Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
"Herr, es ist Zeit" - mit diesen Worten beginnt Rilke sein unsterbliches Herbstgedicht. Kaum bekannt ist, dass diese Worte überhaupt nichts mit dem Gedicht zu tun haben und ursprünglich auch gar nicht in ihm vorkommen sollten. Diese Worte hat vielmehr Rilkes Diener dem Dichter zugerufen, weil sein Herr zu spät zum Saufen mit Rodin war. Rilke in seiner Zerstreutheit, weil Rodin, der beim Saufen keinen Spaß verstand ("Il faut travailler, rien que travailler, et il faut avoir patience.") ihm wieder Vorwürfe machen würde, schrieb diese Worte einfach an den Anfang des fertigen Gedichts und gab das Manuskript ungeprüft in Druck. “Der Sommer war sehr groß” – groß ist natürlich Unfug. Der Sommer war bestenfalls lang. Aber “und auf den Fluren lass die Winde anfang’` ” wär halt doch ein arg blöder Reim gewesen. “Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren” – offenbar hofft Rilke, mit diesem kleinen Trick Rodin doch noch darüber zu täuschen, dass er zu spät zum Saufen kommt.
Folgerichtig und konsequent handelt die zweite Strophe nur vom Saufen.
Die dritte Strophe, wie weltberühmte, ist natürlich die gequirlte Kacke pur. Fertighaus, Ü-30-Party, Ram-Bam-thankyou-Mam, so wird das gemacht, Herr Rilke. Dann muss man nämlich nicht auf der Allee treiben, wie die Blätter, sondern kann es zu Hause. “Schatz, bring mir ein Bier mit” – das hat mehr Nutzwert als jeder noch so lange Brief. Aber lesen könnte man wirklich mal wieder.
stefank schrieb: Heute: Rainer Maria Rilke, Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
"Herr, es ist Zeit" - mit diesen Worten beginnt Rilke sein unsterbliches Herbstgedicht. Kaum bekannt ist, dass diese Worte überhaupt nichts mit dem Gedicht zu tun haben und ursprünglich auch gar nicht in ihm vorkommen sollten. Diese Worte hat vielmehr Rilkes Diener dem Dichter zugerufen, weil sein Herr zu spät zum Saufen mit Rodin war. Rilke in seiner Zerstreutheit, weil Rodin, der beim Saufen keinen Spaß verstand ("Il faut travailler, rien que travailler, et il faut avoir patience.") ihm wieder Vorwürfe machen würde, schrieb diese Worte einfach an den Anfang des fertigen Gedichts und gab das Manuskript ungeprüft in Druck. “Der Sommer war sehr groß” – groß ist natürlich Unfug. Der Sommer war bestenfalls lang. Aber “und auf den Fluren lass die Winde anfang’` ” wär halt doch ein arg blöder Reim gewesen. “Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren” – offenbar hofft Rilke, mit diesem kleinen Trick Rodin doch noch darüber zu täuschen, dass er zu spät zum Saufen kommt.
Folgerichtig und konsequent handelt die zweite Strophe nur vom Saufen.
Die dritte Strophe, wie weltberühmte, ist natürlich die gequirlte Kacke pur. Fertighaus, Ü-30-Party, Ram-Bam-thankyou-Mam, so wird das gemacht, Herr Rilke. Dann muss man nämlich nicht auf der Allee treiben, wie die Blätter, sondern kann es zu Hause. “Schatz, bring mir ein Bier mit” – das hat mehr Nutzwert als jeder noch so lange Brief. Aber lesen könnte man wirklich mal wieder.
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.
