Erlebnisse vom Finale in Sevilla

#
Mit etwas Abstand von 3 Wochen konnte ich die Erlebnisse so allmĂ€hlich einordnen. Es war wirklich sehr intensiv und vielseitig. Und egal wie man das Spiel erlebt hat, war es doch fĂŒr jeden ein extremes Erlebnis. Ich habe den Text erstmal intern geteilt, und das Feedback bekommen, dass der Bericht hier unterkommen soll. Es ist zwar doch lĂ€nger geworden, aber die Reise nach Sevilla hatte nunmal einen großen Vorlauf. Viel Spaß und darauf, dass Obba dann auch beim nĂ€chsten entscheidenen Spiel dabei sein muss.

Die Reise nach Sevilla hat bereits am 22. April 2021 begonnen. 2 Tage zuvor hat die Eintracht gegen Augsburg den Einzug in die Europa League eingetĂŒtet und die CL-Qualifikation lag 4 Spieltage vor Schluss bei 4 Punkten Vorsprung in Reichweite. Grund genug, sich mal mit den Endspielorten zu befassen. Das CL-Finale in St. Petersburg erschien mir doch recht unrealistisch. Der Bedarf sich dort um ein Zimmer zu kĂŒmmern wurde durch ein großes Angebot und humane Preise nicht gefördert. DemgegenĂŒber war mein Interesse an Sevilla als Endspielort gleich geweckt. Der erste Blick auf die Preise ließ meine Motivation, zumindest fĂŒr die Endspielnacht ein Zimmer fĂŒr uns zu buchen, direkt steigen. Fast alle UnterkĂŒnfte verlangten fĂŒr diese - wie sich spĂ€ter herausstellen sollte - magische Nacht einen gehörigen Aufschlag. Also buchte ich eher aus Spaß an der Freude ein 6er-Zimmer im Hostel mit Pool und Pipapo im Zentrum fĂŒr 35€ pro Person und erinnerte mich zugleich an die PreissprĂŒnge fĂŒr Übernachtungen in Baku beim verpassten Finale 2019. Der erste kleine Schritt nach Sevilla wurde in Zeiten leerer Stadien, geschlossener Kneipen und der Alpha-Variante getan. Kopfkino pur.

Meine hellseherischen FĂ€higkeiten oder gar meinen Einfluss auf die Zukunft stellte ich im Januar 2022 unter Beweis. Osterurlaub mit der Familie in Frankreich und Spanien mit StĂ€dtetrip nach Barcelona vom 12.4. bis 15.4. Dabei hatte ich gar nicht auf dem Schirm, dass am 14.4. UEFA-CUP Viertelfinale stattfinden sollte. Das Jahrhundertspiel im Camp Nou sollte unseren Barcelona-Aufenthalt letztlich krönen. Mein Vater und eine gute Freundin der Familie, fĂŒnf weiter Freunde sowie Javier aus Argentinien (der uns die Karten organisierte) sollten unseren familiĂ€ren Stadionbesuch beiwohnen. Zugleich war es das erste AuswĂ€rtsspiel meines 8-jĂ€hrigen Sohnes - drei Generationen und dann dieses Wahnsinnsspiel. Man fĂ€ngt ja bescheiden an. Mein erstes AuswĂ€rtsspiel war 1989 in Hannover, als Charly uns am letzten Spieltag mit einem Kopfball in die Relegation rettete.

Im MĂ€rz 2022 war es so weit. Das Los bescherte uns Betis und somit die Möglichkeit, das Kopfkino „Finale in Sevilla“ mit Bildern zu fĂŒllen. NatĂŒrlich habe ich wieder das gleiche Hostel gebucht.  6er Zimmer mit Obba (wie mein Vater in der Folge liebvoll genannt wird), Jan, Moritz, Georg und Atti. Anreise Dienstagabend ĂŒber Madrid, einen traumhaften mit Mittwoch, an dem uns Jesus - ein Freund aus Studienzeiten - die besten Restaurants der Stadt zeigte und die Eintracht hoch verdient unter toller Stimmung im GĂ€steblock gewonnen hat. Es folgten am Donnerstag Sightseeing (Giralda und Alcazar), die unbeabsichtigte Teilnahme am West Ham Fanmarsch („Are you Germans? You are very brave, since what happend yesterday.“) samt schneller Flucht, die Besichtigung des Endspielortes unter den Protagonisten des FC Sevilla und West Ham United und ein feuchtfröhlicher Abend mit ein paar West Ham Fans nach dem Spiel. Die Erkenntnis war gleich gereift. Das Stadion ist im Vergleich zum Villamarin von Betis nicht nur deutlich kleiner, sondern auch eine ziemliche Bruchbude. Steile RĂ€nge und keine Wellenbrecher etc. Überdies war zu erwarten, dass es eng werden wĂŒrde mit Karten, falls wir im Mai wiederkommen sollten. RĂŒckfahrt tagsdrauf ĂŒber Madrid noch Atleti gegen Cadiz im neuen Stadion der Colchoneros angeschaut (Schade, dass sie nicht mehr im Calderon spielen) und RĂŒckflug 7 Stunden nach dem Spiel. 3 Fußballspiele an 3 Tagen waren schon sehr anstrengend. Immerhin konnte ich mich im Anschluss in Isolation gut erholen und verpasste das RĂŒckspiel gegen Betis.

Nach dem RĂŒckspiel bei Barca konnte ich zwei NĂ€chte spĂ€ter nicht schlafen. Was tun? Reise nach Sevilla zum Finale buchen, damit ich wieder ruhig schlafen kann. Gleiche Verbindung wie beim Betis Spiel mit RĂŒcktrittsoptionen gebucht. Muss nur noch West Ham aus dem Weg gerĂ€umt werden. Und das mit den Karten sollte doch dann irgendwie hinhauen (nach den Erfahrungen aus Straßburg wollte ich nicht nochmal das Trauma erleben, keine Karten zu bekommen und wie ein Esel vor dem Stadion stehen wĂ€hrend die Massen in den GĂ€steblock reinkommen).

Nachdem West Ham bezwungen wurde, stand die Eintracht wirklich im Finale im Sevilla. Im Vergleich zu vielen anderen hatten wir nicht mehr das Problem mit der teuren Anreise und den unverschĂ€mten Übernachtungspreisen. DafĂŒr habe ich nach dem RĂŒckspiel direkt wegen der Ticketangelegenheit geschwitzt. 10.000 Karten nur fĂŒr beide Vereine. Dann kein Erfolg bei der Verlosung der UEFA. Und wĂŒrden wir zum Zuge kommen? 100.000 Bestellungen, oje. Seit 2001 haben mein Vater und ich durchgehend Stehplatz-DKs. WĂŒrde das in Anbetracht der 3-4 AuswĂ€rtsspiele pro Jahr reichen, trotz fehlenden EFC-Backgrounds auserwĂ€hlt zu werden. Und außerdem war mein Vater mit Ausnahme der Meisterschaft 1959 bei allen Triumpfen im Stadion vor Ort. Ohne den Obba wĂŒrden die es doch nie schaffen.

Dann kam am Dienstag in der Woche vor dem Finale der Schock. Erst am Morgen der positive COVID-Test bei meinem Sohn, dann abends die Absage. Was nun? Klar war, dass die Fahrt ausfallen wĂŒrde, sollte sich das Corona-Virus zu Hause verbreiten. Und dann am Abend die Absage fĂŒr die Karten. Frust pur, aber es sollte doch noch irgendwie Wege geben, an eine Karte zu kommen. Alle Bekannten wurden angeschrieben. Die Betis-Leute, die wir beim Achtelfinale kennenlernten, sollten sich vor Ort umhören. AllmĂ€hlich wurde klar. Entweder verhilft uns nur noch Fortuna oder eine hohe Zahlungsbereitschaft zu unserem GlĂŒck. Die Geschichte mit Obba als Talismann wurde gestreut. Melissa und eine Freundin haben alle Radiosender angeschrieben und es sogar geschafft, dass die Nachricht im BĂŒro von Peter Fischer ankam. Erst Angebote trudelten aus Sevilla ein. Um zwei Ecken hat uns ein Mitarbeiter des spanischen Verbandes zwei Karten fĂŒr je 1500€ angeboten. Dies war das perfekte Abbild des korrupten Systems, das die Ticketvergabe nachsichgezogen hat. Warum erhalten die teilnehmenden Vereine nur je ein Viertel des Kontingentes? Was ist mit der anderen HĂ€lfte? Ok, Sponsoren finanzieren den ganzen Wahnsinn und wollen teilhaben. Aber gleich 7000 Karten fĂŒr erlauchte Kreise der UEFA. Da stellte sich mir die Frage, wie die Karten im spanischen Verband verteilt werden, die letzten Endes zu einem 13. Monatsgehalt veredelt werden. Auch wenn ein paar Eintracht-Fans bei der Verlosung der restlichen 12000 Karten zum Zuge kamen, ist die Verlosung der Karten doch vielmehr eine (naiv gesehen unabsichtigte) Kooperation mit den Haifischen der Ticketplattformen, fĂŒr die sich mutmaßlich in Scharen StrohmĂ€nner um die Karten bewerben. Das Bild im Stadion sprach letztlich auch fĂŒr sich, nahezu alle Zuschauer waren entweder weiß oder blau. Sprich fast kein neutraler Beobachter. Ein eindeutiger Beleg dafĂŒr, dass die Kartenvergabe bei Endspielen zugunsten der Endspielteilnehmer verschoben werden mĂŒsste. Dies wird aber wohl leider ein Traum bleiben.

Die Zeit zum Finale lief langsam davon. Mein Vater und ich haben viel Zuspruch bekommen, aber leider keine konkrete Aussicht auf Karten. Freitagnachmittag kam um 16:14 eine Mail der UEFA. Einige Karten aus der Losrunde wurden nicht abgerufen. Weitere Vergabe: Frist come, first serve. Um 16:19 gelesen, 3-minĂŒtige Warteschlage, steigender Puls und dann

 ZONK!!! Keine Karten mehr verfĂŒgbar. Im Laufe des Nachmittags noch zigmal probiert und aktualisiert. Doch nichts. NĂ€chste Option: Frauenfußball. Karten fĂŒrs Spiel der Frauenmannschaft am Sonntag gegen Werder gekauft, bei dem unter den Besuchern noch 2 Karten verlost wurden. Der Ausflug ins Stadion am Brentanobad mit Till und Melissa war ganz lustig. Weitere Freunde und Bekannte wollten ursprĂŒnglich mitkommen, am Ende hatten wir 6 Karten zu viel. So habe ich am Eingang alle Karten einscannen lassen, um die Gewinnchance bei der Verlosung zu steigern. Das Spiel war ganz interessant und endete in der CL-Quali. Ein paar Eintracht Granden ließen sich auch blicken, bspw. Hinti, Peter Fischer. Ob die auch noch weitere 2 Karten benötigten? Im Stadion habe ich nicht erfahren, wer die Karten gewonnen hat. Habe ich was verpasst? Oder wie wurden die Karten letztlich vergeben? Etwas mehr Transparenz hĂ€tte der Eintracht hier zu Gute gestanden, zumindest im Stadion die Gewinner*innen zu vermelden. So blieb mir das Ergebnis der Ticketverlosung ein RĂ€tsel. Die GetrĂ€nkesituation war auch suboptimal mit einem Stand am Stehplatz, der hoffnungslos ĂŒberlaufen war. Der Vergleich mit dem Finale verbietet sich dennoch.

