen Borre, diesmal flach in den FĂŒnfer. Was wie ein völlig harmloser Ball wirkte und mich bereits fluchen ließ, hatte die Rangers aber wohl auf dem falschen Fuß erwischt. Borre hielt sein GoldfĂŒĂŸchen hin und schob den Ball rein. Die Kurve explodierte. Da war das Tor, das Ding aus dem Nichts, die Eintracht hatte sich wieder aufgebĂ€umt. Und wieder war es Borre, der in den Schlussphase dieser Saison wohl endlich seinen Torriecher gefunden hatte. Was fĂŒr eine Geschichte. Tor gegen Barca, Tor gegen West Ham, nun Tor im Finale. Es freute mich tierisch fĂŒr den Jungen, seine harte Arbeit in der ganzen Saison zahlte sich aus!
Nun war sie wieder da, die Kurve, die weiße Wand und hörte nicht mehr auf zu Singen. Es lag in der Luft, es war noch etwas möglich.
Die Mannschaft allerdings wurde zunehmend mĂŒder, Temperaturen und der ErsatzgeschwĂ€chte Kader machten sich bemerkbar. Lindstroem musste raus, Tuta ebenfalls, kurz vor Schlusspfiff dann auch der Seppl Rose, der sich spĂ€testens mit diesem Spiel Legendenstatus erarbeitet hatte. Doch dann der Schlusspfiff. Es ging in die VerlĂ€ngerung und es lag in Luft, dass eigentlich nur noch ein krasser Fehler das Spiel entscheiden konnte.
Mannschaft und TribĂŒne hĂ€ngten sich rein, die Ersatzspieler wurden ihrem Namen bis auf einem gerecht und man muss sich mal auf der Zunge zergehen lassen, wer am Ende fĂŒr die Eintracht verteidigt hat. Hasebe, Lenz, Toure. Von der nominellen Erbesetzung war keiner mehr auf dem Feld. Und Makoto steht da, mit seinen 38 Jahren und beruhigt die Hintermannschaft mit seiner Erfahrung. Wahnsinn! Allein das ist schon eine Geschichte.

In der 115. Minute fiel meinem Vater dann plötzlich etwas wichtiges ein. Er kramte in seinem Beutel und holte seine Pillendose raus, zog eine durchsichtige, graue Hartkapsel raus und schĂŒttete den Inhalt in seine HandflĂ€che. Jetzt war Opa auch im Stadion angekommen. Wir teilten uns das HĂ€ufchen auf, rieben uns damit die HĂ€nde ein, verdrĂŒckten ein TrĂ€nchen, solange der ausgetrocknete Körper es noch zuließ.
Opa kam wohl gerade noch rechtzeitig. Einen Augenblick spĂ€ter parierte Trapp eine Chance der Rangers, bei der ich mir sicher war, unsere PokaltrĂ€ume wĂŒrden sich soeben in Luft auflösen, kurz vor Schluss, der Todesstoß. Doch es kam anders. Trapp parierte, wir jubelten, der Schiri pfiff kurze Zeit spĂ€ter ab. Papa sagt immer, es gibt keine ZufĂ€lle. Fußball Fans tendieren zum Aberglaube. Dieser Schal muss mit, in diesem Trikot haben wir xy besiegt, das hatte ich beim Berlin Finale an. Vielelcijg war Opa der Zufall, den es brauchte, genau zu richtigen Zeit hat er uns von oben zugeschaut und Kevin hat pariert. Es gibt keine ZufĂ€lle.
Opa, ich hÀtte so gerne beide Karten Dir und Papa gegeben. Es hÀtte mir gelangt, mit Dir eine Sangria zu trinken und mich wirklich gefreut, wenn Du das Spiel hÀttest verfolgen können. Es war Dir nicht vergönnt, aber es hat wohl alles seine Zeit. Danke, dass Du mit uns dort warst. Ein kleiner Teil von Dir liegt nun oben im Estadio Ramón Sånchez Pizjuån, im Block S46, Reihe 21 (Wieder kein Zufall, selbe Reihe haben unsere DK PlÀtze im Waldstadion). Wir haben an Dich gedacht und vermissen Dich.

Nun hieß es alles oder nichts. Wieder ein Euro League Spiel im Elfmeterschießen entscheiden. Spannung bis zum Schluss, der Gipfel der NervositĂ€t. Und doch war ich Ă€ußerlich sehr ruhig. Irgendwas sagte mir, dass Trapp schon einen hĂ€lt. Beunruhigt eher ob unserer SchĂŒtzen.
Wir verloren die Platzwahl, und im Nachhinein bin ich recht froh darĂŒber, da so etwas auch immer den Druck nehmen kann. DafĂŒr durften wir Nachlegen, bei Elfmeter Schießen immer gut.
Die ersten drei SchĂŒtzen beider Teams trafen, wobei die Rangers sehr gut schossen. Dann sagte ich laut vor dem vierten Rangers SchĂŒtzen zu mir selbst "Mensch Kevin, denk an die Izabelle" und Trapp machte sich unsterblich und parierte Den Ball von Aaron Ramsey. In der Kurve begann die Kernschmelze. Es kochte. Kostic verwandelte, wobei ich es irgendwie gepasst hĂ€tte, wenn er verschießt. Es wĂ€re einfach Diva mĂ€ĂŸig Eintracht gewesen und so ganz sein Spiel war es nicht. Aber er traf und das bedeutete zwei MatchbĂ€lle fĂŒr uns. Der SchĂŒtze der Rangers verwandelte mit Hilfe des Pfostens, obwohl Trapp die Ecke ahnte und nun lag es an unserem kleine Kolumbianer, die Eintracht nach 42 Jahren den Pokal nach Hause zu holen. Anfang der Saison noch oft gescholten, da er nicht traf und selbst die 100prozentigen auslies, stand er jetzt da am Elfmeter Punkt in Sevilla, vor einer blauen Wand, im wohl grĂ¶ĂŸten Spiel seiner Karriere und wartete auf den Pfiff des Schiedsrichters (der btw eine absolute Fluppe war und uns nur verpfiffen hat, keine GrĂŒĂŸe, du *********).
Papa wollte nicht so recht hingucken, ich starte gebannt. Pfiff, Anlauf, oben Links, Tor.
Die Kurve brauch auseinander.

Menschen lagen sich in den Armen, wer noch Wasser im Körper hatte, weinte TrÀnen der Freunde in den Nachthimmel von Sevilla. Ich umarmte meinen Vater, wischte mir die TrÀnen aus dem Gesicht und musste mich erst mal setzen.

Eintracht Frankfurt.
Gewinnt den Europapokal.
Ungeschlagen.
Und ich stehe im Stadion und sehe es mir an.
Der Gipfel der GlĂŒckseligkeit.
Was diese Truppe geleistet hat, was dieser Trainer geleistet hat, es wirkt wie im MĂ€rchen! Und das ist es auch ein MĂ€rchen, wie es nur ein Verein wie Eintracht Frankfurt schreiben kann. Mit Fans, mit Umfeld, mit Tradition, welche man fĂŒr Geld nie kaufen können wird. Es wirkt wie die Rache an einem System, dass solche Geschehnisse gar nicht zu dulden scheint.

Und doch stehe ich da, oder Knie, ich weiß es nicht mehr.
Mein Körper wirkte auf einmal wie ausgepumpt. Leer, Platt, GefĂŒhlslos. Ich weiß bis jetzt nicht, wie ich das einordnen soll, ob ich nicht doch irgendwann aufwache und alles nur getrĂ€umt war.
In Frankfurt singen wir bei "Schwarz Weiß wie Schnee", dass wir den DFB Pokal/UEFA Cup und die deutsche Meisterschaft holen. Manchmal fand ich das selbst etwas ĂŒberzogen, weit weg der RealitĂ€t, vielleicht zurecht von anderen Fans belĂ€chelt, schien die Eintracht doch Jahrelang wie ein Verein, der ab und zu zwischen den Ligen pendelt und sich im Niemandsland einordnet. Und jetzt, innerhalb von vier Jahren, sowohl den DFB Pokal als auch den Europacup. Das kann doch alles nicht ganz war sein. Oben drauf die direkte Qualifikation zur Champions League. Champions League. In Frankfurt. Im Waldstadion. Mit Hymne...
Das gab's bis dato bei mir nur bei FIFA an der Play Station im Karriere Modus. Und selbst da fĂŒhlte ich mich manchmal absolut bescheuert, wenn Frankfurt dann den Digital-Pott holte.

Und nun stehe ich in Sevilla, die Mannschaft erhĂ€lt den Pokal. Meine GefĂŒhlswelt unbeschreiblich. Axel Hellmann hat einen Tag spĂ€ter im Römer gesagt, dass es nicht verwunderlich ist, im Jahr von Grabowskis Tod den Titel wieder nach Frankfurt zu bringen. Wieder ist er da, der Kein-Zufall. Der Kreis schließt sich. FĂŒr den Verein, fĂŒr die Spieler, die vor ein paar Jahren in London Danke waren und so unverdient ausschieden. Und irgendwie auch fĂŒr mich, der im Leben nicht damit gerechnet hĂ€tte, einmal einen europĂ€ischen Titel mit der Eintracht erleben zu dĂŒrfen. Mir war der DFB Pokal ja bereits genug...
Die Diva, sie hat fĂŒr uns gebeten. Und sie wurde erhört.

Als die Mannschaft vor der Kurve stand, sagte ich dann gar nichts mehr, sondern genoss den Anblick der Spieler, die ihre Leistung selber kaum fassen konnten.
Der Durst trieb uns dann etwas frĂŒher aus dem Stadion, als vielleicht nötig gewesen wĂ€re, doch wir mussten trinken. Seit mittlerweile rund 8 Stunden mehr oder weniger ohne FlĂŒssigkeit war es einfach an der Zeit. Der RĂŒckweg war ruhig und jeder war in sich gekehrt und wir hielten nach Bars Ausschau, um noch einen Absacker zu trinken und das Ganze zu verarbeiten. Aber auch dem hatte die UEFA wohl einen Riegel vorgeschoben. Auf der Fan Meile war auch nichts mehr los, aber in einer Seitenstraße fanden wir ein Hotel, dass und Bier verkaufte und uns wohl auf ne Nachfrage nach einer Coke auch ein bisschen weißes Pulver andrehen wollte. Wir lehnten dankend ab und gingen mit Bier und Cola zurĂŒck zu unserer Unterkunft, ab auf die Dachterrasse. Der Tag war fĂŒr alle Beteiligten emotional und physisch einfach zu anstrengend, als dass wir jetzt noch groß Lust hatten, die letzte offene Kneipe der Stadt zu finden. Wir tranken Bier in der immer noch warmen Luft Sevillas und schauten uns die Reaktionen daheim und aus dem Stadion an. Nach und nach trudelten die Leute aus unserer Gruppe ein, die woanders im Stadion waren oder das Spiel auf der Fanmeile verfolgten. Wir tauschten unsere Emotionen aus und ließen den Abend ausklingen. Nach einer kurzen, kalten Dusche fiel ich ins Bett, absolut kaputt.

Der Rest der Reise ist schnell erzĂ€hlt. Den Tag ließen wir Langsam angehen, frĂŒhstĂŒckten gemĂŒtlich direkt um die Ecke in einem noch besseren CafĂ© als am ersten Tag und spazierten dann durch die Stadt zu unseren Autos. Fahrt nach Faro, Mietwagen mit Gasoleta statt Diesel betanken (GrĂŒĂŸe an den Vater) und ab zum Flughafen. Sie Stimmung war gut, aber ruhig. Man merkte jedem an, dass er erst einmal verarbeiten musste, was da geschehen war. Flug nach Lissabon, ereignislos. Dann leider VerspĂ€tung und sinnloses Rumsitzen auf dem Rollfeld (Portugiesen sind auch keine Meister der Kommunikation), dann endlich mit einer Stunde VerspĂ€tung Landung in Frankfurt mit herrlichem Anblick auf die Skyline und das Stadion, rot erleuchtet. Mit etwas Ärger an der GepĂ€ckausgabe auf Grund lĂ€ngerer Wartezeit schloss sich unsere Reise. Mir wars egal, die Mutti war bereits frĂŒher von Sevilla geflogen und hatte kĂŒhles Bier zum abholen mitgebracht. Also stand ich vorm Flughafen und trank ruhig mein Bier, bevor wir dann endlich nach Hause fuhren.

Von Papa lief ich selig mit einem Radler nach Hause. Irgendwie fĂŒhlte es sich sehr komisch an, nach Hause zu kommen. Viel lieber sĂ€ĂŸe ich noch in Sevilla, um das ganze irgendwie zu verarbeiten. Solche Spiele VerĂ€ndern einen und ich weiß jetzt, warum mein Vater damals nach Berlin, wo er im Stadion war, einige Tage letargisch gar nicht ansprechbar war. Viel geschlafen hat und gar nicht richtig drĂŒber reden konnte. Klar, Berlin kam vielleicht noch ein Tick ĂŒberraschender als der jetzige Titel, aber insgesamt geht es mir nun Ă€hnlich. Nun beginnt ein Prozess des Verstehens, des Wahrwerdens und irgendwann denke ich dann an eine Nacht in Sevilla zurĂŒck, denke Opas Asche im Block S46 und verdrĂŒckt eine TrĂ€ne. Danke, heilige Diva, Danke fĂŒr deine Gnade.
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Erstmal Danke an Euch alle fĂŒr die ausfĂŒhrlichen Schilderungen eurer Erlebnisse. Die Positiven wie auch die Negativen.

Ein auf ewig unvergesslicher Tag.

adler_rodgau schrieb:

Dann leider VerspÀtung und sinnloses Rumsitzen auf dem Rollfeld (Portugiesen sind auch keine Meister der Kommunikation), dann endlich mit einer Stunde VerspÀtung Landung in Frankfurt


Wir waren offensichtlich im gleichen Flieger

Mein Zubringer kam allerdings aus Sevilla. Auch der ereignislos. Hab ihn zum Großteil verpennt.
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Erstmal Danke an Euch alle fĂŒr die ausfĂŒhrlichen Schilderungen eurer Erlebnisse. Die Positiven wie auch die Negativen.

Ein auf ewig unvergesslicher Tag.

adler_rodgau schrieb:

Dann leider VerspÀtung und sinnloses Rumsitzen auf dem Rollfeld (Portugiesen sind auch keine Meister der Kommunikation), dann endlich mit einer Stunde VerspÀtung Landung in Frankfurt


Wir waren offensichtlich im gleichen Flieger

Mein Zubringer kam allerdings aus Sevilla. Auch der ereignislos. Hab ihn zum Großteil verpennt.
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Hier mein Text, die vorkommenden Namen unten im Text, lasse ich so stehen  

Berlin war groß, Sevilla unbeschreiblich und so viel grĂ¶ĂŸer !!!

In Berlin, fast auf den Tag genau vor 4 Jahren...am 19.05.2018 war es schon so groß, da habe ich gesagt "mehr geht nicht !". Ich wurde eines besseren belehrt, am 18.05.2022 in Sevilla !!!      
Der Kreis schließt sich !

Lange Kurzfassung

Wecker am Mittwoch um 2:30 Uhr nach vielleicht 3 Stunden Schlaf.

Abfahrt um 3:30 Uhr zum Flughafen Hahn. Von dort dann um 6:20 Uhr nach Girona (Barcelona), Landung 8:30 Uhr. Wegen Taxistreiks dann halt um 9.10 Uhr mit dem Bus nach Barcelona Flughafen El Prat. Von dort um 15 Uhr nach Jerez de la Frontera, Landung 16:45 Uhr.

Ab Jerez dann um 17:15 Uhr mit einem Leihwagen bis nach Sevilla.
Zwei mal um den Block gefahren bis wir unser Parkhaus gefunden hatten. Ankunft etwa 18:30 Uhr.

Alle haben sich ihre weißen Shirts angezogen und los ging es zu Fuß Richtung Stadion, vorbei am Mannschaftshotel wo grad Yeboah und Schur in ein Taxi gestiegen sind.

Nach 20 Minuten etwa, an diversen Polizeiabsperrungen vorbei, dann in der Masse derer angekommen, die Karten hatten und wie wir, einfach nur ins Stadion wollten. Nix...erstmal 45 Minuten bei schwĂŒlen 40 Grad in der Sonne gestanden...kein Trinken. Vor uns Polizei auf Pferden, im Schatten, die nur gefĂŒhlt immer 5 Leute durchgelassen hat. Drinnen angekommen Durst. Kein Wasser, nichts...vor dem Spiel schon ALLES ausverkauft.

Stimmung dennoch GENIAL !!!

1o Minuten vor der Halbzeit nicht mehr ausgehalten und auf der Suche nach Wasser zunĂ€chst auf der Toilette am Wasserhahn meine alte Flasche mit dem absolut leckeren nach Chlor riechenden Wasser aufgefĂŒllt. Was soll man machen. Dann gesehen dass die ein paar Kartons mit Wasser angeschleppt haben zum Kiosk, also 3 Flaschen besorgt. Da sie aber am Verkauf die Deckel abgeschraubt haben (man könnte die ja werfen), waren bis zum Platz die Flaschen nur noch 3/4 voll. Egal.

Dann vollkommen unerwartet und unverdient zu dem Zeitpunkt das 1:0 der Rangers, kurze Stille...EGAL, weiter Support !!!

1:1...ausrasten !!!

VerlÀngerung !

Elfmeterschießen, Worst-Case-Szenario !

Trapp hÀlt...ausrasten !!!

Borré versenkt den letzten Elfer...ES KA LA TION !!!

Ich drehe mich zu Shoot, er heult, ich heule mit... wie viele andere um uns rum !!!

Eine Stunde lang ESKALATION, PARTY, SUPPORT, WAHNSINN !!!

Durst, also nach dem Stadion wieder durch die Stadt zu einem Platz mit etwa 100 Frankfurtern, es gab Bier, die anderen Aartal-Adler waren auch dort.

Um 3:30 Uhr mit dem Leihwagen zurĂŒck nach Jerez.

Langes Warten um dann um 8:30 Uhr Richtung MĂŒnchen abzuheben. Dort angekommen, Flug nach Frankfurt annuliert, Maschine kaputt.

Die Lufthansa bot uns an, erst nach Genf und dann von Genf nach Frankfurt zu fliegen. Alternative ICE nach Frankfurt. Also mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof MĂŒnchen und mit dem ICE nach Frankfurt (einige Frankfurter im Zug mit dem gleichen Problem), Ankunft mit VerspĂ€tung 17:30 Uhr.

Von Frankfurt mit der RB nach Idstein und dort wurden wir abgeholt.

Bis zum Ende im Bett, war ich dann 44 Stunden am StĂŒck wach...gibt schlimmeres.

Immer noch GĂ€nsehaut !

Danke Geier, Shoot und Dora fĂŒr den so krassen, aber auch sooo lustigen Tripp....HAMMER, was haben wir gelacht !!!

Besonderen Dank an Dora, die uns im Leihwagen souverÀn gefahren hat.

Danke Shoot fĂŒr...keine Ahnung, dass Du dabei warst !

Danke Geier fĂŒr den Moment heute frĂŒh, als ich beim Auspacken gemerkt habe, dass ich Dir statt Deines XL, mein Shirt in M gegeben habe...das erklĂ€rt im Nachhinein die Presswurst-Optik.

Mit dem JĂŒrgen - FÜR den JĂŒrgen !!!

Europapokalsieger SGE
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Da zum Spiel und dem Drumherum jetzt ja schon alles gesagt wurde, begrenze ich mich mal auf ein Erlebnis, welches fĂŒr uns den ohnehin schon unvergesslichen Trip zu einem Overkill der GlĂŒckseligkeit machte:

DafĂŒr muss ich etwas ausholen. Wir, drei Jungs, hatten alle bereits vor oder kurz nach dem Hinspiel bei West Ham FlĂŒge nach Sevilla gebucht. Mit Manu traf ich mich auf Palma de Mallorca von wo aus es Dienstag Abend zu Benni nach MĂĄlaga ging, der bereits Mittags angereist war.

Bis eine Woche (!) vor dem Finale hatten wir ein einfaches Appartement in Sevilla gebucht fĂŒr 700€ fĂŒr 3 NĂ€chte. Trotz allem haben wir immer wieder bei booking und bei Expedia geschaut, ob nicht „noch etwas besseres“ reinkam. Und siehe da,  am 11. Mai, nur ein paar Tage vor dem
Finale, erschien plötzlich bei Expedia das Barcelo Renacimiento. 5 Sterne. Mehrere Pools. Ein Traum.

Und dann der Preis. Hier ist dem Hotel wohl ein „Fehler“ unterlaufen. Denn wenn man von 2 auf 3 Erwachsenen umstellte verschwanden plötzlich die Abzockerpreise und ein 40qm Deluxe Zimmer mit Doppelbett und Schlafcouch wurde uns fĂŒr 80€ pro Nacht und Person angezeigt. 80€ !! In einem 5 Sterne Schuppen wohlgemerkt. WĂ€hrend man anderswo von 600€ Pro Nacht fĂŒr einen 8er Schlafsaal las. Wir also natĂŒrlich sofort gebucht. Geil!

Doch es kam alles noch viel besser:

Nachdem wir ab MĂĄlaga endlich komplett waren und mit dem Mietwagen nach Sevilla gefahren sind, kamen wir Dienstag Nacht gegen 2 Uhr in dem Hotel an. Direkt in die Tiefgarage runter, Wagen abgestellt und hoch in die riesige Empfangshalle. Zu unserem
Verwundern waren ĂŒberall Eintracht Schilder aufgestellt. Auf den Video-Walls im Hotel liefen ĂŒberall Eintracht Videos aus den letzten Wochen und Monaten. Benni fand das so geil, dass er da nachts um 2 etwas lauter wurde, woraufhin ein offizieller Typ mit Eintracht Shirt zu uns kam und das sagte, was diesen Trip endgĂŒltig zu einem absoluten Highlight machen sollte:

„Seid bitte etwas leiser, die Mannschaft schlĂ€ft schon“ !!!

Wir schauten uns alle drei verdutzt an und konnten nur unglÀubig grinsen. Darauf gingen wir erstmal vor die Rezeption ins Freie eine Rauchen, wo wir sofort den Mannschaftsbus sahen, bewacht von der spanischen Polizei.
Es war tatsĂ€chlich das Mannschaftshotel! Gebucht erst einige Tage vorher fĂŒr ein absoluten SchnĂ€ppchenpreis. Wahnsinn.

Der Rest ist schnell erzĂ€hlt. Am nĂ€chsten Morgen beim FrĂŒhstĂŒck trafen wir bereits die ersten Legenden. Charly Körbel, Alex Meier, Marco Russ, Tuta, Kostic, Hellmann, Fischer usw... wie durchgeknallte Groupies machten wir Selfies I’d hielten das ein oder andere SchwĂ€tzchen. SpĂ€ter noch die ganze Mannschaft nach der Teambesprechung gesehen, mit Hinti Bilder gemacht, der bereits richtig gut drauf war und meinte ein Kopfball Tor in der 90. Minute wĂŒrde reichen.

Nunja. Nach diesem emotionalen Overkill am Final-Morgen sind wir erstmal in die Stadt, Mietwagen abgeben, bissi rumlaufen. Unendliche Hitze. Wir beschlossen zurĂŒck ins Hotel zu fahren und uns an den Pool zu legen und Bier an der Pool Bar zu ordern. Auf einmal springt Glasner in den Pool. Was fĂŒr ein Erlebnis. Es war ca. 15 Uhr.
6 Stunden vor dem grĂ¶ĂŸten Spiel der Vereinsgeschichte und wir schwimmen mit dem Eintracht Trainer im Pool unter Palmen.

So weit, so gut. Dann Taxi ins Stadion, Spiel, Hitze, kein Wasser, VerlĂ€ngerung, Elfmeterschießen, Trapp, Borre, Fanfest bis 4 Uhr, zurĂŒck ins Hotel.

Dort trudelten dann so langsam die Spieler von der Party Location ein. Kostic mit gefĂŒhlt 10 Pizza Kartons. War super drauf und natĂŒrlich noch Siegerbilder mit ihm gemacht. TourĂ© war der nĂ€chste, der uns auch die Medaille anfassen lies. Nach und nach trudelten die meisten ein, inklusive Fischer, sichtlich angeschlagen, aber glĂŒckselig. Wie wir.

Diese „zufĂ€llige“ Buchung im Mannschaftshotel beim grĂ¶ĂŸten Triumph der letzten 40 Jahre - ein unvergessliches Erlebnis.
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Da zum Spiel und dem Drumherum jetzt ja schon alles gesagt wurde, begrenze ich mich mal auf ein Erlebnis, welches fĂŒr uns den ohnehin schon unvergesslichen Trip zu einem Overkill der GlĂŒckseligkeit machte:

DafĂŒr muss ich etwas ausholen. Wir, drei Jungs, hatten alle bereits vor oder kurz nach dem Hinspiel bei West Ham FlĂŒge nach Sevilla gebucht. Mit Manu traf ich mich auf Palma de Mallorca von wo aus es Dienstag Abend zu Benni nach MĂĄlaga ging, der bereits Mittags angereist war.

Bis eine Woche (!) vor dem Finale hatten wir ein einfaches Appartement in Sevilla gebucht fĂŒr 700€ fĂŒr 3 NĂ€chte. Trotz allem haben wir immer wieder bei booking und bei Expedia geschaut, ob nicht „noch etwas besseres“ reinkam. Und siehe da,  am 11. Mai, nur ein paar Tage vor dem
Finale, erschien plötzlich bei Expedia das Barcelo Renacimiento. 5 Sterne. Mehrere Pools. Ein Traum.

Und dann der Preis. Hier ist dem Hotel wohl ein „Fehler“ unterlaufen. Denn wenn man von 2 auf 3 Erwachsenen umstellte verschwanden plötzlich die Abzockerpreise und ein 40qm Deluxe Zimmer mit Doppelbett und Schlafcouch wurde uns fĂŒr 80€ pro Nacht und Person angezeigt. 80€ !! In einem 5 Sterne Schuppen wohlgemerkt. WĂ€hrend man anderswo von 600€ Pro Nacht fĂŒr einen 8er Schlafsaal las. Wir also natĂŒrlich sofort gebucht. Geil!

Doch es kam alles noch viel besser:

Nachdem wir ab MĂĄlaga endlich komplett waren und mit dem Mietwagen nach Sevilla gefahren sind, kamen wir Dienstag Nacht gegen 2 Uhr in dem Hotel an. Direkt in die Tiefgarage runter, Wagen abgestellt und hoch in die riesige Empfangshalle. Zu unserem
Verwundern waren ĂŒberall Eintracht Schilder aufgestellt. Auf den Video-Walls im Hotel liefen ĂŒberall Eintracht Videos aus den letzten Wochen und Monaten. Benni fand das so geil, dass er da nachts um 2 etwas lauter wurde, woraufhin ein offizieller Typ mit Eintracht Shirt zu uns kam und das sagte, was diesen Trip endgĂŒltig zu einem absoluten Highlight machen sollte:

„Seid bitte etwas leiser, die Mannschaft schlĂ€ft schon“ !!!

Wir schauten uns alle drei verdutzt an und konnten nur unglÀubig grinsen. Darauf gingen wir erstmal vor die Rezeption ins Freie eine Rauchen, wo wir sofort den Mannschaftsbus sahen, bewacht von der spanischen Polizei.
Es war tatsĂ€chlich das Mannschaftshotel! Gebucht erst einige Tage vorher fĂŒr ein absoluten SchnĂ€ppchenpreis. Wahnsinn.

Der Rest ist schnell erzĂ€hlt. Am nĂ€chsten Morgen beim FrĂŒhstĂŒck trafen wir bereits die ersten Legenden. Charly Körbel, Alex Meier, Marco Russ, Tuta, Kostic, Hellmann, Fischer usw... wie durchgeknallte Groupies machten wir Selfies I’d hielten das ein oder andere SchwĂ€tzchen. SpĂ€ter noch die ganze Mannschaft nach der Teambesprechung gesehen, mit Hinti Bilder gemacht, der bereits richtig gut drauf war und meinte ein Kopfball Tor in der 90. Minute wĂŒrde reichen.

Nunja. Nach diesem emotionalen Overkill am Final-Morgen sind wir erstmal in die Stadt, Mietwagen abgeben, bissi rumlaufen. Unendliche Hitze. Wir beschlossen zurĂŒck ins Hotel zu fahren und uns an den Pool zu legen und Bier an der Pool Bar zu ordern. Auf einmal springt Glasner in den Pool. Was fĂŒr ein Erlebnis. Es war ca. 15 Uhr.
6 Stunden vor dem grĂ¶ĂŸten Spiel der Vereinsgeschichte und wir schwimmen mit dem Eintracht Trainer im Pool unter Palmen.

So weit, so gut. Dann Taxi ins Stadion, Spiel, Hitze, kein Wasser, VerlĂ€ngerung, Elfmeterschießen, Trapp, Borre, Fanfest bis 4 Uhr, zurĂŒck ins Hotel.

Dort trudelten dann so langsam die Spieler von der Party Location ein. Kostic mit gefĂŒhlt 10 Pizza Kartons. War super drauf und natĂŒrlich noch Siegerbilder mit ihm gemacht. TourĂ© war der nĂ€chste, der uns auch die Medaille anfassen lies. Nach und nach trudelten die meisten ein, inklusive Fischer, sichtlich angeschlagen, aber glĂŒckselig. Wie wir.

Diese „zufĂ€llige“ Buchung im Mannschaftshotel beim grĂ¶ĂŸten Triumph der letzten 40 Jahre - ein unvergessliches Erlebnis.
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Obi-Wan Kenobi schrieb:

Diese „zufĂ€llige“ Buchung im Mannschaftshotel beim grĂ¶ĂŸten Triumph der letzten 40 Jahre - ein unvergessliches Erlebnis.        

So etwas bekommt nur ein echter Jedi hin! Da war die Macht wohl mit Dir Sehr geil!!!
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Danke fĂŒr eure Berichte und Schilderungen.
Obi, so viel GlĂŒck muss man erst einmal haben. Sehr geil!
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Da zum Spiel und dem Drumherum jetzt ja schon alles gesagt wurde, begrenze ich mich mal auf ein Erlebnis, welches fĂŒr uns den ohnehin schon unvergesslichen Trip zu einem Overkill der GlĂŒckseligkeit machte:

DafĂŒr muss ich etwas ausholen. Wir, drei Jungs, hatten alle bereits vor oder kurz nach dem Hinspiel bei West Ham FlĂŒge nach Sevilla gebucht. Mit Manu traf ich mich auf Palma de Mallorca von wo aus es Dienstag Abend zu Benni nach MĂĄlaga ging, der bereits Mittags angereist war.

Bis eine Woche (!) vor dem Finale hatten wir ein einfaches Appartement in Sevilla gebucht fĂŒr 700€ fĂŒr 3 NĂ€chte. Trotz allem haben wir immer wieder bei booking und bei Expedia geschaut, ob nicht „noch etwas besseres“ reinkam. Und siehe da,  am 11. Mai, nur ein paar Tage vor dem
Finale, erschien plötzlich bei Expedia das Barcelo Renacimiento. 5 Sterne. Mehrere Pools. Ein Traum.

Und dann der Preis. Hier ist dem Hotel wohl ein „Fehler“ unterlaufen. Denn wenn man von 2 auf 3 Erwachsenen umstellte verschwanden plötzlich die Abzockerpreise und ein 40qm Deluxe Zimmer mit Doppelbett und Schlafcouch wurde uns fĂŒr 80€ pro Nacht und Person angezeigt. 80€ !! In einem 5 Sterne Schuppen wohlgemerkt. WĂ€hrend man anderswo von 600€ Pro Nacht fĂŒr einen 8er Schlafsaal las. Wir also natĂŒrlich sofort gebucht. Geil!

Doch es kam alles noch viel besser:

Nachdem wir ab MĂĄlaga endlich komplett waren und mit dem Mietwagen nach Sevilla gefahren sind, kamen wir Dienstag Nacht gegen 2 Uhr in dem Hotel an. Direkt in die Tiefgarage runter, Wagen abgestellt und hoch in die riesige Empfangshalle. Zu unserem
Verwundern waren ĂŒberall Eintracht Schilder aufgestellt. Auf den Video-Walls im Hotel liefen ĂŒberall Eintracht Videos aus den letzten Wochen und Monaten. Benni fand das so geil, dass er da nachts um 2 etwas lauter wurde, woraufhin ein offizieller Typ mit Eintracht Shirt zu uns kam und das sagte, was diesen Trip endgĂŒltig zu einem absoluten Highlight machen sollte:

„Seid bitte etwas leiser, die Mannschaft schlĂ€ft schon“ !!!

Wir schauten uns alle drei verdutzt an und konnten nur unglÀubig grinsen. Darauf gingen wir erstmal vor die Rezeption ins Freie eine Rauchen, wo wir sofort den Mannschaftsbus sahen, bewacht von der spanischen Polizei.
Es war tatsĂ€chlich das Mannschaftshotel! Gebucht erst einige Tage vorher fĂŒr ein absoluten SchnĂ€ppchenpreis. Wahnsinn.

Der Rest ist schnell erzĂ€hlt. Am nĂ€chsten Morgen beim FrĂŒhstĂŒck trafen wir bereits die ersten Legenden. Charly Körbel, Alex Meier, Marco Russ, Tuta, Kostic, Hellmann, Fischer usw... wie durchgeknallte Groupies machten wir Selfies I’d hielten das ein oder andere SchwĂ€tzchen. SpĂ€ter noch die ganze Mannschaft nach der Teambesprechung gesehen, mit Hinti Bilder gemacht, der bereits richtig gut drauf war und meinte ein Kopfball Tor in der 90. Minute wĂŒrde reichen.

Nunja. Nach diesem emotionalen Overkill am Final-Morgen sind wir erstmal in die Stadt, Mietwagen abgeben, bissi rumlaufen. Unendliche Hitze. Wir beschlossen zurĂŒck ins Hotel zu fahren und uns an den Pool zu legen und Bier an der Pool Bar zu ordern. Auf einmal springt Glasner in den Pool. Was fĂŒr ein Erlebnis. Es war ca. 15 Uhr.
6 Stunden vor dem grĂ¶ĂŸten Spiel der Vereinsgeschichte und wir schwimmen mit dem Eintracht Trainer im Pool unter Palmen.

So weit, so gut. Dann Taxi ins Stadion, Spiel, Hitze, kein Wasser, VerlĂ€ngerung, Elfmeterschießen, Trapp, Borre, Fanfest bis 4 Uhr, zurĂŒck ins Hotel.

Dort trudelten dann so langsam die Spieler von der Party Location ein. Kostic mit gefĂŒhlt 10 Pizza Kartons. War super drauf und natĂŒrlich noch Siegerbilder mit ihm gemacht. TourĂ© war der nĂ€chste, der uns auch die Medaille anfassen lies. Nach und nach trudelten die meisten ein, inklusive Fischer, sichtlich angeschlagen, aber glĂŒckselig. Wie wir.

Diese „zufĂ€llige“ Buchung im Mannschaftshotel beim grĂ¶ĂŸten Triumph der letzten 40 Jahre - ein unvergessliches Erlebnis.
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Fast noch besser als die Story mit dem, der Dienstags gebucht hat, ne gĂŒnstige Karte bekam und von Rode das blutverschmierte Trikot ergattert hatte.

Tolle Story!
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So hier ist es glaube ich nun richtig aufgehoben:


Wir haben irgendwann auch nur noch aus dem Hahn getrunken. Bissl Auswirkungen hatte es 1-2 Tage spÀter - ich gehe da mal nicht ins Detail - aber ohne Wasser wÀre es noch schlimmer geworden.

Ohne Karte hin. 36 Stunden quasi ohne Schlaf mit Nachtfahrt. City bei 40 Grad, ĂŒberall mit Rangers abgeklatscht und gesungen. Karte mit unfassbar viel GlĂŒck bekommen. 5 Stunden Dampfsauna im Stadion. LĂ€cherliche Ordner und PolizeikrĂ€fte. Völlig Ekstase nach BorrĂ©s Elfer. Weitere 18 Stunden quasi ohne Schlaf mit Nachtfahrt zurĂŒck, wachgehalten von unendlich viel Adrenalin. Wieder mit vielen Rangers abgeklatscht, was fĂŒr ein tolles Fußball-Volk. Dann zuhause die völlige Erschöpfung, irgendwie am Freitag durch die Arbeit geschleppt und seit heute wieder halbwegs lebendig mit Dauergrinsen.