Ich kann mich der einfühlsamen Deutung des Kollegen S. nur anschließen, v.a. was die ersten vier Worte anbelangt. Hier ist gleich zu Beginn des Gedichts jemand schon ziemlich angefressen. Es reicht so langsam, aber wirklich. Vielleicht ist es ja der Ärger über den offensichtlichen Druckfehler, mit dem es weitergeht. Des Dichters persönlicher Setzer hatte mit diesem in der Werkstatt, ja natürlich, gesoffen und „Der Sommer“ statt, wie es korrekt heißen sollte: „Der Hummer war sehr groß“ gesetzt. Das sollte aber unseren Poeten nicht an einem sich unmittelbar anschließenden kurzen Höhenflug hindern: „Den Schatten auf die Sonnenuhren legen“ ist eine hübsche Einflechtung von Rotwelsch und heißt nix anderes als „die Flatter machen“ – mit anderen Worten: die Geduld der zu Beginn schon ziemlich genervten Person – handelt es sich am Ende um ein Zwiegespräch mit sich selbst? - ist ein für allemal zuende, und wie es mit der Verdauung eines sonst nur Sitzarbeit gewöhnten Dichters bestellt ist, der sich nach Verzehr eines fetten Schalentieres eilends durch lange Flure davonmacht – ist der Ort des Geschehens ein großes Hotel?, eine kleinere Anwaltskanzlei? - , ist unschwer vorstellbar, wenngleich nicht sehr appetitlich. Aber Dichtung soll ja auch nicht schön sein, sondern belehren. Lesen wir also weiter:
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Fühlen wir uns belehrt? In gewisser, ernüchternder Weise schon. Die Wortfeldanalyse enthüllt Bedenkliches: Früchtchen, gib’s ihnen, dränge sie, jage; zu allem Überfluss (!) ist wiederum Alkohol im Spiel. Der Dichter, Befehlsempfänger wie auch Befehlender („Isch hab nur gemacht, was mer mir gesacht hat“) rückt in schummriges Rotlicht – finanziert er etwa seine sexuellen und sprachlichen Exzesse durch Zuhälterei? Drogendeals? Allmählich überrascht einen hier ja garnichts mehr. Erst recht nicht die abschließende, die sog. Wüstenrot-Strophe:
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Was bleibt vom wilden Treiben dichterischer Jugend? Wie im Zeitraffer: die Sorge um den Bausparvertrag; die Erwägung, eine Kontaktanzeige aufzugeben. Aber ist da nicht noch diese vielversprechende Trias von „wachen“, „lesen“, „Briefe schreiben“? Ach, es steht zu befürchten: sorgenzerfressene Schlaflosigkeit; das immer und immer wieder verzweifelte Überfliegen unbezahlter Rechnungen; Anschreiben an Gläubiger und Banken. Schufa droht. Aus den Fluren (immerhin noch Innenräume) sind Alleen geworden: der Mann ist inzwischen obdachlos. Hätt er halt bessere Gedichte geschrieben.
Wenn ich's ja nicht besser wüsste, dächte ich, Ihr wolltet mit diesem Thread Weiber aufreißen.
Und Du willst mit Deinen vielen Smileys Spiderwoman beeindrucken, oder was? Das muss noch besser werden! Es blinkt zu wenig, und ein bisschen neidisches Giftgrün wäre auch O.K. gewesen.
Wenn ich's ja nicht besser wüsste, dächte ich, Ihr wolltet mit diesem Thread Weiber aufreißen.
Und Du willst mit Deinen vielen Smileys Spiderwoman beeindrucken, oder was? Das muss noch besser werden! Es blinkt zu wenig, und ein bisschen neidisches Giftgrün wäre auch O.K. gewesen.
schlusskonferenz schrieb: Wenn ich's ja nicht besser wüsste, dächte ich, Ihr wolltet mit diesem Thread Weiber aufreißen.
erschütternd, ich bin fassungslos! dächte !
Ja, "denkte" oder "würd ich denken tun" wäre viel hübscher.
Ah, Quatsch! "Denke" muss es heißen! Stell Dir bloß folgende Zeile aus meinem Lieblingssong vor: "Wenn Du denkst, Du dächtet, dann denkst Du nur Du dächtest."
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
"Herr, es ist Zeit" - mit diesen Worten beginnt Rilke sein unsterbliches Herbstgedicht. Kaum bekannt ist, dass diese Worte überhaupt nichts mit dem Gedicht zu tun haben und ursprünglich auch gar nicht in ihm vorkommen sollten. Diese Worte hat vielmehr Rilkes Diener dem Dichter zugerufen, weil sein Herr zu spät zum Saufen mit Rodin war. Rilke in seiner Zerstreutheit, weil Rodin, der beim Saufen keinen Spaß verstand ("Il faut travailler, rien que travailler, et il faut avoir patience.") ihm wieder Vorwürfe machen würde, schrieb diese Worte einfach an den Anfang des fertigen Gedichts und gab das Manuskript ungeprüft in Druck. “Der Sommer war sehr groß” – groß ist natürlich Unfug. Der Sommer war bestenfalls lang. Aber “und auf den Fluren lass die Winde anfang’` ” wär halt doch ein arg blöder Reim gewesen. “Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren” – offenbar hofft Rilke, mit diesem kleinen Trick Rodin doch noch darüber zu täuschen, dass er zu spät zum Saufen kommt.