Ein Tag vor Abflug kam immer noch kein weiterer positiver Corona-Test zu Hause hinzu. Abflug am Folgetag wurde langsam konkret und die glorreichen 6 vom Achtelfinale bei Betis waren alle wieder dabei - und alle ohne Karten. Montag wurden bei HR3 und ffh nochmal je 2 Karten verlost. Die Geschichte mit Obba als Talismann wurde nochmal hochgehangen. Es sollte doch jemand bei den Radiosendern ein großes Herz haben. Bei HR3 hatte man nach der Nennung seines Namens drei Lieder Zeit, anzurufen. Und dann der Schreck, die Sendung beginnt um 5 Uhr. Also vollkommen schlaftrunken um 5 Uhr in die KĂŒche gesetzt und dann wurde um 8:30 der Name des GlĂŒcklichen genannt. Trotz der EnttĂ€uschung habe ich mich fĂŒr den GlĂŒcklichen aus Dreieich gefreut, der mit seinem Vater nach Sevilla reisen sollte. ffh folgte immerhin um kurz nach 9, sodass dann zumindest klar war, dass ich nicht noch lĂ€nger Radio hören musste. Mein Vater hatte in der Zwischenzeit mit einem Bekannten gesprochen, der ggf. eine oder zwei Karten organisieren könnte. Sollte das wirklich klappen? Trotz der Aufforderung von mehreren Freunden, ordentlich Geld in die Hand zu nehmen, um fĂŒr 1500€ dem epochalen Ereignis beiwohnen zu können, war es fĂŒr mich immer noch unverstellbar einem Gauner soviel Geld hinterher zu werfen, wenn auf der Karte der Originalpreis nur ein Zentel dessen ausmachte. Auf einmal hatten aber zu Hause alle großen Anschaffungen eine neue Bewertung. Sofa=2 Eintrittskarten, Kaffemaschine = fast eine Eintrittskarte, Auto = 10 Eintrittskarten. Hui.. aber dann die Vorstellung, dass wir zu sechst fast 10.000€ bei dem Kurs berappen mĂŒssten, hat dann doch wieder geerdet und mich in Richtung Vernunft gelenkt.

Mit der Ungewissheit aber einer allmĂ€hlich steigenden Vorfreude bestiegen wird dann doch am Dienstagabend den Flieger nach Madrid. Moritz und Jan waren dabei. Es folgte eine lange Nacht in der Ecke Puerta del Sol, die unvernĂŒnftigerweise erst um 4 endete. Auch in Madrid zeigte sich schon: die Schotten werden uns zahlenmĂ€ĂŸig bei weitem ĂŒberlegen sein. Zum GlĂŒck hat Moritz sich schon um halb 2 ins Hostel begeben. Sonst hĂ€tten wir wohl den Zug verpasst, der um 7 schon nach Sevilla fuhr. Vielen Dank!!! Ankunft in Sevilla folgte kurz nach 10 und dann waren wir zu sechst unserem Treffpunkt: Carlos Alberto, die Kneipe an der Ecke vom Bahnhof.  Die Hitze war schon zu spĂŒren und das Cruzcampo schmeckte bereits. Viele Fans liefen an der Kneipe vorbei und eindeutig waren die Rangers heute in der Überzahl. Die Stimmung war gut auch zu den Rangers-Fans. Es gab Wechselgesang zu Ehren der Kneipe und um 12:30 war es Zeit, aufzubrechen in Richtung Casa Ricardo, wo wir schon vor dem Betis-Spiel vorzĂŒglich gegessen haben. Um halb 3 konnten wir dann einchecken und wir hatten das gleiche Zimmer wie beim Achtelfinale. Ein gutes Omen und 2 Betten zu viel. Ein kostbares Gut an diesem Tag. Die Dusche hat bei 35° richtig gutgetan.

Halb 4 Aufbruch in Richtung Fanfest. Es waren ĂŒberall Fußball-Fans. Man traf Eltern aus der Schule und auch andere bekannte Gesichter aus dem Stadion. Die Stimmung war trotz fehlender Karten bei uns 6 gut und die imaginĂ€re Zahlungsbereitschaft sank bei uns allen von Stunde zu Stunde. Wir hatten uns mit der Betis-Kneipe bzw. dem Fanfest abgefunden. Kurz vor dem Fanfest kam dann die Nachricht. Der Bekannte meines Vater schrieb, dass er wahrscheinlich 2 Karten fĂŒr uns hĂ€tte. Zwei Karten!! Mit Obba dabei sein. Aber noch war meine Unsicherheit war noch nicht gewichen. Auf dem Fanfest haben wir uns erstmal mit HĂŒten gegen die Sonne eingedeckt und dann trafen wir den Bekannten. Er kannte wirklich zwei Leute, die ihre Karten hergaben und dabei nicht den Reibach ihres Lebens machen mussten. Doch nun trat ein unvorhergesehenes Problem auf. Die fehlenden Medienkompetenz vom Obba, oder genauer gesagt hatte er die Passwörter fĂŒr den App-Store und sein E-Mail-Postfach vergessen. Es dauerte mehr als eine halbe Stunde, bis wir es schafften, die Karte samt Ticket-App auf unsere Handys zu ziehen. Moritz hat uns grandios unterstĂŒtzt und hatte dem Obba sogar sein Handy schon angeboten. Aber dann hat es doch irgendwie ĂŒber meine zweite Mail-Adresse geklappt. Und 3,5 Stunden vor Anpfiff hatten mein Vater und ich tatsĂ€chlich Karten, mit denen wir schon gar nicht mehr gerechnet haben. Da kamen die Emotionen und einige TrĂ€nen, die den ganzen inneren Stress der letzten Tage widerspiegelten. Aber auch gleichzeitig eine große Wehmut, dass die anderen vier außen vor geblieben sind, was sich leider nicht mehr Ă€ndern sollte. Aber immerhin war der Obba nun im Stadion. Jetzt konnte doch nichts mehr schief gehen. Seine Besuche bei  Endspielen 2006 gegen die Bayern und 2017 gegen Dortmund kann man dabei getrost unter den Tisch kehren =).

Bereits wĂ€hrend des Ticket-App-Stress setzte der Fanmarsch ein. Diesmal waren wir nicht die Exoten unter Briten ganz hinten, sondern mitten unter Eintracht-Fans. Kurz vor dem Stadion haben Sperren der Polizei den Fanmarsch gestoppt, um den Andrang vor der Einlasskontrolle aufzufangen. Die Stimmung war irgendwie komisch und recht angespannt. Unsere Wege zu Moritz und Jan sollten sich nun trennen. Kurz hinter der Absperrung wartete noch Diego, ein Betis-Fan vom Achtelfinale, auf uns. Es folgte eine große Freude ob des Wiedersehens mit Diego. Jetzt war die Eintracht am Zug, nachdem wir im MĂ€rz ausgemacht hatten, dass Betis die Copa und die SGE den UEFA-Cup holt. Nach 2 GetrĂ€nken brachen Obba und ich ins Stadion auf. Vorher haben wir mit Diego noch wild und voller Euphorie Fanutensilien getauscht.  Der Einlass war weiterhin ein GedrĂ€nge. Aber hinter der letzten Polizeisperre mit den Pferden ging es doch recht zĂŒgig. Die App hat ihr Versprechen gehalten und dann hatten wir zwei es endlich geschafft und lagen uns in den Armen. Dann hieß es zĂŒgig auf den Platz. Der Block war schon gut gefĂŒllt und wir stellten uns in der NĂ€he der Eckfahne hin. Keine Ahnung wo unsere richtigen PlĂ€tze waren. Trotz der hohen Temperaturen war die Szenerie traumhaft. Was folgte ist nicht in Worte zu fassen und jeder hat das Spiel auf seine individuelle Weise erlebt. Daher ist die Schilderung recht kurz.

Das Spiel war mega anstrengend und hart fĂŒr Körper und Geist. Mit Hannes hatten wir auch einen richtig tollen Platznachbarn. Irgendwie war ich sehr zuversichtlich, dass die Eintracht den UEFA-Cup gewinnen wĂŒrde. Im Spiel waren wir schon besser - zumindest nach meiner dehydrierten Wahrnehmung. Selbst das Gegentor hat mich nicht beunruhigt. Und dann schlĂ€gt Kostic vor unserer Nase den Ball rein und irgendwie setzte sich BorrĂ© gegen 2 Rangers aus dem Nichts durch. Klasse Tor. Den Unfall danach haben wir nicht direkt mitbekommen, aber das Gesicht beim Abtransport werde ich lange nicht vergessen. Gute Besserung.

Die Spannung stieg minĂŒtlich. Dass es kein Trinken gab, wurde mir erst nach der regulĂ€ren Spielzeit bewusst. Nach der erfolglosen Suche nach Wasser meckerte ich den Security-Chef an, was fĂŒr eine erbĂ€rmliche Kacke ablĂ€uft, bei den Temperaturen nichts auszuschenken, und das der stolze Sevilla Futbol Club nie wieder ein internationales Spiel ausrichten dĂŒrfte (Am besten zur Strafe ins Villamarin - aber das ist den Betis-Fans nicht anzutun). Es folgte der Verweis, dass die Eintracht-Fans sich nicht gut benommen hĂ€tten und vor dem Spiel den verschlossenen Kiosk aufbrechen wollten. Unglaublich, dass bei so einer organisatorischen Fehlleistung noch den Fans der schwarze Peter zugeschoben werden sollte. Immerhin konnte ich noch auf der Toilette gutes spanisches Krahnwasser aus dem Wasserhahn schlĂŒrfen. Einfach krass. Wir hatten zudem das GlĂŒck, dass ein Ordner unsere frisch ertauschten Betis-Utensilien erspĂ€hte. Er - selber Betis Fan - versorgte uns in der VerlĂ€ngerung mit Wasser und half uns, den weiteren Verlauf des Spiel zu ĂŒberstehen. Die Aktion von Trapp kurz vor Ende habe ich zwar erkennen können, aber erst am Fernsehen konnte ich 2 Tage spĂ€ter das Ausmaß der Glanztat begreifen. Das Elfmeterschießen war dann Anspannung in Reinform. Und als BorrĂ© den letzten Elfer reinballerte, war die Freude nicht in Worte zu fassen.