Ich dachte nach so einigen legendĂ€ren Fahrten in 2018/19, dass ich langsam zu alt fĂŒr sowas werde. Werde ich tatsĂ€chlich auch, Sevilla war aber trotzdem die geilste Fahrt meines Lebens. Noch knapp vor dem Pokalfinale in Berlin 2018. Eurobbbabogggaaaaal!!!
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propain schrieb:

Kallewirsch schrieb:

Das mit dem nĂ€chsten Titel nach wieder 42 Jahren könnte eng werden, da ich Ü60 bin,
aber wir werden uns MĂŒhe geben 😉

Einfach erst abtreten wenn die Eintracht deutscher Meister geworden ist, das garantiert ein langes leben.

Wie machen wir 3 das denn dann ?
Rollatoren sind doch im Stadion nicht erlaubt . 😎
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Kallewirsch schrieb:

Rollatoren sind doch im Stadion nicht erlaubt . 😎

NatĂŒrlich! 😉 Sogar RollstĂŒhle! 😁

Hier dann auch mal meine wenigen Zeilen zum Tag der Tage:
Mittwoch um 13 Uhr ganz gemĂŒtlich vom Siegerlandflughafen (wer Lust hat kann ja mal den Flughafencode googlen) nach Jerez abgeflogen, dort in einen Shuttle, der uns ans Stadion brachte. Wir hatten einen Parkplatz in dem Einkaufszentrum direkt am Stadion und kamen gegen 19 Uhr auf dem Platz raus, wo der große UEFA Cup stand. Die Anfahrt dort hin war aber eine Katastrophe. Die spanische Polizei hat Straßen abgesperrt, das war eine wahre Pracht. An einer Stelle durften wir nicht durch, sind irgendwie zehn Minuten kreuz und quer durch irgendwelche Seitenstraßen, kamen dann wieder auf eine Hauptstraße. Blick nach rechts - in 30 Metern Entfernung war die Absperrung, wo wir nicht durch durften.
Ansonsten musste man an einigen Stellen Slalom fahren. Jeweils 4 bis 5 Einsatzfahrzeuge waren so versetzt geparkt, dass man nur zick zack da durch kam. Kann natĂŒrlich ein Schutz gegen Amokfahrer gewesen sein, da muss man dann erstmal durchkommen.

Auf besagtem Platz war einiges an Prominenz zu finden. Ich habe Yeboah und Stepi gesehen, Alex Schur, Volker Sparmann und einige anderen Promis wahrscheinlich gar nicht erkannt. Mit AMFG habe ich noch ein Foto machen können, wie auch mit Ervin Skela.
Als erstes lief mir aber Uwe Bindewald ĂŒber den Weg, der mich mit den Worten "hey Marco, schön Dich zu sehen, toll dass Du auch hier bist". Das war ein gutes Omen. Schließlich haben wir uns auch vor dem Finale 2018 zufĂ€llig getroffen. Und jetzt wisst ihr auch, wem ihr den Pott wirklich zu verdanken habt, keinem Borre oder Trapp, sondern dem Zico und mir đŸ˜ŽđŸ€Ł

Dann ins Stadion. Die RolliplĂ€tze waren gut geschĂŒtzt oberhalb vom Unterrang. Etwas nach hinten versetzt, sodass ein paar Stufen des Oberrangs darĂŒber waren. Hatte zwei Effekte. Einerseits war es im VerhĂ€ltnis einigermaßen kĂŒhl, weil man nicht in der prallen Sonne saß, andererseits hatte man eine Sicht wie durch eine Schießscharte. Guggst Du. Ein wenig kompensiert wurde das dann durch schöne große Bildschirme an jedem Pfeiler, auf denen das Spiel auch lief. Man hatte immer gleich die Wiederholung einzelner Szene und ich habe das Ausgleichstor gleich mehrfach genossen.

Zum Spiel an sich muss ich ja nichts schreiben, das hat ja jeder selbst gesehen. Ich persönlich hĂ€tte mich auch mit einem souverĂ€nen 3:0 nach 90 Minuten zufrieden gegeben, aber die Mannschaften haben sich offenbar gedacht, die Karten waren so teuer, wir liefern mal besser das volle Programm. Auf dem Weg zurĂŒck traf ich dann noch 50% der god father of Trainingslagerbericht, den Enkhaamer. Dann zurĂŒck ins Auto und nach Jerez.

Um halb drei dort angekommen stellten wir dann fest, dass es nicht nur nirgendwo etwas zu trinken gab, wir durften auch nicht in die Halle rein. Da waren nÀmlich die ganzen Schotten, die morgens um sechs alle raus geflogen werden sollten. War auch generell keine doofe Idee, erst mal das eine Fanlager weg zu schaffen, um ZwischenfÀlle zu vermeiden. Gegen 4 Uhr hatte man die Abflughalle dann so getrennt, dass wir zumindest auch ins GebÀude durften.

Um halb 9 saßen wir dann auch in unserem Flieger und hoben ab gen Heimat, wo wir um kurz halb zwölf wieder festen Boden unter den FĂŒĂŸen bzw RĂ€dern hatten. Europacup mal fix in 22,5h. Aber ich schrub ja schon vor dem Spiel:
Hinfliegen - Pott holen - heimfliegen.

Es war fĂŒr mich mega anstrengend, aber das hat sich natĂŒrlich gelohnt. Ein riesen Erlebnis, welches ich mit meinen inzwischen 50 Jahren nie vergessen werde.
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Nachtrag:
Was auffĂ€llig war - in Spanien kann (oder will?) kaum jemand Englisch sprechen. Wenn man kein Spanisch konnte, musste man sich entweder mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen oder per Smartphone Übersetzer verstĂ€ndigen.
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Nachtrag:
Was auffĂ€llig war - in Spanien kann (oder will?) kaum jemand Englisch sprechen. Wenn man kein Spanisch konnte, musste man sich entweder mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen oder per Smartphone Übersetzer verstĂ€ndigen.
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....und wenn dann gar nichts mehr half, haben die Polizisten sogar auf Deutsch geantwortet....
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Kallewirsch schrieb:

Rollatoren sind doch im Stadion nicht erlaubt . 😎

NatĂŒrlich! 😉 Sogar RollstĂŒhle! 😁

Hier dann auch mal meine wenigen Zeilen zum Tag der Tage:
Mittwoch um 13 Uhr ganz gemĂŒtlich vom Siegerlandflughafen (wer Lust hat kann ja mal den Flughafencode googlen) nach Jerez abgeflogen, dort in einen Shuttle, der uns ans Stadion brachte. Wir hatten einen Parkplatz in dem Einkaufszentrum direkt am Stadion und kamen gegen 19 Uhr auf dem Platz raus, wo der große UEFA Cup stand. Die Anfahrt dort hin war aber eine Katastrophe. Die spanische Polizei hat Straßen abgesperrt, das war eine wahre Pracht. An einer Stelle durften wir nicht durch, sind irgendwie zehn Minuten kreuz und quer durch irgendwelche Seitenstraßen, kamen dann wieder auf eine Hauptstraße. Blick nach rechts - in 30 Metern Entfernung war die Absperrung, wo wir nicht durch durften.
Ansonsten musste man an einigen Stellen Slalom fahren. Jeweils 4 bis 5 Einsatzfahrzeuge waren so versetzt geparkt, dass man nur zick zack da durch kam. Kann natĂŒrlich ein Schutz gegen Amokfahrer gewesen sein, da muss man dann erstmal durchkommen.

Auf besagtem Platz war einiges an Prominenz zu finden. Ich habe Yeboah und Stepi gesehen, Alex Schur, Volker Sparmann und einige anderen Promis wahrscheinlich gar nicht erkannt. Mit AMFG habe ich noch ein Foto machen können, wie auch mit Ervin Skela.
Als erstes lief mir aber Uwe Bindewald ĂŒber den Weg, der mich mit den Worten "hey Marco, schön Dich zu sehen, toll dass Du auch hier bist". Das war ein gutes Omen. Schließlich haben wir uns auch vor dem Finale 2018 zufĂ€llig getroffen. Und jetzt wisst ihr auch, wem ihr den Pott wirklich zu verdanken habt, keinem Borre oder Trapp, sondern dem Zico und mir đŸ˜ŽđŸ€Ł

Dann ins Stadion. Die RolliplĂ€tze waren gut geschĂŒtzt oberhalb vom Unterrang. Etwas nach hinten versetzt, sodass ein paar Stufen des Oberrangs darĂŒber waren. Hatte zwei Effekte. Einerseits war es im VerhĂ€ltnis einigermaßen kĂŒhl, weil man nicht in der prallen Sonne saß, andererseits hatte man eine Sicht wie durch eine Schießscharte. Guggst Du. Ein wenig kompensiert wurde das dann durch schöne große Bildschirme an jedem Pfeiler, auf denen das Spiel auch lief. Man hatte immer gleich die Wiederholung einzelner Szene und ich habe das Ausgleichstor gleich mehrfach genossen.

Zum Spiel an sich muss ich ja nichts schreiben, das hat ja jeder selbst gesehen. Ich persönlich hĂ€tte mich auch mit einem souverĂ€nen 3:0 nach 90 Minuten zufrieden gegeben, aber die Mannschaften haben sich offenbar gedacht, die Karten waren so teuer, wir liefern mal besser das volle Programm. Auf dem Weg zurĂŒck traf ich dann noch 50% der god father of Trainingslagerbericht, den Enkhaamer. Dann zurĂŒck ins Auto und nach Jerez.

Um halb drei dort angekommen stellten wir dann fest, dass es nicht nur nirgendwo etwas zu trinken gab, wir durften auch nicht in die Halle rein. Da waren nÀmlich die ganzen Schotten, die morgens um sechs alle raus geflogen werden sollten. War auch generell keine doofe Idee, erst mal das eine Fanlager weg zu schaffen, um ZwischenfÀlle zu vermeiden. Gegen 4 Uhr hatte man die Abflughalle dann so getrennt, dass wir zumindest auch ins GebÀude durften.

Um halb 9 saßen wir dann auch in unserem Flieger und hoben ab gen Heimat, wo wir um kurz halb zwölf wieder festen Boden unter den FĂŒĂŸen bzw RĂ€dern hatten. Europacup mal fix in 22,5h. Aber ich schrub ja schon vor dem Spiel:
Hinfliegen - Pott holen - heimfliegen.

Es war fĂŒr mich mega anstrengend, aber das hat sich natĂŒrlich gelohnt. Ein riesen Erlebnis, welches ich mit meinen inzwischen 50 Jahren nie vergessen werde.
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Schön war es, aber anstrengend.
Zumindest D IEGO hat einen super Job gemacht
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Ok, so langsam habe ich die Sache dann auch realisiert und versucht, das Ganze schriftlich zu verarbeiten.
Achtung: Viel Text! Oder wie ich gerade nach der Vorschau gesehen habe: Verdammt viel Text. Hui. Und wahrscheinlich an mancher Stelle zensiert. Vielleicht quÀlt sich aber trotzdem noch jemand durch

BĂŒhnenreif, der Auftritt in blĂŒtenweißem Karnickelpelz
Vorbei die Zeiten von PrĂŒgeleien um Kippengeld
Alles begann hinterm GĂŒtergleis Richtung Bitterfeld
Und morgen erricht' ich meine Tyrannei in der dritten Welt


Die Euphorie wich schnell der NervositĂ€t. Am frĂŒhen Morgen des 10. Mais, einem Dienstag, verwandelte sich die NervositĂ€t in Angst.

Nichtsahnend warf ich einen Blick auf mein smartes Telefon und erfreute mich daran, dass mir Kate schon zur frĂŒhen Stunde liebevolle GrĂŒĂŸe ins BĂŒro ĂŒbermittelte. Beim Betrachten der digitalen Liebesbotschaft bleib mir das noch nicht angeknabberte FrĂŒhstĂŒck im Halse stecken. Das Bild ihres gerade durchgefĂŒhrten Coronatests zeigte auf Höhe des „T“ eine dicke Linie zu viel an. Was fĂŒr eine Scheiße. In erster Linie natĂŒrlich fĂŒr sie, platzte damit doch ihr vor langem gebuchtes Seminar am Wochenende. Ganz egoistisch betrachtet sah ich jetzt jedoch auch ein Problem auf mich zukommen. Zwar war ich fußball- und eintrachtbedingt ĂŒber das letzte Wochenende physisch von Kate getrennt, allerdings verbrachten wir die letzten Stunden vor dem positiven Test dann engumschlungen im heimischen Bettel. Kam ich bis jetzt unfassbarer Weise noch um eine Infektion herum, stand mir nun der Endgegner bevor. Zum beschissenst möglichen Zeitpunkt. Als einer der wenigen den GĂ€steblock bei Betis gesund verlassen, Barca und West Ham coronafrei ĂŒberlebt – Ersteres mit Fragezeichen, Zweiteres im Gegensatz zu Kate. Die ganze Familie hatte es, mit einer infizierten Kollegin im BĂŒro gehockt – ja, selbst die Omikron-Höhle in der Vereinskneipe des KFC Dessel Sport konnte mir nichts anhaben. Wenn ich jetzt nochmal davonkommen sollte, hatte ich es entweder schon unbemerkt gehabt oder ich bin wirklich immun dagegen. Oder ganz einfach Super Man. Ich konnte nur noch hoffen, dass die Eierlikör-Kur bei den Geiselgangstern im Rahmen der Bembelbar genĂŒgend Schutz aufgebaut hat. Ansonsten findet das Finale ohne mich statt.  

Die Marschroute war klar: Solange ich keine Symptome habe, mache ich auch keinen Test. Selbstredend folgte ich dieser Weisung nur zu 50%. Trotz keinerlei Anzeichen einer Ansteckung bohrte ich dann doch wiederholt in der Nase. Das hat schon etwas von Selbstgeißelung. Die Minuten, bis das Ergebnis angezeigt wird, sind dann doch von einem unangenehmen Kribbeln begleitet. Selten war ich aber so froh ĂŒber negative Ergebnisse. Als ich zum Wochenende hin immer noch quietschfidel war, stellte ich die ÜberprĂŒfung meines Gesundheitszustandes dann auch ein. Da ich von Kate ja auch strikt isoliert war, sollte die Sache jetzt safe sein und die Vorfreude auf den vierten Andalusien- und dritten Sevilla-Aufenthalt in diesem Jahr (und damit dem in meinem ganzen Leben bisher vierten Andalusien- bzw. dritten Sevilla-Aufenthalt insgesamt) konnte beginnen. Immerhin hatte ich mittlerweile auch eine Karte. Und das kostete wieder Nerven. Wer auch immer im Eintracht Ticketservice meinte, mir keine Mails mehr zukommen zu lassen, ist nicht gerade mein bester Freund. WĂ€hrend um mich rum alle ĂŒber ihre Zusagen jubelten oder Absagen weinten, erhielt ich mal wieder keine Info. Wenigstens kam ich im 23. Versuch (stimmt tatsĂ€chlich – damit wesentlich schneller als bei den Barcelona Tickets) in der Hotline durch und die Sache mit den Karten konnte geklĂ€rt werden. Mit den mich nicht erreichenden E-Mails hingegen nicht. Subber Sach. HĂ€tte ich einen Tag lĂ€nger gewartet oder niemanden erreicht, wĂ€ren die Teile einfach verfallen


Damit sollte die Sache jetzt aber safe sein und die Vorfreude auf den vierten Andalusien- und dritten Sevilla-Aufenthalt in diesem Jahr (und damit dem in meinem ganzen Leben bisher vierten Andalusien- bzw. dritten Sevilla-Aufenthalt insgesamt) konnte beginnen. Immerhin hatte ich inzwischen auch einen Flug. Und sogar eine Unterkunft. Letztere gebucht um 4:00 Uhr nachts, als ich wegen Stress aufgrund akuter Unorganisiertheit nicht schlafen konnte. Der obligatorische Check bei Trivago offerierte eine 8,6 auf Booking fĂŒr die Nacht vorm Spiel, mitten im Zentrum, mit Stornooption fĂŒr 120,-€ im DZ. Damit zwar immer noch das vielleicht teuerste Bett, das ich je gebucht hatte, im VerhĂ€ltnis zum sonstigen Markt aber auch eines der grĂ¶ĂŸten SchnĂ€ppchen, die ich je geschossen habe. Zum Vergleich: Der zweitbilligste Eintrag lag bei ca. 600,-€ und war am ***** der Welt. Da kann man auch mal 200,-€ fĂŒr nen RĂŒckflug raushauen. Donnerstagmorgens um 7:00 ab MĂĄlaga ĂŒber Lissabon, Landung FRA 12:40. Gebucht vier Tage nach (!) dem Halbfinale. Ernstgemeinte Frage: Warum hat den sonst fast keiner gebucht? Viel besser geht es doch nicht, gerade in Anbetracht der sonst so gewĂ€hlten Routen und Preise. Das soll sich jetzt nicht so lesen, dass ich mords der Macker bin und alle anderen dumm, wĂŒrde mich aber echt mal interessieren. Wie dem auch sei, die Tage vor dem Finale Grande waren alles andere alles entspannend und nervenschonend. Spaß ist was Anderes. Und um eine Anreise musste ich mich ja auch noch kĂŒmmern. Im Nachhinein blöd, wenn man das aus Aberglauben erst nach erfolgreichem Finaleinzug machen möchte. Im Endeffekt hat alles geklappt. Und damit springen wir auch direkt in den ICE von Frankfurt nach NĂŒrnberg.

Und wieder raus. Noch ein Cider am dortigen Flughafen und lachhafte 8,-€ spĂ€ter sind MJ und ich bereits in Bologna. Einen Fußmarsch, drei BĂŒchsen Moretti bzw. Peroni, ein paar Quizkarten und Ă€hnlich lĂ€cherliche 30,-€ spĂ€ter ist dann auch schon Dienstag, der 17. Mai, und wir befinden uns in MĂĄlaga. Strapazieren wir die Sache nicht ĂŒber. Kurz etwas durch die Gassen gelatscht, was gegessen, hier schon Unmengen sonnenverbrannte und literweise Bier saufende Schotten gesehen und mit BlaBlaCar rĂŒber nach Sevilla. Eingecheckt, die Kombination aus Bierpreisen im Souvenirshop (!) um die Ecke (80 Cent die BĂŒchse) und Dachterrasse ausgenutzt, spĂ€ter in angewachsener Runde unter gefĂŒhlt tausenden sonnenverbrannten und Bier saufenden Schotten unter den Setas de Sevilla gechillt, den Abend dann in noch grĂ¶ĂŸerer Runde in einer Shisha Bar (warum?) am Flussufer ausklingen lassen. Ich war ganz schön voll.

Mittwoch, 18.05.2022, Sevilla

Never change a running system. Vor ziemlich genau vier Jahren waren wir bekanntermaßen zum letzten Mal in einem Finale. Eine kleine Information, die ich in meiner damaligen schriftlichen Ausarbeitung – auf die ich in den folgenden Zeilen Seiten wohl noch öfter Bezug nehmen werde – galanterweise ausgelassen habe, möchte ich hier dann doch ergĂ€nzen. Auf dem Hinweg nach Berlin musste ich mich mehrfach ĂŒbergeben. Meine logische Schlussfolgerung: Kein Titelgewinn und vorheriges Kotzen. Sportliche Höchstleistungen vollbringe ich da, wie ich mir mit dem Finger im Hals die halb verdauten Tapas der letzten Nacht herauswĂŒrge. Voller Einsatz fĂŒr den Pokal! Körperlich geht es mir danach nicht besser. Mit MĂŒhe und Not und nur dank der Hilfe dreier Cola bekomme ich mein erstes Bier des Tages runter. Ich kann nur hoffen, dass mich keiner der zig Schotten um uns herum beobachtet. Literweise Bier saufend, sonnenverbrannt, mittlerweile sogar singend – aber immer freundlich. Wieso sich die RothĂ€ute aber NEBEN einen Sonnenschirm setzen oder trotz Verbrennungen dritten Grades auf dem nackten Oberkörper nur die Mundpartie (!) mit Sonnencreme einschmieren, könnten sie wohl nicht mal verstĂ€ndlich erklĂ€ren, wenn wir sie danach fragen wĂŒrden. Deren Dialekt versteht jetzt wirklich kein Mensch. Ay!

Um 14:15 Uhr wird zum Treffpunkt an einem Park, ca. 2km nördlich des Estadio Estadio RamĂłn SĂĄnchez PizjuĂĄn gerufen. Der Neuner, der uns nach der PokalĂŒbergabe wieder nach MĂĄlaga bringen soll, wird dort ankommen. Kurz Fritz verabschiedet und MJ ĂŒberzeugt, dass ein 45minĂŒtiger Fußweg mit Rucksack bei 40°C die weitaus bessere Idee als eine Uber-Fahrt ist, machen wir uns – Achtung: es folgt die ultimative Phrase – per pedes auf die glĂŒhenden Socken. Unterwegs passieren wir gefĂŒhlt Milliarden sonnenverbrannte und Bier saufende Schotten, aber so langsam auch vermehrt ein paar im blĂŒtenweißen Karnickelpelz gekleidete Adlers. Hier und da werden bekannte Gesichter abgegrĂŒĂŸt, bei manchen freut man sich, bei anderen fragt man sich, was die hier machen – eine Frage, die ich mir zwischenzeitlich auch mehrfach selbst stelle. Völlig dehydriert kommen wir am Parkplatz an. Bevor ich jedem „Gude“ gesagt, bevor ich meinen Rucksack abgelegt, bevor ich mich in den Schatten geworfen und bevor ich den mitgebrachten Kanister Wasser ĂŒber mich geschĂŒttet habe, drĂŒckt mir Ede eine Dose Tinto de Verano in die Hand. Das wĂ€re der Shit. Nee, bei so Freunden brauchste echt keine Offenbacher mehr. Erfrischend ist es dennoch.

Schnell teilt sich die Meute wieder auf. Der eine muss noch schnell ins Hostel, der andere auf’s Fanfest, der Großteil wechselt einfach nur die Straßenseite und kehrt in JesĂșs‘ Edelbistro ein. Hier, nördlich des Stadions, ist von der bevorstehenden Veranstaltung nichts zu erahnen. Keine sonnenverbrannten und Bier saufenden Schotten, keine schneeweißen Adler. Nur ein authentisches StraßencafĂ© mit lokaler Kundschaft. Und uns. Bier aus nur halbgefĂŒllten GlĂ€sern; Pommes mit Aioli, die die Konsistenz von Sperma und eine vermutete Wirkung analog der Anti-Baby-Pille hat; ein Zigarettenautomat, der den FĂŒnfer erst im zehnten Versuch akzeptiert; eine ToilettenspĂŒlung, die die grĂ¶ĂŸeren Ausscheidungen trotz – oder wegen - der vorherrschenden Wasserknappheit erst im dritten Anlauf verabschiedet; eine Thekenkraft, die aus ihrer Unlust keinen Hehl macht – kurz gesagt: Genau unser Ding. Nee, da verzichten wir gerne auf Fanfest oder gar den legendĂ€ren Fanmarsch (Unwort des Jahres!). Warum in der unbarmherzigen Sonne quĂ€len, den ausgelaugten Körper noch mehr Strapazen aussetzen und zu allem Überfluss am Ende noch von den Bullen zusammenknĂŒppelt werden, wenn uns JesĂșs – und nach dessen Feierabend seine unmotivierte Nachfolgerin – schmackhaftes Cruzcampo ausschenkt. OT: Übrigens ist der Cruzcampo Mönch ja wohl mal der geilste BierreprĂ€sentant ĂŒberhaupt.

Hier im Schatten, in der Obhut von JesĂșs, komme ich tatsĂ€chlich wieder zurĂŒck ins Leben. Die Runde ist gesellig. Es ist sogar so gesellig, dass wir den minutiös ausgetĂŒftelten Plan, pĂŒnktlich mit Öffnung der Stadiontore diese zu passieren, kurzfristig ad acta legen. Erst nach der gefĂŒhlt siebten – und in Wahrheit der wahrscheinlich mindestens siebten - wirklich allerletzten Runde bricht der verbliebene Rest auf. Am Stadion vom leider kartenlosen MJ (keine Chance, wirklich so gut wir alles probiert, wie verhext) verabschiedet, zeigt sich, dass unsere spontane Umgestaltung des Zeitplans von beeindruckendem Erfolg gekrönt ist. Exakt null Minuten benötigen wir, um die nicht vorhandene Schlange vor den beiden Ticket- und Taschenkontrollen zu durchschreiten. Es bleibt sogar noch Zeit, um eine 1,5l Flasche Wasser zu teilen. Wie wichtig diese FlĂŒssigkeitszufuhr werden sollte, können wir zu diesem Zeitpunkt trotz schon eingegangener Warnungen noch nicht richtig abschĂ€tzen. Als der letzte Tropfen inhaliert und das finale Drehkreuz ĂŒberquert ist, zeigt die Uhr 20:12 Uhr an. Wir sind zwar mal wieder in schöner GemĂŒtlichkeit versackt und somit viel spĂ€ter als wir eigentlich sollten, aber immer noch mehr als rechtzeitig drin. Aber nicht nur das. Bis hierher war das alles noch halbwegs spaßig. Bis hier war alles abstrakt. Genau jetzt, mit Betreten des Blocks, realisiere ich so richtig, warum zur Hölle wir eigentlich hier sind. Das ist das verschissene UEFA Cup Finale. Und wir spielen mit. Wir. Die verkackte Eintracht. Im Europapokalfinale. Bis hierher hĂ€tte ich gedacht, dass wir unfreiwillige Darsteller bei der Wiedergeburt der Versteckten Kamera sind. Sind wir aber nicht. Das ist real. Wir sind im Finale. Um den Europapokal. Gegen die Glasgow Rangers. Schneeweiße Adler gegen sonnenverbrannte und Bier saufende Schotten. Fußball!

Finale

45 Minuten noch bis zum Anpfiff. Die Beine in eine halbwegs aushaltbare Position bringen, gegen die NervositĂ€t ankĂ€mpfen, Überblick verschaffen. Schon ein paar mehr Gers mehr im Stadion als Adler. Aber gut, denen ist auch alles egal. Keine Chance gegen die auf dem Schwarzmarkt. DafĂŒr hoffentlich im Stadion. Halbe Stunde noch. Kippe. Bisschen Singen. Durchatmen.

Kurz vor Neun ist es soweit. Die offizielle Eröffnungszeremonie auf dem Rasen beginnt. Zum GlĂŒck verdeckt mir die Blockfahne alsbald den Blick darauf, so dass ich die Scheiße nicht sehen muss. Nochmal kurz ĂŒberlegt und schon muss ich meine Aussage revidieren. Ich stehe ja fĂ€hnchenwedelnd unterhalb der Heiligen Diva. Verdammt. Und wieso zur Hölle brennen mir immer so die Schultern, wenn ich ne Papptafel – oder in dem Fall jetzt eine Fahne – hochhalten muss? Aua. Ich muss pissen und ich hab Durst. Aber darum kĂŒmmer ich mich spĂ€ter. Ich Naivling.

Der Ball rollt. Irgendjemand hatte Anstoß. Ich habe keine Ahnung wer. Jedenfalls gibt es jetzt kein ZurĂŒck mehr. Da mĂŒssen wir jetzt alle durch. Der Puls steigt, die Atmung wird schwer, die HĂ€nde schwitzen. Gut, letzteres machen sie eh schon den ganzen Tag. Es sind ja immer noch ĂŒber 30 Grad nach Anders Celsius. Vom Tornetz auf unserer Seite sehe ich nur die obere HĂ€lfte. Wenn ĂŒberhaupt. Welch Kontrast zum 19. Mai 2018. Damals habe ich mich bekanntermaßen mehr oder weniger bewusst auf die GegentribĂŒne gehockt, diesmal noch viel bewusster mitten in den Pulk geschmissen. Es tut auch gut, die ganzen Leidensgenossen um einen rum zu haben. Ich bin nicht alleine. Spaß macht das alles trotzdem nicht. Das Herz rast, ich bin kurz vor Schnappatmung, die HĂ€nde tropfen vor Schweiß. Vom Spiel bekomme ich in der Anfangsphase nicht viel mit. Fast schon mechanisch klatsche ich mal im Takt mit oder singe ein paar Lieder, die richtige BrachialitĂ€t will sich aber nicht einstellen. Ich hauche meine Anfeuerungen eher raus als dass ich eine aktive Hilfe beim Support wĂ€re. Mehr geht nicht. Damit bin ich aber immer noch aktiver als die Gegenseite. Wenigstens etwas.

Schon ist Halbzeit. Das ging ja recht fix, denke ich. So schlimm war es ja gar nicht. Aber verdammte Kacke, wir könnten mal ein Tor schießen. WĂŒrde die Sache vielleicht entspannen. Egal, ich muss ja immer noch pissen. Und habe Durst. Also mal rausgequetscht und Augenzeuge des Chaos geworden. Am ersten Kiosk geht direkt der Rollo runter. Findet nicht jeder so witzig. Bevor es richtig ungemĂŒtlich wird, verziehe ich mich auf die SanitĂ€ranlage. Pipi lassen. Und frisch machen. Mehrere HĂ€nde Leitungswasser in Gesicht, Nacken und Haare, anschließend ein Vielfaches davon in den Mund. Schmeckt ĂŒberraschend gut. Ich erkenne keinen großen Unterschied zum leckeren Leitungswasser aus der östlichen Wetterau. Dementsprechend wiederhole ich diesen Vorgang im Laufe des Abends auch noch einige Male. Da ich auch im Nachgang mit keinerlei Problemen zu kĂ€mpfen habe, wird das Wasser auf jeden Fall trinkbar gewesen sein. Erst im Nachgang erfahre ich, dass das wohl ziemlich verchlort, zwischenzeitlich sogar abgestellt war und einige Leute nach dem Konsum mit Magen-Darm-Problemen zu kĂ€mpfen hatten. Interessant. Normalerweise habe ich doch den empfindlichen Verdauungstrakt, aber das hier macht mir gar nichts aus. Im Gegenteil. Es ist sogar beinahe lebensrettend. Wahrscheinlich hat die Knobisoße mittags jede Geschmacksknospe zerstört, gastrointestinal betrachtet aber fĂŒr ausreichend Schutz gesorgt. Danke JesĂșs.

ZurĂŒck am Platz – ich habe einen etwas sichereren Stand als im ersten Durchgang – rollt der Ball wieder. Irgendjemand hatte Anstoß. Ich habe keine Ahnung wer. Jetzt gibt es erst recht kein ZurĂŒck mehr. Da mĂŒssen wir jetzt alle durch. Der Puls steigt, die Atmung wird schwer, die HĂ€nde schwitzen. Die Anspannung steigt. Vom Spiel bekomme ich etwas mehr mit, so richtig viel passiert aber nicht. Egal, wir holen das Ding. Ich bin optimistisch, singe etwas lauter. Auf dem Rasen ist eh keine Gefahr, dass irgendwas passiert. Weiter Ball Trapp, KopfbĂ€lle im Mittelfeld. Kann ja nix passieren – wĂŒrde nicht eine Verkettung unglĂŒcklicher Aktionen dafĂŒr sorgen, dass ein gewisser Herr Joe Aribo plötzlich alleine vor unserem Kasten auftaucht. Und einnetzt. Und das Stadion in ein Tollhaus verwandelt. Und mir einen selten zuvor verspĂŒrten Stich ins viel zu wild pochende Herz versetzt. Ich ertappe mich sogar dabei, wie ich auf einen warum auch immer zu unseren Gunsten regulierenden Einsatz des VAR hoffe. Das war ja auch klar Foul. Oder Hand. Mein anderes Ich interveniert zum GlĂŒck sofort. VAR ist böse. Dieser dunkle Gedanke beschreibt dennoch am besten meine Verzweiflung.

In den letzten Tagen hat man sich – bzw. zumindest ich mir – ja immer eingeredet, dass das hier und heute auch schiefgehen kann. Die Rangers haben den großen BVB und die glorreichen Rasenballisten rausgeworfen. Danke dafĂŒr. Aber warum sollen die dann ausgerechnet an der verkackten Eintracht scheitern? Nein, zu 100% siegesgewiss war ich nicht. Ich ertappte mich sogar dabei, wie ich unter der Dusche zur Melodie von „You are my sunshine“ davon sang, dass Eintracht Frankfurt mein Leben ist und ich immer weiter zu ihr stehen werde, auch wenn das Spiel mal verloren geht. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich dabei schon voller Inbrunst dieses Lied mit trĂ€nenĂŒberflutetem Gesicht in den andalusischen Nachthimmel schmettern. Ich war vorbereitet auf die Niederlage, dachte ich. Einen Scheiß war ich, erkenne ich eben gerade. Egal, wie sehr man sich auch einredet, dass wir ganz vielleicht eventuell ohne Pokal nach Hause fahren könnten, wirklich ernsthaft hat man an dieses Szenario nicht gedacht. Im Moment des Gegentors zerreißt es mir alles. Ich kann nicht mal fluchen. Das muss diese vielzitierte Schockstarre sein. Als ich wieder einigermaßen zu mir komme, Ă€ußere ich einen wohl lange gereiften Gedanken: „Warum tut man sich diese Scheiße eigentlich an? Ich hör‘ auf zum Fußball fahren.“

Die Sache ist durch. Wir schießen hier kein Tor mehr. So eine elendige Scheiße. Zum GlĂŒck sind die Spieler etwas optimistischer. LindstrĂžm gleicht beinahe direkt aus, Kamada ist kurze Zeit spĂ€ter noch knapper dran. Wer solche Dinger nicht macht, verliert. Ungeschriebenes Gesetz. Verdammte Hacke. Ich kann nichts machen, außer Stoßgebete Richtung Firmament senden und ansonsten apathisch auf den Rasen zu starren. Und Haare raufen. Im Gegensatz zu Berlin vor vier Jahren asche ich mir heute dabei wenigstens nicht auf den Kopf. Selbst zum Rauchen bin ich zu schwach, von der fehlenden Lust mal ganz abgesehen. Wieso tut man sich sowas eigentlich an? Kein normaler Mensch kann sowas ertragen. Kein normaler Mensch wĂŒrde zur Eintracht fahren.

„JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! Verfickte *******! Ja! Ja Ja!“ Der Ball ist im Tor! Und ich befinde mich ca. fĂŒnf Reihen unter meinem eigentlichen Platz. „Ja verdammt!“ Ihr kennt das ja mittlerweile. Wir schießen ein Tor, ich beleidige wild um mich. Brauch ich halt. Nach dem Urschrei ist es aber nicht die Freude, die ĂŒberwiegt, sondern Erleichterung. Wir sind doch noch nicht tot. Es geht wieder was. Was gut fĂŒr das Spiel – oder besser gesagt fĂŒr den aus unserer Sicht Ausgang des Spiels – ist, ist aber mal sowas von schlecht fĂŒr mein NervenkostĂŒm. Ab jetzt geht gar nichts mehr. Ich bekomme nicht mal wirklich mit, dass Martin den Abgang gemacht hat und daraufhin die UnterstĂŒtzung kurzzeitig gestoppt wird – Gude Besserung! Ich bin eh nicht in der Lage zu singen. Ich bin komplett im Tunnel. Mein Ruhepuls ist abwechselnd bei null und 200. Wahrscheinlich sogar im selben Moment. In gewisser Weise bin ich gerade sogar froh, dass Kate die Woche vorher in strikter QuarantĂ€ne war. So konnte sie mir auch nicht die Haare schneiden, wodurch ich eine relativ griffige Wolle auf der SchĂ€deldecke trage. Hilft ungemein beim stĂ€ndigen Raufen. Genauso froh bin ich ĂŒber Edes Anwesenheit. So kommen wenigstens ab und an mal ein paar dumme SprĂŒche, die uns sogar ab und an mal kichern lassen. Ich glaube, die Ablenkung tut unserem weiteren Umfeld auch gut. Besonders dieses Tier mit der Nummer 3 da hinten drin wird des Öfteren Gegenstand unserer Analysen. Was ein Klotz. Die meiste Zeit wiederhole ich aber mantraartig meine Idee von meinem zukĂŒnftigen Leben. Ich fahr‘ nicht mehr zum Fußball. Das kann kein Mensch aushalten.

