Fanhistorie VII - "Ich bleibe bei der Eintracht" oder "aus 50 Metern ins Herz"

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"Ich bleibe bei der Eintracht!" so tönte es vom Balkon des Frankfurter Römers bei der Feier des Pokalsiegs 1988. Kurz vor Beginn der Bundesliga verließ Lajos Detari die Eintracht in Richtung Griechenland. Dies war der Beginn einer Katastrophen-Saison. Nur aufgrund des besseren Torverhältnisses gegenüber den Stuttgarter Kickers retteten sich die Frankfurter in die Relegation. Saarbrücken und ein gewisser Anthony Yeboah hätten uns beinahe in die Zweite Liga geschossen. Die Bayern waren wieder souvären Meister geworden.

Gegen eben diesen FC Bayern ging es wieder - in der ersten Runde des DFB Pokals. Lange hatte ich gebettelt, meine Eltern bekniet doch mit mir ins Stadion zu gehen. Ich wurde abgewiegelt mit "Das ist nix für Dich" und "Da siehst du doch nichts vom Spiel" oder "Schau's dir doch in der Sportschau an". Zum Glück gab es da noch einen Nachbarn, der sich erbarmte und mich mit ins Stadion nahm. Es war August'89. Wir fuhren mit dem Auto nach Niederrad und parkten irgendwo in der Reichsforststraße. Damals konnte man noch unbehelligt dort parken, ohne am Ordnungsamt vorbei zu müssen. Das Wetter war prächtig. Schnell die Straße hinunter, über die Flughafenstraße hinweg auf den Waldweg. Oh mann, ich war gespannt wie ein Flitzebogen - was mich wohl erwarten würde?

Überall waren Menschen und Autos. Als wir den alten Schleichweg entlang der Straßenbahnschienen gingen, spukte eine Tram nach der anderen Massen von Fans aus. Als wir uns dann durch die Unterführung geschoben hatten, lag er vor uns - der Eingang zum Waldstadion. Eigentlich war es alles andere als spektakulär - sah man doch noch gar nichts vom Stadion. "Noch zweimal Haupttribüne, super Plätze" schallte es mir ins Ohr. Schwarzmarktverkäufer versuchten, ihre Tickets los zu werden. Aber wir hatten schon unsere Karten. Also nichts wie zur Einlasskontrolle. Ecke abreißen lassen und rein. Schon jetzt bereute ich, dass ich weder Trikot, Schal oder Fahne bei mir hatte. Ich hatte die Eintracht noch gar nicht gesehen und wollte schon dazu gehören. Irgendwann kam dann die Haupttribüne in Sichtweite. Links und rechts ragten die großen Flutlichtmasten in den Himmel - ein Relikt aus den frühen 70er Jahren.

Wow - hier spielt die Eintracht also, dachte ich. Bislang kannte ich sie ja nur vom Fernsehen. Wir überquerten die Festwiese vorm Stadion und liefen an Block A vorbei. Gästeblock - Bayernblock. Schon damals war mir dieses blau-weiß-rot zutiefst zuwider. Hatte doch der Adler in seiner kompromisslosen Farbgebung schwarz und weiß etwas Erhabenes. Dieses schwarz-weiße Schema findet man übrigens sehr oft bei der Eintracht. Von den Schlappekickern bis Fußball 2000, von Abstieg bis UEFA Cup. Entweder man ist dafür oder dagegen. Halbe Sachen werden hier nicht gemacht. Damals war es mir noch nicht bewusst.

60.000 Menschen also strömten ins Waldstadion und ich war überwältigt. Diese Atmosphäre, die Spannung - und diese verdammte Hitze. Vor dem Getränkekiosk hinter Block C - lange Schlangen voller durstiger Kehlen. Jetzt zahlte sich aus, dass ich keinen Schal dabei hatte. Wir standen irgendwo auf dem Weg zwischen Block E und F und es ging nichts mehr vor und nichts mehr zurück. Es wurde geschoben und gedrückt. Gegenüber von uns lag die große Videowand - erbaut zur EM'88 - Werbung lief: "im Wald da spielt die Eintracht, heidi, heida die Eintracht und der FVV fährt hin, ja hin und das ist im Preis mit drin". Merkwürdig, wie einem solche Werbekunststücke im Gedächtnis bleiben.

