Fanhistorie XXVIII

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Vor ein paar Tagen war schon mal kurz die Rede von der Saison 77 / 78.
Ich greife das einmal auf...



Wenn ich die alte Zigarrenkiste heraushole, in der ich meine ersten Eintrachttickets aufbewahre, wird mir bewusst, wie groß damals die Abstände zwischen den Spielen waren, die ich besuchen konnte. Als Kind ist man eben darauf angewiesen, " mitgenommen zu werden " und da mein Vater sich nicht für Fußball interessierte, kam bei mir nur ein Onkel in Betracht, der aber leider etwas weiter entfernt wohnte und entsprechend selten zur Verfügung stand. Mir blieb also meist nur das Radio am Samstagnachmittag und solche Stimmen wie die von Heinz Eil, Erwin Dittberner oder Joachim Böttcher haben sich tief eingeprägt.
Oft, wenn ich selbst in meinen Jugendmannschaften auf dem Platz stand, war es noch kärglicher, da gab es nur kurze Informationen von den Kumpels am Spielfeldrand ( " 1: 0, Freistoss Dr. Hammer " oder " 0 : 0, Funkturm und Trinklein hauen alles weg " ) , Zwischenergebnisse in der Pause und Endergebnisse vor dem Duschen in der Kabine.
Abends dann Wolfgang Avenarius, Holger Obermann oder ...
( die Feder sträubt sich ) Wolfhard Kuhlins im Fernsehen.
Ein paar Jahre später, als Jugendlicher, gab es dann gelegentlich für mich noch die Option, bei den Jungs von unserer ersten Mannschaft im Wagen unterzukommen und mit ins Waldstadion fahren zu können.
Insgesamt aber waren es dennoch Ausnahmegelegenheiten.
Um so größer die Freude, als im November 1977 für mich einmal beide Varianten zogen und ich mittwochs mit der " Ersten " und samstags mit meinem Onkel fahren konnte; Gegner kurioserweise beides Mal der FC Bayern.    
Die erste Begegnung war das Heimspiel im Achtelfinale des UEFA - Cups, die zweite Begegnung das reguläre Bundesligaspiel am 16. Spieltag.
Künstliche Spannung brauche ich an dieser Stelle wohl nicht aufzubauen, die Partien waren in meiner Erinnerung auch nur in den ersten Minuten spannend, die Eintracht war letzten Endes beide Male dominant und siegte zweimal überlegen 4 : 0.
Die Eintracht hatte damals eine gefestigte Mannschaft, die Bayern waren mitten im Umbruch und legten - meine ich mich zu erinnern - ihre schlechteste Bundesligasaison hin.
Völlig kurios dann die weiteren Wochen, in denen mitten in der Saison erst die Bayern den Eintrachttrainer Gyula Lorant und dann die Eintracht den Bayerntrainer Dettmar Cramer, den " Fußballprofessor ", verpflichteten.
Bei dem Achtelfinalrückspiel war der Lorant schon weg und Grabi war als Interimscoach angegeben. Die Eintracht siegte aber auch diesmal - zum dritten Mal in zwei Wochen.

Die beiden, zeitlich so nah beieinanderliegenden Heimspiele, sind bei mir aber aus ganz anderen Grund wirklich haften geblieben:

Es waren so ganz unterschiedliche Rückwege zum Parkplatz nach dem Spiel.
Zugegeben, ein etwas ungewöhnlicher Aspekt, aber Erinnerungen kann man eben nicht steuern.

Am Mittwoch gab es in Siegesstimmung einen trotzdem etwas unheimlichen und ewig langen Gang zurück durch den dunklen Stadtwald bis zur Isenburger Schneise. Der Weg war in der tiefen Novembernacht nur schlecht beleuchtet, die Richtung zurück zum Auto war mir unklar, so dass ich dringend darauf angewiesen war, die Gruppe nicht zu verlieren; also stolperte ich über Baumwurzeln, übersprang Matschpfützen und spürte den weichen Waldboden beim Überholen von langsameren Fußgängern.
Als die Brücke über die Bahnlinie erreicht und dann das Auto glücklich wiedergefunden war, war der Sieg erst richtig perfekt.
 
