Fanhistorie XXXVIII Mein Vater, die Eintracht und der Sitzkopfball (Oktober November 1979)

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Mein Vater ist ein glühender Eintrachtfan, würde dies aber nie zugeben.

Wenn er vom Europapokal-Halbfinale gegen Glasgow 1960 erzählt, das er auf einem Baum sitzend im überfüllten Waldstadion erleben durfte, leuchten seine Augen. Er nahm mich schon sehr früh mit ins Stadion, mein erstes Spiel war 1970 gegen des HSV.

Dennoch baut(e) er sich immer irgendwie einen Schutzmantel auf, vermutlich um sich im Falle einer Niederlage selber zu schützen. Die Eintracht verliert sowieso, die Eintracht fliegt im Pokal raus usw. usw.....HG würde sagen: "Der klassische Lederhut."

Er schafft es einfach nicht, seine Emotionen raus zu lassen.

Dennoch bin ich ihm natürlich sehr dankbar, denn ohne ihn wäre ich vermutlich nicht so früh zur Eintracht gekommen.

Am 23. Oktober 1979, wir wohnten inzwischen nicht mehr in Frankfurt sondern in Weyer bei Limburg, habe ich zum 16. Geburtstag eine Karte (Haupttribüne!) für das Europapokalrückspiel gegen Dinamo Bukarest geschenkt bekommen.

Zu den BL-Spielen bin ich, wenn mein Vater nicht ins Stadion gefahren ist, oft mit dem Zug nach Frankfurt gefahren. Unter der Woche war das natürlich schwierig, deshalb habe ich mich schon über die Karte (und die damit verbundene Fahrgelegenheit mit meinem Vater) gefreut.

Was dieses Geschenk für mich bedeuten sollte, konnte ich an diesem Tag natürlich noch nicht erahnen.

Im Gegenteil, am 24.10 fand das Hinspiel in Bukarest statt. Die Eintracht hat locker 2:0 verloren.

Ich kann mich noch an Fernsehbilder aus Bukarest in sehr schlechter Qualität erinnern, ich glaube, das Spiel wurde sogar live gezeigt. Es war fürchterlich.

Die Reaktion meines Vaters war klar: "Da brauchen wir erst gar nicht zum Rückspiel zu fahren usw." Siehe oben halt.

Dann kam der 07.11. Im Stadion waren vielleicht 20.000 Zuschauer, für die damalige Zeit ganz normal.

Aber das Spiel... es wollte einfach kein Tor fallen und mein Vater neben mir begann mit seinen üblichen Sprüchen: "Das wird eh nichts mehr..."

In der 73. Minute fiel endlich das 1:0 durch Cha. Neue Hoffnung kam auf und mein Vater war für einige Minuten wieder ruhig.

Ca. in der 80. Minute ging es wieder los und ca. 5. Minuten vor Schluss fing er doch tatsächlich damit an er wolle jetzt fahren, wir würden viel besser vom Parkplatz runterkommen, morgen ist Schule und so weiter.
Viele Leute um uns herum haben übrigens genau dies getan....und tschüss.

Ich habe mich geweigert und habe trotzig wie heute mein 7-jähriger Sohn gesagt: Du hast mir das zum Geburtstag geschenkt, da musst du jetzt durch.

Wir haben uns dann kurz und heftig gefetzt, aber zum Glück waren wir beim legendären Sitzkopfball in der Nachspielzeit wieder bei der Sache.
Viele Jahre später, beim 6:3 gegen Reutlingen hatte ich keinen Zweifel, der Ball geht ins Tor, aber beim Sitzkopfball von Holz war ich irgendwie völlig perplex, als der Ball plötzlich drin war.
Um so größer war der Jubel und ich meinte sogar, bei meinem Vater ein paar Regungen gesehen zu haben.

Das um uns herum gegangene Volk strömte wieder herein.

Nach dem 3:0 durch Nickel in der 3. Minute der Verlängerung und einer Roten Karte für einen Bukarestspieler war die Sache klar und die SGE hat die Sache heimgeschaukelt.