Nach rund einer Stunde des Zelebrierens der Mannschaft brachen wir durstig auf. Irgendwie sind die Erinnerungen an diese Minuten sehr bruchstĂŒckhaft. An den Jubel von Kostic vor der Kurve konnte ich mich erst wieder beim Anschauen der Videos erinnern. Der Weg vom Stadion zum Fanfest war surreal. Alle waren ruhig. ÜberwĂ€ltigt von dem Ereignis, durstig auf der Suche nach Trinkbarem. Es gab einfach gar nichts in der Umgebung des Stadions. Auf dem Weg zum Fanfest begegneten uns noch einige Rangers-Fans. Fast alle haben einem zu diesem packenden Finale und dem Erfolg gratuliert. Das war wirklich beeindruckend. Bis zum Fanfest gab es weiterhin nichts zu trinken. Am GetrĂ€nkeautomaten gegenĂŒber vom Prado San Sebastian bildete sich eine endlose Schlange. Und am Prado waren wir dann wieder mit Moritz, Georg, Atti und Sebastian vereint. Jan ist schon zeitiger zum „Hodal gegangen, um schlaf machzuholen.“ Es folgten viel Umarmungen der GlĂŒckseeligkeit und der direkte Weg zum GetrĂ€nkestand. Die Cola habe ich in einem Zug weggepetzt und eine weitere getrunken.

Kurz nach 2 gingen wir zurĂŒck zum Hostel. Obwohl wir keinen Zwischenstopp einlegten, brauchten wir fĂŒr die 2 km eine knappe Stunde. Das Hostel war inzwischen ĂŒberbelegt. In den AufenthaltsrĂ€umen schliefen auf den Sofas ĂŒberall Fußballfans. Und im 14er-Dorm fand ein Eintracht-Fan in seinem Bett bereits jemand anders vor. Wir hatten auch noch Bier aus unseren VorrĂ€ten ĂŒbrig, die wir aufgrund der Erfahrungen vom Achtelfinale anhĂ€uften, als um 1 fast alle Kneipen zu hatten. Es war zwar warm, schmeckte aber erstaunlicher Weise sehr lecker. Die GesprĂ€che mit den Eintracht und Ranger-Fans aus dem Hostel wurden zunĂ€chst nach draußen und dann um die Ecke weg vom Hostel verlagert. Und der Respekt zwischen beiden Lagern war dabei riesengroß. Da wir noch zwei Betten ĂŒbrig hatten, ist dann noch Flo aus Erlenbach/Wien bei uns untergekommen, was bei Moritz am nĂ€chsten Morgen zu kurzer Verwunderung fĂŒhrte. Als Gegenleistung habe ich ein paar frische Socken erhalten. Win-Win-Situation fĂŒr alle Seiten.

Der Tag danach war auch noch ein Erlebnis. ZunĂ€chst haben wir auf der Dachterrasse des Hostels gefrĂŒhstĂŒckt. Die ersten Schotten waren schon um 10 wieder mit Bier wieder am Start. Besondere Freude bereitete ein Rangers-Fan, der zugleich es auch mit West Ham hielt, und beide Verein auf seinen Armen verewigt hatte. Immer wieder folgte ein „You f
ed me twice.“ Und er hatte rege Freude daran, seine Aussage per Gestik zu untermalen. Dem ersten Angebot auf ein Bier konnten wir zunĂ€chst widerstehen. Aber als wir um 11 die ersten Flaschen orderten, war nicht abzusehen, dass die Cerveza durchgehen bis zum Gate in Madrid um 6:30 fließen wĂŒrde. Dabei war die Szenerie am Flughafen abermals surreal. Es lagen ĂŒberall Fußballfans rum und jeder hatte seine eigene Geschichte, wie das Finale erlebt wurde. Und es war immer wieder eine Freude, sich auszutauschen. Der durchzechte Tag endete letztlich in Reihe 4 des Fluges nach Frankfurt um 7 Uhr morgens. Vermutlich hat das halbe Flugzeug bereits vor dem Abflug gepennt. Und dies war dann doch ein wĂŒrdiges Ende von rund zwei anstrengenden Monaten, die bei Betis begonnen haben und in der gleichen Stadt gekrönt wurden. Neben Fußball gab es so viele intensive Erlebnisse und tolle Begegnungen, die noch lange in Erinnerung bleiben werden. Und wir haben gelernt, dass der Obba ganz wichtig fĂŒr ein erfolgreiches Finale der SGE ist.
#
maroc schrieb:

Mit etwas Abstand von 3 Wochen konnte ich die Erlebnisse so allmĂ€hlich einordnen. Es war wirklich sehr intensiv und vielseitig. Und egal wie man das Spiel erlebt hat, war es doch fĂŒr jeden ein extremes Erlebnis.
...

Danke fĂŒr den schönen Bericht!    

Ich könnte 10.000 solcher Geschichten hintereinanderweg und ohne Pause lesen.  

Leider schrieben bisher nur sehr wenige von uns ihre (teils unglaublich traurigen, teils extrem herausragenden) Erlebnisse hier herein. Vielleicht kommen nach und nach noch mehr auf die Idee? Mal sehen ...

#
maroc schrieb:

Mit etwas Abstand von 3 Wochen konnte ich die Erlebnisse so allmĂ€hlich einordnen. Es war wirklich sehr intensiv und vielseitig. Und egal wie man das Spiel erlebt hat, war es doch fĂŒr jeden ein extremes Erlebnis.
...

Danke fĂŒr den schönen Bericht!    

Ich könnte 10.000 solcher Geschichten hintereinanderweg und ohne Pause lesen.  

Leider schrieben bisher nur sehr wenige von uns ihre (teils unglaublich traurigen, teils extrem herausragenden) Erlebnisse hier herein. Vielleicht kommen nach und nach noch mehr auf die Idee? Mal sehen ...

#
Diese Aufforderung nehm ich mal an
 ich denke zum Spiel muss man nicht mehr viel schreiben, das Interessante -auch hier im Thread- sind vielleicht auch die persönlichen Geschichten außenrum.

Daher hier jetzt meine Road to Sevilla


Prolog:

Eigentlich muss die Geschichte am 09.05.2019, kurz nach dem gehaltenen Elfmeter von Trapp beginnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Katze buchstĂ€blich im Sack. Der Finaleinzug praktisch safe, Flugtickets nach Baku hatte ich seit dem Viertelfinale und dank UEFA-LosglĂŒck auch schon Finaltickets. Selbst das Visum war schon durch. Wenige Minuten und zwei Eintracht-11er spĂ€ter war sie da, die brutalste Landung, nein der hĂ€rteste Aufschlag in meinem Fanleben. Abstiege waren irgendwann absehbar, andere Niederlagen schmerzten oder wurden im Jahr darauf (18er Pokalsieg) geheilt. Aber hier die Jahrhundertchance auf ein europĂ€isches Finale in das man quasi schon eingezogen war
 puff weg, aus und vorbei- so eine Chance kommt nie wieder. Eigentlich...


ZurĂŒck ins Jahr 2021. Corona, Fußball, das Stadionerlebnis ist lange schon nicht mehr das Gleiche und auch die Heimspiele und die Vorrunde im Waldstadion lassen keinen Funken ĂŒberspringen. Kurz vorm nĂ€chsten Lockdown und mit Blick aufÂŽs Wetter spontan fĂŒr paar Tage Athen und wenigstens mal wieder europĂ€isch auswĂ€rts entschieden. Auf nach PirĂ€us. Und im 20-minĂŒtigen Dauergesang nach dem Spiel auf „Europas beste Mannschaft“ sprang er bei mir wieder ĂŒber, der Funke Leidenschaft, Europa, 2021/22 da geht was.

Mit Barcelona im Waldstadion, nicht zur Saisoneröffnung, nein in einer Endrunde europĂ€isch ging sowas wie ein Fantraum in ErfĂŒllung. Mit fast 40 gabÂŽs bis 2018 nicht wirklich irgendwelche Highlights fĂŒr mich, wo mehr als die berĂŒhmte goldene Ananas drin war.

Leider hatte ich in Zeiten von Ramaj im Tor etwas zu spontan ohne Blick auf den EL-Spielplan Osterurlaub gebucht. Also war ich am 14.04. zwar im Warmen, allerdings nicht mal in der NĂ€he von Spanien. Ab da wusste ich: Wenn Sevilla, dann nur mit mir. Und in Sevilla irgendwo in einer Bar hocken, wenige hundert Meter vom Ereignisort entfernt wird keine Option sein.

In den Tagen vorm Barca-RĂŒckspiel beschĂ€ftigte ich mich immer mehr mit Sevilla. Da es im Achtelfinale aus zeitlichen GrĂŒnden eh keine Option war, erkannte ich so langsam aber die Notwendigkeit. Ich stellte fest, dass es 1. flugtechnisch fĂŒr den zu erwartenden Ansturm eher semi tauglich sein wĂŒrde und 2. ein Ticket bei dem Kack-Stadion trotz DK und Mitgliedschaft bei gleichzeitig nicht mal ner handvoll auswĂ€rts in normalen Saisons utopisch sein wĂŒrde.
Um 2. zu lösen, muss man erstmal 1. ĂŒberwinden.

20 Minuten nach dem Barca-RĂŒckspiel hatte ich also die Sevilla- FlĂŒge fix, Storno-Option, sicher ist sicher und nochmal 50,- auf den SGE-EL-Sieg um die zu erwartenden Reisekosten wenigstens etwas zu refinanzieren.

Und ich hatte wieder dieses GefĂŒhl. Das gleiche, wie es sich 2018 in der Woche vorm Finale entwickelte, ein da geht was, das wird gut. Diesmal hat es nur nicht Tage dafĂŒr gebraucht, sondern es war da, schlagartig, bestĂ€ndig und bis zum Tor von Aribo auch ununterbrochen.

West Ham war fĂŒr mich also keine Frage des obÂŽs reicht, sondern wie safe das Ganze schon vorm RĂŒckspiel sein wĂŒrde. Da die UEFA-Absage schon da war, war der Zweitmarkt unter stĂ€ndiger Beobachtung. Warum ausgerechnet 2019 GlĂŒck gehabt, aber dieses Mal nicht. Nun ja, ich hoffe die Waisenhaus-Kinder hatten auch dank meines Tickets damals ein schönes Erlebnis.

Um ca. 16:00 Uhr am Tag des West Ham- RĂŒckspiels gab es plötzlich sowas wie nen Kurs-Einbruch auf dem Zweitmarkt. Scheiß drauf, all in. Ab ins Waldstadion, ich hab schon Tickets fĂŒrÂŽs Finale. Mal wieder. Diesmal klappts aber, es muss, einfach wegen 2019 und so.
RĂŒckblickend alles „richtig“ gemacht, ab dem Finaleinzug war selbst fĂŒr unsere Tickets das 4-5 fache vom Kaufpreis marktĂŒblich.