Ohne Scheiß, sollte euch irgendjemand mal weismachen wollen, dass so ein Finale ja eine große Party und ein Riesenspaß ist, zeigt dem Vogel einfach den Mittelfinger. Das krasse Gegenteil. Das ist die komplette Hölle. Kein Mensch kann das aushalten. Und dann gibt es noch einen Nachschlag in Form einer VerlĂ€ngerung. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Wieso können wir nicht einfach lockerflockig easypeasy 3:0 gewinnen. WĂ€re wahrscheinlich zu einfach, also ab in den Drama Modus. Bevor es weitergeht, suche ich nochmal den Erfrischungsraum aus. Mehrere HĂ€nde Leitungswasser in Gesicht, Nacken und Haare, anschließend ein Vielfaches davon in den Mund. Schmeckt immer noch gut. Gibt immer noch keine Probleme mit dem BĂ€uchlein.

Als so weiter. Wieder hat jemand Anstoß, wieder weiß ich nicht wer, wieder hinterfrage ich dauernd, was ich hier eigentlich mache und wieso ich nicht einfach samstags zu Hause den Rasen mĂ€he und danach die 59 Cent BratwĂŒrste von Tönnies auf den Grill haue. WĂ€re zwar komplett scheiße, aber wenn man sich keine Gedanken ĂŒber sein Tun macht, hat man wenigstens selbst ein sorgenfreies Leben. Irgendwie zu beneiden, Ă€ndern tun wir eh nix. Welch dystopische Gedanken, besser kann man meinen GemĂŒtszustand aber nicht beschreiben. WĂ€hrenddessen rĂ€umt der Dreier weiterhin alles ab, raufe ich meine Haare, messe meinen Ruhepuls (irgendwo zwischen null und 200. Zur gleichen Zeit) und beschließe endgĂŒltig, mit der Fußballfahrerei aufzuhören. Die Sportschau ist doch auch schön.

Seitenwechsel. Irgendjemand stĂ¶ĂŸt an, keine Ahnung wer. Mir wird immer schlechter. Das ist das letzte Mal, dass ich zum Fußball fahre. Macht doch rational betrachtet alles keinen Sinn. Ansonsten Ă€ndert sich nichts. Bis zu dieser beinahe verhĂ€ngnisvollen 118. Minute. Der Querpass vor unser Tor. Der Abschluss in den beinahe leeren Kasten. Der endgĂŒltige Stich ins Herz, der Schuss in den Kopf, das Fallbeil auf den Nacken. Das Bein Kevin Trapps. Der knapp drĂŒber gehende Nachschuss. Alles geht so schnell, dass ich meine GefĂŒhle nicht beschreiben kann. Als die Gefahr gebannt ist, habe ich ein doppeltes DĂ©jĂ  Vu. Ich fĂŒhle mich zum Einen ins Berliner Olympiastadion versetzt. Mal wieder. Nach Boatengs absolut sauberen Tackling in der gefĂŒhlt 156. Minute hĂ€lt Hradecki den Schuss von – ich glaube – Sandro Wagner. Das war sowas von ein fertiges Tor, die Szene geht in der Nachbetrachtung aber komplett in der Diskussion um die Nicht-Elfmeterentscheidung unter. Ich sehe sofort die Parallele zwischen den beiden Paraden zu diesem spĂ€ten Zeitpunkt im Spiel und ziehe automatisch die Schlussfolgerung: Die Geschichte wiederholt sich immer. Wir gewinnen das Ding heute! Kurze Anmerkung noch hierzu: Ich habe mir gerade nochmal die letzten Minuten des Pokalfinals angeschaut. Immer noch unfassbar. Und es ist immer noch so, als wĂ€re ich im Stadion. Immer noch die Angst, dass die Bayern doch noch den Ausgleich machen. Immer noch diese unaushaltbare Angst wĂ€hrend des VAR Einsatzes, dass der Elfmeterpfiff doch erfolgt. Immer noch diese GĂ€nsehaut bei Gaćinovićs Lauf. Und immer noch TrĂ€nen, wenn der Ball im Netz einschlĂ€gt. Und wieder TrĂ€nen, wenn ich das nur schreibe. Egal, wie der Abend in Sevilla ausgehen wird, gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig wird der 19. Mai 2018 nicht zu toppen sein.

ZurĂŒck ins Hier und Jetzt. Meine zweite Erinnerung ist Ă€hnlich emotional, aber auf einer anderen Ebene. Das sah doch gerade beinahe Eins zu Eins so aus wie in der 110. Minute an der Stamford Bridge, als Haller nach Kostics Flanke quasi genauso vor dem fast leeren Tor stand, wie es gerade eben der StĂŒrmer der Rangers tat. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Tingeltangel Luiz kratzte den Ball von der Linie, wir verloren im Elfmeterschießen. Und da sich die Geschichte immer wiederholt, konnte das nur eines bedeuten: Wer eine solche Chance in der VerlĂ€ngerung vergibt, verliert den Penalty Shoot Out. Und das sind heute eben nicht wir. Wir gewinnen das Ding! Dazu passt auch das, was ich mir – und vielen anderen – schon seit dem Einzug Halbfinale einrede. Merkt euch: Geschichte wiederholt sich. Immer. So wie wir 2017 tragisch (naja, wohl nur aus unserer subjektiver Sicht) das Pokalfinale verloren haben, nur um ein Jahr spĂ€ter umso triumphaler zurĂŒckzukehren, muss es dieses Jahr auch im Europapokal passieren. Das tragische (aus wirklich objektiver Sicht) Scheitern in London 2019 war nur die Vorbereitung, um in der Folgesaison – klammern wir mal zwei Jahre Corona aus. Aber ehrlich gesagt fĂŒhlt sich auch so an, als wĂ€re die Zeit nach dem Salzburgspiel eingefroren worden und es wĂŒrde jetzt erst wieder weitergehen – eben genau in der britischen Kapitale umso triumphaler zurĂŒckzukehren. Das Schicksal will es, dass wir den Cup gewinnen. Der Weg ist vorherbestimmt – man kann ihn nicht Ă€ndern.

Mein Optimismus wehrt nur kurz. SpĂ€testens als es RealitĂ€t ist, dass wir ins Elfmeterschießen gehen, ist der Ofen bei mir wieder aus. Und dabei hab‘ ich kleiner Naivling doch wenige Stunden vorher auf JesĂșs‘ Klappsitzen doch noch große Töne gespuckt. „Wenn ich mir einen Ausgang malen dĂŒrfte, wĂŒrden wir im Elferschießen gewinnen, wobei der letzte Schuss nach Mitternacht ausgefĂŒhrt wird. Auch wenn ich das nervlich nicht aushalten wĂŒrde. Prost!“ Ja, das klĂ€nge perfekt. Nach Mitternacht wĂ€re eben schon der 19. Mai. Historisches Datum. Nicht nur fĂŒr die SGE, auch fĂŒr den kleinen Ösch. Und seine Kate. Immerhin seit einem Jahr der Tag unserer Eheschließung. Ein Zusammenhang mit großen Ereignissen der jĂŒngeren Eintracht-Vergangenheit darf dabei natĂŒrlich vermutet werden. Und was könnte es fĂŒr ein schöneres Geschenk zum ersten Hochzeitstag als eben das beschriebene Szenario geben? Gut, Kate könnt jetzt hier sein. Da hatte jedoch das kugelfischige Virus und der Arbeitgeber etwas dagegen, aber das sind ja Nuancen. Was mir bei meiner Aussage bezĂŒglich „das wĂ€re nervlich nicht auszuhalten“ hingegen nicht bewusst war, ist, was dieser lapidar dahingesagte Satz tatsĂ€chlich bedeutet. Das ist nervlich nĂ€mlich wirklich nicht auszuhalten. Nicht im Ansatz. Im Gegensatz zu den meisten anderen weißen Adlers bin ich aber ganz froh, dass nicht auf das Tor vor unserer Kurve geschossen wird. So sehe ich wenigstens besser. Wobei ich nicht weiß, ob ich ĂŒberhaupt hinschauen soll. Oder das auch ĂŒberhaupt kann. Ich bin heillos ĂŒberfordert mit der Situation. Keiner normaler Mensch kann das aushalten. Kein normaler Mensch geht zur Eintracht. Ich bin zu alt fĂŒr den Scheiß. Ich hör auf mit Fußball.

Diese vage Hoffnung immer, wenn ein Ranger anlĂ€uft, dass er vielleicht verschießt. Dieser riesige Bammel, wenn ein Adler anlĂ€uft, dass er vielleicht verschießt. Diese Erleichterung, wenn der Greifvogel nicht verschossen hat. Dieses ewige Warten, bis endlich der nĂ€chste SchĂŒtze an der Reihe ist. Das ist alles ganz schwer zu ertragen. Und trotzdem motiviere ich mich selbst. Bevor ich mit Fußball aufhöre, will ich heute diesen verfickten Pokal gewinnen. „Alter! Ich will das Ding heute gewinnen!“ Und tatsĂ€chlich, als Aaron Ramsey zum Punkt schreitet, sagt mir eine innere Intuition, dass Trapp den jetzt halten wird. Als das passiert, raste ich kurzzeitig komplett aus. Da musste mal einiges rausgeschrien werden, was sich so angestaut hatte. Erstaunlicherweise fluche ich dabei nicht. Die Angst und der Respekt vorm Scheitern ist noch zu groß. Ein mir unbekannter Fan holt mich – und nicht nur mich – wieder runter. Ruhig bleiben, das ist noch nicht durch. Hast ja recht, danke. Aber wir sind so kurz davor. So verdammt kurz davor. Das darf jetzt nicht mehr schiefgehen, das wĂ€re zu brutal. Kostic trifft. Geil, geil, geil! Die Rangers auch. Kacke, aber egal. Wir haben es in der Hand. Rafael BorrĂ© hat es am Fuß.

Was ging mir 2018 alles durch den Kopf, als Mijat auf das leere Tor zugerannt ist. Komplettes Wirrwarr unter der SchĂ€deldecke. Heute habe ich nur einen einzigen Gedanken. Einen einzigen Wunsch. Ich Ă€ußere ihn in Endlosschleife. GebĂŒckt wie Quasimoto kralle ich meine FingernĂ€gel in die Sitzschale vor mir und raufe mir gleichzeitig die Haare. Wie auch immer das anatomisch möglich ist. „Schieß den scheiß Ball ins Tor!“ Meine Stimme ist ein einziges flehendes Wimmern. Mein Körper und Geist sind nicht mehr kooperativ. Ich weiß nicht, ob meine Angst oder meine Vorfreude grĂ¶ĂŸer ist. Ich will nur eins. „Schieß den verdammten Ball in das verfickte scheiß Tor!“ Es ist wirklich alles, was ich in diesem Moment will. Alles andere ist scheißegal. Ich hab das GefĂŒhl, dass mir noch nie etwas so wichtig war. Und ja, das fĂŒhlt sich richtig schĂ€big an bei dem Zustand, in dem sich die Welt aktuell prĂ€sentiert. Aber es ist nunmal so. Und jeder, der irgendwie emotional in diesen Moment involviert ist, wird es nachvollziehen können. „Schieß einfach nur den Ball ins Tor. Bitte!“ Ich wage einen Blick zu Uhr. 23:53 Uhr. Kacke, sieben Minuten zu frĂŒh. Aber da mĂŒssen persönliche Befindlichkeiten auch einmal einem höheren Ziel weichen. „Bitte! Schieß.Den.Ball.Ins.Tor.“

Als der Ball im Winkel einschlĂ€gt, platzt alles aus mir raus. Wieder kein Tourette, nur ein lautes „JAAAAAAAAAAAAAA!“ Meine weitere Erinnerung an die Sekunden nach dem entscheidenden Moment sind dunkel. Ich fliege quer durch den Block – wie so ungefĂ€hr jeder hier. Irgendwelche schweißgebadeten Kadaver werden umarmt, irgendwann finde ich mich wieder auf meinem Platz ein. Mein Unterkiefer zittert, ich bin völlig ĂŒberwĂ€ltigt, im Gegensatz zu Ede wollen mir aber keine TrĂ€nen kullern. Ich versuche sie zwar rauszupressen, aber es gelingt nicht. Könnte jetzt vermuten, dass ich dehydriert bin, aber so viel Leitungswasser, wie ich in mich reingeschĂŒttet habe, dĂŒrfte das eigentlich nicht der Fall sein. Ich habe eine andere Vermutung. Klar, ich hab‘ das eh noch nicht realisiert. Ich glaube aber tatsĂ€chlich, dass mir neben – oder eher sogar vor - dieser unbĂ€ndigen Freude vor allem eine ungeheure Last abgefallen ist. Das Jahr 2022 war aus persönlicher Sicht bisher ein ziemliches Kackjahr. Einem euphorischen Beginn folgte spĂ€testens ab Ende Januar die große Krise. Mentales Down, Stress, Zukunftsangst, ausgeprĂ€gte (Miflife-)Crisis. Dazu kommt Renovierungsstress zuhause, der ĂŒbliche Kack auf der Maloche, diese stĂ€ndige Anspannung mit dem Fußball. Keine Zeit zum Durchschnaufen. AuswĂ€rtsspiele buchen, den Karten hinterherrennen, bei Heimspielen immer aufmerksam sein, damit möglichst das ganze Umfeld mit Tickets versorgt ist, am Wochenende selber die Schießstiefel schnĂŒren, dabei noch versuchen ins Training zu gehen. Das schlechte Gewissen, wenn mal ein Termin abgesagt wird. Mir war bzw. ist alles zu viel. Bei jeder Kleinigkeit, die von meiner individuellen Planung abweicht, raste ich komplett aus. Da reicht es schon, dass die Bestellung der Sommerreifen nicht so perfekt geklappt hatte, wie ich das hoffte und ich dadurch exakt einmal mehr in die Werkstatt musste. Ich war in dem Moment kurz vorm Zusammenbrechen. Laufen gehen - das, was mich sonst immer komplett runtergeholt hat? Vergiss es. Wenn ich mich mal 5km ĂŒber den Asphalt gequĂ€lt habe, war mein einziger Gedanke, dass die eigentlich lapidare Anstrengung hoffentlich gleich vorĂŒber ist. Einen seit Januar anhaltenden Tinnitus habe ich, die Sache mit erholsamen Schlaf funktioniert auch nicht so wirklich. In der Bude sah es teilweise aus wie Sau, in der Ecke liegt der immer grĂ¶ĂŸer werdende Stapel ungelesener Printerzeugnisse, irgendwie in den Modus, selbst einen der vielen offenen Berichte zu schreiben, kam ich auch nicht. Stattdessen wurde abends auf der Couch einfach sinnlos im WWW rumgesurft. Komplett Banane, aber der Ofen ist gerade aus. Und dabei ist der Ofen doch genau das, was mich ĂŒber Wasser gehalten hat. Immerhin habe ich nĂ€mlich meine Liebe zum Backen erlernt. Verdammt lecker, sag ich euch. Naja, eigentlich sollte ich das nicht euch, sondern wohl eher meinem Psycho-Doc erzĂ€hlen. Der hat jedoch keine Termine fĂŒr mich frei. Warum ich es trotzdem tue, ist ganz einfach. So, wie ich da mit geballten FĂ€usten meine Freude rausposaune, merke ich, wie ich gleichzeitig innerlich gereinigt werde. Ja, ich werde jetzt nicht direkt aus meinem Loch herauskommen. Aber diese stĂ€ndige Anspannung, das stĂ€ndige Planen, das stĂ€ndige Unter-Strom-Stehen, die stĂ€ndige – wohl selbst eingeredete – Verpflichtung, ĂŒberall prĂ€sent zu sein, der stĂ€ndige Termindruck und vor allem diese stĂ€ndige Angst vor der Niederlage – alles das ist erstmal raus. So kann ich auch ganz befreit der Siegerzeremonie folgen. Voller Endorphin, voller Freude – aber nicht in diesem GefĂŒhl der vollkommenen GlĂŒckseligkeit, das ich in Berlin verspĂŒrte. Es stört mich nicht. Im Gegenteil. Der damalige Moment darf gerne einmalig bleiben. So komme ich wenigstens nicht in Versuchung, Vergleiche aufzustellen. Beide Erfolge sind fĂŒr sich gesehen das absolut GrĂ¶ĂŸte. Ich finde sogar meine Singstimme wieder. Im Herzen von Europa. I Love You Baby. Oktavenreich stimme ich in den Chor ein. Mein persönliches Bild des Abends bietet unsere Nippon Connection Kamada und Hasabe Hasebe, wie sie in fernöstlicher ZurĂŒckhaltung mit der TrophĂ€e vorm Block posieren. HerzerwĂ€rmend.

Ein Blick auf’s Handy zeigt mir, dass WhatsApp erstaunlich ruhig ist. Wenn ein Raid in der PokĂ©mon Go Gruppe gemeldet wird, ist da mitunter mehr Traffic. Eine der wenigen Nachrichten bedeutet mir, dass ich dann aber so langsam mal aufbrechen sollte. Wir wollen ja alle unseren Flug erwischen. Um 0:43 Uhr verlasse ich den Block, etwas spĂ€ter das Stadionareal. In den Minuten dazwischen falle ich noch einigen bekannten Gesichtern um den Hals, fĂŒr einen lĂ€ngeren Austausch sind wir alle zu ausgelaugt. Mehr als „Wir sind Europapokalsieger“ wĂ€re eh nicht rumgekommen. Übrigens dĂ€mmert es mir gerade mal wieder. Wir sind Europapokalsieger. Wir, die verkackte Eintracht vom Main. Nur wir sollten heute siegen!

Entgegen der Masse, die Richtung Innenstadt, Fanfest oder was weiß ich wohin will, schlage ich den Weg gen Norden an. Alleine. Das brauche ich jetzt. Das brauche ich in so Momenten öfter. Nach dem Aus an der Stamford Bridge zog es mich zwecks erster Verarbeitung auch allein zu Fuß durch den strömenden Regen in Richtung Victoria Station. Das hat gutgetan. Genauso gut tut es jetzt. Ein Bisschen fĂŒhle ich mich wie Franz Beckenbauer auf dem Rasen des Römer Olympiastadions. Auch wenn ich den Kerl eigentlich nie verstehen kann, seinen gedankenverlorenen Walk ĂŒber den einsamen Rasen verstehe ich dann doch. Getrieben bin ich von einem Gedanken. Einem primitiven Gedanken. Ich habe so unfassbare Lust auf Bier. Das Problem dabei: Wir sind in Sevilla. Und in Sevilla machen – wie ich aus drei Aufenthalten in diesem Jahr (und damit drei in meinem Leben insgesamt) gelernt habe – zur Geisterstunde die LĂ€den dicht. Aber irgendwas sagt mir, dass ich heute noch Erfolg haben werde. Viel ist hier nördlich des Stadions aber nicht los. Kaum Menschen. Ein paar vereinzelte Schotten – immer noch sonnenverbrannt, aber nicht mehr Bier saufend (scheiße, kein Bier mehr?) – stehen wie die berĂŒchtigten HĂ€ufchen Elend in der Gegend rum. Fast alle rufen mich zu ihnen, geben mir die Hand und gratulieren mir mit einen herzzerreißend traurigem Blich zum Sieg. Ich kann mich in diesen Moment nicht freuen. Mit der Erfahrung aus 2017 im Hinterkopf kann ich ihr Leid nachfĂŒhlen. „Ich fĂŒhl euch, trust me“, erwidere ich einem Jeden und klopfe ihnen auf die Schulter. Hier in irgendeiner Form zu jubeln wĂ€re unangebracht. Das kann ich gleich noch machen. Und wie ich das machen werde. Am Kreisel, kurz vorm Parkplatz unseres Bullys, hat tatsĂ€chlich noch eine Bar geöffnet. Und zapft mir leckeres Cruzcampo in ein Glas. Randvoll!

Das erste trinke ich alleine. Auf die Eintracht. Auf den Pokal. Auf Kate. Auf unseren Hochzeitstag. Cheers. Nach und nach trudelt die gesamte Besatzung ein und hat Ă€hnliche Lust auf ein erfrischendes GetrĂ€nk wie ich. Einzig Geburtstagskind MJ ist etwas geknickt wegen des missglĂŒckten Stadionbesuchs. Ich kann es verstehen. Dennoch ist die allgemeine Euphorie nicht zu leugnen. Bis um 3:00 Uhr werden die GlĂ€ser nachgefĂŒllt, dann gibt eine zĂŒnftige KneipenschlĂ€gerei das Signal zum Aufbruch. Kein Adler im blĂŒtenweißen Karnickelpelz und kein Bier saufender und sonnenverbrannter Schotte ist involviert. Die Locals ziehen sich gegenseitig den Barhocker ĂŒber den SchĂ€del, wodurch Sebastian Rode nur noch den Preis fĂŒr die zweitgrĂ¶ĂŸte Platzwunde des Abends verdient. So spektakulĂ€r das auch ist, aber als die Thekenkraft die Policia informiert, machen wir uns vom Acker.
Am Airport MĂĄlaga trennen sich die meisten Wege wieder. MJ und ich haben den ersten Flug. Irgendein abgepacktes Sandwich im gottgepriesenen Meal Deal ist mein erstes Essen seit Ewigkeiten und rettet mich ĂŒber den Flug. Ohne grĂ¶ĂŸere Komplikationen landen wir pĂŒnktlich in der Stadt des aktuellen UEFA Cup Siegers. MJ fĂ€hrt direkt durch, ich laufe noch etwas durch die schönste aller StĂ€dte. Am Römer versorgt mich Knafing mit lauwarmen Binding und Frikadellenbrötchen und ich falle Moritz in die Arme, wodurch sich der Kreis endgĂŒltig schließt. Kennengelernt in Baku, wo die Europareise fĂŒr unsere Generation – klammert man mal den mehr oder weniger zufĂ€lligen Einzug 2006 aus – begann, ĂŒber die Jahre gute Freunde geworden, laufen wir uns hier zufĂ€llig ĂŒber den Haufen. Prost!

LĂ€nger als ein/zwei StĂŒndchen kann ich mich aber nicht mehr motivieren. Der Körper ist endgĂŒltig im *****, das T-Shirt durchgeschwitzt, der Rucksack auf dem Buckel zu schwer. Ich schleppe mich noch ins Nordend, kraxele in den fĂŒnften Stock, kann mich sogar ĂŒberwinden, das Barthaar zu entfernen und eine Dusche zu nehmen, ehe ich ins Bett plumpse und erstmal die Augen schließe. Am spĂ€ten Nachmittag weckt mich die wiedergenese Kate und wir stoßen auf unser JubilĂ€um und den Triumph mit Pizza und Spezi an, wĂ€hrend im Hintergrund die HR Übertragung des Autokorsos lĂ€uft. Aufraffen können wir uns nicht mehr. Never change a running system. 2018 haben wir die Jubelfeier auch gemeinsam am Bildschirm verfolgt, wenn auch damals via Instagram Livestream am Flughafen Nairobis. So, und das war jetzt ziemlich viel Text (und es kommt auch noch was), zusammengefasst bleibt nur eine Sache festzuhalten. WIR sind EUROPAPOKALSIEGER. Basta! Ach, und wir spielen jetzt ja auch in der Champions League. Scheiß Champions League. Die Ausgeburt des Teufels, das GrundĂŒbel des Fußballs. Eigentlich gar keinen Bock drauf, aber ich werde trotzdem hinrennen. Denn eines ist klar: Ich werde weiter zum Fußball fahren.

Bevor wir die TrophĂ€e dann wieder in die pflegende Obhut Peter Feldmanns geben, möchte ich den Text mit einem finalen Gedanken abschließen: Das, was diesen Titelgewinn so besonders macht, ist der Punkt, dass es sich anfĂŒhlt, als hĂ€tte man aktiv dazu beigetragen. Oder besser gesagt: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle einen klitzekleinen Anteil am Erfolg haben. Ohne diese grenzenlose UnterstĂŒtzung, diese unbĂ€ndige Euphorie auf allen Ebenen wĂ€re das nicht möglich gewesen. Da hat ein jeder, der irgendwann und -wo im weißen Shirt im Stadion seinen Schal hochgestreckt hat; jeder, der sich vorm Fernseher die Seele aus dem Leib gebrĂŒllt hat; jeder, der mit dem Adler auf der Brust ĂŒber die Zeil oder durch den Vogelsberg gewandert ist; jeder, der an unserem Ticketsystem verzweifelt ist; jedes Kind, das im Jugendtraining das Trikot von Kostic trĂ€gt; und jeder weitere, der in den letzten Wochen und Jahren in irgendeiner Form den Adler hochgehalten, seinen Beitrag. Aber ganz besonders will ich an dieser Stelle nochmal die aktive Fanszene hervorheben. Ohne diesen erzeugten Europapokalhype, der schon zu Zweitligazeiten (Paderbornska) seinen Anfang nahm und spĂ€testens nach dem Aufstieg so richtig groß wurde und sich aus dem aktiven Kreis auf die restliche Fanszene, den Verein, die Stadt und die ganze Region ausbreitete, hĂ€tten wir nie und nimmer den Europapokal gewonnen. Vielleicht hĂ€tten wir es schaffen können, irgendwann mal zufĂ€llig den DFB Pokal zu gewinnen, aber diese epischen Reisen durch Europa – und das war es 2013/14 schon – hĂ€tten nie und nimmer so erfolgreich stattfinden können. DafĂŒr gilt es auch einfach mal, den Jungs und MĂ€dels, die sich tage-, nĂ€chte-, wochen-, monatelang den ***** aufreißen, danke zu sagen. Bei allen grandiosen Choreos, bei aller epochaler Stimmung, auch bei allen Fehltritten – aber diese Euphorie, dieser Hype und der dadurch entstandene Erfolg ist das grĂ¶ĂŸte, was eine Fanszene erreichen kann. DANKE! Und ja, natĂŒrlich braucht man im Verein, in der Mannschaft und im Umfeld auch Personen, die diese Saat aufnehmen. Und diese haben wir glĂŒcklicherweise. Aber denen wurde ja schon genug gedankt Trotzdem auch hier: DANKE!

Epilog
Es hat nicht lange gedauert. Am Samstag, dem 21. Mai, war ich wieder beim Fußball. (Genaugenommen sogar schon am Freitag, das war aber der heimische Dorfverein. Leider verloren). NatĂŒrlich ohne Eintrachtbezug, um einen Titel ging es aber trotzdem. ThĂŒringenpokal im selten bespielten Stadion der Freundschaft in Gera. Und wĂ€hrend sich da vor einer gut aufgelegten SĂŒdkurve die Teams von Meuselwitz und Jena auf dem Rasen abmĂŒhen, irgendwas zustande zu bekommen, philosophiere ich biertrinkend mit Matze, wie geil wir doch sind und dass wir ja nach den Bayern der wohl mit Abstand erfolgreichste Club Deutschlands der letzten Jahre sind. Zwei Titelgewinne, einmal zusĂ€tzlich im Finale, zweimal zusĂ€tzlich in einem Halbfinale. Kann sich sehen lassen. Ja, und just in diesem Moment ĂŒberkommt mich eine GĂ€nsehaut und ich realisiere so richtig, was da am Mittwoch passiert ist. Wir sind wirklich Europapokalsieger. Das ist ja unfassbar. SpĂ€ter abends zuhause laufen nicht nur Szenen unseres Spiels ĂŒber den Bildschirm, sondern auch TrĂ€nen durch mein Gesicht. Europapokalsieger. Wir alle! Wie gut das tut. Mir persönlich. Es sind jetzt gerade mal vier Tage, aber in denen habe ich total motiviert Sport gemacht, endlich mal wieder einen guten Lauf absolviert, der mir Spaß gemacht hat. Ich habe den Stapel ungelesener Hefte und BĂŒcher in die Hand genommen und angefangen abzuarbeiten. Und wie ihr alle seht, habe ich sogar meine Schreibblockade gelöst. Ich hoffe, dieser Zustand hĂ€lt noch lĂ€nger an. Was auf jeden Fall ewig anhĂ€lt: Eintracht Frankfurt – UEFA Cup Sieger 2022!
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Ok, so langsam habe ich die Sache dann auch realisiert und versucht, das Ganze schriftlich zu verarbeiten.
Achtung: Viel Text! Oder wie ich gerade nach der Vorschau gesehen habe: Verdammt viel Text. Hui. Und wahrscheinlich an mancher Stelle zensiert. Vielleicht quÀlt sich aber trotzdem noch jemand durch

BĂŒhnenreif, der Auftritt in blĂŒtenweißem Karnickelpelz
Vorbei die Zeiten von PrĂŒgeleien um Kippengeld
Alles begann hinterm GĂŒtergleis Richtung Bitterfeld
Und morgen erricht' ich meine Tyrannei in der dritten Welt


Die Euphorie wich schnell der NervositĂ€t. Am frĂŒhen Morgen des 10. Mais, einem Dienstag, verwandelte sich die NervositĂ€t in Angst.

Nichtsahnend warf ich einen Blick auf mein smartes Telefon und erfreute mich daran, dass mir Kate schon zur frĂŒhen Stunde liebevolle GrĂŒĂŸe ins BĂŒro ĂŒbermittelte. Beim Betrachten der digitalen Liebesbotschaft bleib mir das noch nicht angeknabberte FrĂŒhstĂŒck im Halse stecken. Das Bild ihres gerade durchgefĂŒhrten Coronatests zeigte auf Höhe des „T“ eine dicke Linie zu viel an. Was fĂŒr eine Scheiße. In erster Linie natĂŒrlich fĂŒr sie, platzte damit doch ihr vor langem gebuchtes Seminar am Wochenende. Ganz egoistisch betrachtet sah ich jetzt jedoch auch ein Problem auf mich zukommen. Zwar war ich fußball- und eintrachtbedingt ĂŒber das letzte Wochenende physisch von Kate getrennt, allerdings verbrachten wir die letzten Stunden vor dem positiven Test dann engumschlungen im heimischen Bettel. Kam ich bis jetzt unfassbarer Weise noch um eine Infektion herum, stand mir nun der Endgegner bevor. Zum beschissenst möglichen Zeitpunkt. Als einer der wenigen den GĂ€steblock bei Betis gesund verlassen, Barca und West Ham coronafrei ĂŒberlebt – Ersteres mit Fragezeichen, Zweiteres im Gegensatz zu Kate. Die ganze Familie hatte es, mit einer infizierten Kollegin im BĂŒro gehockt – ja, selbst die Omikron-Höhle in der Vereinskneipe des KFC Dessel Sport konnte mir nichts anhaben. Wenn ich jetzt nochmal davonkommen sollte, hatte ich es entweder schon unbemerkt gehabt oder ich bin wirklich immun dagegen. Oder ganz einfach Super Man. Ich konnte nur noch hoffen, dass die Eierlikör-Kur bei den Geiselgangstern im Rahmen der Bembelbar genĂŒgend Schutz aufgebaut hat. Ansonsten findet das Finale ohne mich statt.  

Die Marschroute war klar: Solange ich keine Symptome habe, mache ich auch keinen Test. Selbstredend folgte ich dieser Weisung nur zu 50%. Trotz keinerlei Anzeichen einer Ansteckung bohrte ich dann doch wiederholt in der Nase. Das hat schon etwas von Selbstgeißelung. Die Minuten, bis das Ergebnis angezeigt wird, sind dann doch von einem unangenehmen Kribbeln begleitet. Selten war ich aber so froh ĂŒber negative Ergebnisse. Als ich zum Wochenende hin immer noch quietschfidel war, stellte ich die ÜberprĂŒfung meines Gesundheitszustandes dann auch ein. Da ich von Kate ja auch strikt isoliert war, sollte die Sache jetzt safe sein und die Vorfreude auf den vierten Andalusien- und dritten Sevilla-Aufenthalt in diesem Jahr (und damit dem in meinem ganzen Leben bisher vierten Andalusien- bzw. dritten Sevilla-Aufenthalt insgesamt) konnte beginnen. Immerhin hatte ich mittlerweile auch eine Karte. Und das kostete wieder Nerven. Wer auch immer im Eintracht Ticketservice meinte, mir keine Mails mehr zukommen zu lassen, ist nicht gerade mein bester Freund. WĂ€hrend um mich rum alle ĂŒber ihre Zusagen jubelten oder Absagen weinten, erhielt ich mal wieder keine Info. Wenigstens kam ich im 23. Versuch (stimmt tatsĂ€chlich – damit wesentlich schneller als bei den Barcelona Tickets) in der Hotline durch und die Sache mit den Karten konnte geklĂ€rt werden. Mit den mich nicht erreichenden E-Mails hingegen nicht. Subber Sach. HĂ€tte ich einen Tag lĂ€nger gewartet oder niemanden erreicht, wĂ€ren die Teile einfach verfallen


Damit sollte die Sache jetzt aber safe sein und die Vorfreude auf den vierten Andalusien- und dritten Sevilla-Aufenthalt in diesem Jahr (und damit dem in meinem ganzen Leben bisher vierten Andalusien- bzw. dritten Sevilla-Aufenthalt insgesamt) konnte beginnen. Immerhin hatte ich inzwischen auch einen Flug. Und sogar eine Unterkunft. Letztere gebucht um 4:00 Uhr nachts, als ich wegen Stress aufgrund akuter Unorganisiertheit nicht schlafen konnte. Der obligatorische Check bei Trivago offerierte eine 8,6 auf Booking fĂŒr die Nacht vorm Spiel, mitten im Zentrum, mit Stornooption fĂŒr 120,-€ im DZ. Damit zwar immer noch das vielleicht teuerste Bett, das ich je gebucht hatte, im VerhĂ€ltnis zum sonstigen Markt aber auch eines der grĂ¶ĂŸten SchnĂ€ppchen, die ich je geschossen habe. Zum Vergleich: Der zweitbilligste Eintrag lag bei ca. 600,-€ und war am ***** der Welt. Da kann man auch mal 200,-€ fĂŒr nen RĂŒckflug raushauen. Donnerstagmorgens um 7:00 ab MĂĄlaga ĂŒber Lissabon, Landung FRA 12:40. Gebucht vier Tage nach (!) dem Halbfinale. Ernstgemeinte Frage: Warum hat den sonst fast keiner gebucht? Viel besser geht es doch nicht, gerade in Anbetracht der sonst so gewĂ€hlten Routen und Preise. Das soll sich jetzt nicht so lesen, dass ich mords der Macker bin und alle anderen dumm, wĂŒrde mich aber echt mal interessieren. Wie dem auch sei, die Tage vor dem Finale Grande waren alles andere alles entspannend und nervenschonend. Spaß ist was Anderes. Und um eine Anreise musste ich mich ja auch noch kĂŒmmern. Im Nachhinein blöd, wenn man das aus Aberglauben erst nach erfolgreichem Finaleinzug machen möchte. Im Endeffekt hat alles geklappt. Und damit springen wir auch direkt in den ICE von Frankfurt nach NĂŒrnberg.

Und wieder raus. Noch ein Cider am dortigen Flughafen und lachhafte 8,-€ spĂ€ter sind MJ und ich bereits in Bologna. Einen Fußmarsch, drei BĂŒchsen Moretti bzw. Peroni, ein paar Quizkarten und Ă€hnlich lĂ€cherliche 30,-€ spĂ€ter ist dann auch schon Dienstag, der 17. Mai, und wir befinden uns in MĂĄlaga. Strapazieren wir die Sache nicht ĂŒber. Kurz etwas durch die Gassen gelatscht, was gegessen, hier schon Unmengen sonnenverbrannte und literweise Bier saufende Schotten gesehen und mit BlaBlaCar rĂŒber nach Sevilla. Eingecheckt, die Kombination aus Bierpreisen im Souvenirshop (!) um die Ecke (80 Cent die BĂŒchse) und Dachterrasse ausgenutzt, spĂ€ter in angewachsener Runde unter gefĂŒhlt tausenden sonnenverbrannten und Bier saufenden Schotten unter den Setas de Sevilla gechillt, den Abend dann in noch grĂ¶ĂŸerer Runde in einer Shisha Bar (warum?) am Flussufer ausklingen lassen. Ich war ganz schön voll.