Die Mannschafen kamen und ich konnte nur erahnen wer da auf den Platz lief: Stein, Körbel, Binz, Gründel und wie sie alle hießen. Nur einer nicht - Detari, der Ar***. Anpfiff. Inwieweit die Mannschaften gut oder schlecht waren kann ich nicht mehr sagen. Meine Mutter hatte recht : ich hab nicht viel vom Spiel gesehen. Mir blieb jedoch eines in Erinnerung - das Tor des Tages zum 0-1 Endstand durch Klaus Augenthaler. Eine Bogenlampe aus 50 Metern über Uli Stein hinweg - Die hatte ich sehr deutlich gesehen. Und die Bayern in Block A auch. Das Tor sollte später zum Tor des Jahrzehnts gekürt werden. Die Eintracht erholte sich von dem Schock nicht mehr - das Spiel ging verloren. Dennoch hatte mich diese Atmosphäre gepackt. Für mich gab's nur einen Entschluss: "Ich bleibe bei der Eintracht!"
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Danke fürn Bericht!
Eins noch: Mit diesem Auge-Jahrzehnt-Tor ging die ruhmreiche Eintrachttradition des Bayern-Angstgegners zu Ende. War zwar nur im Pokal, aber in derselben Saison wurde dann auch das erste Buli-Heimspiel seit (ich glaub mich zu erinnern) 14 (!) Jahren verloren
Jaja, lang ists her    
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Ich war damals mit meiner Claudia im Stadion.
Wr standen, ich glaube im Block H und sahen das Unglück auf uns zukommen.
Ich habe selten einen Ball erlebt, der so unendlich lang in der Luft unterwegs war.
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schöner bericht shmiddy! danke dafür  
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schön geschrieben, schön zu lesen!

ich war damals auf dem sportplatz, ein großes sportfest mit übernachtung stand an, ich war in der e-jugend.
es gab radios und irgendwann kam einer an und schrie: "der augenthaler hat aus 50 metern getroffen". ich konnte das gar nicht glauben. ich war doch selbst torwart und uli stein mein idol! wie konnte ausgerechnet ihm sowas passieren?
habe dann vor dem radio gehangen und immer auf den ruf "tor in frankfurt" gewartet. Nischt.

ein paar jahre später hat der schuster dem köpke auch noch so ein ding eingeschenkt, in leverkusen.

gruß von
henk
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Bei besagtem Spiel hatte Markus Merk einen seiner ersten Auftritte als Schiri in Frankfurt. Seine Leistung war ziemlich unterirdisch, die Eintracht verlor unverdient.
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Merk hatte uns beim 1:2 gegen die Bayern ein paar Wochen später verpfiffen. U.a. ein Eintracht-Tor nicht gegeben, weil er es nicht als passives Abseits wertete. War für mich damals Hass-Schiri Nr. 1, bis er 1992 abgelöst wurde. Mittlerweile bin ich ganz froh wenn er uns pfeift (u.a. HF gegen Bielefeld). Derzeit haben eher die HSV-Fans mit ihm ein Problem...  
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Schwabe schrieb:
Danke fürn Bericht!
Eins noch: Mit diesem Auge-Jahrzehnt-Tor ging die ruhmreiche Eintrachttradition des Bayern-Angstgegners zu Ende. War zwar nur im Pokal, aber in derselben Saison wurde dann auch das erste Buli-Heimspiel seit (ich glaub mich zu erinnern) 14 (!) Jahren verloren
Jaja, lang ists her    



18 Jahre und 363 Tage waren es gewesen die die Eintracht kein BuLi Heimspiel gg Bayern verloren hatte.
Naja , dass wir kein Angstgegner mehr sind kann ich als Adler im Münchner Exil leidvoll bestätigen , wobei , ich sag nur 18.11.2000.  
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Ei ei - soviel Fakten, die ich noch gar nicht kannte. Prima, das es hier Experten gibt  
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Shmiddy, wenn wir schon dabei sind...  

Henk schrieb:
ein paar jahre später hat der schuster dem köpke auch noch so ein ding eingeschenkt, in leverkusen.


Besonders toll war, dass sich Schuster den Ball zuvor mit der Hand vorlegte! Jeder hatte das im Stadion gesehen, nur der blinde Schiri nicht! Was machte die TV-Mafia? Die schnitten das Handspiel raus und feierten nur noch das Tor, was dann auch noch zum Tor des Jahres gewählt wurde. Ein eigentlich irreguläres Tor wurde "Tor des Jahres". So was kann nur gegen uns passieren...  
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Danke shmiddy, für den coolen Bericht  
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Erinnere ich mich nicht, dass Rudi Bommer mal einen von der Mittellinie gegen die Bayern (Aumann) reingemacht hat.

