Ein Stück Frankfurter Fußballgeschichte oder Opa war ein Hooligan

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Die FAZ berichtet über eine interessante Vortragsreihe in der neuen Stadtbücherei. Sie wird am 15. 11. fortgesetzt.

In Auszügen.

Als der Fußball seine Unschuld verlor
Auftakt der "Beiträge zur Frankfurter Sportgeschichte" belegt Epoche der Gewalt


FRANKFURT.  Wer davon ausgegangen sein sollte, dass früher alles viel idyllischer war, als noch nicht einmal im Entferntesten an die Bundesliga zu denken war, wurde am Donnerstag eines Besseren belehrt. Als Einstieg in die Vortragsreihe "Beiträge zur Frankfurter Sportgeschichte" war das Thema "Fußballkultur und soziale Milieus", um es salopp zu formulieren, ein Gassenhauer. Der Referent, Rudolf Oswald aus Ingolstadt, belegte, wie und wann die Leibesübung Fußball am Untermain ihre Unschuld verloren hat. Zur Einstimmung zitierte der Historiker aus einer amtlichen Bekanntmachung des Süddeutschen Fußballverbandes vom Oktober 1929, wonach der Vorsitzende des VfB Frankfurt-Riederwald "den Schiedsrichter einen elenden Lausbuben" nannte. "Während des Spiels trat der Spieler Denser (Riederwald) den Schiedsrichter mit voller Wucht in den Unterleib. Gleichzeitig schlug der Spieler Fabian (Riederwald) dem Schiedsrichter in das Genick."


Alles andere als ein Einzelfall in jener Epoche, die von Tätlichkeiten und Beleidigungen, Protestwut, Hetze der Vereinsoberen und exzessiver Zuschauergewalt geprägt war. "Als Symbol und Fixpunkt lokaler Gemeinschaft", so Oswald, "galt der eigene Klub als sakrosankt, galten dessen Mitglieder und Spieler als unfehlbar, war der Verein nach außen mit allen - das heißt auch unerlaubten - Mitteln zu vertreten und zu verteidigen."

Gott sei Dank sind wir heute viel objektiver

Erklärbar - nicht entschuldbar in einer Zeit, als der Fußballverein nach den Umschichtungen der Gesellschaft auf Grund von Zuwanderung und Industrialisierung der erste gemeinsame Nenner war, auf den man sich in einer von Männern geprägten neuen Gemeinschaft verständigte. Der Verein war Aushängeschild und Symbol eines Viertels. Es war die Blütezeit der Derbys. Niederrad gegen Bornheim, Gallus gegen Griesheim - Kleinstaaterei inmitten von Frankfurt. Man war qua Geburt oder Zuzug für den Klub, in dem man ansässig war. Heiliger Ernst haftete dem zeitgenössischen Fußball an:  Eigentlich wie heute.
"Jeden Sonntagnachmittag, mit jedem Match - ob auswärts oder zu Hause - stand nicht nur ein Tabellenplatz, nein, es stand die Ehre des gesamten Viertels auf dem Spiel." In Frankfurt wurden die Fans des in Bornheim ansässigen FSV wahlweise als "Mob", "Unterweltler" oder "Proleten" beschimpft. Die Eintracht-Anhänger wiederum wurden als "Kaffeehaus-Banditen" verunglimpft. Anspielungen auf Boheme und bürgerlichen Lebensstil. Die Etikettierung Eintracht = bürgerlich, FSV = kommunistisch, Offenbacher Kickers = proletarisch musste nicht zwangsläufig den Realitäten entsprechen, sie diente halt der Abgrenzung. Vereinsorgane wurden zu Kampfblättern, wenn es darum ging, Öl ins Feuer zu gießen oder nachzukarten.

Jetzt kommts beste.

In der Nachlese zum Derby zwischen der Eintracht und dem FSV im Oktober 1931 heißt es: "Alles wäre in bester Ordnung gewesen, wenn nicht nach Schluss viehischer Mob, Hefe des Volkes in den Platz eingedrungen wäre und die Spieler Schütz, Kron und Ehmer in kaum glaublicher Weise misshandelt hätte. Gott sei Dank ist dieser Mob nicht durchgängig vorhanden. Er existiert nur in Städten und Stadtteilen, die mit B anfangen: Berlin und Bornheim." Noch im gleichen Sommer folgte eine Abrechnung mit den im Gallusviertel beheimateten "Sportfreunden": "Liebliche Rohlinge wachsen da in Kamerun. Dies Stadtviertel verdient seinen Namen zu Recht. Aschanti-Neger sind englische Lords gegen diese Menschen." Die Vereinsführungen, fast immer Personen aus dem bürgerlichen Lager, unternahmen nichts, um zu deeskalieren, im Gegenteil. Gegen "dreckige Gefühle" der Konkurrenz, so ließen sie schreiben, helfe nur eins: "Gewalt!"

Mit der politischen Gleichschaltung im Jahre 1933 ging die Zahl der erstklassigen Klubs von 1000 auf 160 zurück. Der "Gegner" hatte jetzt "Volksgenosse" zu sein, nicht zuletzt auf Kosten der Bürger jüdischen Glaubens. Die Zahl der Derbys ging zurück, viele Partien verloren ihre Brisanz. Was blieb, war die Klage über die "Plebejisierung" des Fußballs, an der "Dorfvereine" schuld seien. Ein Frankfurter Sportjournalist schrieb mit Blick auf das Publikum gar von der "Bestie hinter den Barrieren".

. Manche im Publikum hätten vermutlich gern noch mehr über die Rivalität von Frankfurt und Offenbach gehört, aber Erbauliches wäre dabei garantiert nicht herausgekommen. Oswalds Kernthema war halt das Frankfurter Revier.

  HANS-JOACHIM LEYENBERG
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Wer Interesse am Besuch des ein oder anderen (interessanten) Vortrags hat, der findet unter

http://www.geschichte-frankfurt.de/veranstaltungen/vortraege.html

Termine und Programm. Kostet nix & man sieht die ein oder andere bekannte Nase.

fnf
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"Aschanti-Neger sind englische Lords gegen diese Menschen."  

Heinz, Danke für den Beitrag. Frank, Danke für den Link.
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VerehrterMiep , auch Sie sind nur ein Kaffeehaus- Bandit.

Ein Titel mit dem ich übrigens sehr gut leben kann.
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Einen gediegenen Kaffeehausbesuch lasse ich mir nur zu selten angedeihen. Ich ziehe konspirative Treffs im Wald vor. "Strauchdieb" lautet, glaube ich, die Bezeichnung für meinesgleichen.  


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