NatĂŒrlich finde ich Schwarzmarkt Kacke, auch die Kartenpolitik der UEFA, die nochmal als Brandbeschleuniger wirkt, aber solange das Prinzip Angebot und Nachfrage herrscht, zieht man entweder mit, weil es einem das Ganze wert ist, oder man lĂ€sst es. Es gab viele, denen auch danach das Fanfest reichte, fĂŒr mich wĂ€ren 2km daneben stehen, wie eingangs erwĂ€hnt, keine Option gewesen. Dank eines soliden Jobs bin ich in der Lage dieses Spiel bis zu einem gewissen Punkt mitzugehen, habe an der Stelle aber gleichzeitig auch Demut gegenĂŒber denjenigen, die das nicht können oder verstĂ€ndlicherweise nicht wollen- aber es genau so verdient gehabt hĂ€tten, den Wahnsinn live zu sehen.
Insofern waren die Tage der Ticketauslosung seitens der Eintracht die pure Tiefenenstpannung, zusĂ€tzliches Stress hĂ€tte ich in dem was mich noch erwarten wĂŒrde auch nicht gebrauchen können.


Spieltag:

Gegen 13:00 Uhr pĂŒnktlich gelandet und ab ins Hotel
 apropos Hotel. Das war wohl eins von mehreren West Ham RĂŒcklĂ€ufern, welche -warum auch immer- am Tag nach dem RĂŒckspiel zumindest kurzzeitig noch zu annehmbaren Preisen auf dem Markt waren. Das ebenfalls nach Barca gebuchte Airbnb Wohnklo also nochmal schnell eingetauscht.

Duschen, umziehen und ab zum Rest, der bereits seit Dienstag vor Ort war. Wahnsinn wie viel blau ĂŒberall war. Erst mit zunehmender NĂ€he zum Fanfest dominierte weiß.

Nen kleinen Wermutstropfen im Vorfeld gabŽs noch. Unsere Tickets waren in N und somit mitten im Feindesland verortet. Aus diesem Grund wollten wir zeitig ins Stadion und mal gucken, was man daran vielleicht noch Àndern kann. Deshalb erwischten wir auch den vorderen Teil des Fanmarsches und kamen ganz gut durch.

Auf dem StadiongelĂ€nde erspĂ€hten wir ein offizielles TickethĂ€uschen. So ziemlich alle darin waren zwar ĂŒberfordert und Englischkenntnisse waren anscheinend kein Auswahlkriterium zur Besetzung, aber nach 20 minĂŒtiger Beratung war Konsens, dass wenn wir andere Personen mit Tickets hĂ€tten, diese gegenseitig umgetragen werden können. Also direkt vor S hingestellt und die erstbesten Rangers-Fans in passender Anzahl die gerade hinein wollten abgegriffen und ihnen einen Tickettausch vorgeschlagen. Dieser wurde natĂŒrlich dankend angenommen, also im Tross zurĂŒck zum TickethĂ€uschen. 30 Minuten und drei Dilettanten im UEFA-Dress spĂ€ter, welche sich alle daran versuchten, ihr zuvor getĂ€tigtes Versprechen einzulösen, hatten wir die finale Erkenntnis die so viele hatten an diesem Abend: der Organisator und Veranstalter ist planlos, unorganisiert, hat unqualifiziertes Personal am Start und heillos ĂŒberfordert.
Und dabei hatten wir im Vergleich zu vielen anderen, die gerade irgendwo in nem Polizeikessel das Dehydrieren begannen noch ein Luxusproblem


Leicht entnervt von einer verschenkten Stunde Lebenszeit in N endgĂŒltig angekommen war es uns definitiv zu blau, hier konnten wir nicht bleiben. TatsĂ€chlich gelang es uns einen Ordner zu ĂŒberzeugen, das Übergangstor Richtung HaupttribĂŒne kurz zu öffnen und in eine andere Richtung zu schauen. Dem Mann werde ich ewig dankbar sein.
Auf der HaupttribĂŒne angekommen gingÂŽs straight in Richtung unserer Kurve, wo wir zwar mit dem selben Ansatz nicht mehr reingekommen sind aber uns immerhin direkt am Übergang von Haupt/ zu S niederlassen konnten. Leider setzten hier die Ordner im Laufe des Spiels mehrfach und aggressiv die - im spanischen Stadion setzt man sich hin - Regeln durch, was von den Profiteuren von UEFA-Sponsoren-Tickets um uns herum in ihrer Abendgarderobe auch immer wieder eingefordert wurde. Da wir ja auch nur "BlockgĂ€ste" waren, arrangierten wir uns dann lieber mit der Situation.  Direkt vor uns der „Unterrang“ vom Unterrang (komplett in weiß) stand aber mehrfach kurz vor der polizeilichen RĂ€umung ohne es zu wissen. Wir konnten am TribĂŒneneingang die Ordner- und PolizeiauflĂ€ufe und Diskussionen der SicherheitskrĂ€fte direkt miterlebnen. Das hĂ€tte enormes Eskalationspotential gehabt. Alles nur weil welche stehen und friedlich sind, wĂ€hrend 20 Meter weiter im anderen Block unserer Kurve und die Fans wie Vieh oder noch schlimmer behandelt werden und wurden. Unfassbar.  

Zum Spiel möchte ich an der Stelle gar nichts weiter schreiben. Nur, wie oben erwĂ€hnt, war nach dem Gegentor das seit Wochen bestehende gute GefĂŒhl wie weggeblasen und nur noch Drama angesagt.
Ein Genuss war das Erlebte und die stĂ€ndigen Achterbahnfahrten nicht wirklich, sondern eher eine so noch nie erlebte Anspannung und Ungewissheit und neben der 40 Grad heißen physischen auch eine brutale mentale Belastung mit Drama bis zum letzten Akt. Insofern nicht verwunderlich, dass um uns herum nicht wenige Eintrachtler irgendwann noch wĂ€hrend dem Spiel einfach nur  paralysiert dasaßen und nix mehr machten
 weil sie nicht mehr konnten. Weil sie einfach am Ende waren
 körperlich und geistig.


Epilog

Das war echt ein krasses Erlebnis- und alles andere als VergnĂŒgungssteuerpflichtig. Wer im Stadion war und irgendwelche Geschichten von einem schönen Abend und super Stimmung erzĂ€hlt, war vielleicht gar nicht da. Das war harte Arbeit. Ne 3:0 HalbzeitfĂŒhrung im nĂ€chsten Finale wĂ€re daher nicht schlecht.

Spaß beiseite, ein wahnsinnig intensives Erlebnis, welches man am Ende aber auch irgendwie noch nicht richtig genießen konnte, ich zumindest nicht, weil es auch noch nicht realisierbar war. Irgendwie war man einfach auch froh, dass es endlich vorbei war, mit dem besseren Ende fĂŒr uns. Das Erlebte zu verarbeiten dauerte Tage und wirkt selbst heute noch nach.

FĂŒr diese Lebenserfahrung mehr bin ich der Eintracht mal wieder so dankbar. Und ich wĂŒrde diese eigentlich auch jedem anderen richtigen Fan der Bayern MĂŒnchens dieser Welt mal wĂŒnschen. Einfach weil sie einen wesentlichen Teil und gerade diese IntensitĂ€t, wie wir sie mit der Eintracht erleben dĂŒrfen, verpassen bzw. nie haben werden. Irgendwo auch schade. Daher kommt aber vermutlich auch der Spruch: Alles außer Frankfurt ist Scheiße


Abschließend muss man diese tollen fairen Verlierer/die Rangers- AnhĂ€ngerschaft einfach mal herausstellen. So eine tolle freundliche AtmosphĂ€re vor und vor allem auch nach dem Spiel, war beeindruckend und rundet das Erlebte ab und setzt den i-Punkt.


Danke Eintracht, dass ich diesen Moment so erleben durfte.
#
maroc schrieb:

Mit etwas Abstand von 3 Wochen konnte ich die Erlebnisse so allmĂ€hlich einordnen. Es war wirklich sehr intensiv und vielseitig. Und egal wie man das Spiel erlebt hat, war es doch fĂŒr jeden ein extremes Erlebnis.
...

Danke fĂŒr den schönen Bericht!    

Ich könnte 10.000 solcher Geschichten hintereinanderweg und ohne Pause lesen.  

Leider schrieben bisher nur sehr wenige von uns ihre (teils unglaublich traurigen, teils extrem herausragenden) Erlebnisse hier herein. Vielleicht kommen nach und nach noch mehr auf die Idee? Mal sehen ...

#
Auch von mir danke an die Berichtenden. Ich sauge eure ErzĂ€hlungen förmlich auf. Jede Einzelne macht mich glĂŒcklich und jede einzelne hat ihren ganz eigenen tollen Stil!

Es gibt hier inzwischen so viele StilblĂŒten und Nuancen, die Sonderlob verdienen, das beeindruckt mich sehr!
Landroval schrieb:

Ich könnte 10.000 solcher Geschichten hintereinanderweg und ohne Pause lesen.  