Muss kurz vor der Halbzeit gewesen sein. Endstand meines Wissens  1:1

Wann war das denn ??? muss  Anfang der 90er gewesen sein
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Das Tor von Markus Lösch (damals Eintracht Trier) gegen Nikolov wäre ein weiteres Eintracht-Gegentor von der Mittellinie (bzw. aus der eigenen Hälfte)...allerdings war das kein wirklicher Lupfer, sondern na ja dafür gibt's wohl keine passende Beschreibung.
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Danke für den Bericht, da werden Erinnerungen wach. Bei der Bogenlampe war ich auch im Stadion.

Bei mir war es in etwa das gleiche wie bei dir, nur ein Jahr früher.

Meine Eltern wollten ebenfalls nicht mit mir ins Stadion gehen, wie es der Zufall wollte nahm mich dann der Vater eines Klassenkameraden mit.

Ab dann war ich jedesmal im Stadion, und zwar alleine, oder mit Kumpels. Zuvor habe ich die Eintracht nur im Radio und in der Sportschau verfolgt. Ihnen aber da schon immer die Daumen gedrückt.

Und wie es noch ein Zufall wollte war mein erstes Spiel ebenfalls gegen die Bayern. Bin damals dann gleich im G-Block gelandet        !!

Von dem Spiel habe ich ebenfalls nicht mehr viel in Erinnerung, aber die Atmo im Stadion, der Support im G-BLock und das ganze andere drunherum haben mich schwer beeindruckt.

Mitlerweile sind viele Spiele vergangen. Man hat viele hochs und tiefs miterlebt.

Was aber geblieben ist, oder vielmehr über die Jahre immer schlimmer wird, ist das Gribbeln in mir, und zwar jedesmal wenn es ab Richtung Stadion geht!!


Noch ein Nachtrag zu der Saison:

Die Relegation gegen Saarbrücken ist mir noch bestens in Erinnerung, vor allem aber die Tränengasbombe die wir in Saarbrücken von den Grünen in den Block geworfen bekommen haben. Eigentlich hätten uns Freudentränen die Wangen herunterlaufen müssen. Bei wem das nicht klappte, wurde halt etwas von seiten der Polizei nachgeholfen   .

Das es Überhaupt zur Relegation gegen Saarbrücken langte, haben wir Körbel zu Verdanken.

Der hat uns in Hannover ( letztes Auswärtspiel der Saison ) kurz vor Schluss gerettet. Wenn er nicht zum 1:1 (war es glaube ich ) ausgeglichen hätte, dann wären wir Abgestiegen. War eines der wenigen Körbel Tore, aber extrem wichtig!! Hannover war mein erstes Auswärtsspiel. Damals waren wohl ca: 14.000 Zuschauer da, davon 6000 aus Frankfurt!!!
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Gragy-Wagy schrieb:
Das Tor von Markus Lösch (damals Eintracht Trier) gegen Nikolov wäre ein weiteres Eintracht-Gegentor von der Mittellinie (bzw. aus der eigenen Hälfte)...allerdings war das kein wirklicher Lupfer, sondern na ja dafür gibt's wohl keine passende Beschreibung.

sehr treffend beschrieben        und den Aufstieg hätte es uns auch noch fast versaut, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.
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Kurvenfan schrieb:

Der hat uns in Hannover ( letztes Auswärtspiel der Saison ) kurz vor Schluss gerettet. Wenn er nicht zum 1:1 (war es glaube ich ) ausgeglichen hätte, dann wären wir Abgestiegen. War eines der wenigen Körbel Tore, aber extrem wichtig!! Hannover war mein erstes Auswärtsspiel. Damals waren wohl ca: 14.000 Zuschauer da, davon 6000 aus Frankfurt!!!


Ein Blick in die Glaskugel verriet mir:

Samstag, 17.06.1989
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Hannover 96 - Eintracht Frankfurt 1:1 (1:0)

Tore:
1:0 Siegfried Reich (26. Min)
1:1 Karl-Heinz Körbel (66. Min)

Gelbe Karten:
Zanter, Gründel

Auswechselungen:
Hannover 96: Schatzschneider für Kohn (65.Min), Palasz für Dierßen (88.Min)
Eintr.Frankfurt: Schlindwein für Klepper (68.Min), Balzis für Andersen (77.Min)

Besonderheiten:
Beide Seiten kamen je einen Elfmeter zugesprochen. Beide wurden nicht verwandelt.

Zuschauer: 12.000
Schiedsrichter: Klaus Broska
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Wobei ich mir mit den Elfern nicht sicher bin, da müsst ich die Glaskugel nochmal reinigen  
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Danke für den tollen Bericht und das du bei der Eintracht geblieben bist.


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