Irgendwie hat dieser Sitzkopfball dazu geführt, dass ich die Eintracht in einem Spiel nie aufgebe, egal ob beim 5:1 gegen Lautern oder beim 6:3 gegen Reutlingen.

Beim 6:3 war mein Vater übrigens auch im Stadion, er wollte nicht vorzeitig nach Hause gehen.

Heute fahre ich regelmäßig mit meiner 11.jährigen Tochter und ab und an mit meinem 7-jährigen Sohn ins Stadion.
Vor einem müssen die beiden keine Angst haben: das Stadion zu früh zu verlassen oder neben einem Papa ohne Emotionen zu sitzen.
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bernie schrieb:
Dennoch baut(e) er sich immer irgendwie einen Schutzmantel auf, vermutlich um sich im Falle einer Niederlage nicht zu sehr ärgern zu müssen. Die Eintracht verliert sowieso, die Eintracht fliegt im Pokal raus usw. usw.....HG würde sagen: „Der klassische Lederhut.“

Er schafft es einfach nicht, seine Emotionen raus zu lassen.


Das war damals glaube ich typisch, mein Vater, ein Haupttribünenhocker, war genauso.
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siehste, geht doch  
dazke!

bernie schrieb:
Er schafft es einfach nicht, seine Emotionen raus zu lassen.

das kenn ich und ist glaube ich ein großes problem dieser generation.
bernie schrieb:

Vor einem müssen die beiden keine Angst haben: das Stadion zu früh zu verlassen oder neben einem Papa ohne Emotionen zu sitzen.

da können sich deine kids glücklich schätzen

emotionen müssen raus - da kann man auch mal gegen beton kicken
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habe viel geschmunzelt, danke bernie!

geschichte wiederholt sich: und wieder bist du es, der sich durchsetzen muss, falls eines deiner kinder dann vielleicht doch lieber monopoly spielen möchte, als das spiel zu ende zu schauen

grüße,
henk
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bernie schrieb:


Er schafft es einfach nicht, seine Emotionen raus zu lassen.


Kenn ich,die "harten Kerle"
Mein Papa hat mich das erste mal auf seinem Sterbebett so richtig gedrückt.

schee,berni.
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„Ca. in der xxx. Minute ging es wieder los und ca. xx Minuten vor Schluss fingen die doch tatsächlich damit an sie wollen jetzt fahren, wir würden viel besser vom Sportfeld wegkommen und kriegen den Zug um xxx“

Danke Bernie, dass du mich daran erinnert hast...

An einem Spieltag in grauer Vorzeit habe ich mich tatsächlich überreden lassen, viel früher zu gehen und hab dies aufs bitterste bereut (es war nicht Lautern oder Ulm)... Aber auch dazu irgendwann mehr (das wird dann leider wieder Keine Fußballhistorie, sondern schon wieder ein „wie kann ein Mensch nur so blöd sein“....).

Auch ich werde nie wieder ein Stadion zu früh verlassen....

(und mein Neid ist mit dir, das du diese Tor von Holz gesehen hast!) Danke für den schönen Beitrag!
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Danke Berni,

einfach schön.  

Aber zu den Emotinen der Älteren, ich glaube, wenn man einen so fürchterlichen Krieg erlebt hat, ob als Kind oder als schon Erwachsener neigt man automatisch dazu Emotionen zu unterdrücken, weil man sonst während der Kriegsjahre wohl (fast) durchgedreht wäre.

Vielen Dank

concordia-eagle

P.S. Petermann kannst Du mal den Kicker zu diesem legendären Spiel und Tor herauskramen?
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Das wird ja immer besser hier.  Das Forum blüht wieder auf.
Danke Bernie!  Ich hab dir doch gesagt du sollst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Freue mich wirklich dich zu kennen.

So und hier noch einmal für alle die es verpasst haben.

http://www.youtube.com/watch?v=eXJcJ2ZM9vs

Die zwei die sich so tierisch freuen in dem Video sind der "junge Bernie" und sein Papa.