#
Habe es immer noch nicht verarbeitet.
Eintracht Frankfurt hat den Europapokal gewonnen. Ich weiß, dass wir vor ein paar Jahren noch die Relegation auf einer kleinen Leinwand im Waldstadion geschaut haben. Seferovic hat uns erlöst und das schlimmste war abgewendet. Eintracht Fan sein bedeutete schon immer leidensfĂ€hig sein, Ambivalenzen aushalten, ein Wellenbad der GefĂŒhle. Es war immer möglich (und ist es immer noch), dass man gegen große Clubs Spiele abliefert, die nicht von dieser Welt scheinen, wĂ€hrend dann eine Woche spĂ€ter gegen einen besseren Zweitligisten man wieder gar nichts zusammen lĂ€uft.
Wenn man frĂŒher im Fussball Training mit Eintracht Trikot kam, wurde man belĂ€chelt. Der Adler hatte noch nicht die Strahlkraft von heute, zwar regional gesehen der grĂ¶ĂŸte Verein, aber fĂŒr guten Fussball stand man in meiner Jugend nicht. Doch das war auch nie das, was den Verein ausgemacht hat. Man braucht nicht beliebt zu sein, man ist eine eingeschworene, ja eine heilige Gemeinschaft. Erst wenn man dazu gehört, versteht man langsam, was dieser Verein ĂŒberhaupt bedeutet. Nicht das Schöne, das Glitzern, die Marketing Fassade, wie viele Clubs aus Europa es sich mit Millionen aus Russland und Nahost erkaufen wollen nein. Nein, eine Gemeinschaft. Die kann man nicht kaufen, nur erarbeiten.
Dass die Mannschaft und der Verein in Sevilla sich in den Himmel des europĂ€ischen Fussballs geschossen haben, war vorrangig nicht das Ergebnis von Geld und Sponsoren, sondern von Arbeit, Zusammenhalt und UnterstĂŒtzung. Ein Team kann man nicht kaufen. Nicht im Fussball, nicht auf der Arbeit, nicht im Freundeskreis. Es wĂ€chst, es ist dynamisch, manchmal anstrengend, dann wieder sehr belohnen, aber einfach Kaufen, das geht nicht.
Es bildet sich aber auch durch Widerstand, durch das BelĂ€cheln, durch die Herablassung. Seit dem ich mein Herz an die Diva verloren habe, das war beim DFB Pokal Spiel gegen S06, mein erster Stadion Besuch, wurde man immer noch BelĂ€chelt. Eintracht Fan hat bedeutet, sich mit wenig zu BegnĂŒgen, sich dem Hohn anderer "Fans" auszusetzen, sich im Training anzuhören, was fĂŒr ein Witzverein man doch sei. Es kamen Abstiege, stĂ€ndige Saisons im Niemandsland der Tabelle, ein Hin und Her, Spieler, die nicht lange blieben. Konstant war eigentlich nur die Unkonstanz. Als man sich seit Jahren dann wieder, nach Abstiegen, 2017 fĂŒr ein Finale im DFB Pokal qualifizieren konnte, war die Euphorie groß. Doch die Mannschaft schien noch nicht bereit. Doch der Verein, die Fans, die Spieler. Alle hatte Blut geleckt. Und ein Jahr spĂ€ter wurde vollendet. Auch wenn ich 2018 nicht im Stadion war, das GefĂŒhl war Wahnsinn. Ein Titel der Eintracht. Nach dieser langen Zeit. Ich kann heute noch nicht richtig beschreiben, wie ich mich in diesem Moment gefĂŒhlt habe. Es wurde alles zurĂŒck gezahlt. Die Leiden, die Katastrophalen Sonntagsspiele in der zweiten Liga vorm TV, bei denen mich Freunde fragten, warum ich mir das ĂŒberhaupt antue. Es war der Gipfel. Etwas völliges unreales. Aber als ich auf dem Römer stand, die Mannschaft den Pokal hochreckte, Der Prince seinen Satz fĂŒr die Ewigkeit sagte, da dachte ich , da hatte ich alles gesehen, was ich je wollte. Ich war durch. Eintracht Frankfurt durchgespielt. Besser wird es nicht mehr. Über eine Meisterschaft zu reden scheint bei der Gewichtsverteilung eh Absurd. Und sich man in einem Europa Pokal durchzusetzen bei all den stĂ€rkeren Mannschaften quasi absoluter Quatsch.
Doch es ging ein Ruck durch den Verein. Was folgte, war völlig krank. Trainer weg, Mannschaft auf links gedreht aber eine Reise durch die Europa League, mit einer fussballerischen QualitĂ€t, wie ich sie bei Eintracht Frankfurt noch nie gesehen habe. Ein Durchmarsch, eine Macht. Und kurz vorm Gipfel ungeschlagen im Elfmeter-Schießen ausgeschieden. Jeder war sich sicher: Das wiederholt sich so schnell nicht mehr. So nah kommen wir einem EuropĂ€ischen Pokal nie wieder.
Es kam wieder ein Umbruch. Corona, eine andere Mannschaft, finanziell konnte man sich wohl ĂŒber Wasser halten, aber die Mannschaft war eine andere.
Leere Stadien, Keine Freunde treffen, Fussball gerÀt in den Hintergrund...
Dann die historische Chance auf die Champions League, so nah kann man gar nicht ran kommen. Und dann durch das Ego eines einzigen Mannes verspielt. GrĂŒĂŸe gehen raus. Die Qualifikation fĂŒr die Euro League wirkt wie ein Trostpreis ob der vertanen Chance, die ĂŒber die Bundesliga so schnell nicht mehr kommt. Nicht mit unseren Mitteln.
Doch die Stimmung war irgendwann wieder da, Fans durften wieder kommen, erst einige, dann gegen FĂŒrth auch wieder alle. Nur um dann den FC Barcelona zu einem EuropĂ€ischen Heimspiel begrĂŒĂŸen zu dĂŒrfen. Vor vollem Haus. Im Waldstadion. Was will man eigentlich noch mehr? Ein Pflichtspiel. Gegen Barca. Völliger Wahnsinn. Dann eine Choreo fĂŒr den JĂŒrgen. 90 min Vollgas. Und was macht eine Mannschaft, die indivuell nicht nur den ĂŒberbezahlten Schönlingen aus Spanien, sondern wohl auch der Mannschaft der 18/19er Saison unterlegen schien? Sie ringt der Übermannschaft ein Unentschieden ab, um eine Woche spĂ€ter wohl eines der legendĂ€rsten AuswĂ€rtsspiele der Vereinsgeschichte abzuliefern und Barca steht da, schaut 30k Leute im Camp Nou an, und heult spĂ€ter wie eine Schulhof Mannschaft, dass so viele Fans da waren. Absoluter Wahnsinn.
Daheim auf der Couch saß ich, Corona gebeutelt und traurig, ein solches Spektakel verpasst zu haben. Ich wollte gar nichts hören. Von diesem Triumph, von dieser Ekstase. Ich wollte nur, dass es weiter geht.
Diesmal ganz zum Ende. Zum Finale. Und dann. Wieder London. West Ham, ein Halbfinale. Aber nun das Hinspiel dort und das RĂŒckspiel vor den besten Fans der Welt. Wenn es diesmal nix wird, weiß ich auch nicht weiter.
Klar, die Mega AuswĂ€rtskulisse im Hinspiel blieb aus. Und da die Vereine jetzt auch wissen, was sie mit Frankfurt erwartet, wird es wohl nie wieder ein zweites Barca geben. Die Mannschaft unbeeindruckt. Kaum Siege in der Bundesliga, aber gegen West Ham drehen sie auf und gewinnen. Sogar souverĂ€n. Beste Anzeichen fĂŒrs Hinspiel. Direkt nach dem Hinspiel buchen wir Flug und Hotel nach Sevilla. Es muss diesmal alles passen. Es muss.
Eine Woche warten. Die Nerven sind angespannt. Konzentration auf irgendwas anderes nicht möglich. Noch bis kurz vorm Anstoß wusste ich nicht, was ich fĂŒhlen sollte. Noch beim Halten der Blockfahne im Oberrang kann ich die Emotionen nicht deuten. Was folgt, ist eine Achterbahn Fahrt. Hinti mit Verletzung raus, alles scheint gegen uns zu stehen. Doch die Eintracht hat das GlĂŒck des TĂŒchtigen. Rot fĂŒr West Ham. Tor durch BorrĂ©. Ein ungefĂ€hrdeter Sieg. ABPIFF. FINALE! TrĂ€nen, emotionaler Stillstand, Platzsturm, richtig feiern mit der Mannschaft war nicht möglich. Was man fĂŒhlen sollte, war mir nicht klar.
Es schien surreal. Eintracht Frankfurt erreicht das Finale des Europapokals. Was soll man davon halten? Es folgt eine chaotische Ticket Vergabe, etwas enttÀuscht, kein Ticket zu erhalten, aber kurz vor der Entscheidenden Woche kommt langsam die absolute Freude, nach Spanien zu Fliegen.

Freitag vor dem Endspiel. An arbeiten ist nicht wirklich zu denken, man unterhĂ€lt sich, klickt im Netz rum, liest Artikel ĂŒber historische Chancen und ForeneintrĂ€ge, tippt auf dem Handy rum. Die Zeit geht nicht um. Dann doch kurz arbeiten, ne halbe Stunde nicht aufs Handy geguckt und die Mail verpasst. Die Uefa schreibt, es sind noch Rest Tickets verfĂŒgbar. First Come, first Serve. Ab sofort. Ich könnte heulen. Den ganzen Tag am Handy gehangen und im entscheidenden Moment die Mail verpasst. Ich logge mich ein, aktualisiere die Seite. Nichts scheint zu gehen, immer wieder kommen vereinzelt PlĂ€tze rein, doch anderw sind schneller. Im Warenkorb können Sie nicht landen.
Also ich beinahe schon die letzte Hoffnung aufgegeben habe, starre ich nach dem hundertsten Klick auf "Buy" unglaublich auf den Bildschirm. Da sind zwei Tickets fĂŒr 100€, regulĂ€re Tickets in meinem Warenkorb. Ich versuche zu zahlen, die erste Kreditkarte wurde abgelehnt, ich denke mir schon "Das wars", jetzt flieg ich eh wieder raus. Doch offensichtlich funktioniert das Ticketing der UFEA etwas besser als das der Eintracht und die Kreditkarte meines Arbeitskollegen wird akzeptiert und did Buchung geht durch. Endspiel Tickets. Ich habe Endspiel Tickets. Mich ĂŒberwĂ€ltigen meine GefĂŒhle. Ich weiß nicht, was ich denken oder tun soll. Zwei Tickets. Wir brĂ€uchten fĂŒr die Gruppe doch fĂŒnf. Irre.
Erst mal aufs Rad heim, im Feld ein Schöppche trinken und alles sacken lassen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Das ganze Wochenende umtreibt mich der Gedanke, was ich machen soll. Die Karte meinem Bruder geben, der immer mit mir auf dem Dauerkarten Platz sitzt und jedes Spiel zusammen verfolgt? Moritz, meinem Trauzeugen, dann umgehe ich die die Situation entweder Christian oder Papa draußen zu lassen? Oder doch einfach Papa und seinem Kollegen die Karte geben, die auf so vielen AuswĂ€rts Spielen in der EL waren und die es sich auch irgendwie verdient hĂ€tten...
Ich schiebe die Entscheidung vor mir her. Das Wochenende ist unruhig und unentschlossen. Schließlich der Konsens fĂŒr mich: Papa kommt mit, Moritz und Christian bleiben beim Fan Fest. FĂŒr mich die sicher unangenehmste Entscheidung meines Lebens. Ich kann vorweg nehmen: Ich konnte mich erst wieder richtig freuen, als wir schließlich in Sevilla waren.
Doch es tat auch gut, die Entscheidung zu treffen.
Etwas losgelöst konnte ich meinen Rucksack packen und den Montag abwarten.
Kurze Nacht, drei Uhr raus, ab zum Flughafen. Am Gate noch ein Jacky Cola, dann ab nach Lissabon, Stimmung ist gut, aber auch erwartungsvoll. Noch nie war ich mit der Eintracht in Europa AuswÀrts unterwegs. Es war finanziell schlicht nicht drin. Und dann direkt ein Endspiel. Mit Tickets. Wow.
In Lissabon ein kurzer Stop, Bierchen und bisschen was essen, dann weiter nach Faro.
Bierchen tat mir wohl nicht gut, mit dem Mietwagen erst mal ein ein Poller umgefahren. Der Vermieter nimmts mit Humor, wedelt mit dem zerdellten Ding und ruft "This is your cup". Nun ja, dann halt los. Autobahn, es wird immer heißer, zwei Stunden nach Sevilla. Auto geparkt und ein Spaziergang durch die heißen Gassen. Die Medien hatten nicht gelogen. Überall Blau, ĂŒberall Schotten. Die ganze Stadt ist voll davon. Frankfurter kann man am Dienstag noch an einer Hand abzĂ€hlen.
Die Stimmung aber gut. Die Schotten durch die Bank weg sehr nette Menschen und fassen dich gerne an. Hornhaut vom HĂ€ndeschĂŒtteln ist die Folge.
Doch wir sind etwas platt von der Reise und Hitze. 35 Grad plus. Erst mal in die Klimatisierte Bude, etwas runter kommen. Dann ab durch die Stadt, alles erkunden. Sevilla ist heiß, aber schön. Die PlĂ€tze voll mit Schotten, ĂŒberall wird gesungen und gefeiert. Bierchen fließen. Nach Essen und Spaziergang wird sich erst mal ausgeruht und dann nochmal in die Stadt, die allerdings immer leerer wird. Die Kneipen machen viel frĂŒher zu, als wir dachten und man musste etwas suchen, bis wir schließlich im Capitol landen, wo keine Sau ist. Egal, Jungs vom Efc und wir stellen die Bluetooth Box aufn Tisch, Malle Songs raus, Jacky Cola bestellt. Halbe Stunde spĂ€ter ist die Bude rappelvoll, Eintracht und Rangers feiern gemeinsam, Stimmung ist vorhanden. Wir lassen den Abend ausklingen und fallen irgendwann völlig ĂŒbermĂŒdet in die Federn. Morgen ist Endspiel. Einen trinken wir noch und dann greifen wir an!

