Besser spät als nie – ein Fanhistörchen

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Besser spät als nie - ein Fanhistörchen

Nein, ich möchte mit diesem Beitrag hier nicht eine dieser unsäglichen Diskussionen "Kunde oder Fan?" lostreten, ich möchte nur eine kleine Geschichte erzählen, mehr nicht. Es ist die Geschichte einer späten Berufung.

Meinen guten Kumpel Ralph kenne ich seit der fünften Klasse, also seit nunmehr fast 30 Jahren. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir in dieser langen Zeit gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen sind und viel erlebt haben. Wie das bei Freunden so ist, haben wir auf der einen Seite viele Gemeinsamkeiten, auf der anderen findet sich aber auch viel Trennendes.

Ein Thema, bei dem wir kaum weiter auseinander liegen konnten, ist das Thema Fußball. Ich Eintracht-Fan seit ich denken kann, Ralph dagegen Bayern München-Sympathisant. Ich schreibe an dieser Stelle bewusst nicht "Bayern-Fan", denn ich hatte immer schon den Eindruck, dass er die Bayern zwar favorisierte, jedoch nicht wirklich mit dem Herzen für sie fieberte, wie ich es für die Eintracht tat. So war er auch nie im Besitz größerer Fan-Utensilien, wie einem Trikot oder dergleichen. Trotzdem waren die Grenzen klar gesteckt - er München, ich Frankfurt.

Wie man sich leicht denken kann, hatten unsere unterschiedlichen Weltanschauungen natürlich immer wieder Frotzeleien zu Folge, bei welchen ich dank der überragenden Spielkunst unserer Schlappekicker oft den Kürzeren zog. Ist ja klar, was man sich da alles anhören darf; hämische Schmähungen nach jeder der nicht gerade seltenen Niederlagen sowie "Chaos-Verein" im Allgemeinen. Nun gut, er wusste es ja nicht besser und bekam von mir dafür regelmäßig die gängigen Bayern-Klischees um die Ohren gehauen.

Doch bereits in diesen Frotzeleien gab es meiner Ansicht nach einen gravierenden Unterschied zwischen uns, wie ich zu meiner Schande gestehen darf. Während meine Tiraden über die Bayern schon beinahe den Tatbestand einer abgrundtiefen Verdammung nahe kamen, konnte man bei Ralph auch bei übler Eintracht-Beschimpfung immer einen Tonfall zwischen den Zeilen heraushören, der mir völlig abging: Respekt. Ja, Ralphi respektierte die Eintracht, zumindest war das mein Empfinden.

Allerdings änderte dies freilich nicht das Geringste daran, dass er den Lederhosen huldigte.

Die Zeiten, in denen ich glaubte, daran etwas ändern zu können, waren längst vorbei, da verschlimmerte sich die Situation plötzlich: Ralph pflanzte sich fort, und zwar in übelster Form: In kürzesten Abständen warf seine Gattin einen Knaben nach dem anderen, erst nach dem dritten war Schluss. Bester-Bayern-Nachwuchs, uuääärgh. Mein Patenkind: Bayern-Fan, Nnnaaaaiiiiinnn. Aber was sollte ich machen ohne direkten Zugriff? Schon streckte die weiß-blaue Knochenhand der Unaussprechlichen ihre Finger nach dem armen Bub aus, da tat der Fußballgott ein Wunder, man kann es nicht anders sagen.    

Und das kam so.

2006 findet in Deutschland das grandioseste Sportereignis des Universums statt und Ralph nimmt die Gelegenheit wahr, seinen Jungs auch einmal etwas zu bieten, das über den Besuch eines Spiels bei Rot-Weiß Walldorf hinausgeht. Kurz - die vier fahren zu einem Länderspiel ins Waldstadion.

Bei unserem nächsten Treffen ein paar Tage später kommt er aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: "Also, du wirst es nicht glauben, die Stimmung im Stadion war der Hammer, so etwas habe ich noch  nicht erlebt, absolut phantastisch" und dergleichen sprudelt aus ihm heraus.
Da ich selber ein Spiel mit toller Stimmung bei der WM in Frankfurt besucht habe, nämlich jenes zwischen Togo und Südkorea, war es nicht nur mein SGE-Ehrgefühl, sondern Sachkenntnis, die mich folgendes erwidern ließ: "Ja, die Stimmung bei der WM war ganz gut, sie ist aber nicht mit dem zu vergleichen, was dort abgeht, wenn die Eintracht spielt!"

Muss ich erwähnen, dass er mir das nicht glaubte?

Es gab nur eine Möglichkeit, den Beweis anzutreten: Ralph musste sich ein Heimspiel der Eintracht ansehen. Am 17. September 2006 war es soweit, ich schleppte Ralph zum Spiel der Eintracht gegen Bayer Leverkusen.

Mit den Folgen, die dieses Erlebnis haben sollte, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Als wäre ein 3:1-Sieg nicht schon Mirakel genug, so geschah an diesem Tag noch ein echtes Wunder: Ralph verließ das Stadion als - Eintracht-Fan!

Und wenn ich hier "Fan" schreibe, dann meine ich das auch so, denn er ist nach meinem Empfinden ein echter Anhänger geworden. Als aktiver Hobbykicker hat er längst ein Eintracht-Trikot und im Waldstadion ist er auch nicht gerade selten.

Bei zweien seiner Jungs hatte der live-Waldstadion-Eindruck den gleichen Effekt, auch sie haben dem FCBäh gänzlich abgeschworen. Lediglich auf den Ältesten hatten die Ereignisse solch verwirrende Wirkung, dass er inzwischen für Werder Bremen schwärmt.