Drei Tage später ein heller Samstagnachmittag, keine Furcht die Familie zu verlieren, aber dennoch ein unangenehmes Erlebnis :
Am letzten Devotionalienstand erwarb ich nach dem Spiel von meinem Taschengeld einen schwarz - weißen Eintrachtschal, den ich aber eingepackt unter dem Arm zum Auto - diesmal auf dem Waldparkplatz - tragen wollte. Nach entsprechendem Drängen meines Onkels aber gab ich schließlich nach, packte  den Schal aus und legte ihn mir auf der Brücke um.
Auf dem Waldparkplatz angekommen, besaß ich meine Neuerwerbung noch ca. 20 Meter, dann packte mich jemand völlig unvermutet, stieß mich in eine Gruppe ca. 20 kuttentragender Bayernfans, ein Schlag, ein Tritt, der Schal war weg und die Burschen gaben Fersengeld.  
Verletzt habe ich mich glücklicherweise nicht, geschockt war ich auch nicht, dass war mir wohl alles zu schnell gegangen. Geschockt war eher mein Onkel, weil er offenbar der Meinung war, zu schlecht auf mich aufgepasst zu haben.
Wehgetan hat mir nur der Verlust meines Taschengeldes.
Dafür aber wurde ich entschädigt; drei Wochen später gab es für mich
Eintracht - S 04 mit Sitzplatz auf der Gegentribüne.
Und einen neuen Schal.
Schon vor dem Spiel.
So gesehen, doch ganz gut gelaufen.
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Schöne Geschichte.

"Die Stimmen von Heinz Eil, Erwin Dittberner oder Joachim Böttcher haben sich tief eingeprägt."
Ich habe diese Knaben auch noch im Ohr. Es gab dann auch noch Jürgen-Dieter Rehahn meines Erachtens auch ein Klasse Mann. Kino für die Ohren.

Zu Wolfhard Kuhlins noch eine kleine Anmerkung. Ich arbeitete damals als Kabelhelfer beim HR und half bei der Produktion des Sportkalenders. Kuhlins war im Studio ein kleiner Diktator der ständig rumbrüllte.Aufgrund seiner Körpergröße mußte ihm immer ein Sitzkissen untergelegt werden damit er über den Schreibtisch schauen konnte. Nach der Sendung rief dieser Gnom immer seine Mama in Nordhessen an  um zu fragen "wie er war". Natürlich immer fantastisch .
Sein legendäres " Tschüßchen" bei der Abmoderation hat Generationen von Fernsehzuschauern an den Rand des Wahnsinns getrieben.
Während die Radioredaktion wirklich spitze war sind beim HR Fernsehen wirklich die größten Brennsuppenschwimmer nach oben gekommen.
Obermann und Avenarius nehme ich hiervon aus.
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Obermann war auch ne üble Pfeife.

Bei Kommentar eines Spiels hat er es fertiggebracht, minutenlang (!) kein Wort zum Spiel zuverlieren, sondern ließ sich unermüdlich über die damaligen Finanzprobleme des Vereins aus und spekulierte über Spieler, die man würde abgeben müssen.

Ätzend. Ich habs hier irgendwo auf VHS. Um es mit Heinz Becker zu sagen: "Geh' fodd!"
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Man nehme diesen Artikel, drucke Ihn aus und gebe Ihn einem unbeteiligtem "Irgendwem" von nebenan zum lesen - nichts passiert.

Man gebe diesen Artikel einem von uns allen und man sieht die rotschwarzen Männchen über den Platz tanzen, riecht die Bratwurstdüfte, geht diese verfluchten Pfützenwurzelpässe zur Isenburger Schneise, sieht den G-Block, die Fahnenmeere und haufenweise Frankfurter Batschkäppies, erlebt ein Backflash der steten Hochgefühle nach unseren vielen Siegen über unseren einstigen Lieblingsgegner, man erliegt dem Schwelgen in Erinnerungen und es erweckt jedesmal von neuem, vergessen geglaubte Erinnerungen in einem selbst.