Am nĂ€chsten Tag ballert der SchĂ€del, die Hitze macht bereits morgens ihr ĂŒbriges. FrĂŒhstĂŒck suchend, schlappen wir durch die Stadt, die Mutti findet was bei TripAdvisor und der Weg hat sich gelohnt. Wir FrĂŒhstĂŒcken ausgiebig und fĂŒr mich sollte es die letzte Mahlzeit des Tages bleiben.
Doch es ist so heiß, wir warten Bier trinkend in unserer Bude auf drei weitere Jungs, die heute erst Anreisen. Stimmung ist super, es wird erzĂ€hlt und gelabert doch ab Mittag hĂ€lt uns nix mehr und wir laufen geschlossen zum Fan Fast auf den Prada San Sebastian. Die Eintracht hat BĂŒhne und Leinwand aufgebaut, es erwartet uns eine weiße Masse an Leuten. Es gibt Bier, gute Laune, Live Auftritte. Doch das alles kommt nicht so ganz an mich ran. Langsam werd ich nervös, will am liebsten schon zum Stadion und das alles hinter mich bringen. Kann mich nicht konzentrieren. Und will auch gar nichts mehr Bier trinken. Im Nachhinein wohl ein guter Schachzug.
Nun vergeht die Zeit Leider kaum noch. Ich latsch ĂŒber die Fan Meile, treffe Freunde, quatsche etwas, aber AufnahmefĂ€hig bin ich nicht...
Immer wieder nervös der Blick auf die Uhr, bis endlich der Fan-Marsch Richtung Stadion los geht. Als das Signal kommen, trennen wir uns von den Jungs ohne Ticket, eine weise Entscheidung, denn der Fan Marsch entpuppte sich als schrecklich.
Anfangs zogen wir gut gelaunt durch die Straßen Sevillas, feierten und sangen, wurden von Einwohnern gefilmt und beklatscht. Kurz vorm Stadien dann berittene Polizei und immer wieder anhalten und Pferde-Sperren, die den Zug der Fans von aufteilen sollte. Die Stimmung wurde zunehmend gereizter und 300m vorm Stadion dann der endgĂŒltige Stillstand. Problem an der Sache: Kein Trinken, 40 Grad pralle Sonne mitten auf dem Asphalt, vor uns die Pferde, der Schweiß ran an uns runter. Von der Polizei keinerlei Kommunikation. FĂŒr unsere Belange wurde sich nicht interessiert. Eine Stunde kamen wir keinen Meter voran, Pferde vor uns, weiße Masse hinter uns. Völlig Absurd. Ich fand zwar noch 20€ auf dem Boden, was allerdings nur ein schwacher Trost war. Die Stimmung kippte, Angst, nicht rechtzeitig auf den PlĂ€tzen zu sein, machte sich breit. Dann endlich ein Pfiff und wir durften durch. Nochmal umstĂ€ndlich um ein paar HĂ€user Blocks und dann standen wir vor der ersten Kontrolle, in der dann die Tickets via Bluetooth aktiviert wurden. Das klappte erstaunlich reibungslos.
Direkt im Anschluss wieder Kontrolle, diesmal Polizei. Alle Taschen leer. Trotz der Email der Eintracht, in der explizit erwĂ€hnt wurde, dass Powerbanks auf Grund der elektronischen Tickets empfohlen werden, wurden diese Kommentarlos mit andere GegenstĂ€nde in MĂŒlltonnen gepfeffert. Keine ErklĂ€rung, kein Pardon, keine Widerrede. Schikane pur. Wie schon beim Marsch gab die Polizei kein gutes Bild ab und wirkte definitiv nicht deeskalierend. Aber man kennt dies ja.
Gut, Papa wollte sich das nicht bieten lassen und trotz meiner Warnung, dass der Bulle ihn zu Brei boxt, wenn er die findet, steckte er sich das Ding in die Hose und suchte sich den Àltesten Polizisten, den er finden konnte und kam damit durch.
Dennoch die Behandlung und Haltung der Polizei war unterirdisch und eine Finales nicht wĂŒrdig. Zumal in der Stadt gar keine aufgehitzte AtmosphĂ€re herrschte.
Nach dieser Tortur waren wir endlich im Stadion. Beziehungsweise davor. Groß genossen haben wir das aber nicht, sondern sind direkt zu unserem Eingang gegangen, an dem wir die Tickets scannen mussten, nur um direkt wieder alle Taschen zu kontrollieren und nochmal ĂŒberprĂŒft zu werden. Diesmal von der Security mit Hund.
Nun ja, es scheint so als hÀtten wir nix dabei gehabt und wir konnten unsere PlÀtze aufsuchen.
Oberrang, direkt neben der Fan Kurve der Eintracht, eigentlich schön im Schatten sogar. Bei Hochlaufen fielen uns direkt lange Schlangen auf, die fĂŒr GetrĂ€nke und Essen anstanden und da wir nach Aufsuchen unserer PlĂ€tze wider Erwarten noch ca. 1,5 Std zum Anpfiff hatten, wollte ich noch etwas zu trinken holen. Angestellt. Es ging sehr langsam voran. Nach gut 45 min sah ich dann das Kiosk. Ein kleiner Stand mit drei Jungen Kerlen vor einem fast leeren KĂŒhlschrank(!). Es sprach sich schnell rum. Wasser war leer, Essen gab es keines mehr. Nur noch alkoholfreies Bier, Cola und Fanta. Als ich dann nach einer Stunde anstehen endlich dran war, nur noch das Bier. Ich bestellt noch drei der letzten Dosen und sie wurden in einer Seelenruhe in Becher umgefĂŒllt. Kein Wunder, dass es hier alles ewig dauerte. Die Stimmung war auch hier schon wieder angespannt, aber nicht zwischen Fans, sondern nur auf den Veranstalter, der offensichtlich an diesem Tag gar nicht geplant oder im Griff hatte. Kein Wasser, leere GetrĂ€nke vorm Anpfiff und von jeder Cola Flasche mussten die Deckel abgeschraubt werden, man könnte sie ja werfen. Ich habe noch nie eine Veranstaltung besucht, die unfĂ€higer organisiert war. Katastrophe. Ob nun die UEFA die Schuld trĂ€gt oder der FC Sevilla, is mir scheiß egal. Absolute Amateure. Papa hatte mittlerweile PlĂ€tze in der Frankfurter Kurve besorgt, neben seinem Kumpel war noch was frei und so konnten wir endlich gegen 20.30 Uhr unsere PlĂ€tze einnehmen und uns aufs Spiel freuen. Das Bier verdunstete bereits noch vor Anpfiff.

Die nĂ€chsten drei Stunden in Worte zu fassen ist fĂŒr mich sehr schwierig. Die Choreo der Ultras, die EL Hymne, der Kreis der Mannschaft, all das verschwamm ineinander. Wir waren platt, aber freuten uns. Schließlich der Anpfiff und die Eintracht spielte ihr erstes Europa Pokal Finale seit 42 Jahren...

Ich habe wohl schon bessere Spiele gesehen, aber in ihrer Dynamik wohl kaum ein spannenderes. Der Seppl, der nach ein paar Minuten blutet und mit Verband weiterspielt. Die Chancen und der Druck unserer Mannschaft, die Fans auf den RĂ€ngen, die 90min Vollgas gaben. Und mitten drin stehe ich und gucke zu. Manchmal so sprachlos ob der Situation, dass ich wirklich beim Endspiel im Stadion stehe und brĂŒlle. Bis zur Halbzeit hatte ich ein gutes GefĂŒhl, wir hatten Chancen, die wir teilweise fahrlĂ€ssig vergeben haben und die Rangers waren eher defensiv orientiert mit kaum Drang nach vorne. Wir hatten definitiv die Oberhand, nur der Dosenöffner fehlte.
In der Halbzeit versuchte Papa nochmal sein GlĂŒck, da unsere Nachbarin kurz vorher mit zwei Wasserflaschen hoch kam, allerdings war nichts zu machen. Kein Wasser und selbst in den Toiletten war das Wasser abgestellt (spĂ€ter stellte sich heraus, dass es wohl keine TrinkwasserqualitĂ€t hatte). Ein Disaster. Der Hals wurde also immer trockener und der Körper Hitzte sich spĂŒrbar auf, was sich allerdings nicht auf die FangesĂ€ngen auswirkte. Nach wie vor Peitschten wir die Weißen nach vorne. Von den Rangers hörte man bis auf ein paar Male, bei dem sie immer lauthals das selbe Lied sangen gar nichts. Dem britischen Fussball fehlt es nicht an Stimme auf den RĂ€ngen, wohl aber an organisiertem Support. Schade, aber wenn ihr eure Chancen nicht nutzen wollt, Pech gehabt.
Papa sagte noch in der Halbzeit zu mir "Hier gewinnt der, der das erste Tor schießt". Wir kamen etwas fahrig aus der Kabine, der Druck ließ nach, Rangers hatte ein paar gute Minuten, aber die wurden abgewehrt. Als dann alles wieder etwas geregelter schien, passierte es: Fehler beim Kopfball, Tuta stolpert, Aribo ist durch und schiebt neben Trapp den Ball ins Netz. Was fĂŒr ein unglaubliches Slapstick Tor. DĂ€mlicher kann man nicht in RĂŒckstand geraten. In der Kurve wurde es still. Zumindest ganz kurz.
Die Leistung der Mannschaft war an diesem Tag wirklich nicht herausragend und eine blieben oftmals hinter ihren Möglichkeiten zurĂŒck und vertendelten BĂ€lle. Insgesamt war es allerdings wie oft in dieser Saison: Im letzten Drittel zu wenig und irgendwie auch ohne Idee. Das GefĂŒhl, das Ganze hier noch zu drehen schwand. Allerdings nur fĂŒr ein paar Minuten.
Dann schlug Kostic, mal wieder Kostic, seine gefĂŒhlt 20. Flanke auf den kleinen Borre, diesmal flach in den FĂŒnfer. Was wie ein völlig harmloser Ball wirkte und mich bereits fluchen ließ, hatte die Rangers aber wohl auf dem falschen Fuß erwischt. Borre hielt sein GoldfĂŒĂŸchen hin und schob den Ball rein. Die Kurve explodierte. Da war das Tor, das Ding aus dem Nichts, die Eintracht hatte sich wieder aufgebĂ€umt. Und wieder war es Borre, der in den Schlussphase dieser Saison wohl endlich seinen Torriecher gefunden hatte. Was fĂŒr eine Geschichte. Tor gegen Barca, Tor gegen West Ham, nun Tor im Finale. Es freute mich tierisch fĂŒr den Jungen, seine harte Arbeit in der ganzen Saison zahlte sich aus!
Nun war sie wieder da, die Kurve, die weiße Wand und hörte nicht mehr auf zu Singen. Es lag in der Luft, es war noch etwas möglich.
Die Mannschaft allerdings wurde zunehmend mĂŒder, Temperaturen und der ErsatzgeschwĂ€chte Kader machten sich bemerkbar. Lindstroem musste raus, Tuta ebenfalls, kurz vor Schlusspfiff dann auch der Seppl Rose, der sich spĂ€testens mit diesem Spiel Legendenstatus erarbeitet hatte. Doch dann der Schlusspfiff. Es ging in die VerlĂ€ngerung und es lag in Luft, dass eigentlich nur noch ein krasser Fehler das Spiel entscheiden konnte.
Mannschaft und TribĂŒne hĂ€ngten sich rein, die Ersatzspieler wurden ihrem Namen bis auf einem gerecht und man muss sich mal auf der Zunge zergehen lassen, wer am Ende fĂŒr die Eintracht verteidigt hat. Hasebe, Lenz, Toure. Von der nominellen Erbesetzung war keiner mehr auf dem Feld. Und Makoto steht da, mit seinen 38 Jahren und beruhigt die Hintermannschaft mit seiner Erfahrung. Wahnsinn! Allein das ist schon eine Geschichte.