Ps: Tor Nr.2
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concordia-eagle schrieb:


P.S. Petermann kannst Du mal den Kicker zu diesem legendären Spiel und Tor herauskramen?



Brauch net krame,besondere Sachen habe ich im PC-Archiv
Net viel aber besser als nix.




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@bernie:
Danke! Das ist ein schöner und emotionaler Bericht, und Deine Kinder können glücklich sein mit so einem Papa ...  

@concordia-eagle:
Kann Dir nur zustimmen, was die Frage nach den Ursachen einer anscheinend "emotionslosen" Generation, die den Krieg erlebt hatte, betrifft. Zudem hat die nachfolgende Generation, zu der ich mich zähle, aus bitteren Erfahrungen und oftmals nicht so glücklichen Kindertagen gelernt, ihre Gefühle zu erkennen und zu zeigen. Die 68er waren keine Kinder von Traurigkeit, werklisch net ... *freu*, meine Kinder haben von meiner Offenheit profitiert  ... und die stürmischen Gefühle blieben/bleiben mir gottlob bis ins hohe Alter erhalten  

Gruß Biber
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Ich kann mich auch noch gut an diesen denkwürdigen Abend erinnern:
Mein Vater war trotz strömenden Regens (Stehplatz Block F) im Stadion.
Ich habe am Radio mitgezittert.
Hessen 3 -Fernsehen hat dann ab ca. 21.30 Uhr spontan live ins Stadion geschaltet, damals ging das noch.
Kuhlins war im Studio und hat moderiert.
Der Schiri hat schon die Pfeife im Maul und will abpfeifen, da läßt der arme Teufel im Tor von Bukarest den klatschnassen Ball auf die Birne vom Holz fallen.

Ein Jahr später (glaube ich) sind wir ärgerlicherweise gegen FC Sochaux ausgeschieden, weil wir nach einer 4 : 0 Führung zu Hause noch zwei Gegentore zuließen und das Rückspiel im Schneegestöber mit 0: 2 verloren haben....
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Bernie, vielen Dank für deine Rückschau! Was die Emotionen angeht, so hatten unsere Väter wohl einiges gemeinsam. Immerhin hat dein Vater dich ins Stadion gebracht. Mein Vater hatte mit Fußball nie etwas im Sinn.

Ja, das "Sitzkopfballtor"...auf bestimmte Dinge kommt man eben immer wieder zurück.
Es war schlechtes Wetter an diesem Tag - deshalb rutschte dem Torwart auch der Ball aus der Hand. Es gab damals eine schöne "Tradition", quasi eine Geste der Eintracht an ihre treuen Fans: bei besonders schlechtem Wetter und relativ leerem Stadion wurden in der Halbzeitpause die Tore zur Gegengerade geöffnet, und man konnte im Trockenen sitzen. So war es auch bei diesem Spiel. Angenehmer Nebeneffekt: es kam Stimmung in die Bude. Ich erinnere mich noch recht gut, wie wir getobt haben. Schee war's.
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Richtig geil. Das ist für mich "einfach nur Fussball".

Man hat vor allem wieder dauerhaft Spass hier im Forum zu lesen, man lernt Bekannte und Unbekanntere besser kennen, man wird in feine Erinnerungen wie auch in schmerzliche Erfahrungen zurückversetzt. Ich glaube dann immer, den Hauch dessen was man damals so miterlebte, genau zu fühlen. Die feinen Nackenhaare stellen sich auf - klasse.

Danke Bernie, Du Emotionsmaschine ,-)

Wer will nochmal, wer hat noch nicht?

Ein Eintrachtherz in Afrika würde ich gerne mal lesen  
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Danke....schee   ..... Ganz genau so, bei meinem Vater auch. Bloß net zu viel Herz reinlegen. Typische Geste: Das Abwinken - wegwerfende Bewegung mit  der Hand....*hörmerdochbloßuffmitdene..." "Soooo wichtig is des alles doch net..." .Aber wenn sein bester Freund (ein "heimlicher" Offenbacher   ) zum Fernseh kucken da war - da gabs kein Wenn und Aber.