Wenige Worte, grosse Wirkung - klasse Bericht  
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Gude,

......dem schliesse ich mich uneingeschränkt an.

Ich weiß nur nicht warum ich plötzlich das Gesicht von Heribert "Nabendallerseits" Fassbender am Horizont grinsen sehe.

In diesem Sinne...
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Hallo Heinz Gründel,

im Namen meines Papas Jürgen Dieter Rehahn bedanke ich mich ganz ganz herzlich bei Dir für die lieben Worte über ihn! Leider ist er ganz plötzlich im vergangenen Jahr verstorben und hat morgen Geburtstag - deshalb erst recht berührend, dass ich Deine Worte ausgerechnet heute lese - vielen Dank unbekannterweise ! Lg Nicole Rehahn
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Das ist ja süß. Ich denke morgen an Deinen Vater.
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"Gesammelte Fußballhörspiele" von Ror Wolf; erschienen seinerzeit bei Intermedium Records. Es sind 4 Cd´s, antiquarisch eventuell noch erhältlich. Dort hört man noch diese ausdrucksvollen Stimmen. Ich glaube, auch die von dem wunderbaren Jürgen-Dieter Rehahn, der noch die Kraft hatte, Worte zu Bildern werden zu lassen und dem man die Liebe zum Sport glauben konnte. Schön, dass hier noch einmal erinnert wurde.
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Ein sehr schöner Bericht. Vielen Dank. Ja, wenn man nicht so sorglos wäre und die schönen Reportagen von damals noch hätte...

Ich bekam mit zehn oder elf Jahren einen Kassettenrekorder geschenkt, auf dem ich Samstagnachmittag immer schön regelmäßig "Sport und Musik" aufnahm, wenn ich nicht ins Stadion konnte (damit ich die guten Spiele, und speziell den Torjubel nochmal anhören konnte). Leider, leider ist dieses zuerst sorgsam gehütete Archiv im Zuge meiner Umzüge abhanden gekommen. Eine Kassette habe ich vor ein paar Jahren Mal gefunden. Heimsieg gegen Uerdingen. Rigo Gruber spielte schon, also muss es ab 1978 gewesen sein. Nicht schlecht, dachte ich, nicht schlecht, komm zu mir Kassette, lass Dich anhören.
Grüße
SKB
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...ach, mir geht das herz auf. soviel nostalgie/erinnerungen.trauere diesen zeiten so sehr nach. um die mittagszeit spontan entschieden ins waldstadion zu fahren. locker nen platz um 14Uhr30 aufm waldparkplatz bekommen. noch ein bierchen und ne wurst...und..ach ja, brauchte ja noch ne karte. kein problem. 9.000 gegen uerdingen, blau-weiß 90 oder wattenscheid...herrlich war`s.alles 1000%ige adler.
regen, matsch, fahne nass, die presslufthörner im G-block...
heute muss ich ggf. wochen zuvor um 0uhr nachts im internet klicken, um ne karte gegen den bvb zu bekommen. auf den stress habe ich keine lust mehr. erwin dittberner/joachim böttcher/jürgen-dieter rehan-das waren meine samstags-nachmittags-helden.
was würde ich für historische hr1-sport+musik-aufnahmen löhnen? EINIGES. einmal noch "live" den jürgen, den bernd und den anderen bernd spielen hören mit dem zahnarzt im kasten. ja, das wär`s---ich würde springen vor glück. wie komme ich an solche aufnahmen? das muss doch möglich sein. vhs von sge-bayern 6:0 und 2x4:0 habe ich über nen bekannten mal bekommen...aber hörfunk-reportagen? wer kann mir weiterhelfen? DANKE!!!


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