Mittwoch, 18.05.2022, Sevilla

Never change a running system. Vor ziemlich genau vier Jahren waren wir bekanntermaßen zum letzten Mal in einem Finale. Eine kleine Information, die ich in meiner damaligen schriftlichen Ausarbeitung – auf die ich in den folgenden Zeilen Seiten wohl noch öfter Bezug nehmen werde – galanterweise ausgelassen habe, möchte ich hier dann doch ergĂ€nzen. Auf dem Hinweg nach Berlin musste ich mich mehrfach ĂŒbergeben. Meine logische Schlussfolgerung: Kein Titelgewinn und vorheriges Kotzen. Sportliche Höchstleistungen vollbringe ich da, wie ich mir mit dem Finger im Hals die halb verdauten Tapas der letzten Nacht herauswĂŒrge. Voller Einsatz fĂŒr den Pokal! Körperlich geht es mir danach nicht besser. Mit MĂŒhe und Not und nur dank der Hilfe dreier Cola bekomme ich mein erstes Bier des Tages runter. Ich kann nur hoffen, dass mich keiner der zig Schotten um uns herum beobachtet. Literweise Bier saufend, sonnenverbrannt, mittlerweile sogar singend – aber immer freundlich. Wieso sich die RothĂ€ute aber NEBEN einen Sonnenschirm setzen oder trotz Verbrennungen dritten Grades auf dem nackten Oberkörper nur die Mundpartie (!) mit Sonnencreme einschmieren, könnten sie wohl nicht mal verstĂ€ndlich erklĂ€ren, wenn wir sie danach fragen wĂŒrden. Deren Dialekt versteht jetzt wirklich kein Mensch. Ay!

Um 14:15 Uhr wird zum Treffpunkt an einem Park, ca. 2km nördlich des Estadio Estadio RamĂłn SĂĄnchez PizjuĂĄn gerufen. Der Neuner, der uns nach der PokalĂŒbergabe wieder nach MĂĄlaga bringen soll, wird dort ankommen. Kurz Fritz verabschiedet und MJ ĂŒberzeugt, dass ein 45minĂŒtiger Fußweg mit Rucksack bei 40°C die weitaus bessere Idee als eine Uber-Fahrt ist, machen wir uns – Achtung: es folgt die ultimative Phrase – per pedes auf die glĂŒhenden Socken. Unterwegs passieren wir gefĂŒhlt Milliarden sonnenverbrannte und Bier saufende Schotten, aber so langsam auch vermehrt ein paar im blĂŒtenweißen Karnickelpelz gekleidete Adlers. Hier und da werden bekannte Gesichter abgegrĂŒĂŸt, bei manchen freut man sich, bei anderen fragt man sich, was die hier machen – eine Frage, die ich mir zwischenzeitlich auch mehrfach selbst stelle. Völlig dehydriert kommen wir am Parkplatz an. Bevor ich jedem „Gude“ gesagt, bevor ich meinen Rucksack abgelegt, bevor ich mich in den Schatten geworfen und bevor ich den mitgebrachten Kanister Wasser ĂŒber mich geschĂŒttet habe, drĂŒckt mir Ede eine Dose Tinto de Verano in die Hand. Das wĂ€re der Shit. Nee, bei so Freunden brauchste echt keine Offenbacher mehr. Erfrischend ist es dennoch.

Schnell teilt sich die Meute wieder auf. Der eine muss noch schnell ins Hostel, der andere auf’s Fanfest, der Großteil wechselt einfach nur die Straßenseite und kehrt in JesĂșs‘ Edelbistro ein. Hier, nördlich des Stadions, ist von der bevorstehenden Veranstaltung nichts zu erahnen. Keine sonnenverbrannten und Bier saufenden Schotten, keine schneeweißen Adler. Nur ein authentisches StraßencafĂ© mit lokaler Kundschaft. Und uns. Bier aus nur halbgefĂŒllten GlĂ€sern; Pommes mit Aioli, die die Konsistenz von Sperma und eine vermutete Wirkung analog der Anti-Baby-Pille hat; ein Zigarettenautomat, der den FĂŒnfer erst im zehnten Versuch akzeptiert; eine ToilettenspĂŒlung, die die grĂ¶ĂŸeren Ausscheidungen trotz – oder wegen - der vorherrschenden Wasserknappheit erst im dritten Anlauf verabschiedet; eine Thekenkraft, die aus ihrer Unlust keinen Hehl macht – kurz gesagt: Genau unser Ding. Nee, da verzichten wir gerne auf Fanfest oder gar den legendĂ€ren Fanmarsch (Unwort des Jahres!). Warum in der unbarmherzigen Sonne quĂ€len, den ausgelaugten Körper noch mehr Strapazen aussetzen und zu allem Überfluss am Ende noch von den Bullen zusammenknĂŒppelt werden, wenn uns JesĂșs – und nach dessen Feierabend seine unmotivierte Nachfolgerin – schmackhaftes Cruzcampo ausschenkt. OT: Übrigens ist der Cruzcampo Mönch ja wohl mal der geilste BierreprĂ€sentant ĂŒberhaupt.

Hier im Schatten, in der Obhut von JesĂșs, komme ich tatsĂ€chlich wieder zurĂŒck ins Leben. Die Runde ist gesellig. Es ist sogar so gesellig, dass wir den minutiös ausgetĂŒftelten Plan, pĂŒnktlich mit Öffnung der Stadiontore diese zu passieren, kurzfristig ad acta legen. Erst nach der gefĂŒhlt siebten – und in Wahrheit der wahrscheinlich mindestens siebten - wirklich allerletzten Runde bricht der verbliebene Rest auf. Am Stadion vom leider kartenlosen MJ (keine Chance, wirklich so gut wir alles probiert, wie verhext) verabschiedet, zeigt sich, dass unsere spontane Umgestaltung des Zeitplans von beeindruckendem Erfolg gekrönt ist. Exakt null Minuten benötigen wir, um die nicht vorhandene Schlange vor den beiden Ticket- und Taschenkontrollen zu durchschreiten. Es bleibt sogar noch Zeit, um eine 1,5l Flasche Wasser zu teilen. Wie wichtig diese FlĂŒssigkeitszufuhr werden sollte, können wir zu diesem Zeitpunkt trotz schon eingegangener Warnungen noch nicht richtig abschĂ€tzen. Als der letzte Tropfen inhaliert und das finale Drehkreuz ĂŒberquert ist, zeigt die Uhr 20:12 Uhr an. Wir sind zwar mal wieder in schöner GemĂŒtlichkeit versackt und somit viel spĂ€ter als wir eigentlich sollten, aber immer noch mehr als rechtzeitig drin. Aber nicht nur das. Bis hierher war das alles noch halbwegs spaßig. Bis hier war alles abstrakt. Genau jetzt, mit Betreten des Blocks, realisiere ich so richtig, warum zur Hölle wir eigentlich hier sind. Das ist das verschissene UEFA Cup Finale. Und wir spielen mit. Wir. Die verkackte Eintracht. Im Europapokalfinale. Bis hierher hĂ€tte ich gedacht, dass wir unfreiwillige Darsteller bei der Wiedergeburt der Versteckten Kamera sind. Sind wir aber nicht. Das ist real. Wir sind im Finale. Um den Europapokal. Gegen die Glasgow Rangers. Schneeweiße Adler gegen sonnenverbrannte und Bier saufende Schotten. Fußball!

Finale

45 Minuten noch bis zum Anpfiff. Die Beine in eine halbwegs aushaltbare Position bringen, gegen die NervositĂ€t ankĂ€mpfen, Überblick verschaffen. Schon ein paar mehr Gers mehr im Stadion als Adler. Aber gut, denen ist auch alles egal. Keine Chance gegen die auf dem Schwarzmarkt. DafĂŒr hoffentlich im Stadion. Halbe Stunde noch. Kippe. Bisschen Singen. Durchatmen.

Kurz vor Neun ist es soweit. Die offizielle Eröffnungszeremonie auf dem Rasen beginnt. Zum GlĂŒck verdeckt mir die Blockfahne alsbald den Blick darauf, so dass ich die Scheiße nicht sehen muss. Nochmal kurz ĂŒberlegt und schon muss ich meine Aussage revidieren. Ich stehe ja fĂ€hnchenwedelnd unterhalb der Heiligen Diva. Verdammt. Und wieso zur Hölle brennen mir immer so die Schultern, wenn ich ne Papptafel – oder in dem Fall jetzt eine Fahne – hochhalten muss? Aua. Ich muss pissen und ich hab Durst. Aber darum kĂŒmmer ich mich spĂ€ter. Ich Naivling.

Der Ball rollt. Irgendjemand hatte Anstoß. Ich habe keine Ahnung wer. Jedenfalls gibt es jetzt kein ZurĂŒck mehr. Da mĂŒssen wir jetzt alle durch. Der Puls steigt, die Atmung wird schwer, die HĂ€nde schwitzen. Gut, letzteres machen sie eh schon den ganzen Tag. Es sind ja immer noch ĂŒber 30 Grad nach Anders Celsius. Vom Tornetz auf unserer Seite sehe ich nur die obere HĂ€lfte. Wenn ĂŒberhaupt. Welch Kontrast zum 19. Mai 2018. Damals habe ich mich bekanntermaßen mehr oder weniger bewusst auf die GegentribĂŒne gehockt, diesmal noch viel bewusster mitten in den Pulk geschmissen. Es tut auch gut, die ganzen Leidensgenossen um einen rum zu haben. Ich bin nicht alleine. Spaß macht das alles trotzdem nicht. Das Herz rast, ich bin kurz vor Schnappatmung, die HĂ€nde tropfen vor Schweiß. Vom Spiel bekomme ich in der Anfangsphase nicht viel mit. Fast schon mechanisch klatsche ich mal im Takt mit oder singe ein paar Lieder, die richtige BrachialitĂ€t will sich aber nicht einstellen. Ich hauche meine Anfeuerungen eher raus als dass ich eine aktive Hilfe beim Support wĂ€re. Mehr geht nicht. Damit bin ich aber immer noch aktiver als die Gegenseite. Wenigstens etwas.

Schon ist Halbzeit. Das ging ja recht fix, denke ich. So schlimm war es ja gar nicht. Aber verdammte Kacke, wir könnten mal ein Tor schießen. WĂŒrde die Sache vielleicht entspannen. Egal, ich muss ja immer noch pissen. Und habe Durst. Also mal rausgequetscht und Augenzeuge des Chaos geworden. Am ersten Kiosk geht direkt der Rollo runter. Findet nicht jeder so witzig. Bevor es richtig ungemĂŒtlich wird, verziehe ich mich auf die SanitĂ€ranlage. Pipi lassen. Und frisch machen. Mehrere HĂ€nde Leitungswasser in Gesicht, Nacken und Haare, anschließend ein Vielfaches davon in den Mund. Schmeckt ĂŒberraschend gut. Ich erkenne keinen großen Unterschied zum leckeren Leitungswasser aus der östlichen Wetterau. Dementsprechend wiederhole ich diesen Vorgang im Laufe des Abends auch noch einige Male. Da ich auch im Nachgang mit keinerlei Problemen zu kĂ€mpfen habe, wird das Wasser auf jeden Fall trinkbar gewesen sein. Erst im Nachgang erfahre ich, dass das wohl ziemlich verchlort, zwischenzeitlich sogar abgestellt war und einige Leute nach dem Konsum mit Magen-Darm-Problemen zu kĂ€mpfen hatten. Interessant. Normalerweise habe ich doch den empfindlichen Verdauungstrakt, aber das hier macht mir gar nichts aus. Im Gegenteil. Es ist sogar beinahe lebensrettend. Wahrscheinlich hat die Knobisoße mittags jede Geschmacksknospe zerstört, gastrointestinal betrachtet aber fĂŒr ausreichend Schutz gesorgt. Danke JesĂșs.

ZurĂŒck am Platz – ich habe einen etwas sichereren Stand als im ersten Durchgang – rollt der Ball wieder. Irgendjemand hatte Anstoß. Ich habe keine Ahnung wer. Jetzt gibt es erst recht kein ZurĂŒck mehr. Da mĂŒssen wir jetzt alle durch. Der Puls steigt, die Atmung wird schwer, die HĂ€nde schwitzen. Die Anspannung steigt. Vom Spiel bekomme ich etwas mehr mit, so richtig viel passiert aber nicht. Egal, wir holen das Ding. Ich bin optimistisch, singe etwas lauter. Auf dem Rasen ist eh keine Gefahr, dass irgendwas passiert. Weiter Ball Trapp, KopfbĂ€lle im Mittelfeld. Kann ja nix passieren – wĂŒrde nicht eine Verkettung unglĂŒcklicher Aktionen dafĂŒr sorgen, dass ein gewisser Herr Joe Aribo plötzlich alleine vor unserem Kasten auftaucht. Und einnetzt. Und das Stadion in ein Tollhaus verwandelt. Und mir einen selten zuvor verspĂŒrten Stich ins viel zu wild pochende Herz versetzt. Ich ertappe mich sogar dabei, wie ich auf einen warum auch immer zu unseren Gunsten regulierenden Einsatz des VAR hoffe. Das war ja auch klar Foul. Oder Hand. Mein anderes Ich interveniert zum GlĂŒck sofort. VAR ist böse. Dieser dunkle Gedanke beschreibt dennoch am besten meine Verzweiflung.

In den letzten Tagen hat man sich – bzw. zumindest ich mir – ja immer eingeredet, dass das hier und heute auch schiefgehen kann. Die Rangers haben den großen BVB und die glorreichen Rasenballisten rausgeworfen. Danke dafĂŒr. Aber warum sollen die dann ausgerechnet an der verkackten Eintracht scheitern? Nein, zu 100% siegesgewiss war ich nicht. Ich ertappte mich sogar dabei, wie ich unter der Dusche zur Melodie von „You are my sunshine“ davon sang, dass Eintracht Frankfurt mein Leben ist und ich immer weiter zu ihr stehen werde, auch wenn das Spiel mal verloren geht. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich dabei schon voller Inbrunst dieses Lied mit trĂ€nenĂŒberflutetem Gesicht in den andalusischen Nachthimmel schmettern. Ich war vorbereitet auf die Niederlage, dachte ich. Einen Scheiß war ich, erkenne ich eben gerade. Egal, wie sehr man sich auch einredet, dass wir ganz vielleicht eventuell ohne Pokal nach Hause fahren könnten, wirklich ernsthaft hat man an dieses Szenario nicht gedacht. Im Moment des Gegentors zerreißt es mir alles. Ich kann nicht mal fluchen. Das muss diese vielzitierte Schockstarre sein. Als ich wieder einigermaßen zu mir komme, Ă€ußere ich einen wohl lange gereiften Gedanken: „Warum tut man sich diese Scheiße eigentlich an? Ich hör‘ auf zum Fußball fahren.“

Die Sache ist durch. Wir schießen hier kein Tor mehr. So eine elendige Scheiße. Zum GlĂŒck sind die Spieler etwas optimistischer. LindstrĂžm gleicht beinahe direkt aus, Kamada ist kurze Zeit spĂ€ter noch knapper dran. Wer solche Dinger nicht macht, verliert. Ungeschriebenes Gesetz. Verdammte Hacke. Ich kann nichts machen, außer Stoßgebete Richtung Firmament senden und ansonsten apathisch auf den Rasen zu starren. Und Haare raufen. Im Gegensatz zu Berlin vor vier Jahren asche ich mir heute dabei wenigstens nicht auf den Kopf. Selbst zum Rauchen bin ich zu schwach, von der fehlenden Lust mal ganz abgesehen. Wieso tut man sich sowas eigentlich an? Kein normaler Mensch kann sowas ertragen. Kein normaler Mensch wĂŒrde zur Eintracht fahren.

„JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! Verfickte *******! Ja! Ja Ja!“ Der Ball ist im Tor! Und ich befinde mich ca. fĂŒnf Reihen unter meinem eigentlichen Platz. „Ja verdammt!“ Ihr kennt das ja mittlerweile. Wir schießen ein Tor, ich beleidige wild um mich. Brauch ich halt. Nach dem Urschrei ist es aber nicht die Freude, die ĂŒberwiegt, sondern Erleichterung. Wir sind doch noch nicht tot. Es geht wieder was. Was gut fĂŒr das Spiel – oder besser gesagt fĂŒr den aus unserer Sicht Ausgang des Spiels – ist, ist aber mal sowas von schlecht fĂŒr mein NervenkostĂŒm. Ab jetzt geht gar nichts mehr. Ich bekomme nicht mal wirklich mit, dass Martin den Abgang gemacht hat und daraufhin die UnterstĂŒtzung kurzzeitig gestoppt wird – Gude Besserung! Ich bin eh nicht in der Lage zu singen. Ich bin komplett im Tunnel. Mein Ruhepuls ist abwechselnd bei null und 200. Wahrscheinlich sogar im selben Moment. In gewisser Weise bin ich gerade sogar froh, dass Kate die Woche vorher in strikter QuarantĂ€ne war. So konnte sie mir auch nicht die Haare schneiden, wodurch ich eine relativ griffige Wolle auf der SchĂ€deldecke trage. Hilft ungemein beim stĂ€ndigen Raufen. Genauso froh bin ich ĂŒber Edes Anwesenheit. So kommen wenigstens ab und an mal ein paar dumme SprĂŒche, die uns sogar ab und an mal kichern lassen. Ich glaube, die Ablenkung tut unserem weiteren Umfeld auch gut. Besonders dieses Tier mit der Nummer 3 da hinten drin wird des Öfteren Gegenstand unserer Analysen. Was ein Klotz. Die meiste Zeit wiederhole ich aber mantraartig meine Idee von meinem zukĂŒnftigen Leben. Ich fahr‘ nicht mehr zum Fußball. Das kann kein Mensch aushalten.

Ohne Scheiß, sollte euch irgendjemand mal weismachen wollen, dass so ein Finale ja eine große Party und ein Riesenspaß ist, zeigt dem Vogel einfach den Mittelfinger. Das krasse Gegenteil. Das ist die komplette Hölle. Kein Mensch kann das aushalten. Und dann gibt es noch einen Nachschlag in Form einer VerlĂ€ngerung. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Wieso können wir nicht einfach lockerflockig easypeasy 3:0 gewinnen. WĂ€re wahrscheinlich zu einfach, also ab in den Drama Modus. Bevor es weitergeht, suche ich nochmal den Erfrischungsraum aus. Mehrere HĂ€nde Leitungswasser in Gesicht, Nacken und Haare, anschließend ein Vielfaches davon in den Mund. Schmeckt immer noch gut. Gibt immer noch keine Probleme mit dem BĂ€uchlein.

Als so weiter. Wieder hat jemand Anstoß, wieder weiß ich nicht wer, wieder hinterfrage ich dauernd, was ich hier eigentlich mache und wieso ich nicht einfach samstags zu Hause den Rasen mĂ€he und danach die 59 Cent BratwĂŒrste von Tönnies auf den Grill haue. WĂ€re zwar komplett scheiße, aber wenn man sich keine Gedanken ĂŒber sein Tun macht, hat man wenigstens selbst ein sorgenfreies Leben. Irgendwie zu beneiden, Ă€ndern tun wir eh nix. Welch dystopische Gedanken, besser kann man meinen GemĂŒtszustand aber nicht beschreiben. WĂ€hrenddessen rĂ€umt der Dreier weiterhin alles ab, raufe ich meine Haare, messe meinen Ruhepuls (irgendwo zwischen null und 200. Zur gleichen Zeit) und beschließe endgĂŒltig, mit der Fußballfahrerei aufzuhören. Die Sportschau ist doch auch schön.

Seitenwechsel. Irgendjemand stĂ¶ĂŸt an, keine Ahnung wer. Mir wird immer schlechter. Das ist das letzte Mal, dass ich zum Fußball fahre. Macht doch rational betrachtet alles keinen Sinn. Ansonsten Ă€ndert sich nichts. Bis zu dieser beinahe verhĂ€ngnisvollen 118. Minute. Der Querpass vor unser Tor. Der Abschluss in den beinahe leeren Kasten. Der endgĂŒltige Stich ins Herz, der Schuss in den Kopf, das Fallbeil auf den Nacken. Das Bein Kevin Trapps. Der knapp drĂŒber gehende Nachschuss. Alles geht so schnell, dass ich meine GefĂŒhle nicht beschreiben kann. Als die Gefahr gebannt ist, habe ich ein doppeltes DĂ©jĂ  Vu. Ich fĂŒhle mich zum Einen ins Berliner Olympiastadion versetzt. Mal wieder. Nach Boatengs absolut sauberen Tackling in der gefĂŒhlt 156. Minute hĂ€lt Hradecki den Schuss von – ich glaube – Sandro Wagner. Das war sowas von ein fertiges Tor, die Szene geht in der Nachbetrachtung aber komplett in der Diskussion um die Nicht-Elfmeterentscheidung unter. Ich sehe sofort die Parallele zwischen den beiden Paraden zu diesem spĂ€ten Zeitpunkt im Spiel und ziehe automatisch die Schlussfolgerung: Die Geschichte wiederholt sich immer. Wir gewinnen das Ding heute! Kurze Anmerkung noch hierzu: Ich habe mir gerade nochmal die letzten Minuten des Pokalfinals angeschaut. Immer noch unfassbar. Und es ist immer noch so, als wĂ€re ich im Stadion. Immer noch die Angst, dass die Bayern doch noch den Ausgleich machen. Immer noch diese unaushaltbare Angst wĂ€hrend des VAR Einsatzes, dass der Elfmeterpfiff doch erfolgt. Immer noch diese GĂ€nsehaut bei Gaćinovićs Lauf. Und immer noch TrĂ€nen, wenn der Ball im Netz einschlĂ€gt. Und wieder TrĂ€nen, wenn ich das nur schreibe. Egal, wie der Abend in Sevilla ausgehen wird, gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig wird der 19. Mai 2018 nicht zu toppen sein.

ZurĂŒck ins Hier und Jetzt. Meine zweite Erinnerung ist Ă€hnlich emotional, aber auf einer anderen Ebene. Das sah doch gerade beinahe Eins zu Eins so aus wie in der 110. Minute an der Stamford Bridge, als Haller nach Kostics Flanke quasi genauso vor dem fast leeren Tor stand, wie es gerade eben der StĂŒrmer der Rangers tat. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Tingeltangel Luiz kratzte den Ball von der Linie, wir verloren im Elfmeterschießen. Und da sich die Geschichte immer wiederholt, konnte das nur eines bedeuten: Wer eine solche Chance in der VerlĂ€ngerung vergibt, verliert den Penalty Shoot Out. Und das sind heute eben nicht wir. Wir gewinnen das Ding! Dazu passt auch das, was ich mir – und vielen anderen – schon seit dem Einzug Halbfinale einrede. Merkt euch: Geschichte wiederholt sich. Immer. So wie wir 2017 tragisch (naja, wohl nur aus unserer subjektiver Sicht) das Pokalfinale verloren haben, nur um ein Jahr spĂ€ter umso triumphaler zurĂŒckzukehren, muss es dieses Jahr auch im Europapokal passieren. Das tragische (aus wirklich objektiver Sicht) Scheitern in London 2019 war nur die Vorbereitung, um in der Folgesaison – klammern wir mal zwei Jahre Corona aus. Aber ehrlich gesagt fĂŒhlt sich auch so an, als wĂ€re die Zeit nach dem Salzburgspiel eingefroren worden und es wĂŒrde jetzt erst wieder weitergehen – eben genau in der britischen Kapitale umso triumphaler zurĂŒckzukehren. Das Schicksal will es, dass wir den Cup gewinnen. Der Weg ist vorherbestimmt – man kann ihn nicht Ă€ndern.

Mein Optimismus wehrt nur kurz. SpĂ€testens als es RealitĂ€t ist, dass wir ins Elfmeterschießen gehen, ist der Ofen bei mir wieder aus. Und dabei hab‘ ich kleiner Naivling doch wenige Stunden vorher auf JesĂșs‘ Klappsitzen doch noch große Töne gespuckt. „Wenn ich mir einen Ausgang malen dĂŒrfte, wĂŒrden wir im Elferschießen gewinnen, wobei der letzte Schuss nach Mitternacht ausgefĂŒhrt wird. Auch wenn ich das nervlich nicht aushalten wĂŒrde. Prost!“ Ja, das klĂ€nge perfekt. Nach Mitternacht wĂ€re eben schon der 19. Mai. Historisches Datum. Nicht nur fĂŒr die SGE, auch fĂŒr den kleinen Ösch. Und seine Kate. Immerhin seit einem Jahr der Tag unserer Eheschließung. Ein Zusammenhang mit großen Ereignissen der jĂŒngeren Eintracht-Vergangenheit darf dabei natĂŒrlich vermutet werden. Und was könnte es fĂŒr ein schöneres Geschenk zum ersten Hochzeitstag als eben das beschriebene Szenario geben? Gut, Kate könnt jetzt hier sein. Da hatte jedoch das kugelfischige Virus und der Arbeitgeber etwas dagegen, aber das sind ja Nuancen. Was mir bei meiner Aussage bezĂŒglich „das wĂ€re nervlich nicht auszuhalten“ hingegen nicht bewusst war, ist, was dieser lapidar dahingesagte Satz tatsĂ€chlich bedeutet. Das ist nervlich nĂ€mlich wirklich nicht auszuhalten. Nicht im Ansatz. Im Gegensatz zu den meisten anderen weißen Adlers bin ich aber ganz froh, dass nicht auf das Tor vor unserer Kurve geschossen wird. So sehe ich wenigstens besser. Wobei ich nicht weiß, ob ich ĂŒberhaupt hinschauen soll. Oder das auch ĂŒberhaupt kann. Ich bin heillos ĂŒberfordert mit der Situation. Keiner normaler Mensch kann das aushalten. Kein normaler Mensch geht zur Eintracht. Ich bin zu alt fĂŒr den Scheiß. Ich hör auf mit Fußball.

Diese vage Hoffnung immer, wenn ein Ranger anlĂ€uft, dass er vielleicht verschießt. Dieser riesige Bammel, wenn ein Adler anlĂ€uft, dass er vielleicht verschießt. Diese Erleichterung, wenn der Greifvogel nicht verschossen hat. Dieses ewige Warten, bis endlich der nĂ€chste SchĂŒtze an der Reihe ist. Das ist alles ganz schwer zu ertragen. Und trotzdem motiviere ich mich selbst. Bevor ich mit Fußball aufhöre, will ich heute diesen verfickten Pokal gewinnen. „Alter! Ich will das Ding heute gewinnen!“ Und tatsĂ€chlich, als Aaron Ramsey zum Punkt schreitet, sagt mir eine innere Intuition, dass Trapp den jetzt halten wird. Als das passiert, raste ich kurzzeitig komplett aus. Da musste mal einiges rausgeschrien werden, was sich so angestaut hatte. Erstaunlicherweise fluche ich dabei nicht. Die Angst und der Respekt vorm Scheitern ist noch zu groß. Ein mir unbekannter Fan holt mich – und nicht nur mich – wieder runter. Ruhig bleiben, das ist noch nicht durch. Hast ja recht, danke. Aber wir sind so kurz davor. So verdammt kurz davor. Das darf jetzt nicht mehr schiefgehen, das wĂ€re zu brutal. Kostic trifft. Geil, geil, geil! Die Rangers auch. Kacke, aber egal. Wir haben es in der Hand. Rafael BorrĂ© hat es am Fuß.

Was ging mir 2018 alles durch den Kopf, als Mijat auf das leere Tor zugerannt ist. Komplettes Wirrwarr unter der SchĂ€deldecke. Heute habe ich nur einen einzigen Gedanken. Einen einzigen Wunsch. Ich Ă€ußere ihn in Endlosschleife. GebĂŒckt wie Quasimoto kralle ich meine FingernĂ€gel in die Sitzschale vor mir und raufe mir gleichzeitig die Haare. Wie auch immer das anatomisch möglich ist. „Schieß den scheiß Ball ins Tor!“ Meine Stimme ist ein einziges flehendes Wimmern. Mein Körper und Geist sind nicht mehr kooperativ. Ich weiß nicht, ob meine Angst oder meine Vorfreude grĂ¶ĂŸer ist. Ich will nur eins. „Schieß den verdammten Ball in das verfickte scheiß Tor!“ Es ist wirklich alles, was ich in diesem Moment will. Alles andere ist scheißegal. Ich hab das GefĂŒhl, dass mir noch nie etwas so wichtig war. Und ja, das fĂŒhlt sich richtig schĂ€big an bei dem Zustand, in dem sich die Welt aktuell prĂ€sentiert. Aber es ist nunmal so. Und jeder, der irgendwie emotional in diesen Moment involviert ist, wird es nachvollziehen können. „Schieß einfach nur den Ball ins Tor. Bitte!“ Ich wage einen Blick zu Uhr. 23:53 Uhr. Kacke, sieben Minuten zu frĂŒh. Aber da mĂŒssen persönliche Befindlichkeiten auch einmal einem höheren Ziel weichen. „Bitte! Schieß.Den.Ball.Ins.Tor.“

Als der Ball im Winkel einschlĂ€gt, platzt alles aus mir raus. Wieder kein Tourette, nur ein lautes „JAAAAAAAAAAAAAA!“ Meine weitere Erinnerung an die Sekunden nach dem entscheidenden Moment sind dunkel. Ich fliege quer durch den Block – wie so ungefĂ€hr jeder hier. Irgendwelche schweißgebadeten Kadaver werden umarmt, irgendwann finde ich mich wieder auf meinem Platz ein. Mein Unterkiefer zittert, ich bin völlig ĂŒberwĂ€ltigt, im Gegensatz zu Ede wollen mir aber keine TrĂ€nen kullern. Ich versuche sie zwar rauszupressen, aber es gelingt nicht. Könnte jetzt vermuten, dass ich dehydriert bin, aber so viel Leitungswasser, wie ich in mich reingeschĂŒttet habe, dĂŒrfte das eigentlich nicht der Fall sein. Ich habe eine andere Vermutung. Klar, ich hab‘ das eh noch nicht realisiert. Ich glaube aber tatsĂ€chlich, dass mir neben – oder eher sogar vor - dieser unbĂ€ndigen Freude vor allem eine ungeheure Last abgefallen ist. Das Jahr 2022 war aus persönlicher Sicht bisher ein ziemliches Kackjahr. Einem euphorischen Beginn folgte spĂ€testens ab Ende Januar die große Krise. Mentales Down, Stress, Zukunftsangst, ausgeprĂ€gte (Miflife-)Crisis. Dazu kommt Renovierungsstress zuhause, der ĂŒbliche Kack auf der Maloche, diese stĂ€ndige Anspannung mit dem Fußball. Keine Zeit zum Durchschnaufen. AuswĂ€rtsspiele buchen, den Karten hinterherrennen, bei Heimspielen immer aufmerksam sein, damit möglichst das ganze Umfeld mit Tickets versorgt ist, am Wochenende selber die Schießstiefel schnĂŒren, dabei noch versuchen ins Training zu gehen. Das schlechte Gewissen, wenn mal ein Termin abgesagt wird. Mir war bzw. ist alles zu viel. Bei jeder Kleinigkeit, die von meiner individuellen Planung abweicht, raste ich komplett aus. Da reicht es schon, dass die Bestellung der Sommerreifen nicht so perfekt geklappt hatte, wie ich das hoffte und ich dadurch exakt einmal mehr in die Werkstatt musste. Ich war in dem Moment kurz vorm Zusammenbrechen. Laufen gehen - das, was mich sonst immer komplett runtergeholt hat? Vergiss es. Wenn ich mich mal 5km ĂŒber den Asphalt gequĂ€lt habe, war mein einziger Gedanke, dass die eigentlich lapidare Anstrengung hoffentlich gleich vorĂŒber ist. Einen seit Januar anhaltenden Tinnitus habe ich, die Sache mit erholsamen Schlaf funktioniert auch nicht so wirklich. In der Bude sah es teilweise aus wie Sau, in der Ecke liegt der immer grĂ¶ĂŸer werdende Stapel ungelesener Printerzeugnisse, irgendwie in den Modus, selbst einen der vielen offenen Berichte zu schreiben, kam ich auch nicht. Stattdessen wurde abends auf der Couch einfach sinnlos im WWW rumgesurft. Komplett Banane, aber der Ofen ist gerade aus. Und dabei ist der Ofen doch genau das, was mich ĂŒber Wasser gehalten hat. Immerhin habe ich nĂ€mlich meine Liebe zum Backen erlernt. Verdammt lecker, sag ich euch. Naja, eigentlich sollte ich das nicht euch, sondern wohl eher meinem Psycho-Doc erzĂ€hlen. Der hat jedoch keine Termine fĂŒr mich frei. Warum ich es trotzdem tue, ist ganz einfach. So, wie ich da mit geballten FĂ€usten meine Freude rausposaune, merke ich, wie ich gleichzeitig innerlich gereinigt werde. Ja, ich werde jetzt nicht direkt aus meinem Loch herauskommen. Aber diese stĂ€ndige Anspannung, das stĂ€ndige Planen, das stĂ€ndige Unter-Strom-Stehen, die stĂ€ndige – wohl selbst eingeredete – Verpflichtung, ĂŒberall prĂ€sent zu sein, der stĂ€ndige Termindruck und vor allem diese stĂ€ndige Angst vor der Niederlage – alles das ist erstmal raus. So kann ich auch ganz befreit der Siegerzeremonie folgen. Voller Endorphin, voller Freude – aber nicht in diesem GefĂŒhl der vollkommenen GlĂŒckseligkeit, das ich in Berlin verspĂŒrte. Es stört mich nicht. Im Gegenteil. Der damalige Moment darf gerne einmalig bleiben. So komme ich wenigstens nicht in Versuchung, Vergleiche aufzustellen. Beide Erfolge sind fĂŒr sich gesehen das absolut GrĂ¶ĂŸte. Ich finde sogar meine Singstimme wieder. Im Herzen von Europa. I Love You Baby. Oktavenreich stimme ich in den Chor ein. Mein persönliches Bild des Abends bietet unsere Nippon Connection Kamada und Hasabe Hasebe, wie sie in fernöstlicher ZurĂŒckhaltung mit der TrophĂ€e vorm Block posieren. HerzerwĂ€rmend.

Ein Blick auf’s Handy zeigt mir, dass WhatsApp erstaunlich ruhig ist. Wenn ein Raid in der PokĂ©mon Go Gruppe gemeldet wird, ist da mitunter mehr Traffic. Eine der wenigen Nachrichten bedeutet mir, dass ich dann aber so langsam mal aufbrechen sollte. Wir wollen ja alle unseren Flug erwischen. Um 0:43 Uhr verlasse ich den Block, etwas spĂ€ter das Stadionareal. In den Minuten dazwischen falle ich noch einigen bekannten Gesichtern um den Hals, fĂŒr einen lĂ€ngeren Austausch sind wir alle zu ausgelaugt. Mehr als „Wir sind Europapokalsieger“ wĂ€re eh nicht rumgekommen. Übrigens dĂ€mmert es mir gerade mal wieder. Wir sind Europapokalsieger. Wir, die verkackte Eintracht vom Main. Nur wir sollten heute siegen!