In der 115. Minute fiel meinem Vater dann plötzlich etwas wichtiges ein. Er kramte in seinem Beutel und holte seine Pillendose raus, zog eine durchsichtige, graue Hartkapsel raus und schĂŒttete den Inhalt in seine HandflĂ€che. Jetzt war Opa auch im Stadion angekommen. Wir teilten uns das HĂ€ufchen auf, rieben uns damit die HĂ€nde ein, verdrĂŒckten ein TrĂ€nchen, solange der ausgetrocknete Körper es noch zuließ.
Opa kam wohl gerade noch rechtzeitig. Einen Augenblick spĂ€ter parierte Trapp eine Chance der Rangers, bei der ich mir sicher war, unsere PokaltrĂ€ume wĂŒrden sich soeben in Luft auflösen, kurz vor Schluss, der Todesstoß. Doch es kam anders. Trapp parierte, wir jubelten, der Schiri pfiff kurze Zeit spĂ€ter ab. Papa sagt immer, es gibt keine ZufĂ€lle. Fußball Fans tendieren zum Aberglaube. Dieser Schal muss mit, in diesem Trikot haben wir xy besiegt, das hatte ich beim Berlin Finale an. Vielelcijg war Opa der Zufall, den es brauchte, genau zu richtigen Zeit hat er uns von oben zugeschaut und Kevin hat pariert. Es gibt keine ZufĂ€lle.
Opa, ich hÀtte so gerne beide Karten Dir und Papa gegeben. Es hÀtte mir gelangt, mit Dir eine Sangria zu trinken und mich wirklich gefreut, wenn Du das Spiel hÀttest verfolgen können. Es war Dir nicht vergönnt, aber es hat wohl alles seine Zeit. Danke, dass Du mit uns dort warst. Ein kleiner Teil von Dir liegt nun oben im Estadio Ramón Sånchez Pizjuån, im Block S46, Reihe 21 (Wieder kein Zufall, selbe Reihe haben unsere DK PlÀtze im Waldstadion). Wir haben an Dich gedacht und vermissen Dich.

Nun hieß es alles oder nichts. Wieder ein Euro League Spiel im Elfmeterschießen entscheiden. Spannung bis zum Schluss, der Gipfel der NervositĂ€t. Und doch war ich Ă€ußerlich sehr ruhig. Irgendwas sagte mir, dass Trapp schon einen hĂ€lt. Beunruhigt eher ob unserer SchĂŒtzen.
Wir verloren die Platzwahl, und im Nachhinein bin ich recht froh darĂŒber, da so etwas auch immer den Druck nehmen kann. DafĂŒr durften wir Nachlegen, bei Elfmeter Schießen immer gut.
Die ersten drei SchĂŒtzen beider Teams trafen, wobei die Rangers sehr gut schossen. Dann sagte ich laut vor dem vierten Rangers SchĂŒtzen zu mir selbst "Mensch Kevin, denk an die Izabelle" und Trapp machte sich unsterblich und parierte Den Ball von Aaron Ramsey. In der Kurve begann die Kernschmelze. Es kochte. Kostic verwandelte, wobei ich es irgendwie gepasst hĂ€tte, wenn er verschießt. Es wĂ€re einfach Diva mĂ€ĂŸig Eintracht gewesen und so ganz sein Spiel war es nicht. Aber er traf und das bedeutete zwei MatchbĂ€lle fĂŒr uns. Der SchĂŒtze der Rangers verwandelte mit Hilfe des Pfostens, obwohl Trapp die Ecke ahnte und nun lag es an unserem kleine Kolumbianer, die Eintracht nach 42 Jahren den Pokal nach Hause zu holen. Anfang der Saison noch oft gescholten, da er nicht traf und selbst die 100prozentigen auslies, stand er jetzt da am Elfmeter Punkt in Sevilla, vor einer blauen Wand, im wohl grĂ¶ĂŸten Spiel seiner Karriere und wartete auf den Pfiff des Schiedsrichters (der btw eine absolute Fluppe war und uns nur verpfiffen hat, keine GrĂŒĂŸe, du *********).
Papa wollte nicht so recht hingucken, ich starte gebannt. Pfiff, Anlauf, oben Links, Tor.
Die Kurve brauch auseinander.

Menschen lagen sich in den Armen, wer noch Wasser im Körper hatte, weinte TrÀnen der Freunde in den Nachthimmel von Sevilla. Ich umarmte meinen Vater, wischte mir die TrÀnen aus dem Gesicht und musste mich erst mal setzen.

Eintracht Frankfurt.
Gewinnt den Europapokal.
Ungeschlagen.
Und ich stehe im Stadion und sehe es mir an.
Der Gipfel der GlĂŒckseligkeit.
Was diese Truppe geleistet hat, was dieser Trainer geleistet hat, es wirkt wie im MĂ€rchen! Und das ist es auch ein MĂ€rchen, wie es nur ein Verein wie Eintracht Frankfurt schreiben kann. Mit Fans, mit Umfeld, mit Tradition, welche man fĂŒr Geld nie kaufen können wird. Es wirkt wie die Rache an einem System, dass solche Geschehnisse gar nicht zu dulden scheint.

Und doch stehe ich da, oder Knie, ich weiß es nicht mehr.
Mein Körper wirkte auf einmal wie ausgepumpt. Leer, Platt, GefĂŒhlslos. Ich weiß bis jetzt nicht, wie ich das einordnen soll, ob ich nicht doch irgendwann aufwache und alles nur getrĂ€umt war.
In Frankfurt singen wir bei "Schwarz Weiß wie Schnee", dass wir den DFB Pokal/UEFA Cup und die deutsche Meisterschaft holen. Manchmal fand ich das selbst etwas ĂŒberzogen, weit weg der RealitĂ€t, vielleicht zurecht von anderen Fans belĂ€chelt, schien die Eintracht doch Jahrelang wie ein Verein, der ab und zu zwischen den Ligen pendelt und sich im Niemandsland einordnet. Und jetzt, innerhalb von vier Jahren, sowohl den DFB Pokal als auch den Europacup. Das kann doch alles nicht ganz war sein. Oben drauf die direkte Qualifikation zur Champions League. Champions League. In Frankfurt. Im Waldstadion. Mit Hymne...
Das gab's bis dato bei mir nur bei FIFA an der Play Station im Karriere Modus. Und selbst da fĂŒhlte ich mich manchmal absolut bescheuert, wenn Frankfurt dann den Digital-Pott holte.

Und nun stehe ich in Sevilla, die Mannschaft erhĂ€lt den Pokal. Meine GefĂŒhlswelt unbeschreiblich. Axel Hellmann hat einen Tag spĂ€ter im Römer gesagt, dass es nicht verwunderlich ist, im Jahr von Grabowskis Tod den Titel wieder nach Frankfurt zu bringen. Wieder ist er da, der Kein-Zufall. Der Kreis schließt sich. FĂŒr den Verein, fĂŒr die Spieler, die vor ein paar Jahren in London Danke waren und so unverdient ausschieden. Und irgendwie auch fĂŒr mich, der im Leben nicht damit gerechnet hĂ€tte, einmal einen europĂ€ischen Titel mit der Eintracht erleben zu dĂŒrfen. Mir war der DFB Pokal ja bereits genug...
Die Diva, sie hat fĂŒr uns gebeten. Und sie wurde erhört.

Als die Mannschaft vor der Kurve stand, sagte ich dann gar nichts mehr, sondern genoss den Anblick der Spieler, die ihre Leistung selber kaum fassen konnten.
Der Durst trieb uns dann etwas frĂŒher aus dem Stadion, als vielleicht nötig gewesen wĂ€re, doch wir mussten trinken. Seit mittlerweile rund 8 Stunden mehr oder weniger ohne FlĂŒssigkeit war es einfach an der Zeit. Der RĂŒckweg war ruhig und jeder war in sich gekehrt und wir hielten nach Bars Ausschau, um noch einen Absacker zu trinken und das Ganze zu verarbeiten. Aber auch dem hatte die UEFA wohl einen Riegel vorgeschoben. Auf der Fan Meile war auch nichts mehr los, aber in einer Seitenstraße fanden wir ein Hotel, dass und Bier verkaufte und uns wohl auf ne Nachfrage nach einer Coke auch ein bisschen weißes Pulver andrehen wollte. Wir lehnten dankend ab und gingen mit Bier und Cola zurĂŒck zu unserer Unterkunft, ab auf die Dachterrasse. Der Tag war fĂŒr alle Beteiligten emotional und physisch einfach zu anstrengend, als dass wir jetzt noch groß Lust hatten, die letzte offene Kneipe der Stadt zu finden. Wir tranken Bier in der immer noch warmen Luft Sevillas und schauten uns die Reaktionen daheim und aus dem Stadion an. Nach und nach trudelten die Leute aus unserer Gruppe ein, die woanders im Stadion waren oder das Spiel auf der Fanmeile verfolgten. Wir tauschten unsere Emotionen aus und ließen den Abend ausklingen. Nach einer kurzen, kalten Dusche fiel ich ins Bett, absolut kaputt.