Bin auch durch meinen Vater zum Eintrachtler geworden. Erste Mal im Stadion als kleiner Durgel  mit Papa und  besagtem Freund... ich glaub, es war gegen RWE... Die S-Bahn, mit der wir kamen, hat net am Sportfeld gehalten - deswegen waren wir zu spät im Stadion.... Als wir kamen, lag die Eintracht  schon 2:0 hinten ....wir standen...ich sah hauptsächlich Beine und Arme und Jacken.... am Ende haben wir 3:2 gewonnen.... es war unglaublich....auch so ein never-give-up-Urerlebnis...

@Eintrachtix: Achja....der F-Block.... **seufz** ....Kult in den 80ern/90ern.... Schüler, Studis, Rentner und Eintrachtler aller Nationen....auch der ein oder andere Gästefan... war wie Badesalz live... (von DA aus hab ich auch das Tor von Jay-Jay gegen den KSC gesehen.... war praktisch genau auf einer Höhe.... ich könnt heut noch schwören, dass es einen Moment nach dem Tor im Stadion totenstill war....abber dann...)
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Eine Frage habe ich noch:
Ist eigentlich jemals diskutiert worden, ob Holz damals im "Abseits" gesessen hat ?
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Danke Peter,
man erkennt doch sehr genau, daß der Ball Holz keinesfalls nur auf den Kopf fiel, sondr er auch unglaublich schnell reagierte und dem Ball noch "Pep" gab.
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@Bernie

Toller Bericht. Was andere auch schon schrieben. Die Generation unserer Vaeter, immer Pesimisten. Ich habe jetzt extra Vaeter geschrieben, weil meine Mutter nicht so ist. Mich hat das Verhalten dahingehend gepraegt, dass ich Optimist bin und ihn der Vorstellung lebe, dass mich alle moegen.

Zurueck zu deinem Leben. Du bist ja schon ein Glueckskind, dass du das legendaere Sitzkopfballtor von Hoelzenbein miterleben konntest. Ich war damals sauer, dass das Spiel irgendwie nicht Live gezeigt wurde. In meiner dunklen Erinnerung kam dann aber ploetzlich doch Fussball im TV.

Ich sehe es wie du solche Tore, solche Spiele zeigen einem nichts ist unmoeglich. Das ist was ich auch versuche meinen Kindern im Leben mitzugeben, niemals aufgeben, wens am Ende dann doch nicht klappt, kannst du aber mit dir selbst zufrieden sein.

Wie schon meine Vorschreiber richtig feststellten, wir ereichen dank solcher Treads (Lt.Commander, GoodButcher, Petermann, Kid usw.) ein sehr gutes Niveau. Tausendmal angenehmer zu lesen als Treads vom ex Spieler.

Gruss aus Kapstadt (es wird wiedemal schoen)
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Eintrachtix schrieb:
Eine Frage habe ich noch:
Ist eigentlich jemals diskutiert worden, ob Holz damals im "Abseits" gesessen hat ?


Nein. Der Ball kam ja vom Torwart. Und Holz hatte zuvor schon nicht mehr eingegriffen und somit den TW auch nicht gestört - weil er schon auf dem Hosenboden saß.
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Afrigaaner schrieb:
Ich war damals sauer, dass das Spiel irgendwie nicht Live gezeigt wurde. In meiner dunklen Erinnerung kam dann aber ploetzlich doch Fussball im TV.

Wenn ich das richtig in Erinnerung habe kamen im HR Bilder ab der 80ten Minute. War aber Worscht, im Stadion sah man alles.
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concordia-eagle schrieb:
Danke Peter,
man erkennt doch sehr genau, daß der Ball Holz keinesfalls nur auf den Kopf fiel, sondr er auch unglaublich schnell reagierte und dem Ball noch "Pep" gab.


Holz war absoluter Instinktfußballer. Er war in jeder Sekunde beim Spiel.  


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