Entgegen der Masse, die Richtung Innenstadt, Fanfest oder was weiß ich wohin will, schlage ich den Weg gen Norden an. Alleine. Das brauche ich jetzt. Das brauche ich in so Momenten öfter. Nach dem Aus an der Stamford Bridge zog es mich zwecks erster Verarbeitung auch allein zu Fuß durch den strömenden Regen in Richtung Victoria Station. Das hat gutgetan. Genauso gut tut es jetzt. Ein Bisschen fĂŒhle ich mich wie Franz Beckenbauer auf dem Rasen des Römer Olympiastadions. Auch wenn ich den Kerl eigentlich nie verstehen kann, seinen gedankenverlorenen Walk ĂŒber den einsamen Rasen verstehe ich dann doch. Getrieben bin ich von einem Gedanken. Einem primitiven Gedanken. Ich habe so unfassbare Lust auf Bier. Das Problem dabei: Wir sind in Sevilla. Und in Sevilla machen – wie ich aus drei Aufenthalten in diesem Jahr (und damit drei in meinem Leben insgesamt) gelernt habe – zur Geisterstunde die LĂ€den dicht. Aber irgendwas sagt mir, dass ich heute noch Erfolg haben werde. Viel ist hier nördlich des Stadions aber nicht los. Kaum Menschen. Ein paar vereinzelte Schotten – immer noch sonnenverbrannt, aber nicht mehr Bier saufend (scheiße, kein Bier mehr?) – stehen wie die berĂŒchtigten HĂ€ufchen Elend in der Gegend rum. Fast alle rufen mich zu ihnen, geben mir die Hand und gratulieren mir mit einen herzzerreißend traurigem Blich zum Sieg. Ich kann mich in diesen Moment nicht freuen. Mit der Erfahrung aus 2017 im Hinterkopf kann ich ihr Leid nachfĂŒhlen. „Ich fĂŒhl euch, trust me“, erwidere ich einem Jeden und klopfe ihnen auf die Schulter. Hier in irgendeiner Form zu jubeln wĂ€re unangebracht. Das kann ich gleich noch machen. Und wie ich das machen werde. Am Kreisel, kurz vorm Parkplatz unseres Bullys, hat tatsĂ€chlich noch eine Bar geöffnet. Und zapft mir leckeres Cruzcampo in ein Glas. Randvoll!

Das erste trinke ich alleine. Auf die Eintracht. Auf den Pokal. Auf Kate. Auf unseren Hochzeitstag. Cheers. Nach und nach trudelt die gesamte Besatzung ein und hat Ă€hnliche Lust auf ein erfrischendes GetrĂ€nk wie ich. Einzig Geburtstagskind MJ ist etwas geknickt wegen des missglĂŒckten Stadionbesuchs. Ich kann es verstehen. Dennoch ist die allgemeine Euphorie nicht zu leugnen. Bis um 3:00 Uhr werden die GlĂ€ser nachgefĂŒllt, dann gibt eine zĂŒnftige KneipenschlĂ€gerei das Signal zum Aufbruch. Kein Adler im blĂŒtenweißen Karnickelpelz und kein Bier saufender und sonnenverbrannter Schotte ist involviert. Die Locals ziehen sich gegenseitig den Barhocker ĂŒber den SchĂ€del, wodurch Sebastian Rode nur noch den Preis fĂŒr die zweitgrĂ¶ĂŸte Platzwunde des Abends verdient. So spektakulĂ€r das auch ist, aber als die Thekenkraft die Policia informiert, machen wir uns vom Acker.
Am Airport MĂĄlaga trennen sich die meisten Wege wieder. MJ und ich haben den ersten Flug. Irgendein abgepacktes Sandwich im gottgepriesenen Meal Deal ist mein erstes Essen seit Ewigkeiten und rettet mich ĂŒber den Flug. Ohne grĂ¶ĂŸere Komplikationen landen wir pĂŒnktlich in der Stadt des aktuellen UEFA Cup Siegers. MJ fĂ€hrt direkt durch, ich laufe noch etwas durch die schönste aller StĂ€dte. Am Römer versorgt mich Knafing mit lauwarmen Binding und Frikadellenbrötchen und ich falle Moritz in die Arme, wodurch sich der Kreis endgĂŒltig schließt. Kennengelernt in Baku, wo die Europareise fĂŒr unsere Generation – klammert man mal den mehr oder weniger zufĂ€lligen Einzug 2006 aus – begann, ĂŒber die Jahre gute Freunde geworden, laufen wir uns hier zufĂ€llig ĂŒber den Haufen. Prost!

LĂ€nger als ein/zwei StĂŒndchen kann ich mich aber nicht mehr motivieren. Der Körper ist endgĂŒltig im *****, das T-Shirt durchgeschwitzt, der Rucksack auf dem Buckel zu schwer. Ich schleppe mich noch ins Nordend, kraxele in den fĂŒnften Stock, kann mich sogar ĂŒberwinden, das Barthaar zu entfernen und eine Dusche zu nehmen, ehe ich ins Bett plumpse und erstmal die Augen schließe. Am spĂ€ten Nachmittag weckt mich die wiedergenese Kate und wir stoßen auf unser JubilĂ€um und den Triumph mit Pizza und Spezi an, wĂ€hrend im Hintergrund die HR Übertragung des Autokorsos lĂ€uft. Aufraffen können wir uns nicht mehr. Never change a running system. 2018 haben wir die Jubelfeier auch gemeinsam am Bildschirm verfolgt, wenn auch damals via Instagram Livestream am Flughafen Nairobis. So, und das war jetzt ziemlich viel Text (und es kommt auch noch was), zusammengefasst bleibt nur eine Sache festzuhalten. WIR sind EUROPAPOKALSIEGER. Basta! Ach, und wir spielen jetzt ja auch in der Champions League. Scheiß Champions League. Die Ausgeburt des Teufels, das GrundĂŒbel des Fußballs. Eigentlich gar keinen Bock drauf, aber ich werde trotzdem hinrennen. Denn eines ist klar: Ich werde weiter zum Fußball fahren.

Bevor wir die TrophĂ€e dann wieder in die pflegende Obhut Peter Feldmanns geben, möchte ich den Text mit einem finalen Gedanken abschließen: Das, was diesen Titelgewinn so besonders macht, ist der Punkt, dass es sich anfĂŒhlt, als hĂ€tte man aktiv dazu beigetragen. Oder besser gesagt: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle einen klitzekleinen Anteil am Erfolg haben. Ohne diese grenzenlose UnterstĂŒtzung, diese unbĂ€ndige Euphorie auf allen Ebenen wĂ€re das nicht möglich gewesen. Da hat ein jeder, der irgendwann und -wo im weißen Shirt im Stadion seinen Schal hochgestreckt hat; jeder, der sich vorm Fernseher die Seele aus dem Leib gebrĂŒllt hat; jeder, der mit dem Adler auf der Brust ĂŒber die Zeil oder durch den Vogelsberg gewandert ist; jeder, der an unserem Ticketsystem verzweifelt ist; jedes Kind, das im Jugendtraining das Trikot von Kostic trĂ€gt; und jeder weitere, der in den letzten Wochen und Jahren in irgendeiner Form den Adler hochgehalten, seinen Beitrag. Aber ganz besonders will ich an dieser Stelle nochmal die aktive Fanszene hervorheben. Ohne diesen erzeugten Europapokalhype, der schon zu Zweitligazeiten (Paderbornska) seinen Anfang nahm und spĂ€testens nach dem Aufstieg so richtig groß wurde und sich aus dem aktiven Kreis auf die restliche Fanszene, den Verein, die Stadt und die ganze Region ausbreitete, hĂ€tten wir nie und nimmer den Europapokal gewonnen. Vielleicht hĂ€tten wir es schaffen können, irgendwann mal zufĂ€llig den DFB Pokal zu gewinnen, aber diese epischen Reisen durch Europa – und das war es 2013/14 schon – hĂ€tten nie und nimmer so erfolgreich stattfinden können. DafĂŒr gilt es auch einfach mal, den Jungs und MĂ€dels, die sich tage-, nĂ€chte-, wochen-, monatelang den ***** aufreißen, danke zu sagen. Bei allen grandiosen Choreos, bei aller epochaler Stimmung, auch bei allen Fehltritten – aber diese Euphorie, dieser Hype und der dadurch entstandene Erfolg ist das grĂ¶ĂŸte, was eine Fanszene erreichen kann. DANKE! Und ja, natĂŒrlich braucht man im Verein, in der Mannschaft und im Umfeld auch Personen, die diese Saat aufnehmen. Und diese haben wir glĂŒcklicherweise. Aber denen wurde ja schon genug gedankt Trotzdem auch hier: DANKE!

Epilog
Es hat nicht lange gedauert. Am Samstag, dem 21. Mai, war ich wieder beim Fußball. (Genaugenommen sogar schon am Freitag, das war aber der heimische Dorfverein. Leider verloren). NatĂŒrlich ohne Eintrachtbezug, um einen Titel ging es aber trotzdem. ThĂŒringenpokal im selten bespielten Stadion der Freundschaft in Gera. Und wĂ€hrend sich da vor einer gut aufgelegten SĂŒdkurve die Teams von Meuselwitz und Jena auf dem Rasen abmĂŒhen, irgendwas zustande zu bekommen, philosophiere ich biertrinkend mit Matze, wie geil wir doch sind und dass wir ja nach den Bayern der wohl mit Abstand erfolgreichste Club Deutschlands der letzten Jahre sind. Zwei Titelgewinne, einmal zusĂ€tzlich im Finale, zweimal zusĂ€tzlich in einem Halbfinale. Kann sich sehen lassen. Ja, und just in diesem Moment ĂŒberkommt mich eine GĂ€nsehaut und ich realisiere so richtig, was da am Mittwoch passiert ist. Wir sind wirklich Europapokalsieger. Das ist ja unfassbar. SpĂ€ter abends zuhause laufen nicht nur Szenen unseres Spiels ĂŒber den Bildschirm, sondern auch TrĂ€nen durch mein Gesicht. Europapokalsieger. Wir alle! Wie gut das tut. Mir persönlich. Es sind jetzt gerade mal vier Tage, aber in denen habe ich total motiviert Sport gemacht, endlich mal wieder einen guten Lauf absolviert, der mir Spaß gemacht hat. Ich habe den Stapel ungelesener Hefte und BĂŒcher in die Hand genommen und angefangen abzuarbeiten. Und wie ihr alle seht, habe ich sogar meine Schreibblockade gelöst. Ich hoffe, dieser Zustand hĂ€lt noch lĂ€nger an. Was auf jeden Fall ewig anhĂ€lt: Eintracht Frankfurt – UEFA Cup Sieger 2022!
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Vielleicht habe ich auch etwas ĂŒbersehen in den letzten Jahren, aber schön, hier nach gefĂŒhlt langer Zeit mal wieder einen "echten Oesch" zu lesen! War frĂŒher immer  schon ein Markenzeichen fĂŒr gute Spielberichte von spannenden, exotischen Grounds, wo man selber wohl kaum hinkommen wird...
Vielen Dank fĂŒr deine EindrĂŒcke!
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Ok, so langsam habe ich die Sache dann auch realisiert und versucht, das Ganze schriftlich zu verarbeiten.
Achtung: Viel Text! Oder wie ich gerade nach der Vorschau gesehen habe: Verdammt viel Text. Hui. Und wahrscheinlich an mancher Stelle zensiert. Vielleicht quÀlt sich aber trotzdem noch jemand durch

BĂŒhnenreif, der Auftritt in blĂŒtenweißem Karnickelpelz
Vorbei die Zeiten von PrĂŒgeleien um Kippengeld
Alles begann hinterm GĂŒtergleis Richtung Bitterfeld
Und morgen erricht' ich meine Tyrannei in der dritten Welt


Die Euphorie wich schnell der NervositĂ€t. Am frĂŒhen Morgen des 10. Mais, einem Dienstag, verwandelte sich die NervositĂ€t in Angst.

Nichtsahnend warf ich einen Blick auf mein smartes Telefon und erfreute mich daran, dass mir Kate schon zur frĂŒhen Stunde liebevolle GrĂŒĂŸe ins BĂŒro ĂŒbermittelte. Beim Betrachten der digitalen Liebesbotschaft bleib mir das noch nicht angeknabberte FrĂŒhstĂŒck im Halse stecken. Das Bild ihres gerade durchgefĂŒhrten Coronatests zeigte auf Höhe des „T“ eine dicke Linie zu viel an. Was fĂŒr eine Scheiße. In erster Linie natĂŒrlich fĂŒr sie, platzte damit doch ihr vor langem gebuchtes Seminar am Wochenende. Ganz egoistisch betrachtet sah ich jetzt jedoch auch ein Problem auf mich zukommen. Zwar war ich fußball- und eintrachtbedingt ĂŒber das letzte Wochenende physisch von Kate getrennt, allerdings verbrachten wir die letzten Stunden vor dem positiven Test dann engumschlungen im heimischen Bettel. Kam ich bis jetzt unfassbarer Weise noch um eine Infektion herum, stand mir nun der Endgegner bevor. Zum beschissenst möglichen Zeitpunkt. Als einer der wenigen den GĂ€steblock bei Betis gesund verlassen, Barca und West Ham coronafrei ĂŒberlebt – Ersteres mit Fragezeichen, Zweiteres im Gegensatz zu Kate. Die ganze Familie hatte es, mit einer infizierten Kollegin im BĂŒro gehockt – ja, selbst die Omikron-Höhle in der Vereinskneipe des KFC Dessel Sport konnte mir nichts anhaben. Wenn ich jetzt nochmal davonkommen sollte, hatte ich es entweder schon unbemerkt gehabt oder ich bin wirklich immun dagegen. Oder ganz einfach Super Man. Ich konnte nur noch hoffen, dass die Eierlikör-Kur bei den Geiselgangstern im Rahmen der Bembelbar genĂŒgend Schutz aufgebaut hat. Ansonsten findet das Finale ohne mich statt.  

Die Marschroute war klar: Solange ich keine Symptome habe, mache ich auch keinen Test. Selbstredend folgte ich dieser Weisung nur zu 50%. Trotz keinerlei Anzeichen einer Ansteckung bohrte ich dann doch wiederholt in der Nase. Das hat schon etwas von Selbstgeißelung. Die Minuten, bis das Ergebnis angezeigt wird, sind dann doch von einem unangenehmen Kribbeln begleitet. Selten war ich aber so froh ĂŒber negative Ergebnisse. Als ich zum Wochenende hin immer noch quietschfidel war, stellte ich die ÜberprĂŒfung meines Gesundheitszustandes dann auch ein. Da ich von Kate ja auch strikt isoliert war, sollte die Sache jetzt safe sein und die Vorfreude auf den vierten Andalusien- und dritten Sevilla-Aufenthalt in diesem Jahr (und damit dem in meinem ganzen Leben bisher vierten Andalusien- bzw. dritten Sevilla-Aufenthalt insgesamt) konnte beginnen. Immerhin hatte ich mittlerweile auch eine Karte. Und das kostete wieder Nerven. Wer auch immer im Eintracht Ticketservice meinte, mir keine Mails mehr zukommen zu lassen, ist nicht gerade mein bester Freund. WĂ€hrend um mich rum alle ĂŒber ihre Zusagen jubelten oder Absagen weinten, erhielt ich mal wieder keine Info. Wenigstens kam ich im 23. Versuch (stimmt tatsĂ€chlich – damit wesentlich schneller als bei den Barcelona Tickets) in der Hotline durch und die Sache mit den Karten konnte geklĂ€rt werden. Mit den mich nicht erreichenden E-Mails hingegen nicht. Subber Sach. HĂ€tte ich einen Tag lĂ€nger gewartet oder niemanden erreicht, wĂ€ren die Teile einfach verfallen


Damit sollte die Sache jetzt aber safe sein und die Vorfreude auf den vierten Andalusien- und dritten Sevilla-Aufenthalt in diesem Jahr (und damit dem in meinem ganzen Leben bisher vierten Andalusien- bzw. dritten Sevilla-Aufenthalt insgesamt) konnte beginnen. Immerhin hatte ich inzwischen auch einen Flug. Und sogar eine Unterkunft. Letztere gebucht um 4:00 Uhr nachts, als ich wegen Stress aufgrund akuter Unorganisiertheit nicht schlafen konnte. Der obligatorische Check bei Trivago offerierte eine 8,6 auf Booking fĂŒr die Nacht vorm Spiel, mitten im Zentrum, mit Stornooption fĂŒr 120,-€ im DZ. Damit zwar immer noch das vielleicht teuerste Bett, das ich je gebucht hatte, im VerhĂ€ltnis zum sonstigen Markt aber auch eines der grĂ¶ĂŸten SchnĂ€ppchen, die ich je geschossen habe. Zum Vergleich: Der zweitbilligste Eintrag lag bei ca. 600,-€ und war am ***** der Welt. Da kann man auch mal 200,-€ fĂŒr nen RĂŒckflug raushauen. Donnerstagmorgens um 7:00 ab MĂĄlaga ĂŒber Lissabon, Landung FRA 12:40. Gebucht vier Tage nach (!) dem Halbfinale. Ernstgemeinte Frage: Warum hat den sonst fast keiner gebucht? Viel besser geht es doch nicht, gerade in Anbetracht der sonst so gewĂ€hlten Routen und Preise. Das soll sich jetzt nicht so lesen, dass ich mords der Macker bin und alle anderen dumm, wĂŒrde mich aber echt mal interessieren. Wie dem auch sei, die Tage vor dem Finale Grande waren alles andere alles entspannend und nervenschonend. Spaß ist was Anderes. Und um eine Anreise musste ich mich ja auch noch kĂŒmmern. Im Nachhinein blöd, wenn man das aus Aberglauben erst nach erfolgreichem Finaleinzug machen möchte. Im Endeffekt hat alles geklappt. Und damit springen wir auch direkt in den ICE von Frankfurt nach NĂŒrnberg.

Und wieder raus. Noch ein Cider am dortigen Flughafen und lachhafte 8,-€ spĂ€ter sind MJ und ich bereits in Bologna. Einen Fußmarsch, drei BĂŒchsen Moretti bzw. Peroni, ein paar Quizkarten und Ă€hnlich lĂ€cherliche 30,-€ spĂ€ter ist dann auch schon Dienstag, der 17. Mai, und wir befinden uns in MĂĄlaga. Strapazieren wir die Sache nicht ĂŒber. Kurz etwas durch die Gassen gelatscht, was gegessen, hier schon Unmengen sonnenverbrannte und literweise Bier saufende Schotten gesehen und mit BlaBlaCar rĂŒber nach Sevilla. Eingecheckt, die Kombination aus Bierpreisen im Souvenirshop (!) um die Ecke (80 Cent die BĂŒchse) und Dachterrasse ausgenutzt, spĂ€ter in angewachsener Runde unter gefĂŒhlt tausenden sonnenverbrannten und Bier saufenden Schotten unter den Setas de Sevilla gechillt, den Abend dann in noch grĂ¶ĂŸerer Runde in einer Shisha Bar (warum?) am Flussufer ausklingen lassen. Ich war ganz schön voll.

Mittwoch, 18.05.2022, Sevilla

Never change a running system. Vor ziemlich genau vier Jahren waren wir bekanntermaßen zum letzten Mal in einem Finale. Eine kleine Information, die ich in meiner damaligen schriftlichen Ausarbeitung – auf die ich in den folgenden Zeilen Seiten wohl noch öfter Bezug nehmen werde – galanterweise ausgelassen habe, möchte ich hier dann doch ergĂ€nzen. Auf dem Hinweg nach Berlin musste ich mich mehrfach ĂŒbergeben. Meine logische Schlussfolgerung: Kein Titelgewinn und vorheriges Kotzen. Sportliche Höchstleistungen vollbringe ich da, wie ich mir mit dem Finger im Hals die halb verdauten Tapas der letzten Nacht herauswĂŒrge. Voller Einsatz fĂŒr den Pokal! Körperlich geht es mir danach nicht besser. Mit MĂŒhe und Not und nur dank der Hilfe dreier Cola bekomme ich mein erstes Bier des Tages runter. Ich kann nur hoffen, dass mich keiner der zig Schotten um uns herum beobachtet. Literweise Bier saufend, sonnenverbrannt, mittlerweile sogar singend – aber immer freundlich. Wieso sich die RothĂ€ute aber NEBEN einen Sonnenschirm setzen oder trotz Verbrennungen dritten Grades auf dem nackten Oberkörper nur die Mundpartie (!) mit Sonnencreme einschmieren, könnten sie wohl nicht mal verstĂ€ndlich erklĂ€ren, wenn wir sie danach fragen wĂŒrden. Deren Dialekt versteht jetzt wirklich kein Mensch. Ay!

Um 14:15 Uhr wird zum Treffpunkt an einem Park, ca. 2km nördlich des Estadio Estadio RamĂłn SĂĄnchez PizjuĂĄn gerufen. Der Neuner, der uns nach der PokalĂŒbergabe wieder nach MĂĄlaga bringen soll, wird dort ankommen. Kurz Fritz verabschiedet und MJ ĂŒberzeugt, dass ein 45minĂŒtiger Fußweg mit Rucksack bei 40°C die weitaus bessere Idee als eine Uber-Fahrt ist, machen wir uns – Achtung: es folgt die ultimative Phrase – per pedes auf die glĂŒhenden Socken. Unterwegs passieren wir gefĂŒhlt Milliarden sonnenverbrannte und Bier saufende Schotten, aber so langsam auch vermehrt ein paar im blĂŒtenweißen Karnickelpelz gekleidete Adlers. Hier und da werden bekannte Gesichter abgegrĂŒĂŸt, bei manchen freut man sich, bei anderen fragt man sich, was die hier machen – eine Frage, die ich mir zwischenzeitlich auch mehrfach selbst stelle. Völlig dehydriert kommen wir am Parkplatz an. Bevor ich jedem „Gude“ gesagt, bevor ich meinen Rucksack abgelegt, bevor ich mich in den Schatten geworfen und bevor ich den mitgebrachten Kanister Wasser ĂŒber mich geschĂŒttet habe, drĂŒckt mir Ede eine Dose Tinto de Verano in die Hand. Das wĂ€re der Shit. Nee, bei so Freunden brauchste echt keine Offenbacher mehr. Erfrischend ist es dennoch.

Schnell teilt sich die Meute wieder auf. Der eine muss noch schnell ins Hostel, der andere auf’s Fanfest, der Großteil wechselt einfach nur die Straßenseite und kehrt in JesĂșs‘ Edelbistro ein. Hier, nördlich des Stadions, ist von der bevorstehenden Veranstaltung nichts zu erahnen. Keine sonnenverbrannten und Bier saufenden Schotten, keine schneeweißen Adler. Nur ein authentisches StraßencafĂ© mit lokaler Kundschaft. Und uns. Bier aus nur halbgefĂŒllten GlĂ€sern; Pommes mit Aioli, die die Konsistenz von Sperma und eine vermutete Wirkung analog der Anti-Baby-Pille hat; ein Zigarettenautomat, der den FĂŒnfer erst im zehnten Versuch akzeptiert; eine ToilettenspĂŒlung, die die grĂ¶ĂŸeren Ausscheidungen trotz – oder wegen - der vorherrschenden Wasserknappheit erst im dritten Anlauf verabschiedet; eine Thekenkraft, die aus ihrer Unlust keinen Hehl macht – kurz gesagt: Genau unser Ding. Nee, da verzichten wir gerne auf Fanfest oder gar den legendĂ€ren Fanmarsch (Unwort des Jahres!). Warum in der unbarmherzigen Sonne quĂ€len, den ausgelaugten Körper noch mehr Strapazen aussetzen und zu allem Überfluss am Ende noch von den Bullen zusammenknĂŒppelt werden, wenn uns JesĂșs – und nach dessen Feierabend seine unmotivierte Nachfolgerin – schmackhaftes Cruzcampo ausschenkt. OT: Übrigens ist der Cruzcampo Mönch ja wohl mal der geilste BierreprĂ€sentant ĂŒberhaupt.

Hier im Schatten, in der Obhut von JesĂșs, komme ich tatsĂ€chlich wieder zurĂŒck ins Leben. Die Runde ist gesellig. Es ist sogar so gesellig, dass wir den minutiös ausgetĂŒftelten Plan, pĂŒnktlich mit Öffnung der Stadiontore diese zu passieren, kurzfristig ad acta legen. Erst nach der gefĂŒhlt siebten – und in Wahrheit der wahrscheinlich mindestens siebten - wirklich allerletzten Runde bricht der verbliebene Rest auf. Am Stadion vom leider kartenlosen MJ (keine Chance, wirklich so gut wir alles probiert, wie verhext) verabschiedet, zeigt sich, dass unsere spontane Umgestaltung des Zeitplans von beeindruckendem Erfolg gekrönt ist. Exakt null Minuten benötigen wir, um die nicht vorhandene Schlange vor den beiden Ticket- und Taschenkontrollen zu durchschreiten. Es bleibt sogar noch Zeit, um eine 1,5l Flasche Wasser zu teilen. Wie wichtig diese FlĂŒssigkeitszufuhr werden sollte, können wir zu diesem Zeitpunkt trotz schon eingegangener Warnungen noch nicht richtig abschĂ€tzen. Als der letzte Tropfen inhaliert und das finale Drehkreuz ĂŒberquert ist, zeigt die Uhr 20:12 Uhr an. Wir sind zwar mal wieder in schöner GemĂŒtlichkeit versackt und somit viel spĂ€ter als wir eigentlich sollten, aber immer noch mehr als rechtzeitig drin. Aber nicht nur das. Bis hierher war das alles noch halbwegs spaßig. Bis hier war alles abstrakt. Genau jetzt, mit Betreten des Blocks, realisiere ich so richtig, warum zur Hölle wir eigentlich hier sind. Das ist das verschissene UEFA Cup Finale. Und wir spielen mit. Wir. Die verkackte Eintracht. Im Europapokalfinale. Bis hierher hĂ€tte ich gedacht, dass wir unfreiwillige Darsteller bei der Wiedergeburt der Versteckten Kamera sind. Sind wir aber nicht. Das ist real. Wir sind im Finale. Um den Europapokal. Gegen die Glasgow Rangers. Schneeweiße Adler gegen sonnenverbrannte und Bier saufende Schotten. Fußball!

Finale

45 Minuten noch bis zum Anpfiff. Die Beine in eine halbwegs aushaltbare Position bringen, gegen die NervositĂ€t ankĂ€mpfen, Überblick verschaffen. Schon ein paar mehr Gers mehr im Stadion als Adler. Aber gut, denen ist auch alles egal. Keine Chance gegen die auf dem Schwarzmarkt. DafĂŒr hoffentlich im Stadion. Halbe Stunde noch. Kippe. Bisschen Singen. Durchatmen.

Kurz vor Neun ist es soweit. Die offizielle Eröffnungszeremonie auf dem Rasen beginnt. Zum GlĂŒck verdeckt mir die Blockfahne alsbald den Blick darauf, so dass ich die Scheiße nicht sehen muss. Nochmal kurz ĂŒberlegt und schon muss ich meine Aussage revidieren. Ich stehe ja fĂ€hnchenwedelnd unterhalb der Heiligen Diva. Verdammt. Und wieso zur Hölle brennen mir immer so die Schultern, wenn ich ne Papptafel – oder in dem Fall jetzt eine Fahne – hochhalten muss? Aua. Ich muss pissen und ich hab Durst. Aber darum kĂŒmmer ich mich spĂ€ter. Ich Naivling.

Der Ball rollt. Irgendjemand hatte Anstoß. Ich habe keine Ahnung wer. Jedenfalls gibt es jetzt kein ZurĂŒck mehr. Da mĂŒssen wir jetzt alle durch. Der Puls steigt, die Atmung wird schwer, die HĂ€nde schwitzen. Gut, letzteres machen sie eh schon den ganzen Tag. Es sind ja immer noch ĂŒber 30 Grad nach Anders Celsius. Vom Tornetz auf unserer Seite sehe ich nur die obere HĂ€lfte. Wenn ĂŒberhaupt. Welch Kontrast zum 19. Mai 2018. Damals habe ich mich bekanntermaßen mehr oder weniger bewusst auf die GegentribĂŒne gehockt, diesmal noch viel bewusster mitten in den Pulk geschmissen. Es tut auch gut, die ganzen Leidensgenossen um einen rum zu haben. Ich bin nicht alleine. Spaß macht das alles trotzdem nicht. Das Herz rast, ich bin kurz vor Schnappatmung, die HĂ€nde tropfen vor Schweiß. Vom Spiel bekomme ich in der Anfangsphase nicht viel mit. Fast schon mechanisch klatsche ich mal im Takt mit oder singe ein paar Lieder, die richtige BrachialitĂ€t will sich aber nicht einstellen. Ich hauche meine Anfeuerungen eher raus als dass ich eine aktive Hilfe beim Support wĂ€re. Mehr geht nicht. Damit bin ich aber immer noch aktiver als die Gegenseite. Wenigstens etwas.

Schon ist Halbzeit. Das ging ja recht fix, denke ich. So schlimm war es ja gar nicht. Aber verdammte Kacke, wir könnten mal ein Tor schießen. WĂŒrde die Sache vielleicht entspannen. Egal, ich muss ja immer noch pissen. Und habe Durst. Also mal rausgequetscht und Augenzeuge des Chaos geworden. Am ersten Kiosk geht direkt der Rollo runter. Findet nicht jeder so witzig. Bevor es richtig ungemĂŒtlich wird, verziehe ich mich auf die SanitĂ€ranlage. Pipi lassen. Und frisch machen. Mehrere HĂ€nde Leitungswasser in Gesicht, Nacken und Haare, anschließend ein Vielfaches davon in den Mund. Schmeckt ĂŒberraschend gut. Ich erkenne keinen großen Unterschied zum leckeren Leitungswasser aus der östlichen Wetterau. Dementsprechend wiederhole ich diesen Vorgang im Laufe des Abends auch noch einige Male. Da ich auch im Nachgang mit keinerlei Problemen zu kĂ€mpfen habe, wird das Wasser auf jeden Fall trinkbar gewesen sein. Erst im Nachgang erfahre ich, dass das wohl ziemlich verchlort, zwischenzeitlich sogar abgestellt war und einige Leute nach dem Konsum mit Magen-Darm-Problemen zu kĂ€mpfen hatten. Interessant. Normalerweise habe ich doch den empfindlichen Verdauungstrakt, aber das hier macht mir gar nichts aus. Im Gegenteil. Es ist sogar beinahe lebensrettend. Wahrscheinlich hat die Knobisoße mittags jede Geschmacksknospe zerstört, gastrointestinal betrachtet aber fĂŒr ausreichend Schutz gesorgt. Danke JesĂșs.

ZurĂŒck am Platz – ich habe einen etwas sichereren Stand als im ersten Durchgang – rollt der Ball wieder. Irgendjemand hatte Anstoß. Ich habe keine Ahnung wer. Jetzt gibt es erst recht kein ZurĂŒck mehr. Da mĂŒssen wir jetzt alle durch. Der Puls steigt, die Atmung wird schwer, die HĂ€nde schwitzen. Die Anspannung steigt. Vom Spiel bekomme ich etwas mehr mit, so richtig viel passiert aber nicht. Egal, wir holen das Ding. Ich bin optimistisch, singe etwas lauter. Auf dem Rasen ist eh keine Gefahr, dass irgendwas passiert. Weiter Ball Trapp, KopfbĂ€lle im Mittelfeld. Kann ja nix passieren – wĂŒrde nicht eine Verkettung unglĂŒcklicher Aktionen dafĂŒr sorgen, dass ein gewisser Herr Joe Aribo plötzlich alleine vor unserem Kasten auftaucht. Und einnetzt. Und das Stadion in ein Tollhaus verwandelt. Und mir einen selten zuvor verspĂŒrten Stich ins viel zu wild pochende Herz versetzt. Ich ertappe mich sogar dabei, wie ich auf einen warum auch immer zu unseren Gunsten regulierenden Einsatz des VAR hoffe. Das war ja auch klar Foul. Oder Hand. Mein anderes Ich interveniert zum GlĂŒck sofort. VAR ist böse. Dieser dunkle Gedanke beschreibt dennoch am besten meine Verzweiflung.

In den letzten Tagen hat man sich – bzw. zumindest ich mir – ja immer eingeredet, dass das hier und heute auch schiefgehen kann. Die Rangers haben den großen BVB und die glorreichen Rasenballisten rausgeworfen. Danke dafĂŒr. Aber warum sollen die dann ausgerechnet an der verkackten Eintracht scheitern? Nein, zu 100% siegesgewiss war ich nicht. Ich ertappte mich sogar dabei, wie ich unter der Dusche zur Melodie von „You are my sunshine“ davon sang, dass Eintracht Frankfurt mein Leben ist und ich immer weiter zu ihr stehen werde, auch wenn das Spiel mal verloren geht. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich dabei schon voller Inbrunst dieses Lied mit trĂ€nenĂŒberflutetem Gesicht in den andalusischen Nachthimmel schmettern. Ich war vorbereitet auf die Niederlage, dachte ich. Einen Scheiß war ich, erkenne ich eben gerade. Egal, wie sehr man sich auch einredet, dass wir ganz vielleicht eventuell ohne Pokal nach Hause fahren könnten, wirklich ernsthaft hat man an dieses Szenario nicht gedacht. Im Moment des Gegentors zerreißt es mir alles. Ich kann nicht mal fluchen. Das muss diese vielzitierte Schockstarre sein. Als ich wieder einigermaßen zu mir komme, Ă€ußere ich einen wohl lange gereiften Gedanken: „Warum tut man sich diese Scheiße eigentlich an? Ich hör‘ auf zum Fußball fahren.“

Die Sache ist durch. Wir schießen hier kein Tor mehr. So eine elendige Scheiße. Zum GlĂŒck sind die Spieler etwas optimistischer. LindstrĂžm gleicht beinahe direkt aus, Kamada ist kurze Zeit spĂ€ter noch knapper dran. Wer solche Dinger nicht macht, verliert. Ungeschriebenes Gesetz. Verdammte Hacke. Ich kann nichts machen, außer Stoßgebete Richtung Firmament senden und ansonsten apathisch auf den Rasen zu starren. Und Haare raufen. Im Gegensatz zu Berlin vor vier Jahren asche ich mir heute dabei wenigstens nicht auf den Kopf. Selbst zum Rauchen bin ich zu schwach, von der fehlenden Lust mal ganz abgesehen. Wieso tut man sich sowas eigentlich an? Kein normaler Mensch kann sowas ertragen. Kein normaler Mensch wĂŒrde zur Eintracht fahren.

„JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! Verfickte *******! Ja! Ja Ja!“ Der Ball ist im Tor! Und ich befinde mich ca. fĂŒnf Reihen unter meinem eigentlichen Platz. „Ja verdammt!“ Ihr kennt das ja mittlerweile. Wir schießen ein Tor, ich beleidige wild um mich. Brauch ich halt. Nach dem Urschrei ist es aber nicht die Freude, die ĂŒberwiegt, sondern Erleichterung. Wir sind doch noch nicht tot. Es geht wieder was. Was gut fĂŒr das Spiel – oder besser gesagt fĂŒr den aus unserer Sicht Ausgang des Spiels – ist, ist aber mal sowas von schlecht fĂŒr mein NervenkostĂŒm. Ab jetzt geht gar nichts mehr. Ich bekomme nicht mal wirklich mit, dass Martin den Abgang gemacht hat und daraufhin die UnterstĂŒtzung kurzzeitig gestoppt wird – Gude Besserung! Ich bin eh nicht in der Lage zu singen. Ich bin komplett im Tunnel. Mein Ruhepuls ist abwechselnd bei null und 200. Wahrscheinlich sogar im selben Moment. In gewisser Weise bin ich gerade sogar froh, dass Kate die Woche vorher in strikter QuarantĂ€ne war. So konnte sie mir auch nicht die Haare schneiden, wodurch ich eine relativ griffige Wolle auf der SchĂ€deldecke trage. Hilft ungemein beim stĂ€ndigen Raufen. Genauso froh bin ich ĂŒber Edes Anwesenheit. So kommen wenigstens ab und an mal ein paar dumme SprĂŒche, die uns sogar ab und an mal kichern lassen. Ich glaube, die Ablenkung tut unserem weiteren Umfeld auch gut. Besonders dieses Tier mit der Nummer 3 da hinten drin wird des Öfteren Gegenstand unserer Analysen. Was ein Klotz. Die meiste Zeit wiederhole ich aber mantraartig meine Idee von meinem zukĂŒnftigen Leben. Ich fahr‘ nicht mehr zum Fußball. Das kann kein Mensch aushalten.