Folgerichtig und konsequent handelt die zweite Strophe nur vom Saufen.
Die dritte Strophe, wie weltberühmte, ist natürlich die gequirlte Kacke pur. Fertighaus, Ü-30-Party, Ram-Bam-thankyou-Mam, so wird das gemacht, Herr Rilke. Dann muss man nämlich nicht auf der Allee treiben, wie die Blätter, sondern kann es zu Hause. “Schatz, bring mir ein Bier mit” – das hat mehr Nutzwert als jeder noch so lange Brief. Aber lesen könnte man wirklich mal wieder.
Tust du dies nicht jeden Tag???
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Ich kann mich der einfühlsamen Deutung des Kollegen S. nur anschließen, v.a. was die ersten vier Worte anbelangt. Hier ist gleich zu Beginn des Gedichts jemand schon ziemlich angefressen. Es reicht so langsam, aber wirklich. Vielleicht ist es ja der Ärger über den offensichtlichen Druckfehler, mit dem es weitergeht. Des Dichters persönlicher Setzer hatte mit diesem in der Werkstatt, ja natürlich, gesoffen und „Der Sommer“ statt, wie es korrekt heißen sollte: „Der Hummer war sehr groß“ gesetzt. Das sollte aber unseren Poeten nicht an einem sich unmittelbar anschließenden kurzen Höhenflug hindern: „Den Schatten auf die Sonnenuhren legen“ ist eine hübsche Einflechtung von Rotwelsch und heißt nix anderes als „die Flatter machen“ – mit anderen Worten: die Geduld der zu Beginn schon ziemlich genervten Person – handelt es sich am Ende um ein Zwiegespräch mit sich selbst? - ist ein für allemal zuende, und wie es mit der Verdauung eines sonst nur Sitzarbeit gewöhnten Dichters bestellt ist, der sich nach Verzehr eines fetten Schalentieres eilends durch lange Flure davonmacht – ist der Ort des Geschehens ein großes Hotel?, eine kleinere Anwaltskanzlei? - , ist unschwer vorstellbar, wenngleich nicht sehr appetitlich. Aber Dichtung soll ja auch nicht schön sein, sondern belehren. Lesen wir also weiter:
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Fühlen wir uns belehrt? In gewisser, ernüchternder Weise schon. Die Wortfeldanalyse enthüllt Bedenkliches: Früchtchen, gib’s ihnen, dränge sie, jage; zu allem Überfluss (!) ist wiederum Alkohol im Spiel. Der Dichter, Befehlsempfänger wie auch Befehlender („Isch hab nur gemacht, was mer mir gesacht hat“) rückt in schummriges Rotlicht – finanziert er etwa seine sexuellen und sprachlichen Exzesse durch Zuhälterei? Drogendeals? Allmählich überrascht einen hier ja garnichts mehr. Erst recht nicht die abschließende, die sog. Wüstenrot-Strophe:
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Was bleibt vom wilden Treiben dichterischer Jugend? Wie im Zeitraffer: die Sorge um den Bausparvertrag; die Erwägung, eine Kontaktanzeige aufzugeben. Aber ist da nicht noch diese vielversprechende Trias von „wachen“, „lesen“, „Briefe schreiben“? Ach, es steht zu befürchten: sorgenzerfressene Schlaflosigkeit; das immer und immer wieder verzweifelte Überfliegen unbezahlter Rechnungen; Anschreiben an Gläubiger und Banken. Schufa droht. Aus den Fluren (immerhin noch Innenräume) sind Alleen geworden: der Mann ist inzwischen obdachlos. Hätt er halt bessere Gedichte geschrieben.
Wenn ich's ja nicht besser wüsste, dächte ich, Ihr wolltet mit diesem Thread Weiber aufreißen.
Und Du willst mit Deinen vielen Smileys Spiderwoman beeindrucken, oder was? Das muss noch besser werden! Es blinkt zu wenig, und ein bisschen neidisches Giftgrün wäre auch O.K. gewesen.
Also ich finde, zum Blindwerden reicht es
Ersetze "aufreißen" durch "amüsieren", dann hast du bei mir im Singularis recht.
erschütternd, ich bin fassungslos!
dächte !
Ja, "denkte" oder "würd ich denken tun" wäre viel hübscher.
Ah, Quatsch! "Denke" muss es heißen! Stell Dir bloß folgende Zeile aus meinem Lieblingssong vor:
"Wenn Du denkst, Du dächtet, dann denkst Du nur Du dächtest."
Bullshit!