Der Rest der Reise ist schnell erzĂ€hlt. Den Tag ließen wir Langsam angehen, frĂŒhstĂŒckten gemĂŒtlich direkt um die Ecke in einem noch besseren CafĂ© als am ersten Tag und spazierten dann durch die Stadt zu unseren Autos. Fahrt nach Faro, Mietwagen mit Gasoleta statt Diesel betanken (GrĂŒĂŸe an den Vater) und ab zum Flughafen. Sie Stimmung war gut, aber ruhig. Man merkte jedem an, dass er erst einmal verarbeiten musste, was da geschehen war. Flug nach Lissabon, ereignislos. Dann leider VerspĂ€tung und sinnloses Rumsitzen auf dem Rollfeld (Portugiesen sind auch keine Meister der Kommunikation), dann endlich mit einer Stunde VerspĂ€tung Landung in Frankfurt mit herrlichem Anblick auf die Skyline und das Stadion, rot erleuchtet. Mit etwas Ärger an der GepĂ€ckausgabe auf Grund lĂ€ngerer Wartezeit schloss sich unsere Reise. Mir wars egal, die Mutti war bereits frĂŒher von Sevilla geflogen und hatte kĂŒhles Bier zum abholen mitgebracht. Also stand ich vorm Flughafen und trank ruhig mein Bier, bevor wir dann endlich nach Hause fuhren.

Von Papa lief ich selig mit einem Radler nach Hause. Irgendwie fĂŒhlte es sich sehr komisch an, nach Hause zu kommen. Viel lieber sĂ€ĂŸe ich noch in Sevilla, um das ganze irgendwie zu verarbeiten. Solche Spiele VerĂ€ndern einen und ich weiß jetzt, warum mein Vater damals nach Berlin, wo er im Stadion war, einige Tage letargisch gar nicht ansprechbar war. Viel geschlafen hat und gar nicht richtig drĂŒber reden konnte. Klar, Berlin kam vielleicht noch ein Tick ĂŒberraschender als der jetzige Titel, aber insgesamt geht es mir nun Ă€hnlich. Nun beginnt ein Prozess des Verstehens, des Wahrwerdens und irgendwann denke ich dann an eine Nacht in Sevilla zurĂŒck, denke Opas Asche im Block S46 und verdrĂŒckt eine TrĂ€ne. Danke, heilige Diva, Danke fĂŒr deine Gnade.
#
Großartig! Alle Erinnerungen kamen wieder hoch und jetzt muss ich mich erstmal wieder beruhigen. Was ein Tag war das
.. Danke an Dich!
#
So allmĂ€hlich bin ich in der Lage meine Erlebnisse und GefĂŒhle aufzuschreiben.

Dienstag Mittag kam aus Heiterem Himmel ein Anruf aus Madrid, wo eine Freund zwei Karten ergattert hatte.
Bedingung war, dass wir Mittwoch Nachmittag zusammen die 5 Stunden nach Sevilla fahren (Ave ZĂŒge waren ausgebucht) und nach dem Spiel zurĂŒck.
Letztlich habe ich wie basalti weniger als 24 Stunden in Spanien verbracht. Aber die haben sich gelohnt.
Glasgow war an dem Tag blau, in jeder Hinsicht. Blau aber friedlich. Wir hatten geile PlĂ€tze Mitte HaupttribĂŒne. Von den Problemen mit GetrĂ€nken habe ich nichts mitbekommen. Ich wĂ€re auch gar nicht in der Lage gewesen was zu trinken weil ich vom Moment, wo ich das Stadion betreten habe, im Tunnel war. Ich konnte kaum reden, nicht singen oder klatschen, bin nur einmal kurz raus zum pinkeln und klebte ansonsten auf meinem Platz, bis auf die Momente nach dem Ausgleich.
Ich war nur einmal im Leben so fokussiert, das war beim Staatsexamen.
Das Spiel habe wie oft beim Stadionbesuch erst im Nachgang richtig nachvollziehen können. Ich hatte den Eindruck dass Lundstram Rot verdient hatte und dass Kostic in der 90. auf Kamada hÀtte flanken sollen. Die Chance von Glasgow in der 118. könnte ich heute im Detail nachzeichnen. Da stand die Zeit still. Das war Trapps grösster Moment als Torwart und auch Jakic hat uns den ***** gerettet und den Ball nicht tödlich abgefÀlscht sondern am Tor vorbei gelenkt. Unfassbar diese Szene.

Vor dem Elferschiessen war Zeit bisschen nachzudenken. Wir haben kein Spiel diese Europa League verloren. Wir waren nicht immer souverĂ€n aber wir hatten es definitiv verdient dass scheiss Ding zu holen. Wir haben Barcelona verdient rausgehauen. Wir hatten den Nervenkrieg gegen Betis gewonnen. Wir hatten West ham, die ĂŒber das Los gejubelt hatten, gezeigt wo der Hammer hĂ€ngt. Aber was hat das alles zu sagen im Elferschiessen.

Glasgow kam mir als Team ein bisschen cleverer vor, aber der Torwart ist Ă€lter und vor der Glasgower Kurve war der Druck auf deren Spieler vielleicht doch grĂ¶ĂŸer als auf unsere. Ich hĂ€tte an deren Stelle nicht gejubelt, als der Schiri nach links zeigte. Aber gut, 4x stark verwandelt haben sie. 4x und nicht 5x. Aaron Ramsey hat als einziger von 10 Spielern richtig schwach geschossen und Trapp hat ihn folgerichtig abgewehrt.

Bei jedem einzelnen unserer SchĂŒtzen hatte ich Angst. Lenz: ErgĂ€nzungsspieler, nicht im Flow. Hrustic: guter linker Fuß aber zu leichtfertig. Euro-Daichi, guter Techniker aber der Druck im ersten großen Finale ? Kostic, bei dem jeder Torwart in Europa weiß wo er hinschiesst (und McGregor war schon zwei Schritte nach links gegangen, als Kostic den Ball schoss, aber der war so fest, dass er trotzdem nicht rankam). Und dann Borre, der in Sevilla den schlechtesten Elfer der ganzen Saison geschossen hatte. Jeder einzelne dieser Spieler hat mich lĂŒgen gestraft.

Danach war ich zu erschöpft um groß zu jubeln. Und das ganze Ereignis war zu groß um es direkt zu verstehen. Die Dimension habe ich Donnerstag am Fernseher angefangen zu verstehen, als Frankfurt in Jubel, Rauch und Alkohol unterging. So ganz verstanden habe ich sie heute immer noch nicht; vielleicht bin ich so weit, wenn ich die Champions League Hymne in unserem Stadion höre.

So lange ich lebe und mein GedÀchtnis funktioniert, werde ich diesen Tag nicht vergessen.
#
So allmĂ€hlich bin ich in der Lage meine Erlebnisse und GefĂŒhle aufzuschreiben.

Dienstag Mittag kam aus Heiterem Himmel ein Anruf aus Madrid, wo eine Freund zwei Karten ergattert hatte.
Bedingung war, dass wir Mittwoch Nachmittag zusammen die 5 Stunden nach Sevilla fahren (Ave ZĂŒge waren ausgebucht) und nach dem Spiel zurĂŒck.
Letztlich habe ich wie basalti weniger als 24 Stunden in Spanien verbracht. Aber die haben sich gelohnt.
Glasgow war an dem Tag blau, in jeder Hinsicht. Blau aber friedlich. Wir hatten geile PlĂ€tze Mitte HaupttribĂŒne. Von den Problemen mit GetrĂ€nken habe ich nichts mitbekommen. Ich wĂ€re auch gar nicht in der Lage gewesen was zu trinken weil ich vom Moment, wo ich das Stadion betreten habe, im Tunnel war. Ich konnte kaum reden, nicht singen oder klatschen, bin nur einmal kurz raus zum pinkeln und klebte ansonsten auf meinem Platz, bis auf die Momente nach dem Ausgleich.
Ich war nur einmal im Leben so fokussiert, das war beim Staatsexamen.
Das Spiel habe wie oft beim Stadionbesuch erst im Nachgang richtig nachvollziehen können. Ich hatte den Eindruck dass Lundstram Rot verdient hatte und dass Kostic in der 90. auf Kamada hÀtte flanken sollen. Die Chance von Glasgow in der 118. könnte ich heute im Detail nachzeichnen. Da stand die Zeit still. Das war Trapps grösster Moment als Torwart und auch Jakic hat uns den ***** gerettet und den Ball nicht tödlich abgefÀlscht sondern am Tor vorbei gelenkt. Unfassbar diese Szene.

Vor dem Elferschiessen war Zeit bisschen nachzudenken. Wir haben kein Spiel diese Europa League verloren. Wir waren nicht immer souverĂ€n aber wir hatten es definitiv verdient dass scheiss Ding zu holen. Wir haben Barcelona verdient rausgehauen. Wir hatten den Nervenkrieg gegen Betis gewonnen. Wir hatten West ham, die ĂŒber das Los gejubelt hatten, gezeigt wo der Hammer hĂ€ngt. Aber was hat das alles zu sagen im Elferschiessen.

Glasgow kam mir als Team ein bisschen cleverer vor, aber der Torwart ist Ă€lter und vor der Glasgower Kurve war der Druck auf deren Spieler vielleicht doch grĂ¶ĂŸer als auf unsere. Ich hĂ€tte an deren Stelle nicht gejubelt, als der Schiri nach links zeigte. Aber gut, 4x stark verwandelt haben sie. 4x und nicht 5x. Aaron Ramsey hat als einziger von 10 Spielern richtig schwach geschossen und Trapp hat ihn folgerichtig abgewehrt.

Bei jedem einzelnen unserer SchĂŒtzen hatte ich Angst. Lenz: ErgĂ€nzungsspieler, nicht im Flow. Hrustic: guter linker Fuß aber zu leichtfertig. Euro-Daichi, guter Techniker aber der Druck im ersten großen Finale ? Kostic, bei dem jeder Torwart in Europa weiß wo er hinschiesst (und McGregor war schon zwei Schritte nach links gegangen, als Kostic den Ball schoss, aber der war so fest, dass er trotzdem nicht rankam). Und dann Borre, der in Sevilla den schlechtesten Elfer der ganzen Saison geschossen hatte. Jeder einzelne dieser Spieler hat mich lĂŒgen gestraft.

Danach war ich zu erschöpft um groß zu jubeln. Und das ganze Ereignis war zu groß um es direkt zu verstehen. Die Dimension habe ich Donnerstag am Fernseher angefangen zu verstehen, als Frankfurt in Jubel, Rauch und Alkohol unterging. So ganz verstanden habe ich sie heute immer noch nicht; vielleicht bin ich so weit, wenn ich die Champions League Hymne in unserem Stadion höre.

So lange ich lebe und mein GedÀchtnis funktioniert, werde ich diesen Tag nicht vergessen.
#
Danke!


Teilen