Ohne Scheiß, sollte euch irgendjemand mal weismachen wollen, dass so ein Finale ja eine große Party und ein Riesenspaß ist, zeigt dem Vogel einfach den Mittelfinger. Das krasse Gegenteil. Das ist die komplette Hölle. Kein Mensch kann das aushalten. Und dann gibt es noch einen Nachschlag in Form einer VerlĂ€ngerung. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Wieso können wir nicht einfach lockerflockig easypeasy 3:0 gewinnen. WĂ€re wahrscheinlich zu einfach, also ab in den Drama Modus. Bevor es weitergeht, suche ich nochmal den Erfrischungsraum aus. Mehrere HĂ€nde Leitungswasser in Gesicht, Nacken und Haare, anschließend ein Vielfaches davon in den Mund. Schmeckt immer noch gut. Gibt immer noch keine Probleme mit dem BĂ€uchlein.

Als so weiter. Wieder hat jemand Anstoß, wieder weiß ich nicht wer, wieder hinterfrage ich dauernd, was ich hier eigentlich mache und wieso ich nicht einfach samstags zu Hause den Rasen mĂ€he und danach die 59 Cent BratwĂŒrste von Tönnies auf den Grill haue. WĂ€re zwar komplett scheiße, aber wenn man sich keine Gedanken ĂŒber sein Tun macht, hat man wenigstens selbst ein sorgenfreies Leben. Irgendwie zu beneiden, Ă€ndern tun wir eh nix. Welch dystopische Gedanken, besser kann man meinen GemĂŒtszustand aber nicht beschreiben. WĂ€hrenddessen rĂ€umt der Dreier weiterhin alles ab, raufe ich meine Haare, messe meinen Ruhepuls (irgendwo zwischen null und 200. Zur gleichen Zeit) und beschließe endgĂŒltig, mit der Fußballfahrerei aufzuhören. Die Sportschau ist doch auch schön.

Seitenwechsel. Irgendjemand stĂ¶ĂŸt an, keine Ahnung wer. Mir wird immer schlechter. Das ist das letzte Mal, dass ich zum Fußball fahre. Macht doch rational betrachtet alles keinen Sinn. Ansonsten Ă€ndert sich nichts. Bis zu dieser beinahe verhĂ€ngnisvollen 118. Minute. Der Querpass vor unser Tor. Der Abschluss in den beinahe leeren Kasten. Der endgĂŒltige Stich ins Herz, der Schuss in den Kopf, das Fallbeil auf den Nacken. Das Bein Kevin Trapps. Der knapp drĂŒber gehende Nachschuss. Alles geht so schnell, dass ich meine GefĂŒhle nicht beschreiben kann. Als die Gefahr gebannt ist, habe ich ein doppeltes DĂ©jĂ  Vu. Ich fĂŒhle mich zum Einen ins Berliner Olympiastadion versetzt. Mal wieder. Nach Boatengs absolut sauberen Tackling in der gefĂŒhlt 156. Minute hĂ€lt Hradecki den Schuss von – ich glaube – Sandro Wagner. Das war sowas von ein fertiges Tor, die Szene geht in der Nachbetrachtung aber komplett in der Diskussion um die Nicht-Elfmeterentscheidung unter. Ich sehe sofort die Parallele zwischen den beiden Paraden zu diesem spĂ€ten Zeitpunkt im Spiel und ziehe automatisch die Schlussfolgerung: Die Geschichte wiederholt sich immer. Wir gewinnen das Ding heute! Kurze Anmerkung noch hierzu: Ich habe mir gerade nochmal die letzten Minuten des Pokalfinals angeschaut. Immer noch unfassbar. Und es ist immer noch so, als wĂ€re ich im Stadion. Immer noch die Angst, dass die Bayern doch noch den Ausgleich machen. Immer noch diese unaushaltbare Angst wĂ€hrend des VAR Einsatzes, dass der Elfmeterpfiff doch erfolgt. Immer noch diese GĂ€nsehaut bei Gaćinovićs Lauf. Und immer noch TrĂ€nen, wenn der Ball im Netz einschlĂ€gt. Und wieder TrĂ€nen, wenn ich das nur schreibe. Egal, wie der Abend in Sevilla ausgehen wird, gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig wird der 19. Mai 2018 nicht zu toppen sein.

ZurĂŒck ins Hier und Jetzt. Meine zweite Erinnerung ist Ă€hnlich emotional, aber auf einer anderen Ebene. Das sah doch gerade beinahe Eins zu Eins so aus wie in der 110. Minute an der Stamford Bridge, als Haller nach Kostics Flanke quasi genauso vor dem fast leeren Tor stand, wie es gerade eben der StĂŒrmer der Rangers tat. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Tingeltangel Luiz kratzte den Ball von der Linie, wir verloren im Elfmeterschießen. Und da sich die Geschichte immer wiederholt, konnte das nur eines bedeuten: Wer eine solche Chance in der VerlĂ€ngerung vergibt, verliert den Penalty Shoot Out. Und das sind heute eben nicht wir. Wir gewinnen das Ding! Dazu passt auch das, was ich mir – und vielen anderen – schon seit dem Einzug Halbfinale einrede. Merkt euch: Geschichte wiederholt sich. Immer. So wie wir 2017 tragisch (naja, wohl nur aus unserer subjektiver Sicht) das Pokalfinale verloren haben, nur um ein Jahr spĂ€ter umso triumphaler zurĂŒckzukehren, muss es dieses Jahr auch im Europapokal passieren. Das tragische (aus wirklich objektiver Sicht) Scheitern in London 2019 war nur die Vorbereitung, um in der Folgesaison – klammern wir mal zwei Jahre Corona aus. Aber ehrlich gesagt fĂŒhlt sich auch so an, als wĂ€re die Zeit nach dem Salzburgspiel eingefroren worden und es wĂŒrde jetzt erst wieder weitergehen – eben genau in der britischen Kapitale umso triumphaler zurĂŒckzukehren. Das Schicksal will es, dass wir den Cup gewinnen. Der Weg ist vorherbestimmt – man kann ihn nicht Ă€ndern.

Mein Optimismus wehrt nur kurz. SpĂ€testens als es RealitĂ€t ist, dass wir ins Elfmeterschießen gehen, ist der Ofen bei mir wieder aus. Und dabei hab‘ ich kleiner Naivling doch wenige Stunden vorher auf JesĂșs‘ Klappsitzen doch noch große Töne gespuckt. „Wenn ich mir einen Ausgang malen dĂŒrfte, wĂŒrden wir im Elferschießen gewinnen, wobei der letzte Schuss nach Mitternacht ausgefĂŒhrt wird. Auch wenn ich das nervlich nicht aushalten wĂŒrde. Prost!“ Ja, das klĂ€nge perfekt. Nach Mitternacht wĂ€re eben schon der 19. Mai. Historisches Datum. Nicht nur fĂŒr die SGE, auch fĂŒr den kleinen Ösch. Und seine Kate. Immerhin seit einem Jahr der Tag unserer Eheschließung. Ein Zusammenhang mit großen Ereignissen der jĂŒngeren Eintracht-Vergangenheit darf dabei natĂŒrlich vermutet werden. Und was könnte es fĂŒr ein schöneres Geschenk zum ersten Hochzeitstag als eben das beschriebene Szenario geben? Gut, Kate könnt jetzt hier sein. Da hatte jedoch das kugelfischige Virus und der Arbeitgeber etwas dagegen, aber das sind ja Nuancen. Was mir bei meiner Aussage bezĂŒglich „das wĂ€re nervlich nicht auszuhalten“ hingegen nicht bewusst war, ist, was dieser lapidar dahingesagte Satz tatsĂ€chlich bedeutet. Das ist nervlich nĂ€mlich wirklich nicht auszuhalten. Nicht im Ansatz. Im Gegensatz zu den meisten anderen weißen Adlers bin ich aber ganz froh, dass nicht auf das Tor vor unserer Kurve geschossen wird. So sehe ich wenigstens besser. Wobei ich nicht weiß, ob ich ĂŒberhaupt hinschauen soll. Oder das auch ĂŒberhaupt kann. Ich bin heillos ĂŒberfordert mit der Situation. Keiner normaler Mensch kann das aushalten. Kein normaler Mensch geht zur Eintracht. Ich bin zu alt fĂŒr den Scheiß. Ich hör auf mit Fußball.

Diese vage Hoffnung immer, wenn ein Ranger anlĂ€uft, dass er vielleicht verschießt. Dieser riesige Bammel, wenn ein Adler anlĂ€uft, dass er vielleicht verschießt. Diese Erleichterung, wenn der Greifvogel nicht verschossen hat. Dieses ewige Warten, bis endlich der nĂ€chste SchĂŒtze an der Reihe ist. Das ist alles ganz schwer zu ertragen. Und trotzdem motiviere ich mich selbst. Bevor ich mit Fußball aufhöre, will ich heute diesen verfickten Pokal gewinnen. „Alter! Ich will das Ding heute gewinnen!“ Und tatsĂ€chlich, als Aaron Ramsey zum Punkt schreitet, sagt mir eine innere Intuition, dass Trapp den jetzt halten wird. Als das passiert, raste ich kurzzeitig komplett aus. Da musste mal einiges rausgeschrien werden, was sich so angestaut hatte. Erstaunlicherweise fluche ich dabei nicht. Die Angst und der Respekt vorm Scheitern ist noch zu groß. Ein mir unbekannter Fan holt mich – und nicht nur mich – wieder runter. Ruhig bleiben, das ist noch nicht durch. Hast ja recht, danke. Aber wir sind so kurz davor. So verdammt kurz davor. Das darf jetzt nicht mehr schiefgehen, das wĂ€re zu brutal. Kostic trifft. Geil, geil, geil! Die Rangers auch. Kacke, aber egal. Wir haben es in der Hand. Rafael BorrĂ© hat es am Fuß.

Was ging mir 2018 alles durch den Kopf, als Mijat auf das leere Tor zugerannt ist. Komplettes Wirrwarr unter der SchĂ€deldecke. Heute habe ich nur einen einzigen Gedanken. Einen einzigen Wunsch. Ich Ă€ußere ihn in Endlosschleife. GebĂŒckt wie Quasimoto kralle ich meine FingernĂ€gel in die Sitzschale vor mir und raufe mir gleichzeitig die Haare. Wie auch immer das anatomisch möglich ist. „Schieß den scheiß Ball ins Tor!“ Meine Stimme ist ein einziges flehendes Wimmern. Mein Körper und Geist sind nicht mehr kooperativ. Ich weiß nicht, ob meine Angst oder meine Vorfreude grĂ¶ĂŸer ist. Ich will nur eins. „Schieß den verdammten Ball in das verfickte scheiß Tor!“ Es ist wirklich alles, was ich in diesem Moment will. Alles andere ist scheißegal. Ich hab das GefĂŒhl, dass mir noch nie etwas so wichtig war. Und ja, das fĂŒhlt sich richtig schĂ€big an bei dem Zustand, in dem sich die Welt aktuell prĂ€sentiert. Aber es ist nunmal so. Und jeder, der irgendwie emotional in diesen Moment involviert ist, wird es nachvollziehen können. „Schieß einfach nur den Ball ins Tor. Bitte!“ Ich wage einen Blick zu Uhr. 23:53 Uhr. Kacke, sieben Minuten zu frĂŒh. Aber da mĂŒssen persönliche Befindlichkeiten auch einmal einem höheren Ziel weichen. „Bitte! Schieß.Den.Ball.Ins.Tor.“

Als der Ball im Winkel einschlĂ€gt, platzt alles aus mir raus. Wieder kein Tourette, nur ein lautes „JAAAAAAAAAAAAAA!“ Meine weitere Erinnerung an die Sekunden nach dem entscheidenden Moment sind dunkel. Ich fliege quer durch den Block – wie so ungefĂ€hr jeder hier. Irgendwelche schweißgebadeten Kadaver werden umarmt, irgendwann finde ich mich wieder auf meinem Platz ein. Mein Unterkiefer zittert, ich bin völlig ĂŒberwĂ€ltigt, im Gegensatz zu Ede wollen mir aber keine TrĂ€nen kullern. Ich versuche sie zwar rauszupressen, aber es gelingt nicht. Könnte jetzt vermuten, dass ich dehydriert bin, aber so viel Leitungswasser, wie ich in mich reingeschĂŒttet habe, dĂŒrfte das eigentlich nicht der Fall sein. Ich habe eine andere Vermutung. Klar, ich hab‘ das eh noch nicht realisiert. Ich glaube aber tatsĂ€chlich, dass mir neben – oder eher sogar vor - dieser unbĂ€ndigen Freude vor allem eine ungeheure Last abgefallen ist. Das Jahr 2022 war aus persönlicher Sicht bisher ein ziemliches Kackjahr. Einem euphorischen Beginn folgte spĂ€testens ab Ende Januar die große Krise. Mentales Down, Stress, Zukunftsangst, ausgeprĂ€gte (Miflife-)Crisis. Dazu kommt Renovierungsstress zuhause, der ĂŒbliche Kack auf der Maloche, diese stĂ€ndige Anspannung mit dem Fußball. Keine Zeit zum Durchschnaufen. AuswĂ€rtsspiele buchen, den Karten hinterherrennen, bei Heimspielen immer aufmerksam sein, damit möglichst das ganze Umfeld mit Tickets versorgt ist, am Wochenende selber die Schießstiefel schnĂŒren, dabei noch versuchen ins Training zu gehen. Das schlechte Gewissen, wenn mal ein Termin abgesagt wird. Mir war bzw. ist alles zu viel. Bei jeder Kleinigkeit, die von meiner individuellen Planung abweicht, raste ich komplett aus. Da reicht es schon, dass die Bestellung der Sommerreifen nicht so perfekt geklappt hatte, wie ich das hoffte und ich dadurch exakt einmal mehr in die Werkstatt musste. Ich war in dem Moment kurz vorm Zusammenbrechen. Laufen gehen - das, was mich sonst immer komplett runtergeholt hat? Vergiss es. Wenn ich mich mal 5km ĂŒber den Asphalt gequĂ€lt habe, war mein einziger Gedanke, dass die eigentlich lapidare Anstrengung hoffentlich gleich vorĂŒber ist. Einen seit Januar anhaltenden Tinnitus habe ich, die Sache mit erholsamen Schlaf funktioniert auch nicht so wirklich. In der Bude sah es teilweise aus wie Sau, in der Ecke liegt der immer grĂ¶ĂŸer werdende Stapel ungelesener Printerzeugnisse, irgendwie in den Modus, selbst einen der vielen offenen Berichte zu schreiben, kam ich auch nicht. Stattdessen wurde abends auf der Couch einfach sinnlos im WWW rumgesurft. Komplett Banane, aber der Ofen ist gerade aus. Und dabei ist der Ofen doch genau das, was mich ĂŒber Wasser gehalten hat. Immerhin habe ich nĂ€mlich meine Liebe zum Backen erlernt. Verdammt lecker, sag ich euch. Naja, eigentlich sollte ich das nicht euch, sondern wohl eher meinem Psycho-Doc erzĂ€hlen. Der hat jedoch keine Termine fĂŒr mich frei. Warum ich es trotzdem tue, ist ganz einfach. So, wie ich da mit geballten FĂ€usten meine Freude rausposaune, merke ich, wie ich gleichzeitig innerlich gereinigt werde. Ja, ich werde jetzt nicht direkt aus meinem Loch herauskommen. Aber diese stĂ€ndige Anspannung, das stĂ€ndige Planen, das stĂ€ndige Unter-Strom-Stehen, die stĂ€ndige – wohl selbst eingeredete – Verpflichtung, ĂŒberall prĂ€sent zu sein, der stĂ€ndige Termindruck und vor allem diese stĂ€ndige Angst vor der Niederlage – alles das ist erstmal raus. So kann ich auch ganz befreit der Siegerzeremonie folgen. Voller Endorphin, voller Freude – aber nicht in diesem GefĂŒhl der vollkommenen GlĂŒckseligkeit, das ich in Berlin verspĂŒrte. Es stört mich nicht. Im Gegenteil. Der damalige Moment darf gerne einmalig bleiben. So komme ich wenigstens nicht in Versuchung, Vergleiche aufzustellen. Beide Erfolge sind fĂŒr sich gesehen das absolut GrĂ¶ĂŸte. Ich finde sogar meine Singstimme wieder. Im Herzen von Europa. I Love You Baby. Oktavenreich stimme ich in den Chor ein. Mein persönliches Bild des Abends bietet unsere Nippon Connection Kamada und Hasabe Hasebe, wie sie in fernöstlicher ZurĂŒckhaltung mit der TrophĂ€e vorm Block posieren. HerzerwĂ€rmend.

Ein Blick auf’s Handy zeigt mir, dass WhatsApp erstaunlich ruhig ist. Wenn ein Raid in der PokĂ©mon Go Gruppe gemeldet wird, ist da mitunter mehr Traffic. Eine der wenigen Nachrichten bedeutet mir, dass ich dann aber so langsam mal aufbrechen sollte. Wir wollen ja alle unseren Flug erwischen. Um 0:43 Uhr verlasse ich den Block, etwas spĂ€ter das Stadionareal. In den Minuten dazwischen falle ich noch einigen bekannten Gesichtern um den Hals, fĂŒr einen lĂ€ngeren Austausch sind wir alle zu ausgelaugt. Mehr als „Wir sind Europapokalsieger“ wĂ€re eh nicht rumgekommen. Übrigens dĂ€mmert es mir gerade mal wieder. Wir sind Europapokalsieger. Wir, die verkackte Eintracht vom Main. Nur wir sollten heute siegen!

Entgegen der Masse, die Richtung Innenstadt, Fanfest oder was weiß ich wohin will, schlage ich den Weg gen Norden an. Alleine. Das brauche ich jetzt. Das brauche ich in so Momenten öfter. Nach dem Aus an der Stamford Bridge zog es mich zwecks erster Verarbeitung auch allein zu Fuß durch den strömenden Regen in Richtung Victoria Station. Das hat gutgetan. Genauso gut tut es jetzt. Ein Bisschen fĂŒhle ich mich wie Franz Beckenbauer auf dem Rasen des Römer Olympiastadions. Auch wenn ich den Kerl eigentlich nie verstehen kann, seinen gedankenverlorenen Walk ĂŒber den einsamen Rasen verstehe ich dann doch. Getrieben bin ich von einem Gedanken. Einem primitiven Gedanken. Ich habe so unfassbare Lust auf Bier. Das Problem dabei: Wir sind in Sevilla. Und in Sevilla machen – wie ich aus drei Aufenthalten in diesem Jahr (und damit drei in meinem Leben insgesamt) gelernt habe – zur Geisterstunde die LĂ€den dicht. Aber irgendwas sagt mir, dass ich heute noch Erfolg haben werde. Viel ist hier nördlich des Stadions aber nicht los. Kaum Menschen. Ein paar vereinzelte Schotten – immer noch sonnenverbrannt, aber nicht mehr Bier saufend (scheiße, kein Bier mehr?) – stehen wie die berĂŒchtigten HĂ€ufchen Elend in der Gegend rum. Fast alle rufen mich zu ihnen, geben mir die Hand und gratulieren mir mit einen herzzerreißend traurigem Blich zum Sieg. Ich kann mich in diesen Moment nicht freuen. Mit der Erfahrung aus 2017 im Hinterkopf kann ich ihr Leid nachfĂŒhlen. „Ich fĂŒhl euch, trust me“, erwidere ich einem Jeden und klopfe ihnen auf die Schulter. Hier in irgendeiner Form zu jubeln wĂ€re unangebracht. Das kann ich gleich noch machen. Und wie ich das machen werde. Am Kreisel, kurz vorm Parkplatz unseres Bullys, hat tatsĂ€chlich noch eine Bar geöffnet. Und zapft mir leckeres Cruzcampo in ein Glas. Randvoll!

Das erste trinke ich alleine. Auf die Eintracht. Auf den Pokal. Auf Kate. Auf unseren Hochzeitstag. Cheers. Nach und nach trudelt die gesamte Besatzung ein und hat Ă€hnliche Lust auf ein erfrischendes GetrĂ€nk wie ich. Einzig Geburtstagskind MJ ist etwas geknickt wegen des missglĂŒckten Stadionbesuchs. Ich kann es verstehen. Dennoch ist die allgemeine Euphorie nicht zu leugnen. Bis um 3:00 Uhr werden die GlĂ€ser nachgefĂŒllt, dann gibt eine zĂŒnftige KneipenschlĂ€gerei das Signal zum Aufbruch. Kein Adler im blĂŒtenweißen Karnickelpelz und kein Bier saufender und sonnenverbrannter Schotte ist involviert. Die Locals ziehen sich gegenseitig den Barhocker ĂŒber den SchĂ€del, wodurch Sebastian Rode nur noch den Preis fĂŒr die zweitgrĂ¶ĂŸte Platzwunde des Abends verdient. So spektakulĂ€r das auch ist, aber als die Thekenkraft die Policia informiert, machen wir uns vom Acker.
Am Airport MĂĄlaga trennen sich die meisten Wege wieder. MJ und ich haben den ersten Flug. Irgendein abgepacktes Sandwich im gottgepriesenen Meal Deal ist mein erstes Essen seit Ewigkeiten und rettet mich ĂŒber den Flug. Ohne grĂ¶ĂŸere Komplikationen landen wir pĂŒnktlich in der Stadt des aktuellen UEFA Cup Siegers. MJ fĂ€hrt direkt durch, ich laufe noch etwas durch die schönste aller StĂ€dte. Am Römer versorgt mich Knafing mit lauwarmen Binding und Frikadellenbrötchen und ich falle Moritz in die Arme, wodurch sich der Kreis endgĂŒltig schließt. Kennengelernt in Baku, wo die Europareise fĂŒr unsere Generation – klammert man mal den mehr oder weniger zufĂ€lligen Einzug 2006 aus – begann, ĂŒber die Jahre gute Freunde geworden, laufen wir uns hier zufĂ€llig ĂŒber den Haufen. Prost!

LĂ€nger als ein/zwei StĂŒndchen kann ich mich aber nicht mehr motivieren. Der Körper ist endgĂŒltig im *****, das T-Shirt durchgeschwitzt, der Rucksack auf dem Buckel zu schwer. Ich schleppe mich noch ins Nordend, kraxele in den fĂŒnften Stock, kann mich sogar ĂŒberwinden, das Barthaar zu entfernen und eine Dusche zu nehmen, ehe ich ins Bett plumpse und erstmal die Augen schließe. Am spĂ€ten Nachmittag weckt mich die wiedergenese Kate und wir stoßen auf unser JubilĂ€um und den Triumph mit Pizza und Spezi an, wĂ€hrend im Hintergrund die HR Übertragung des Autokorsos lĂ€uft. Aufraffen können wir uns nicht mehr. Never change a running system. 2018 haben wir die Jubelfeier auch gemeinsam am Bildschirm verfolgt, wenn auch damals via Instagram Livestream am Flughafen Nairobis. So, und das war jetzt ziemlich viel Text (und es kommt auch noch was), zusammengefasst bleibt nur eine Sache festzuhalten. WIR sind EUROPAPOKALSIEGER. Basta! Ach, und wir spielen jetzt ja auch in der Champions League. Scheiß Champions League. Die Ausgeburt des Teufels, das GrundĂŒbel des Fußballs. Eigentlich gar keinen Bock drauf, aber ich werde trotzdem hinrennen. Denn eines ist klar: Ich werde weiter zum Fußball fahren.

Bevor wir die TrophĂ€e dann wieder in die pflegende Obhut Peter Feldmanns geben, möchte ich den Text mit einem finalen Gedanken abschließen: Das, was diesen Titelgewinn so besonders macht, ist der Punkt, dass es sich anfĂŒhlt, als hĂ€tte man aktiv dazu beigetragen. Oder besser gesagt: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle einen klitzekleinen Anteil am Erfolg haben. Ohne diese grenzenlose UnterstĂŒtzung, diese unbĂ€ndige Euphorie auf allen Ebenen wĂ€re das nicht möglich gewesen. Da hat ein jeder, der irgendwann und -wo im weißen Shirt im Stadion seinen Schal hochgestreckt hat; jeder, der sich vorm Fernseher die Seele aus dem Leib gebrĂŒllt hat; jeder, der mit dem Adler auf der Brust ĂŒber die Zeil oder durch den Vogelsberg gewandert ist; jeder, der an unserem Ticketsystem verzweifelt ist; jedes Kind, das im Jugendtraining das Trikot von Kostic trĂ€gt; und jeder weitere, der in den letzten Wochen und Jahren in irgendeiner Form den Adler hochgehalten, seinen Beitrag. Aber ganz besonders will ich an dieser Stelle nochmal die aktive Fanszene hervorheben. Ohne diesen erzeugten Europapokalhype, der schon zu Zweitligazeiten (Paderbornska) seinen Anfang nahm und spĂ€testens nach dem Aufstieg so richtig groß wurde und sich aus dem aktiven Kreis auf die restliche Fanszene, den Verein, die Stadt und die ganze Region ausbreitete, hĂ€tten wir nie und nimmer den Europapokal gewonnen. Vielleicht hĂ€tten wir es schaffen können, irgendwann mal zufĂ€llig den DFB Pokal zu gewinnen, aber diese epischen Reisen durch Europa – und das war es 2013/14 schon – hĂ€tten nie und nimmer so erfolgreich stattfinden können. DafĂŒr gilt es auch einfach mal, den Jungs und MĂ€dels, die sich tage-, nĂ€chte-, wochen-, monatelang den ***** aufreißen, danke zu sagen. Bei allen grandiosen Choreos, bei aller epochaler Stimmung, auch bei allen Fehltritten – aber diese Euphorie, dieser Hype und der dadurch entstandene Erfolg ist das grĂ¶ĂŸte, was eine Fanszene erreichen kann. DANKE! Und ja, natĂŒrlich braucht man im Verein, in der Mannschaft und im Umfeld auch Personen, die diese Saat aufnehmen. Und diese haben wir glĂŒcklicherweise. Aber denen wurde ja schon genug gedankt Trotzdem auch hier: DANKE!

Epilog
Es hat nicht lange gedauert. Am Samstag, dem 21. Mai, war ich wieder beim Fußball. (Genaugenommen sogar schon am Freitag, das war aber der heimische Dorfverein. Leider verloren). NatĂŒrlich ohne Eintrachtbezug, um einen Titel ging es aber trotzdem. ThĂŒringenpokal im selten bespielten Stadion der Freundschaft in Gera. Und wĂ€hrend sich da vor einer gut aufgelegten SĂŒdkurve die Teams von Meuselwitz und Jena auf dem Rasen abmĂŒhen, irgendwas zustande zu bekommen, philosophiere ich biertrinkend mit Matze, wie geil wir doch sind und dass wir ja nach den Bayern der wohl mit Abstand erfolgreichste Club Deutschlands der letzten Jahre sind. Zwei Titelgewinne, einmal zusĂ€tzlich im Finale, zweimal zusĂ€tzlich in einem Halbfinale. Kann sich sehen lassen. Ja, und just in diesem Moment ĂŒberkommt mich eine GĂ€nsehaut und ich realisiere so richtig, was da am Mittwoch passiert ist. Wir sind wirklich Europapokalsieger. Das ist ja unfassbar. SpĂ€ter abends zuhause laufen nicht nur Szenen unseres Spiels ĂŒber den Bildschirm, sondern auch TrĂ€nen durch mein Gesicht. Europapokalsieger. Wir alle! Wie gut das tut. Mir persönlich. Es sind jetzt gerade mal vier Tage, aber in denen habe ich total motiviert Sport gemacht, endlich mal wieder einen guten Lauf absolviert, der mir Spaß gemacht hat. Ich habe den Stapel ungelesener Hefte und BĂŒcher in die Hand genommen und angefangen abzuarbeiten. Und wie ihr alle seht, habe ich sogar meine Schreibblockade gelöst. Ich hoffe, dieser Zustand hĂ€lt noch lĂ€nger an. Was auf jeden Fall ewig anhĂ€lt: Eintracht Frankfurt – UEFA Cup Sieger 2022!
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Ganz großartig ge- und beschrieben. Danke!
Ich find mich in vielem wieder.

Auch den vielen anderen Schreibern fĂŒr Ihre Erlebnisse und Berichte.

Schon 1 Woche her und fĂŒhlt sich weiterhin an wie gestern. Ich glaube, das wird noch eine ganz lange Zeit so sein.

Danke!
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Da schließe ich mich an. Oeschs ErzĂ€hlung ist ein echtes Highlight!
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Ok, so langsam habe ich die Sache dann auch realisiert und versucht, das Ganze schriftlich zu verarbeiten.
Achtung: Viel Text! Oder wie ich gerade nach der Vorschau gesehen habe: Verdammt viel Text. Hui. Und wahrscheinlich an mancher Stelle zensiert. Vielleicht quÀlt sich aber trotzdem noch jemand durch

BĂŒhnenreif, der Auftritt in blĂŒtenweißem Karnickelpelz
Vorbei die Zeiten von PrĂŒgeleien um Kippengeld
Alles begann hinterm GĂŒtergleis Richtung Bitterfeld
Und morgen erricht' ich meine Tyrannei in der dritten Welt


Die Euphorie wich schnell der NervositĂ€t. Am frĂŒhen Morgen des 10. Mais, einem Dienstag, verwandelte sich die NervositĂ€t in Angst.

Nichtsahnend warf ich einen Blick auf mein smartes Telefon und erfreute mich daran, dass mir Kate schon zur frĂŒhen Stunde liebevolle GrĂŒĂŸe ins BĂŒro ĂŒbermittelte. Beim Betrachten der digitalen Liebesbotschaft bleib mir das noch nicht angeknabberte FrĂŒhstĂŒck im Halse stecken. Das Bild ihres gerade durchgefĂŒhrten Coronatests zeigte auf Höhe des „T“ eine dicke Linie zu viel an. Was fĂŒr eine Scheiße. In erster Linie natĂŒrlich fĂŒr sie, platzte damit doch ihr vor langem gebuchtes Seminar am Wochenende. Ganz egoistisch betrachtet sah ich jetzt jedoch auch ein Problem auf mich zukommen. Zwar war ich fußball- und eintrachtbedingt ĂŒber das letzte Wochenende physisch von Kate getrennt, allerdings verbrachten wir die letzten Stunden vor dem positiven Test dann engumschlungen im heimischen Bettel. Kam ich bis jetzt unfassbarer Weise noch um eine Infektion herum, stand mir nun der Endgegner bevor. Zum beschissenst möglichen Zeitpunkt. Als einer der wenigen den GĂ€steblock bei Betis gesund verlassen, Barca und West Ham coronafrei ĂŒberlebt – Ersteres mit Fragezeichen, Zweiteres im Gegensatz zu Kate. Die ganze Familie hatte es, mit einer infizierten Kollegin im BĂŒro gehockt – ja, selbst die Omikron-Höhle in der Vereinskneipe des KFC Dessel Sport konnte mir nichts anhaben. Wenn ich jetzt nochmal davonkommen sollte, hatte ich es entweder schon unbemerkt gehabt oder ich bin wirklich immun dagegen. Oder ganz einfach Super Man. Ich konnte nur noch hoffen, dass die Eierlikör-Kur bei den Geiselgangstern im Rahmen der Bembelbar genĂŒgend Schutz aufgebaut hat. Ansonsten findet das Finale ohne mich statt.  

Die Marschroute war klar: Solange ich keine Symptome habe, mache ich auch keinen Test. Selbstredend folgte ich dieser Weisung nur zu 50%. Trotz keinerlei Anzeichen einer Ansteckung bohrte ich dann doch wiederholt in der Nase. Das hat schon etwas von Selbstgeißelung. Die Minuten, bis das Ergebnis angezeigt wird, sind dann doch von einem unangenehmen Kribbeln begleitet. Selten war ich aber so froh ĂŒber negative Ergebnisse. Als ich zum Wochenende hin immer noch quietschfidel war, stellte ich die ÜberprĂŒfung meines Gesundheitszustandes dann auch ein. Da ich von Kate ja auch strikt isoliert war, sollte die Sache jetzt safe sein und die Vorfreude auf den vierten Andalusien- und dritten Sevilla-Aufenthalt in diesem Jahr (und damit dem in meinem ganzen Leben bisher vierten Andalusien- bzw. dritten Sevilla-Aufenthalt insgesamt) konnte beginnen. Immerhin hatte ich mittlerweile auch eine Karte. Und das kostete wieder Nerven. Wer auch immer im Eintracht Ticketservice meinte, mir keine Mails mehr zukommen zu lassen, ist nicht gerade mein bester Freund. WĂ€hrend um mich rum alle ĂŒber ihre Zusagen jubelten oder Absagen weinten, erhielt ich mal wieder keine Info. Wenigstens kam ich im 23. Versuch (stimmt tatsĂ€chlich – damit wesentlich schneller als bei den Barcelona Tickets) in der Hotline durch und die Sache mit den Karten konnte geklĂ€rt werden. Mit den mich nicht erreichenden E-Mails hingegen nicht. Subber Sach. HĂ€tte ich einen Tag lĂ€nger gewartet oder niemanden erreicht, wĂ€ren die Teile einfach verfallen


Damit sollte die Sache jetzt aber safe sein und die Vorfreude auf den vierten Andalusien- und dritten Sevilla-Aufenthalt in diesem Jahr (und damit dem in meinem ganzen Leben bisher vierten Andalusien- bzw. dritten Sevilla-Aufenthalt insgesamt) konnte beginnen. Immerhin hatte ich inzwischen auch einen Flug. Und sogar eine Unterkunft. Letztere gebucht um 4:00 Uhr nachts, als ich wegen Stress aufgrund akuter Unorganisiertheit nicht schlafen konnte. Der obligatorische Check bei Trivago offerierte eine 8,6 auf Booking fĂŒr die Nacht vorm Spiel, mitten im Zentrum, mit Stornooption fĂŒr 120,-€ im DZ. Damit zwar immer noch das vielleicht teuerste Bett, das ich je gebucht hatte, im VerhĂ€ltnis zum sonstigen Markt aber auch eines der grĂ¶ĂŸten SchnĂ€ppchen, die ich je geschossen habe. Zum Vergleich: Der zweitbilligste Eintrag lag bei ca. 600,-€ und war am ***** der Welt. Da kann man auch mal 200,-€ fĂŒr nen RĂŒckflug raushauen. Donnerstagmorgens um 7:00 ab MĂĄlaga ĂŒber Lissabon, Landung FRA 12:40. Gebucht vier Tage nach (!) dem Halbfinale. Ernstgemeinte Frage: Warum hat den sonst fast keiner gebucht? Viel besser geht es doch nicht, gerade in Anbetracht der sonst so gewĂ€hlten Routen und Preise. Das soll sich jetzt nicht so lesen, dass ich mords der Macker bin und alle anderen dumm, wĂŒrde mich aber echt mal interessieren. Wie dem auch sei, die Tage vor dem Finale Grande waren alles andere alles entspannend und nervenschonend. Spaß ist was Anderes. Und um eine Anreise musste ich mich ja auch noch kĂŒmmern. Im Nachhinein blöd, wenn man das aus Aberglauben erst nach erfolgreichem Finaleinzug machen möchte. Im Endeffekt hat alles geklappt. Und damit springen wir auch direkt in den ICE von Frankfurt nach NĂŒrnberg.

Und wieder raus. Noch ein Cider am dortigen Flughafen und lachhafte 8,-€ spĂ€ter sind MJ und ich bereits in Bologna. Einen Fußmarsch, drei BĂŒchsen Moretti bzw. Peroni, ein paar Quizkarten und Ă€hnlich lĂ€cherliche 30,-€ spĂ€ter ist dann auch schon Dienstag, der 17. Mai, und wir befinden uns in MĂĄlaga. Strapazieren wir die Sache nicht ĂŒber. Kurz etwas durch die Gassen gelatscht, was gegessen, hier schon Unmengen sonnenverbrannte und literweise Bier saufende Schotten gesehen und mit BlaBlaCar rĂŒber nach Sevilla. Eingecheckt, die Kombination aus Bierpreisen im Souvenirshop (!) um die Ecke (80 Cent die BĂŒchse) und Dachterrasse ausgenutzt, spĂ€ter in angewachsener Runde unter gefĂŒhlt tausenden sonnenverbrannten und Bier saufenden Schotten unter den Setas de Sevilla gechillt, den Abend dann in noch grĂ¶ĂŸerer Runde in einer Shisha Bar (warum?) am Flussufer ausklingen lassen. Ich war ganz schön voll.

Mittwoch, 18.05.2022, Sevilla

Never change a running system. Vor ziemlich genau vier Jahren waren wir bekanntermaßen zum letzten Mal in einem Finale. Eine kleine Information, die ich in meiner damaligen schriftlichen Ausarbeitung – auf die ich in den folgenden Zeilen Seiten wohl noch öfter Bezug nehmen werde – galanterweise ausgelassen habe, möchte ich hier dann doch ergĂ€nzen. Auf dem Hinweg nach Berlin musste ich mich mehrfach ĂŒbergeben. Meine logische Schlussfolgerung: Kein Titelgewinn und vorheriges Kotzen. Sportliche Höchstleistungen vollbringe ich da, wie ich mir mit dem Finger im Hals die halb verdauten Tapas der letzten Nacht herauswĂŒrge. Voller Einsatz fĂŒr den Pokal! Körperlich geht es mir danach nicht besser. Mit MĂŒhe und Not und nur dank der Hilfe dreier Cola bekomme ich mein erstes Bier des Tages runter. Ich kann nur hoffen, dass mich keiner der zig Schotten um uns herum beobachtet. Literweise Bier saufend, sonnenverbrannt, mittlerweile sogar singend – aber immer freundlich. Wieso sich die RothĂ€ute aber NEBEN einen Sonnenschirm setzen oder trotz Verbrennungen dritten Grades auf dem nackten Oberkörper nur die Mundpartie (!) mit Sonnencreme einschmieren, könnten sie wohl nicht mal verstĂ€ndlich erklĂ€ren, wenn wir sie danach fragen wĂŒrden. Deren Dialekt versteht jetzt wirklich kein Mensch. Ay!

Um 14:15 Uhr wird zum Treffpunkt an einem Park, ca. 2km nördlich des Estadio Estadio RamĂłn SĂĄnchez PizjuĂĄn gerufen. Der Neuner, der uns nach der PokalĂŒbergabe wieder nach MĂĄlaga bringen soll, wird dort ankommen. Kurz Fritz verabschiedet und MJ ĂŒberzeugt, dass ein 45minĂŒtiger Fußweg mit Rucksack bei 40°C die weitaus bessere Idee als eine Uber-Fahrt ist, machen wir uns – Achtung: es folgt die ultimative Phrase – per pedes auf die glĂŒhenden Socken. Unterwegs passieren wir gefĂŒhlt Milliarden sonnenverbrannte und Bier saufende Schotten, aber so langsam auch vermehrt ein paar im blĂŒtenweißen Karnickelpelz gekleidete Adlers. Hier und da werden bekannte Gesichter abgegrĂŒĂŸt, bei manchen freut man sich, bei anderen fragt man sich, was die hier machen – eine Frage, die ich mir zwischenzeitlich auch mehrfach selbst stelle. Völlig dehydriert kommen wir am Parkplatz an. Bevor ich jedem „Gude“ gesagt, bevor ich meinen Rucksack abgelegt, bevor ich mich in den Schatten geworfen und bevor ich den mitgebrachten Kanister Wasser ĂŒber mich geschĂŒttet habe, drĂŒckt mir Ede eine Dose Tinto de Verano in die Hand. Das wĂ€re der Shit. Nee, bei so Freunden brauchste echt keine Offenbacher mehr. Erfrischend ist es dennoch.

Schnell teilt sich die Meute wieder auf. Der eine muss noch schnell ins Hostel, der andere auf’s Fanfest, der Großteil wechselt einfach nur die Straßenseite und kehrt in JesĂșs‘ Edelbistro ein. Hier, nördlich des Stadions, ist von der bevorstehenden Veranstaltung nichts zu erahnen. Keine sonnenverbrannten und Bier saufenden Schotten, keine schneeweißen Adler. Nur ein authentisches StraßencafĂ© mit lokaler Kundschaft. Und uns. Bier aus nur halbgefĂŒllten GlĂ€sern; Pommes mit Aioli, die die Konsistenz von Sperma und eine vermutete Wirkung analog der Anti-Baby-Pille hat; ein Zigarettenautomat, der den FĂŒnfer erst im zehnten Versuch akzeptiert; eine ToilettenspĂŒlung, die die grĂ¶ĂŸeren Ausscheidungen trotz – oder wegen - der vorherrschenden Wasserknappheit erst im dritten Anlauf verabschiedet; eine Thekenkraft, die aus ihrer Unlust keinen Hehl macht – kurz gesagt: Genau unser Ding. Nee, da verzichten wir gerne auf Fanfest oder gar den legendĂ€ren Fanmarsch (Unwort des Jahres!). Warum in der unbarmherzigen Sonne quĂ€len, den ausgelaugten Körper noch mehr Strapazen aussetzen und zu allem Überfluss am Ende noch von den Bullen zusammenknĂŒppelt werden, wenn uns JesĂșs – und nach dessen Feierabend seine unmotivierte Nachfolgerin – schmackhaftes Cruzcampo ausschenkt. OT: Übrigens ist der Cruzcampo Mönch ja wohl mal der geilste BierreprĂ€sentant ĂŒberhaupt.

Hier im Schatten, in der Obhut von JesĂșs, komme ich tatsĂ€chlich wieder zurĂŒck ins Leben. Die Runde ist gesellig. Es ist sogar so gesellig, dass wir den minutiös ausgetĂŒftelten Plan, pĂŒnktlich mit Öffnung der Stadiontore diese zu passieren, kurzfristig ad acta legen. Erst nach der gefĂŒhlt siebten – und in Wahrheit der wahrscheinlich mindestens siebten - wirklich allerletzten Runde bricht der verbliebene Rest auf. Am Stadion vom leider kartenlosen MJ (keine Chance, wirklich so gut wir alles probiert, wie verhext) verabschiedet, zeigt sich, dass unsere spontane Umgestaltung des Zeitplans von beeindruckendem Erfolg gekrönt ist. Exakt null Minuten benötigen wir, um die nicht vorhandene Schlange vor den beiden Ticket- und Taschenkontrollen zu durchschreiten. Es bleibt sogar noch Zeit, um eine 1,5l Flasche Wasser zu teilen. Wie wichtig diese FlĂŒssigkeitszufuhr werden sollte, können wir zu diesem Zeitpunkt trotz schon eingegangener Warnungen noch nicht richtig abschĂ€tzen. Als der letzte Tropfen inhaliert und das finale Drehkreuz ĂŒberquert ist, zeigt die Uhr 20:12 Uhr an. Wir sind zwar mal wieder in schöner GemĂŒtlichkeit versackt und somit viel spĂ€ter als wir eigentlich sollten, aber immer noch mehr als rechtzeitig drin. Aber nicht nur das. Bis hierher war das alles noch halbwegs spaßig. Bis hier war alles abstrakt. Genau jetzt, mit Betreten des Blocks, realisiere ich so richtig, warum zur Hölle wir eigentlich hier sind. Das ist das verschissene UEFA Cup Finale. Und wir spielen mit. Wir. Die verkackte Eintracht. Im Europapokalfinale. Bis hierher hĂ€tte ich gedacht, dass wir unfreiwillige Darsteller bei der Wiedergeburt der Versteckten Kamera sind. Sind wir aber nicht. Das ist real. Wir sind im Finale. Um den Europapokal. Gegen die Glasgow Rangers. Schneeweiße Adler gegen sonnenverbrannte und Bier saufende Schotten. Fußball!

Finale

45 Minuten noch bis zum Anpfiff. Die Beine in eine halbwegs aushaltbare Position bringen, gegen die NervositĂ€t ankĂ€mpfen, Überblick verschaffen. Schon ein paar mehr Gers mehr im Stadion als Adler. Aber gut, denen ist auch alles egal. Keine Chance gegen die auf dem Schwarzmarkt. DafĂŒr hoffentlich im Stadion. Halbe Stunde noch. Kippe. Bisschen Singen. Durchatmen.

Kurz vor Neun ist es soweit. Die offizielle Eröffnungszeremonie auf dem Rasen beginnt. Zum GlĂŒck verdeckt mir die Blockfahne alsbald den Blick darauf, so dass ich die Scheiße nicht sehen muss. Nochmal kurz ĂŒberlegt und schon muss ich meine Aussage revidieren. Ich stehe ja fĂ€hnchenwedelnd unterhalb der Heiligen Diva. Verdammt. Und wieso zur Hölle brennen mir immer so die Schultern, wenn ich ne Papptafel – oder in dem Fall jetzt eine Fahne – hochhalten muss? Aua. Ich muss pissen und ich hab Durst. Aber darum kĂŒmmer ich mich spĂ€ter. Ich Naivling.

Der Ball rollt. Irgendjemand hatte Anstoß. Ich habe keine Ahnung wer. Jedenfalls gibt es jetzt kein ZurĂŒck mehr. Da mĂŒssen wir jetzt alle durch. Der Puls steigt, die Atmung wird schwer, die HĂ€nde schwitzen. Gut, letzteres machen sie eh schon den ganzen Tag. Es sind ja immer noch ĂŒber 30 Grad nach Anders Celsius. Vom Tornetz auf unserer Seite sehe ich nur die obere HĂ€lfte. Wenn ĂŒberhaupt. Welch Kontrast zum 19. Mai 2018. Damals habe ich mich bekanntermaßen mehr oder weniger bewusst auf die GegentribĂŒne gehockt, diesmal noch viel bewusster mitten in den Pulk geschmissen. Es tut auch gut, die ganzen Leidensgenossen um einen rum zu haben. Ich bin nicht alleine. Spaß macht das alles trotzdem nicht. Das Herz rast, ich bin kurz vor Schnappatmung, die HĂ€nde tropfen vor Schweiß. Vom Spiel bekomme ich in der Anfangsphase nicht viel mit. Fast schon mechanisch klatsche ich mal im Takt mit oder singe ein paar Lieder, die richtige BrachialitĂ€t will sich aber nicht einstellen. Ich hauche meine Anfeuerungen eher raus als dass ich eine aktive Hilfe beim Support wĂ€re. Mehr geht nicht. Damit bin ich aber immer noch aktiver als die Gegenseite. Wenigstens etwas.

Schon ist Halbzeit. Das ging ja recht fix, denke ich. So schlimm war es ja gar nicht. Aber verdammte Kacke, wir könnten mal ein Tor schießen. WĂŒrde die Sache vielleicht entspannen. Egal, ich muss ja immer noch pissen. Und habe Durst. Also mal rausgequetscht und Augenzeuge des Chaos geworden. Am ersten Kiosk geht direkt der Rollo runter. Findet nicht jeder so witzig. Bevor es richtig ungemĂŒtlich wird, verziehe ich mich auf die SanitĂ€ranlage. Pipi lassen. Und frisch machen. Mehrere HĂ€nde Leitungswasser in Gesicht, Nacken und Haare, anschließend ein Vielfaches davon in den Mund. Schmeckt ĂŒberraschend gut. Ich erkenne keinen großen Unterschied zum leckeren Leitungswasser aus der östlichen Wetterau. Dementsprechend wiederhole ich diesen Vorgang im Laufe des Abends auch noch einige Male. Da ich auch im Nachgang mit keinerlei Problemen zu kĂ€mpfen habe, wird das Wasser auf jeden Fall trinkbar gewesen sein. Erst im Nachgang erfahre ich, dass das wohl ziemlich verchlort, zwischenzeitlich sogar abgestellt war und einige Leute nach dem Konsum mit Magen-Darm-Problemen zu kĂ€mpfen hatten. Interessant. Normalerweise habe ich doch den empfindlichen Verdauungstrakt, aber das hier macht mir gar nichts aus. Im Gegenteil. Es ist sogar beinahe lebensrettend. Wahrscheinlich hat die Knobisoße mittags jede Geschmacksknospe zerstört, gastrointestinal betrachtet aber fĂŒr ausreichend Schutz gesorgt. Danke JesĂșs.

ZurĂŒck am Platz – ich habe einen etwas sichereren Stand als im ersten Durchgang – rollt der Ball wieder. Irgendjemand hatte Anstoß. Ich habe keine Ahnung wer. Jetzt gibt es erst recht kein ZurĂŒck mehr. Da mĂŒssen wir jetzt alle durch. Der Puls steigt, die Atmung wird schwer, die HĂ€nde schwitzen. Die Anspannung steigt. Vom Spiel bekomme ich etwas mehr mit, so richtig viel passiert aber nicht. Egal, wir holen das Ding. Ich bin optimistisch, singe etwas lauter. Auf dem Rasen ist eh keine Gefahr, dass irgendwas passiert. Weiter Ball Trapp, KopfbĂ€lle im Mittelfeld. Kann ja nix passieren – wĂŒrde nicht eine Verkettung unglĂŒcklicher Aktionen dafĂŒr sorgen, dass ein gewisser Herr Joe Aribo plötzlich alleine vor unserem Kasten auftaucht. Und einnetzt. Und das Stadion in ein Tollhaus verwandelt. Und mir einen selten zuvor verspĂŒrten Stich ins viel zu wild pochende Herz versetzt. Ich ertappe mich sogar dabei, wie ich auf einen warum auch immer zu unseren Gunsten regulierenden Einsatz des VAR hoffe. Das war ja auch klar Foul. Oder Hand. Mein anderes Ich interveniert zum GlĂŒck sofort. VAR ist böse. Dieser dunkle Gedanke beschreibt dennoch am besten meine Verzweiflung.

In den letzten Tagen hat man sich – bzw. zumindest ich mir – ja immer eingeredet, dass das hier und heute auch schiefgehen kann. Die Rangers haben den großen BVB und die glorreichen Rasenballisten rausgeworfen. Danke dafĂŒr. Aber warum sollen die dann ausgerechnet an der verkackten Eintracht scheitern? Nein, zu 100% siegesgewiss war ich nicht. Ich ertappte mich sogar dabei, wie ich unter der Dusche zur Melodie von „You are my sunshine“ davon sang, dass Eintracht Frankfurt mein Leben ist und ich immer weiter zu ihr stehen werde, auch wenn das Spiel mal verloren geht. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich dabei schon voller Inbrunst dieses Lied mit trĂ€nenĂŒberflutetem Gesicht in den andalusischen Nachthimmel schmettern. Ich war vorbereitet auf die Niederlage, dachte ich. Einen Scheiß war ich, erkenne ich eben gerade. Egal, wie sehr man sich auch einredet, dass wir ganz vielleicht eventuell ohne Pokal nach Hause fahren könnten, wirklich ernsthaft hat man an dieses Szenario nicht gedacht. Im Moment des Gegentors zerreißt es mir alles. Ich kann nicht mal fluchen. Das muss diese vielzitierte Schockstarre sein. Als ich wieder einigermaßen zu mir komme, Ă€ußere ich einen wohl lange gereiften Gedanken: „Warum tut man sich diese Scheiße eigentlich an? Ich hör‘ auf zum Fußball fahren.“

Die Sache ist durch. Wir schießen hier kein Tor mehr. So eine elendige Scheiße. Zum GlĂŒck sind die Spieler etwas optimistischer. LindstrĂžm gleicht beinahe direkt aus, Kamada ist kurze Zeit spĂ€ter noch knapper dran. Wer solche Dinger nicht macht, verliert. Ungeschriebenes Gesetz. Verdammte Hacke. Ich kann nichts machen, außer Stoßgebete Richtung Firmament senden und ansonsten apathisch auf den Rasen zu starren. Und Haare raufen. Im Gegensatz zu Berlin vor vier Jahren asche ich mir heute dabei wenigstens nicht auf den Kopf. Selbst zum Rauchen bin ich zu schwach, von der fehlenden Lust mal ganz abgesehen. Wieso tut man sich sowas eigentlich an? Kein normaler Mensch kann sowas ertragen. Kein normaler Mensch wĂŒrde zur Eintracht fahren.

„JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! Verfickte *******! Ja! Ja Ja!“ Der Ball ist im Tor! Und ich befinde mich ca. fĂŒnf Reihen unter meinem eigentlichen Platz. „Ja verdammt!“ Ihr kennt das ja mittlerweile. Wir schießen ein Tor, ich beleidige wild um mich. Brauch ich halt. Nach dem Urschrei ist es aber nicht die Freude, die ĂŒberwiegt, sondern Erleichterung. Wir sind doch noch nicht tot. Es geht wieder was. Was gut fĂŒr das Spiel – oder besser gesagt fĂŒr den aus unserer Sicht Ausgang des Spiels – ist, ist aber mal sowas von schlecht fĂŒr mein NervenkostĂŒm. Ab jetzt geht gar nichts mehr. Ich bekomme nicht mal wirklich mit, dass Martin den Abgang gemacht hat und daraufhin die UnterstĂŒtzung kurzzeitig gestoppt wird – Gude Besserung! Ich bin eh nicht in der Lage zu singen. Ich bin komplett im Tunnel. Mein Ruhepuls ist abwechselnd bei null und 200. Wahrscheinlich sogar im selben Moment. In gewisser Weise bin ich gerade sogar froh, dass Kate die Woche vorher in strikter QuarantĂ€ne war. So konnte sie mir auch nicht die Haare schneiden, wodurch ich eine relativ griffige Wolle auf der SchĂ€deldecke trage. Hilft ungemein beim stĂ€ndigen Raufen. Genauso froh bin ich ĂŒber Edes Anwesenheit. So kommen wenigstens ab und an mal ein paar dumme SprĂŒche, die uns sogar ab und an mal kichern lassen. Ich glaube, die Ablenkung tut unserem weiteren Umfeld auch gut. Besonders dieses Tier mit der Nummer 3 da hinten drin wird des Öfteren Gegenstand unserer Analysen. Was ein Klotz. Die meiste Zeit wiederhole ich aber mantraartig meine Idee von meinem zukĂŒnftigen Leben. Ich fahr‘ nicht mehr zum Fußball. Das kann kein Mensch aushalten.

Ohne Scheiß, sollte euch irgendjemand mal weismachen wollen, dass so ein Finale ja eine große Party und ein Riesenspaß ist, zeigt dem Vogel einfach den Mittelfinger. Das krasse Gegenteil. Das ist die komplette Hölle. Kein Mensch kann das aushalten. Und dann gibt es noch einen Nachschlag in Form einer VerlĂ€ngerung. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Wieso können wir nicht einfach lockerflockig easypeasy 3:0 gewinnen. WĂ€re wahrscheinlich zu einfach, also ab in den Drama Modus. Bevor es weitergeht, suche ich nochmal den Erfrischungsraum aus. Mehrere HĂ€nde Leitungswasser in Gesicht, Nacken und Haare, anschließend ein Vielfaches davon in den Mund. Schmeckt immer noch gut. Gibt immer noch keine Probleme mit dem BĂ€uchlein.

Als so weiter. Wieder hat jemand Anstoß, wieder weiß ich nicht wer, wieder hinterfrage ich dauernd, was ich hier eigentlich mache und wieso ich nicht einfach samstags zu Hause den Rasen mĂ€he und danach die 59 Cent BratwĂŒrste von Tönnies auf den Grill haue. WĂ€re zwar komplett scheiße, aber wenn man sich keine Gedanken ĂŒber sein Tun macht, hat man wenigstens selbst ein sorgenfreies Leben. Irgendwie zu beneiden, Ă€ndern tun wir eh nix. Welch dystopische Gedanken, besser kann man meinen GemĂŒtszustand aber nicht beschreiben. WĂ€hrenddessen rĂ€umt der Dreier weiterhin alles ab, raufe ich meine Haare, messe meinen Ruhepuls (irgendwo zwischen null und 200. Zur gleichen Zeit) und beschließe endgĂŒltig, mit der Fußballfahrerei aufzuhören. Die Sportschau ist doch auch schön.

Seitenwechsel. Irgendjemand stĂ¶ĂŸt an, keine Ahnung wer. Mir wird immer schlechter. Das ist das letzte Mal, dass ich zum Fußball fahre. Macht doch rational betrachtet alles keinen Sinn. Ansonsten Ă€ndert sich nichts. Bis zu dieser beinahe verhĂ€ngnisvollen 118. Minute. Der Querpass vor unser Tor. Der Abschluss in den beinahe leeren Kasten. Der endgĂŒltige Stich ins Herz, der Schuss in den Kopf, das Fallbeil auf den Nacken. Das Bein Kevin Trapps. Der knapp drĂŒber gehende Nachschuss. Alles geht so schnell, dass ich meine GefĂŒhle nicht beschreiben kann. Als die Gefahr gebannt ist, habe ich ein doppeltes DĂ©jĂ  Vu. Ich fĂŒhle mich zum Einen ins Berliner Olympiastadion versetzt. Mal wieder. Nach Boatengs absolut sauberen Tackling in der gefĂŒhlt 156. Minute hĂ€lt Hradecki den Schuss von – ich glaube – Sandro Wagner. Das war sowas von ein fertiges Tor, die Szene geht in der Nachbetrachtung aber komplett in der Diskussion um die Nicht-Elfmeterentscheidung unter. Ich sehe sofort die Parallele zwischen den beiden Paraden zu diesem spĂ€ten Zeitpunkt im Spiel und ziehe automatisch die Schlussfolgerung: Die Geschichte wiederholt sich immer. Wir gewinnen das Ding heute! Kurze Anmerkung noch hierzu: Ich habe mir gerade nochmal die letzten Minuten des Pokalfinals angeschaut. Immer noch unfassbar. Und es ist immer noch so, als wĂ€re ich im Stadion. Immer noch die Angst, dass die Bayern doch noch den Ausgleich machen. Immer noch diese unaushaltbare Angst wĂ€hrend des VAR Einsatzes, dass der Elfmeterpfiff doch erfolgt. Immer noch diese GĂ€nsehaut bei Gaćinovićs Lauf. Und immer noch TrĂ€nen, wenn der Ball im Netz einschlĂ€gt. Und wieder TrĂ€nen, wenn ich das nur schreibe. Egal, wie der Abend in Sevilla ausgehen wird, gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig wird der 19. Mai 2018 nicht zu toppen sein.

ZurĂŒck ins Hier und Jetzt. Meine zweite Erinnerung ist Ă€hnlich emotional, aber auf einer anderen Ebene. Das sah doch gerade beinahe Eins zu Eins so aus wie in der 110. Minute an der Stamford Bridge, als Haller nach Kostics Flanke quasi genauso vor dem fast leeren Tor stand, wie es gerade eben der StĂŒrmer der Rangers tat. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Tingeltangel Luiz kratzte den Ball von der Linie, wir verloren im Elfmeterschießen. Und da sich die Geschichte immer wiederholt, konnte das nur eines bedeuten: Wer eine solche Chance in der VerlĂ€ngerung vergibt, verliert den Penalty Shoot Out. Und das sind heute eben nicht wir. Wir gewinnen das Ding! Dazu passt auch das, was ich mir – und vielen anderen – schon seit dem Einzug Halbfinale einrede. Merkt euch: Geschichte wiederholt sich. Immer. So wie wir 2017 tragisch (naja, wohl nur aus unserer subjektiver Sicht) das Pokalfinale verloren haben, nur um ein Jahr spĂ€ter umso triumphaler zurĂŒckzukehren, muss es dieses Jahr auch im Europapokal passieren. Das tragische (aus wirklich objektiver Sicht) Scheitern in London 2019 war nur die Vorbereitung, um in der Folgesaison – klammern wir mal zwei Jahre Corona aus. Aber ehrlich gesagt fĂŒhlt sich auch so an, als wĂ€re die Zeit nach dem Salzburgspiel eingefroren worden und es wĂŒrde jetzt erst wieder weitergehen – eben genau in der britischen Kapitale umso triumphaler zurĂŒckzukehren. Das Schicksal will es, dass wir den Cup gewinnen. Der Weg ist vorherbestimmt – man kann ihn nicht Ă€ndern.

Mein Optimismus wehrt nur kurz. SpĂ€testens als es RealitĂ€t ist, dass wir ins Elfmeterschießen gehen, ist der Ofen bei mir wieder aus. Und dabei hab‘ ich kleiner Naivling doch wenige Stunden vorher auf JesĂșs‘ Klappsitzen doch noch große Töne gespuckt. „Wenn ich mir einen Ausgang malen dĂŒrfte, wĂŒrden wir im Elferschießen gewinnen, wobei der letzte Schuss nach Mitternacht ausgefĂŒhrt wird. Auch wenn ich das nervlich nicht aushalten wĂŒrde. Prost!“ Ja, das klĂ€nge perfekt. Nach Mitternacht wĂ€re eben schon der 19. Mai. Historisches Datum. Nicht nur fĂŒr die SGE, auch fĂŒr den kleinen Ösch. Und seine Kate. Immerhin seit einem Jahr der Tag unserer Eheschließung. Ein Zusammenhang mit großen Ereignissen der jĂŒngeren Eintracht-Vergangenheit darf dabei natĂŒrlich vermutet werden. Und was könnte es fĂŒr ein schöneres Geschenk zum ersten Hochzeitstag als eben das beschriebene Szenario geben? Gut, Kate könnt jetzt hier sein. Da hatte jedoch das kugelfischige Virus und der Arbeitgeber etwas dagegen, aber das sind ja Nuancen. Was mir bei meiner Aussage bezĂŒglich „das wĂ€re nervlich nicht auszuhalten“ hingegen nicht bewusst war, ist, was dieser lapidar dahingesagte Satz tatsĂ€chlich bedeutet. Das ist nervlich nĂ€mlich wirklich nicht auszuhalten. Nicht im Ansatz. Im Gegensatz zu den meisten anderen weißen Adlers bin ich aber ganz froh, dass nicht auf das Tor vor unserer Kurve geschossen wird. So sehe ich wenigstens besser. Wobei ich nicht weiß, ob ich ĂŒberhaupt hinschauen soll. Oder das auch ĂŒberhaupt kann. Ich bin heillos ĂŒberfordert mit der Situation. Keiner normaler Mensch kann das aushalten. Kein normaler Mensch geht zur Eintracht. Ich bin zu alt fĂŒr den Scheiß. Ich hör auf mit Fußball.

Diese vage Hoffnung immer, wenn ein Ranger anlĂ€uft, dass er vielleicht verschießt. Dieser riesige Bammel, wenn ein Adler anlĂ€uft, dass er vielleicht verschießt. Diese Erleichterung, wenn der Greifvogel nicht verschossen hat. Dieses ewige Warten, bis endlich der nĂ€chste SchĂŒtze an der Reihe ist. Das ist alles ganz schwer zu ertragen. Und trotzdem motiviere ich mich selbst. Bevor ich mit Fußball aufhöre, will ich heute diesen verfickten Pokal gewinnen. „Alter! Ich will das Ding heute gewinnen!“ Und tatsĂ€chlich, als Aaron Ramsey zum Punkt schreitet, sagt mir eine innere Intuition, dass Trapp den jetzt halten wird. Als das passiert, raste ich kurzzeitig komplett aus. Da musste mal einiges rausgeschrien werden, was sich so angestaut hatte. Erstaunlicherweise fluche ich dabei nicht. Die Angst und der Respekt vorm Scheitern ist noch zu groß. Ein mir unbekannter Fan holt mich – und nicht nur mich – wieder runter. Ruhig bleiben, das ist noch nicht durch. Hast ja recht, danke. Aber wir sind so kurz davor. So verdammt kurz davor. Das darf jetzt nicht mehr schiefgehen, das wĂ€re zu brutal. Kostic trifft. Geil, geil, geil! Die Rangers auch. Kacke, aber egal. Wir haben es in der Hand. Rafael BorrĂ© hat es am Fuß.

Was ging mir 2018 alles durch den Kopf, als Mijat auf das leere Tor zugerannt ist. Komplettes Wirrwarr unter der SchĂ€deldecke. Heute habe ich nur einen einzigen Gedanken. Einen einzigen Wunsch. Ich Ă€ußere ihn in Endlosschleife. GebĂŒckt wie Quasimoto kralle ich meine FingernĂ€gel in die Sitzschale vor mir und raufe mir gleichzeitig die Haare. Wie auch immer das anatomisch möglich ist. „Schieß den scheiß Ball ins Tor!“ Meine Stimme ist ein einziges flehendes Wimmern. Mein Körper und Geist sind nicht mehr kooperativ. Ich weiß nicht, ob meine Angst oder meine Vorfreude grĂ¶ĂŸer ist. Ich will nur eins. „Schieß den verdammten Ball in das verfickte scheiß Tor!“ Es ist wirklich alles, was ich in diesem Moment will. Alles andere ist scheißegal. Ich hab das GefĂŒhl, dass mir noch nie etwas so wichtig war. Und ja, das fĂŒhlt sich richtig schĂ€big an bei dem Zustand, in dem sich die Welt aktuell prĂ€sentiert. Aber es ist nunmal so. Und jeder, der irgendwie emotional in diesen Moment involviert ist, wird es nachvollziehen können. „Schieß einfach nur den Ball ins Tor. Bitte!“ Ich wage einen Blick zu Uhr. 23:53 Uhr. Kacke, sieben Minuten zu frĂŒh. Aber da mĂŒssen persönliche Befindlichkeiten auch einmal einem höheren Ziel weichen. „Bitte! Schieß.Den.Ball.Ins.Tor.“

Als der Ball im Winkel einschlĂ€gt, platzt alles aus mir raus. Wieder kein Tourette, nur ein lautes „JAAAAAAAAAAAAAA!“ Meine weitere Erinnerung an die Sekunden nach dem entscheidenden Moment sind dunkel. Ich fliege quer durch den Block – wie so ungefĂ€hr jeder hier. Irgendwelche schweißgebadeten Kadaver werden umarmt, irgendwann finde ich mich wieder auf meinem Platz ein. Mein Unterkiefer zittert, ich bin völlig ĂŒberwĂ€ltigt, im Gegensatz zu Ede wollen mir aber keine TrĂ€nen kullern. Ich versuche sie zwar rauszupressen, aber es gelingt nicht. Könnte jetzt vermuten, dass ich dehydriert bin, aber so viel Leitungswasser, wie ich in mich reingeschĂŒttet habe, dĂŒrfte das eigentlich nicht der Fall sein. Ich habe eine andere Vermutung. Klar, ich hab‘ das eh noch nicht realisiert. Ich glaube aber tatsĂ€chlich, dass mir neben – oder eher sogar vor - dieser unbĂ€ndigen Freude vor allem eine ungeheure Last abgefallen ist. Das Jahr 2022 war aus persönlicher Sicht bisher ein ziemliches Kackjahr. Einem euphorischen Beginn folgte spĂ€testens ab Ende Januar die große Krise. Mentales Down, Stress, Zukunftsangst, ausgeprĂ€gte (Miflife-)Crisis. Dazu kommt Renovierungsstress zuhause, der ĂŒbliche Kack auf der Maloche, diese stĂ€ndige Anspannung mit dem Fußball. Keine Zeit zum Durchschnaufen. AuswĂ€rtsspiele buchen, den Karten hinterherrennen, bei Heimspielen immer aufmerksam sein, damit möglichst das ganze Umfeld mit Tickets versorgt ist, am Wochenende selber die Schießstiefel schnĂŒren, dabei noch versuchen ins Training zu gehen. Das schlechte Gewissen, wenn mal ein Termin abgesagt wird. Mir war bzw. ist alles zu viel. Bei jeder Kleinigkeit, die von meiner individuellen Planung abweicht, raste ich komplett aus. Da reicht es schon, dass die Bestellung der Sommerreifen nicht so perfekt geklappt hatte, wie ich das hoffte und ich dadurch exakt einmal mehr in die Werkstatt musste. Ich war in dem Moment kurz vorm Zusammenbrechen. Laufen gehen - das, was mich sonst immer komplett runtergeholt hat? Vergiss es. Wenn ich mich mal 5km ĂŒber den Asphalt gequĂ€lt habe, war mein einziger Gedanke, dass die eigentlich lapidare Anstrengung hoffentlich gleich vorĂŒber ist. Einen seit Januar anhaltenden Tinnitus habe ich, die Sache mit erholsamen Schlaf funktioniert auch nicht so wirklich. In der Bude sah es teilweise aus wie Sau, in der Ecke liegt der immer grĂ¶ĂŸer werdende Stapel ungelesener Printerzeugnisse, irgendwie in den Modus, selbst einen der vielen offenen Berichte zu schreiben, kam ich auch nicht. Stattdessen wurde abends auf der Couch einfach sinnlos im WWW rumgesurft. Komplett Banane, aber der Ofen ist gerade aus. Und dabei ist der Ofen doch genau das, was mich ĂŒber Wasser gehalten hat. Immerhin habe ich nĂ€mlich meine Liebe zum Backen erlernt. Verdammt lecker, sag ich euch. Naja, eigentlich sollte ich das nicht euch, sondern wohl eher meinem Psycho-Doc erzĂ€hlen. Der hat jedoch keine Termine fĂŒr mich frei. Warum ich es trotzdem tue, ist ganz einfach. So, wie ich da mit geballten FĂ€usten meine Freude rausposaune, merke ich, wie ich gleichzeitig innerlich gereinigt werde. Ja, ich werde jetzt nicht direkt aus meinem Loch herauskommen. Aber diese stĂ€ndige Anspannung, das stĂ€ndige Planen, das stĂ€ndige Unter-Strom-Stehen, die stĂ€ndige – wohl selbst eingeredete – Verpflichtung, ĂŒberall prĂ€sent zu sein, der stĂ€ndige Termindruck und vor allem diese stĂ€ndige Angst vor der Niederlage – alles das ist erstmal raus. So kann ich auch ganz befreit der Siegerzeremonie folgen. Voller Endorphin, voller Freude – aber nicht in diesem GefĂŒhl der vollkommenen GlĂŒckseligkeit, das ich in Berlin verspĂŒrte. Es stört mich nicht. Im Gegenteil. Der damalige Moment darf gerne einmalig bleiben. So komme ich wenigstens nicht in Versuchung, Vergleiche aufzustellen. Beide Erfolge sind fĂŒr sich gesehen das absolut GrĂ¶ĂŸte. Ich finde sogar meine Singstimme wieder. Im Herzen von Europa. I Love You Baby. Oktavenreich stimme ich in den Chor ein. Mein persönliches Bild des Abends bietet unsere Nippon Connection Kamada und Hasabe Hasebe, wie sie in fernöstlicher ZurĂŒckhaltung mit der TrophĂ€e vorm Block posieren. HerzerwĂ€rmend.

Ein Blick auf’s Handy zeigt mir, dass WhatsApp erstaunlich ruhig ist. Wenn ein Raid in der PokĂ©mon Go Gruppe gemeldet wird, ist da mitunter mehr Traffic. Eine der wenigen Nachrichten bedeutet mir, dass ich dann aber so langsam mal aufbrechen sollte. Wir wollen ja alle unseren Flug erwischen. Um 0:43 Uhr verlasse ich den Block, etwas spĂ€ter das Stadionareal. In den Minuten dazwischen falle ich noch einigen bekannten Gesichtern um den Hals, fĂŒr einen lĂ€ngeren Austausch sind wir alle zu ausgelaugt. Mehr als „Wir sind Europapokalsieger“ wĂ€re eh nicht rumgekommen. Übrigens dĂ€mmert es mir gerade mal wieder. Wir sind Europapokalsieger. Wir, die verkackte Eintracht vom Main. Nur wir sollten heute siegen!

Entgegen der Masse, die Richtung Innenstadt, Fanfest oder was weiß ich wohin will, schlage ich den Weg gen Norden an. Alleine. Das brauche ich jetzt. Das brauche ich in so Momenten öfter. Nach dem Aus an der Stamford Bridge zog es mich zwecks erster Verarbeitung auch allein zu Fuß durch den strömenden Regen in Richtung Victoria Station. Das hat gutgetan. Genauso gut tut es jetzt. Ein Bisschen fĂŒhle ich mich wie Franz Beckenbauer auf dem Rasen des Römer Olympiastadions. Auch wenn ich den Kerl eigentlich nie verstehen kann, seinen gedankenverlorenen Walk ĂŒber den einsamen Rasen verstehe ich dann doch. Getrieben bin ich von einem Gedanken. Einem primitiven Gedanken. Ich habe so unfassbare Lust auf Bier. Das Problem dabei: Wir sind in Sevilla. Und in Sevilla machen – wie ich aus drei Aufenthalten in diesem Jahr (und damit drei in meinem Leben insgesamt) gelernt habe – zur Geisterstunde die LĂ€den dicht. Aber irgendwas sagt mir, dass ich heute noch Erfolg haben werde. Viel ist hier nördlich des Stadions aber nicht los. Kaum Menschen. Ein paar vereinzelte Schotten – immer noch sonnenverbrannt, aber nicht mehr Bier saufend (scheiße, kein Bier mehr?) – stehen wie die berĂŒchtigten HĂ€ufchen Elend in der Gegend rum. Fast alle rufen mich zu ihnen, geben mir die Hand und gratulieren mir mit einen herzzerreißend traurigem Blich zum Sieg. Ich kann mich in diesen Moment nicht freuen. Mit der Erfahrung aus 2017 im Hinterkopf kann ich ihr Leid nachfĂŒhlen. „Ich fĂŒhl euch, trust me“, erwidere ich einem Jeden und klopfe ihnen auf die Schulter. Hier in irgendeiner Form zu jubeln wĂ€re unangebracht. Das kann ich gleich noch machen. Und wie ich das machen werde. Am Kreisel, kurz vorm Parkplatz unseres Bullys, hat tatsĂ€chlich noch eine Bar geöffnet. Und zapft mir leckeres Cruzcampo in ein Glas. Randvoll!

Das erste trinke ich alleine. Auf die Eintracht. Auf den Pokal. Auf Kate. Auf unseren Hochzeitstag. Cheers. Nach und nach trudelt die gesamte Besatzung ein und hat Ă€hnliche Lust auf ein erfrischendes GetrĂ€nk wie ich. Einzig Geburtstagskind MJ ist etwas geknickt wegen des missglĂŒckten Stadionbesuchs. Ich kann es verstehen. Dennoch ist die allgemeine Euphorie nicht zu leugnen. Bis um 3:00 Uhr werden die GlĂ€ser nachgefĂŒllt, dann gibt eine zĂŒnftige KneipenschlĂ€gerei das Signal zum Aufbruch. Kein Adler im blĂŒtenweißen Karnickelpelz und kein Bier saufender und sonnenverbrannter Schotte ist involviert. Die Locals ziehen sich gegenseitig den Barhocker ĂŒber den SchĂ€del, wodurch Sebastian Rode nur noch den Preis fĂŒr die zweitgrĂ¶ĂŸte Platzwunde des Abends verdient. So spektakulĂ€r das auch ist, aber als die Thekenkraft die Policia informiert, machen wir uns vom Acker.
Am Airport MĂĄlaga trennen sich die meisten Wege wieder. MJ und ich haben den ersten Flug. Irgendein abgepacktes Sandwich im gottgepriesenen Meal Deal ist mein erstes Essen seit Ewigkeiten und rettet mich ĂŒber den Flug. Ohne grĂ¶ĂŸere Komplikationen landen wir pĂŒnktlich in der Stadt des aktuellen UEFA Cup Siegers. MJ fĂ€hrt direkt durch, ich laufe noch etwas durch die schönste aller StĂ€dte. Am Römer versorgt mich Knafing mit lauwarmen Binding und Frikadellenbrötchen und ich falle Moritz in die Arme, wodurch sich der Kreis endgĂŒltig schließt. Kennengelernt in Baku, wo die Europareise fĂŒr unsere Generation – klammert man mal den mehr oder weniger zufĂ€lligen Einzug 2006 aus – begann, ĂŒber die Jahre gute Freunde geworden, laufen wir uns hier zufĂ€llig ĂŒber den Haufen. Prost!

LĂ€nger als ein/zwei StĂŒndchen kann ich mich aber nicht mehr motivieren. Der Körper ist endgĂŒltig im *****, das T-Shirt durchgeschwitzt, der Rucksack auf dem Buckel zu schwer. Ich schleppe mich noch ins Nordend, kraxele in den fĂŒnften Stock, kann mich sogar ĂŒberwinden, das Barthaar zu entfernen und eine Dusche zu nehmen, ehe ich ins Bett plumpse und erstmal die Augen schließe. Am spĂ€ten Nachmittag weckt mich die wiedergenese Kate und wir stoßen auf unser JubilĂ€um und den Triumph mit Pizza und Spezi an, wĂ€hrend im Hintergrund die HR Übertragung des Autokorsos lĂ€uft. Aufraffen können wir uns nicht mehr. Never change a running system. 2018 haben wir die Jubelfeier auch gemeinsam am Bildschirm verfolgt, wenn auch damals via Instagram Livestream am Flughafen Nairobis. So, und das war jetzt ziemlich viel Text (und es kommt auch noch was), zusammengefasst bleibt nur eine Sache festzuhalten. WIR sind EUROPAPOKALSIEGER. Basta! Ach, und wir spielen jetzt ja auch in der Champions League. Scheiß Champions League. Die Ausgeburt des Teufels, das GrundĂŒbel des Fußballs. Eigentlich gar keinen Bock drauf, aber ich werde trotzdem hinrennen. Denn eines ist klar: Ich werde weiter zum Fußball fahren.

Bevor wir die TrophĂ€e dann wieder in die pflegende Obhut Peter Feldmanns geben, möchte ich den Text mit einem finalen Gedanken abschließen: Das, was diesen Titelgewinn so besonders macht, ist der Punkt, dass es sich anfĂŒhlt, als hĂ€tte man aktiv dazu beigetragen. Oder besser gesagt: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle einen klitzekleinen Anteil am Erfolg haben. Ohne diese grenzenlose UnterstĂŒtzung, diese unbĂ€ndige Euphorie auf allen Ebenen wĂ€re das nicht möglich gewesen. Da hat ein jeder, der irgendwann und -wo im weißen Shirt im Stadion seinen Schal hochgestreckt hat; jeder, der sich vorm Fernseher die Seele aus dem Leib gebrĂŒllt hat; jeder, der mit dem Adler auf der Brust ĂŒber die Zeil oder durch den Vogelsberg gewandert ist; jeder, der an unserem Ticketsystem verzweifelt ist; jedes Kind, das im Jugendtraining das Trikot von Kostic trĂ€gt; und jeder weitere, der in den letzten Wochen und Jahren in irgendeiner Form den Adler hochgehalten, seinen Beitrag. Aber ganz besonders will ich an dieser Stelle nochmal die aktive Fanszene hervorheben. Ohne diesen erzeugten Europapokalhype, der schon zu Zweitligazeiten (Paderbornska) seinen Anfang nahm und spĂ€testens nach dem Aufstieg so richtig groß wurde und sich aus dem aktiven Kreis auf die restliche Fanszene, den Verein, die Stadt und die ganze Region ausbreitete, hĂ€tten wir nie und nimmer den Europapokal gewonnen. Vielleicht hĂ€tten wir es schaffen können, irgendwann mal zufĂ€llig den DFB Pokal zu gewinnen, aber diese epischen Reisen durch Europa – und das war es 2013/14 schon – hĂ€tten nie und nimmer so erfolgreich stattfinden können. DafĂŒr gilt es auch einfach mal, den Jungs und MĂ€dels, die sich tage-, nĂ€chte-, wochen-, monatelang den ***** aufreißen, danke zu sagen. Bei allen grandiosen Choreos, bei aller epochaler Stimmung, auch bei allen Fehltritten – aber diese Euphorie, dieser Hype und der dadurch entstandene Erfolg ist das grĂ¶ĂŸte, was eine Fanszene erreichen kann. DANKE! Und ja, natĂŒrlich braucht man im Verein, in der Mannschaft und im Umfeld auch Personen, die diese Saat aufnehmen. Und diese haben wir glĂŒcklicherweise. Aber denen wurde ja schon genug gedankt Trotzdem auch hier: DANKE!

Epilog
Es hat nicht lange gedauert. Am Samstag, dem 21. Mai, war ich wieder beim Fußball. (Genaugenommen sogar schon am Freitag, das war aber der heimische Dorfverein. Leider verloren). NatĂŒrlich ohne Eintrachtbezug, um einen Titel ging es aber trotzdem. ThĂŒringenpokal im selten bespielten Stadion der Freundschaft in Gera. Und wĂ€hrend sich da vor einer gut aufgelegten SĂŒdkurve die Teams von Meuselwitz und Jena auf dem Rasen abmĂŒhen, irgendwas zustande zu bekommen, philosophiere ich biertrinkend mit Matze, wie geil wir doch sind und dass wir ja nach den Bayern der wohl mit Abstand erfolgreichste Club Deutschlands der letzten Jahre sind. Zwei Titelgewinne, einmal zusĂ€tzlich im Finale, zweimal zusĂ€tzlich in einem Halbfinale. Kann sich sehen lassen. Ja, und just in diesem Moment ĂŒberkommt mich eine GĂ€nsehaut und ich realisiere so richtig, was da am Mittwoch passiert ist. Wir sind wirklich Europapokalsieger. Das ist ja unfassbar. SpĂ€ter abends zuhause laufen nicht nur Szenen unseres Spiels ĂŒber den Bildschirm, sondern auch TrĂ€nen durch mein Gesicht. Europapokalsieger. Wir alle! Wie gut das tut. Mir persönlich. Es sind jetzt gerade mal vier Tage, aber in denen habe ich total motiviert Sport gemacht, endlich mal wieder einen guten Lauf absolviert, der mir Spaß gemacht hat. Ich habe den Stapel ungelesener Hefte und BĂŒcher in die Hand genommen und angefangen abzuarbeiten. Und wie ihr alle seht, habe ich sogar meine Schreibblockade gelöst. Ich hoffe, dieser Zustand hĂ€lt noch lĂ€nger an. Was auf jeden Fall ewig anhĂ€lt: Eintracht Frankfurt – UEFA Cup Sieger 2022!
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Wow. Ich ziehe meinen Hut!
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Danke fĂŒr Eure tollen Berichte.
Auch wenn manche sehr traurig waren.
Wahnsinn was Ihr da auf Euch genommen habt, wĂ€hrend ich noch bis um 20 Uhr in der Schicht war und danach beim Spiel mit dem Schwiegersohn etliche kalte Bierle gezischt hab. Nach dem Lesen hier, hab ich das GefĂŒhl als wĂ€re ich selbst im Stadion gewesen.  Eure grandiose Fanleidenschaft hat mit dazu beigetragen,  dass mir JEDER BauernfĂ€n gratuliert hat. Ich bin seehr stolz ein Eintrachtfan zu sein. Auch Dank Euch.

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Mit etwas Abstand von 3 Wochen konnte ich die Erlebnisse so allmĂ€hlich einordnen. Es war wirklich sehr intensiv und vielseitig. Und egal wie man das Spiel erlebt hat, war es doch fĂŒr jeden ein extremes Erlebnis. Ich habe den Text erstmal intern geteilt, und das Feedback bekommen, dass der Bericht hier unterkommen soll. Es ist zwar doch lĂ€nger geworden, aber die Reise nach Sevilla hatte nunmal einen großen Vorlauf. Viel Spaß und darauf, dass Obba dann auch beim nĂ€chsten entscheidenen Spiel dabei sein muss.

Die Reise nach Sevilla hat bereits am 22. April 2021 begonnen. 2 Tage zuvor hat die Eintracht gegen Augsburg den Einzug in die Europa League eingetĂŒtet und die CL-Qualifikation lag 4 Spieltage vor Schluss bei 4 Punkten Vorsprung in Reichweite. Grund genug, sich mal mit den Endspielorten zu befassen. Das CL-Finale in St. Petersburg erschien mir doch recht unrealistisch. Der Bedarf sich dort um ein Zimmer zu kĂŒmmern wurde durch ein großes Angebot und humane Preise nicht gefördert. DemgegenĂŒber war mein Interesse an Sevilla als Endspielort gleich geweckt. Der erste Blick auf die Preise ließ meine Motivation, zumindest fĂŒr die Endspielnacht ein Zimmer fĂŒr uns zu buchen, direkt steigen. Fast alle UnterkĂŒnfte verlangten fĂŒr diese - wie sich spĂ€ter herausstellen sollte - magische Nacht einen gehörigen Aufschlag. Also buchte ich eher aus Spaß an der Freude ein 6er-Zimmer im Hostel mit Pool und Pipapo im Zentrum fĂŒr 35€ pro Person und erinnerte mich zugleich an die PreissprĂŒnge fĂŒr Übernachtungen in Baku beim verpassten Finale 2019. Der erste kleine Schritt nach Sevilla wurde in Zeiten leerer Stadien, geschlossener Kneipen und der Alpha-Variante getan. Kopfkino pur.

Meine hellseherischen FĂ€higkeiten oder gar meinen Einfluss auf die Zukunft stellte ich im Januar 2022 unter Beweis. Osterurlaub mit der Familie in Frankreich und Spanien mit StĂ€dtetrip nach Barcelona vom 12.4. bis 15.4. Dabei hatte ich gar nicht auf dem Schirm, dass am 14.4. UEFA-CUP Viertelfinale stattfinden sollte. Das Jahrhundertspiel im Camp Nou sollte unseren Barcelona-Aufenthalt letztlich krönen. Mein Vater und eine gute Freundin der Familie, fĂŒnf weiter Freunde sowie Javier aus Argentinien (der uns die Karten organisierte) sollten unseren familiĂ€ren Stadionbesuch beiwohnen. Zugleich war es das erste AuswĂ€rtsspiel meines 8-jĂ€hrigen Sohnes - drei Generationen und dann dieses Wahnsinnsspiel. Man fĂ€ngt ja bescheiden an. Mein erstes AuswĂ€rtsspiel war 1989 in Hannover, als Charly uns am letzten Spieltag mit einem Kopfball in die Relegation rettete.

Im MĂ€rz 2022 war es so weit. Das Los bescherte uns Betis und somit die Möglichkeit, das Kopfkino „Finale in Sevilla“ mit Bildern zu fĂŒllen. NatĂŒrlich habe ich wieder das gleiche Hostel gebucht.  6er Zimmer mit Obba (wie mein Vater in der Folge liebvoll genannt wird), Jan, Moritz, Georg und Atti. Anreise Dienstagabend ĂŒber Madrid, einen traumhaften mit Mittwoch, an dem uns Jesus - ein Freund aus Studienzeiten - die besten Restaurants der Stadt zeigte und die Eintracht hoch verdient unter toller Stimmung im GĂ€steblock gewonnen hat. Es folgten am Donnerstag Sightseeing (Giralda und Alcazar), die unbeabsichtigte Teilnahme am West Ham Fanmarsch („Are you Germans? You are very brave, since what happend yesterday.“) samt schneller Flucht, die Besichtigung des Endspielortes unter den Protagonisten des FC Sevilla und West Ham United und ein feuchtfröhlicher Abend mit ein paar West Ham Fans nach dem Spiel. Die Erkenntnis war gleich gereift. Das Stadion ist im Vergleich zum Villamarin von Betis nicht nur deutlich kleiner, sondern auch eine ziemliche Bruchbude. Steile RĂ€nge und keine Wellenbrecher etc. Überdies war zu erwarten, dass es eng werden wĂŒrde mit Karten, falls wir im Mai wiederkommen sollten. RĂŒckfahrt tagsdrauf ĂŒber Madrid noch Atleti gegen Cadiz im neuen Stadion der Colchoneros angeschaut (Schade, dass sie nicht mehr im Calderon spielen) und RĂŒckflug 7 Stunden nach dem Spiel. 3 Fußballspiele an 3 Tagen waren schon sehr anstrengend. Immerhin konnte ich mich im Anschluss in Isolation gut erholen und verpasste das RĂŒckspiel gegen Betis.

Nach dem RĂŒckspiel bei Barca konnte ich zwei NĂ€chte spĂ€ter nicht schlafen. Was tun? Reise nach Sevilla zum Finale buchen, damit ich wieder ruhig schlafen kann. Gleiche Verbindung wie beim Betis Spiel mit RĂŒcktrittsoptionen gebucht. Muss nur noch West Ham aus dem Weg gerĂ€umt werden. Und das mit den Karten sollte doch dann irgendwie hinhauen (nach den Erfahrungen aus Straßburg wollte ich nicht nochmal das Trauma erleben, keine Karten zu bekommen und wie ein Esel vor dem Stadion stehen wĂ€hrend die Massen in den GĂ€steblock reinkommen).

Nachdem West Ham bezwungen wurde, stand die Eintracht wirklich im Finale im Sevilla. Im Vergleich zu vielen anderen hatten wir nicht mehr das Problem mit der teuren Anreise und den unverschĂ€mten Übernachtungspreisen. DafĂŒr habe ich nach dem RĂŒckspiel direkt wegen der Ticketangelegenheit geschwitzt. 10.000 Karten nur fĂŒr beide Vereine. Dann kein Erfolg bei der Verlosung der UEFA. Und wĂŒrden wir zum Zuge kommen? 100.000 Bestellungen, oje. Seit 2001 haben mein Vater und ich durchgehend Stehplatz-DKs. WĂŒrde das in Anbetracht der 3-4 AuswĂ€rtsspiele pro Jahr reichen, trotz fehlenden EFC-Backgrounds auserwĂ€hlt zu werden. Und außerdem war mein Vater mit Ausnahme der Meisterschaft 1959 bei allen Triumpfen im Stadion vor Ort. Ohne den Obba wĂŒrden die es doch nie schaffen.

Dann kam am Dienstag in der Woche vor dem Finale der Schock. Erst am Morgen der positive COVID-Test bei meinem Sohn, dann abends die Absage. Was nun? Klar war, dass die Fahrt ausfallen wĂŒrde, sollte sich das Corona-Virus zu Hause verbreiten. Und dann am Abend die Absage fĂŒr die Karten. Frust pur, aber es sollte doch noch irgendwie Wege geben, an eine Karte zu kommen. Alle Bekannten wurden angeschrieben. Die Betis-Leute, die wir beim Achtelfinale kennenlernten, sollten sich vor Ort umhören. AllmĂ€hlich wurde klar. Entweder verhilft uns nur noch Fortuna oder eine hohe Zahlungsbereitschaft zu unserem GlĂŒck. Die Geschichte mit Obba als Talismann wurde gestreut. Melissa und eine Freundin haben alle Radiosender angeschrieben und es sogar geschafft, dass die Nachricht im BĂŒro von Peter Fischer ankam. Erst Angebote trudelten aus Sevilla ein. Um zwei Ecken hat uns ein Mitarbeiter des spanischen Verbandes zwei Karten fĂŒr je 1500€ angeboten. Dies war das perfekte Abbild des korrupten Systems, das die Ticketvergabe nachsichgezogen hat. Warum erhalten die teilnehmenden Vereine nur je ein Viertel des Kontingentes? Was ist mit der anderen HĂ€lfte? Ok, Sponsoren finanzieren den ganzen Wahnsinn und wollen teilhaben. Aber gleich 7000 Karten fĂŒr erlauchte Kreise der UEFA. Da stellte sich mir die Frage, wie die Karten im spanischen Verband verteilt werden, die letzten Endes zu einem 13. Monatsgehalt veredelt werden. Auch wenn ein paar Eintracht-Fans bei der Verlosung der restlichen 12000 Karten zum Zuge kamen, ist die Verlosung der Karten doch vielmehr eine (naiv gesehen unabsichtigte) Kooperation mit den Haifischen der Ticketplattformen, fĂŒr die sich mutmaßlich in Scharen StrohmĂ€nner um die Karten bewerben. Das Bild im Stadion sprach letztlich auch fĂŒr sich, nahezu alle Zuschauer waren entweder weiß oder blau. Sprich fast kein neutraler Beobachter. Ein eindeutiger Beleg dafĂŒr, dass die Kartenvergabe bei Endspielen zugunsten der Endspielteilnehmer verschoben werden mĂŒsste. Dies wird aber wohl leider ein Traum bleiben.

Die Zeit zum Finale lief langsam davon. Mein Vater und ich haben viel Zuspruch bekommen, aber leider keine konkrete Aussicht auf Karten. Freitagnachmittag kam um 16:14 eine Mail der UEFA. Einige Karten aus der Losrunde wurden nicht abgerufen. Weitere Vergabe: Frist come, first serve. Um 16:19 gelesen, 3-minĂŒtige Warteschlage, steigender Puls und dann

 ZONK!!! Keine Karten mehr verfĂŒgbar. Im Laufe des Nachmittags noch zigmal probiert und aktualisiert. Doch nichts. NĂ€chste Option: Frauenfußball. Karten fĂŒrs Spiel der Frauenmannschaft am Sonntag gegen Werder gekauft, bei dem unter den Besuchern noch 2 Karten verlost wurden. Der Ausflug ins Stadion am Brentanobad mit Till und Melissa war ganz lustig. Weitere Freunde und Bekannte wollten ursprĂŒnglich mitkommen, am Ende hatten wir 6 Karten zu viel. So habe ich am Eingang alle Karten einscannen lassen, um die Gewinnchance bei der Verlosung zu steigern. Das Spiel war ganz interessant und endete in der CL-Quali. Ein paar Eintracht Granden ließen sich auch blicken, bspw. Hinti, Peter Fischer. Ob die auch noch weitere 2 Karten benötigten? Im Stadion habe ich nicht erfahren, wer die Karten gewonnen hat. Habe ich was verpasst? Oder wie wurden die Karten letztlich vergeben? Etwas mehr Transparenz hĂ€tte der Eintracht hier zu Gute gestanden, zumindest im Stadion die Gewinner*innen zu vermelden. So blieb mir das Ergebnis der Ticketverlosung ein RĂ€tsel. Die GetrĂ€nkesituation war auch suboptimal mit einem Stand am Stehplatz, der hoffnungslos ĂŒberlaufen war. Der Vergleich mit dem Finale verbietet sich dennoch.

Ein Tag vor Abflug kam immer noch kein weiterer positiver Corona-Test zu Hause hinzu. Abflug am Folgetag wurde langsam konkret und die glorreichen 6 vom Achtelfinale bei Betis waren alle wieder dabei - und alle ohne Karten. Montag wurden bei HR3 und ffh nochmal je 2 Karten verlost. Die Geschichte mit Obba als Talismann wurde nochmal hochgehangen. Es sollte doch jemand bei den Radiosendern ein großes Herz haben. Bei HR3 hatte man nach der Nennung seines Namens drei Lieder Zeit, anzurufen. Und dann der Schreck, die Sendung beginnt um 5 Uhr. Also vollkommen schlaftrunken um 5 Uhr in die KĂŒche gesetzt und dann wurde um 8:30 der Name des GlĂŒcklichen genannt. Trotz der EnttĂ€uschung habe ich mich fĂŒr den GlĂŒcklichen aus Dreieich gefreut, der mit seinem Vater nach Sevilla reisen sollte. ffh folgte immerhin um kurz nach 9, sodass dann zumindest klar war, dass ich nicht noch lĂ€nger Radio hören musste. Mein Vater hatte in der Zwischenzeit mit einem Bekannten gesprochen, der ggf. eine oder zwei Karten organisieren könnte. Sollte das wirklich klappen? Trotz der Aufforderung von mehreren Freunden, ordentlich Geld in die Hand zu nehmen, um fĂŒr 1500€ dem epochalen Ereignis beiwohnen zu können, war es fĂŒr mich immer noch unverstellbar einem Gauner soviel Geld hinterher zu werfen, wenn auf der Karte der Originalpreis nur ein Zentel dessen ausmachte. Auf einmal hatten aber zu Hause alle großen Anschaffungen eine neue Bewertung. Sofa=2 Eintrittskarten, Kaffemaschine = fast eine Eintrittskarte, Auto = 10 Eintrittskarten. Hui.. aber dann die Vorstellung, dass wir zu sechst fast 10.000€ bei dem Kurs berappen mĂŒssten, hat dann doch wieder geerdet und mich in Richtung Vernunft gelenkt.

Mit der Ungewissheit aber einer allmĂ€hlich steigenden Vorfreude bestiegen wird dann doch am Dienstagabend den Flieger nach Madrid. Moritz und Jan waren dabei. Es folgte eine lange Nacht in der Ecke Puerta del Sol, die unvernĂŒnftigerweise erst um 4 endete. Auch in Madrid zeigte sich schon: die Schotten werden uns zahlenmĂ€ĂŸig bei weitem ĂŒberlegen sein. Zum GlĂŒck hat Moritz sich schon um halb 2 ins Hostel begeben. Sonst hĂ€tten wir wohl den Zug verpasst, der um 7 schon nach Sevilla fuhr. Vielen Dank!!! Ankunft in Sevilla folgte kurz nach 10 und dann waren wir zu sechst unserem Treffpunkt: Carlos Alberto, die Kneipe an der Ecke vom Bahnhof.  Die Hitze war schon zu spĂŒren und das Cruzcampo schmeckte bereits. Viele Fans liefen an der Kneipe vorbei und eindeutig waren die Rangers heute in der Überzahl. Die Stimmung war gut auch zu den Rangers-Fans. Es gab Wechselgesang zu Ehren der Kneipe und um 12:30 war es Zeit, aufzubrechen in Richtung Casa Ricardo, wo wir schon vor dem Betis-Spiel vorzĂŒglich gegessen haben. Um halb 3 konnten wir dann einchecken und wir hatten das gleiche Zimmer wie beim Achtelfinale. Ein gutes Omen und 2 Betten zu viel. Ein kostbares Gut an diesem Tag. Die Dusche hat bei 35° richtig gutgetan.

Halb 4 Aufbruch in Richtung Fanfest. Es waren ĂŒberall Fußball-Fans. Man traf Eltern aus der Schule und auch andere bekannte Gesichter aus dem Stadion. Die Stimmung war trotz fehlender Karten bei uns 6 gut und die imaginĂ€re Zahlungsbereitschaft sank bei uns allen von Stunde zu Stunde. Wir hatten uns mit der Betis-Kneipe bzw. dem Fanfest abgefunden. Kurz vor dem Fanfest kam dann die Nachricht. Der Bekannte meines Vater schrieb, dass er wahrscheinlich 2 Karten fĂŒr uns hĂ€tte. Zwei Karten!! Mit Obba dabei sein. Aber noch war meine Unsicherheit war noch nicht gewichen. Auf dem Fanfest haben wir uns erstmal mit HĂŒten gegen die Sonne eingedeckt und dann trafen wir den Bekannten. Er kannte wirklich zwei Leute, die ihre Karten hergaben und dabei nicht den Reibach ihres Lebens machen mussten. Doch nun trat ein unvorhergesehenes Problem auf. Die fehlenden Medienkompetenz vom Obba, oder genauer gesagt hatte er die Passwörter fĂŒr den App-Store und sein E-Mail-Postfach vergessen. Es dauerte mehr als eine halbe Stunde, bis wir es schafften, die Karte samt Ticket-App auf unsere Handys zu ziehen. Moritz hat uns grandios unterstĂŒtzt und hatte dem Obba sogar sein Handy schon angeboten. Aber dann hat es doch irgendwie ĂŒber meine zweite Mail-Adresse geklappt. Und 3,5 Stunden vor Anpfiff hatten mein Vater und ich tatsĂ€chlich Karten, mit denen wir schon gar nicht mehr gerechnet haben. Da kamen die Emotionen und einige TrĂ€nen, die den ganzen inneren Stress der letzten Tage widerspiegelten. Aber auch gleichzeitig eine große Wehmut, dass die anderen vier außen vor geblieben sind, was sich leider nicht mehr Ă€ndern sollte. Aber immerhin war der Obba nun im Stadion. Jetzt konnte doch nichts mehr schief gehen. Seine Besuche bei  Endspielen 2006 gegen die Bayern und 2017 gegen Dortmund kann man dabei getrost unter den Tisch kehren =).

Bereits wĂ€hrend des Ticket-App-Stress setzte der Fanmarsch ein. Diesmal waren wir nicht die Exoten unter Briten ganz hinten, sondern mitten unter Eintracht-Fans. Kurz vor dem Stadion haben Sperren der Polizei den Fanmarsch gestoppt, um den Andrang vor der Einlasskontrolle aufzufangen. Die Stimmung war irgendwie komisch und recht angespannt. Unsere Wege zu Moritz und Jan sollten sich nun trennen. Kurz hinter der Absperrung wartete noch Diego, ein Betis-Fan vom Achtelfinale, auf uns. Es folgte eine große Freude ob des Wiedersehens mit Diego. Jetzt war die Eintracht am Zug, nachdem wir im MĂ€rz ausgemacht hatten, dass Betis die Copa und die SGE den UEFA-Cup holt. Nach 2 GetrĂ€nken brachen Obba und ich ins Stadion auf. Vorher haben wir mit Diego noch wild und voller Euphorie Fanutensilien getauscht.  Der Einlass war weiterhin ein GedrĂ€nge. Aber hinter der letzten Polizeisperre mit den Pferden ging es doch recht zĂŒgig. Die App hat ihr Versprechen gehalten und dann hatten wir zwei es endlich geschafft und lagen uns in den Armen. Dann hieß es zĂŒgig auf den Platz. Der Block war schon gut gefĂŒllt und wir stellten uns in der NĂ€he der Eckfahne hin. Keine Ahnung wo unsere richtigen PlĂ€tze waren. Trotz der hohen Temperaturen war die Szenerie traumhaft. Was folgte ist nicht in Worte zu fassen und jeder hat das Spiel auf seine individuelle Weise erlebt. Daher ist die Schilderung recht kurz.

Das Spiel war mega anstrengend und hart fĂŒr Körper und Geist. Mit Hannes hatten wir auch einen richtig tollen Platznachbarn. Irgendwie war ich sehr zuversichtlich, dass die Eintracht den UEFA-Cup gewinnen wĂŒrde. Im Spiel waren wir schon besser - zumindest nach meiner dehydrierten Wahrnehmung. Selbst das Gegentor hat mich nicht beunruhigt. Und dann schlĂ€gt Kostic vor unserer Nase den Ball rein und irgendwie setzte sich BorrĂ© gegen 2 Rangers aus dem Nichts durch. Klasse Tor. Den Unfall danach haben wir nicht direkt mitbekommen, aber das Gesicht beim Abtransport werde ich lange nicht vergessen. Gute Besserung.

Die Spannung stieg minĂŒtlich. Dass es kein Trinken gab, wurde mir erst nach der regulĂ€ren Spielzeit bewusst. Nach der erfolglosen Suche nach Wasser meckerte ich den Security-Chef an, was fĂŒr eine erbĂ€rmliche Kacke ablĂ€uft, bei den Temperaturen nichts auszuschenken, und das der stolze Sevilla Futbol Club nie wieder ein internationales Spiel ausrichten dĂŒrfte (Am besten zur Strafe ins Villamarin - aber das ist den Betis-Fans nicht anzutun). Es folgte der Verweis, dass die Eintracht-Fans sich nicht gut benommen hĂ€tten und vor dem Spiel den verschlossenen Kiosk aufbrechen wollten. Unglaublich, dass bei so einer organisatorischen Fehlleistung noch den Fans der schwarze Peter zugeschoben werden sollte. Immerhin konnte ich noch auf der Toilette gutes spanisches Krahnwasser aus dem Wasserhahn schlĂŒrfen. Einfach krass. Wir hatten zudem das GlĂŒck, dass ein Ordner unsere frisch ertauschten Betis-Utensilien erspĂ€hte. Er - selber Betis Fan - versorgte uns in der VerlĂ€ngerung mit Wasser und half uns, den weiteren Verlauf des Spiel zu ĂŒberstehen. Die Aktion von Trapp kurz vor Ende habe ich zwar erkennen können, aber erst am Fernsehen konnte ich 2 Tage spĂ€ter das Ausmaß der Glanztat begreifen. Das Elfmeterschießen war dann Anspannung in Reinform. Und als BorrĂ© den letzten Elfer reinballerte, war die Freude nicht in Worte zu fassen.

Nach rund einer Stunde des Zelebrierens der Mannschaft brachen wir durstig auf. Irgendwie sind die Erinnerungen an diese Minuten sehr bruchstĂŒckhaft. An den Jubel von Kostic vor der Kurve konnte ich mich erst wieder beim Anschauen der Videos erinnern. Der Weg vom Stadion zum Fanfest war surreal. Alle waren ruhig. ÜberwĂ€ltigt von dem Ereignis, durstig auf der Suche nach Trinkbarem. Es gab einfach gar nichts in der Umgebung des Stadions. Auf dem Weg zum Fanfest begegneten uns noch einige Rangers-Fans. Fast alle haben einem zu diesem packenden Finale und dem Erfolg gratuliert. Das war wirklich beeindruckend. Bis zum Fanfest gab es weiterhin nichts zu trinken. Am GetrĂ€nkeautomaten gegenĂŒber vom Prado San Sebastian bildete sich eine endlose Schlange. Und am Prado waren wir dann wieder mit Moritz, Georg, Atti und Sebastian vereint. Jan ist schon zeitiger zum „Hodal gegangen, um schlaf machzuholen.“ Es folgten viel Umarmungen der GlĂŒckseeligkeit und der direkte Weg zum GetrĂ€nkestand. Die Cola habe ich in einem Zug weggepetzt und eine weitere getrunken.

Kurz nach 2 gingen wir zurĂŒck zum Hostel. Obwohl wir keinen Zwischenstopp einlegten, brauchten wir fĂŒr die 2 km eine knappe Stunde. Das Hostel war inzwischen ĂŒberbelegt. In den AufenthaltsrĂ€umen schliefen auf den Sofas ĂŒberall Fußballfans. Und im 14er-Dorm fand ein Eintracht-Fan in seinem Bett bereits jemand anders vor. Wir hatten auch noch Bier aus unseren VorrĂ€ten ĂŒbrig, die wir aufgrund der Erfahrungen vom Achtelfinale anhĂ€uften, als um 1 fast alle Kneipen zu hatten. Es war zwar warm, schmeckte aber erstaunlicher Weise sehr lecker. Die GesprĂ€che mit den Eintracht und Ranger-Fans aus dem Hostel wurden zunĂ€chst nach draußen und dann um die Ecke weg vom Hostel verlagert. Und der Respekt zwischen beiden Lagern war dabei riesengroß. Da wir noch zwei Betten ĂŒbrig hatten, ist dann noch Flo aus Erlenbach/Wien bei uns untergekommen, was bei Moritz am nĂ€chsten Morgen zu kurzer Verwunderung fĂŒhrte. Als Gegenleistung habe ich ein paar frische Socken erhalten. Win-Win-Situation fĂŒr alle Seiten.

Der Tag danach war auch noch ein Erlebnis. ZunĂ€chst haben wir auf der Dachterrasse des Hostels gefrĂŒhstĂŒckt. Die ersten Schotten waren schon um 10 wieder mit Bier wieder am Start. Besondere Freude bereitete ein Rangers-Fan, der zugleich es auch mit West Ham hielt, und beide Verein auf seinen Armen verewigt hatte. Immer wieder folgte ein „You f
ed me twice.“ Und er hatte rege Freude daran, seine Aussage per Gestik zu untermalen. Dem ersten Angebot auf ein Bier konnten wir zunĂ€chst widerstehen. Aber als wir um 11 die ersten Flaschen orderten, war nicht abzusehen, dass die Cerveza durchgehen bis zum Gate in Madrid um 6:30 fließen wĂŒrde. Dabei war die Szenerie am Flughafen abermals surreal. Es lagen ĂŒberall Fußballfans rum und jeder hatte seine eigene Geschichte, wie das Finale erlebt wurde. Und es war immer wieder eine Freude, sich auszutauschen. Der durchzechte Tag endete letztlich in Reihe 4 des Fluges nach Frankfurt um 7 Uhr morgens. Vermutlich hat das halbe Flugzeug bereits vor dem Abflug gepennt. Und dies war dann doch ein wĂŒrdiges Ende von rund zwei anstrengenden Monaten, die bei Betis begonnen haben und in der gleichen Stadt gekrönt wurden. Neben Fußball gab es so viele intensive Erlebnisse und tolle Begegnungen, die noch lange in Erinnerung bleiben werden. Und wir haben gelernt, dass der Obba ganz wichtig fĂŒr ein erfolgreiches Finale der SGE ist.


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