Was bleibt als Fazit? Mein bester Kumpel, der über 40 Jahre ein Anhänger von Bayern München war, ist binnen kürzester Zeit quasi von heute auf morgen zum mitfiebernden Eintracht-Fan geworden, der im Stadion mit Trikot und Schal inbrünstig "Im Herzen von Europa" mitsingt. Und zwei seiner Söhne gleich mit.

Für mich nach wie vor schier unglaublich.

Wenn ihr mich fragt - ich hätte den Adler in Gold verdient.
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Du hast den Goldenen Adler verdient, Frank. Der Saulus ist zum Paulus geworden!
....war das jetzt Blasphämie?
Die Geschichte gefällt mir, sehr schön, ein Lederschurzenjäger bekehrt sich!
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@Grabi65
super Bericht...das sind "Geschichten die das Leben schrieb"
Das neue Stadion ist eine "Gottesfügung" (belegt der Zuschauer-Durchschnitt !)....aber so e gaaanz klaaa bissi hat ein Bayer auch mitgeholfen...nämlich die Lichtgestalt der ganzen Welt...man kann auch sagen: der liebe Gott...Franz Beckenbauer !
...gemach , gemach....bevor ihr mich "verruppt" die Begründung folgt auf dem Fuß.....nämlich
ohne WM und demzufolge ohne neues Stadion würde es heute unsere geliebte EINTRACHT (zumindest) in dieser Form, sprich im bezahlten Fußball, nicht mehr geben.
Das war der Ursprung für unser jetziges positives Dasein...und dann schickte uns der Fußballgott noch einen HB mit seiner jetzigen Führungscrew.
Fazit:
Während 108 Jahren wurde Eintracht Frankfurt nicht so professionell, seriös und clever geführt !
....zurück zu Deinem Beitrag, Grabi65:
das alles hat natürlich (auch) mit dem "Umbiegen" oder "Zuführen" von vorher fehlgeleiteten Fans zu tun !
Adlergrüße
LajosD.
,-)
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Sehr schön. Man weiß ja das Konvertiten ihren neuen Glauben ganz besonders intensiv leben.
Gruß an  Adler Ralph
Bei dem Knaller Südkorea gegen Togo war ich übrigens auch im Stadion. "Dae Han Min Guk" bumm bumm bumm schepper. Schee wars.
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Besser spät als nie. Es lohnt sich, jede einzelne Seele dem Teufel zu entreißen.

So gehört sich´s!
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Übrigens bei diesem Spiel Korea gegen Togo war ich auch live dabei (Volunteer). Ich konnte mich frei in allen Blöcken bewegen, die Stimmung war schon supergeil.
Vor dem Spiel habe ich dafür gesorgt, dass die Koreanischen Fans  einen Mann weniger  hatten  . Er musste  in so  ein Zelt mit einem Roten Kreuz getragen werden. Er hat es überlebt, nicht dabei gewesen zu sein.
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So schnell gibt`s den Adler in Gold aber net...      
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womeninblack schrieb:
So schnell gibt`s den Adler in Gold aber net...        


Wieso schnell ?  
Er hat sich doch durch 30 Jahre Ausdauer ausgezeichnet  
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Nachdem ich schon drin rumgepfuscht hab... nochmal Danke fuer die Geschichte.
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Kallewirsch schrieb:
womeninblack schrieb:
So schnell gibt`s den Adler in Gold aber net...        


Wieso schnell ?  
Er hat sich doch durch 30 Jahre Ausdauer ausgezeichnet    


Sorry, jetzt habe ich den Schreiber mit dem Bekehrten verwechselt...
Ob ich das je wieder gut machen kann??
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Is er auch schon im Forum angemeldet    ?

Sehr schöner Bericht und toll geschrieben.
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Feines Histörchen.

Wie man zum Bayernkunden wird, darüber möchte ich eigentlich ungern philosophieren, denn da bin ich vollkommen kenntnislos, wie man zur Eintracht kommt, oder konvertiert, da kann ich dann vielleicht schon eher mitreden, zumal dieses Fanhistörchen es ja veranschaulicht.

Zuerst möchte ich meine persönliche Einschätzung voranstellen, das  der eine Verein eine Faneinbahnstrasse ohne und der andere eine Einbahnstrasse mit Rückfahrkarte ist.
Die Entscheidung für Bayern ist eine verständliche, im Hinblick auf Verlockung durch statistisch/tabellarisch überzeugende Superlative. Leichte Kost, hinsetzen, Erfolge feiern, Fernsehn aus und gut. Ins Stadion kommt man ja eh nur als Gast oder Promi, dafür zeigt das Fernsehen einem ja durchweg, das es in Fussballdeutschland ja nur die Bayern gibt, die von Interesse sind, die zeitungen, ja sogar die regionalen springen da nur zu gerne auf den Zug. Die Wetterauer z. B. bringt mehr Zeilen und Texte über "Klinsi" und zukünftige Strategien der Barzies, wie Berichte über Ff´s Verlängerung, Fenins und Caios Unterschrift plus Oxxendorf und Wehen zusammen. (Nein ich war inkonsequent und habe das Abonnement nicht storniert)

Seis drum, aber wir bitte komme ich zur Eintracht? Neben dem hineingeboren werden, kommt da der eigentlich sympathische Hauptgrund aus meiner Sicht hinzu: Ob Fussballneutral oder Kunde - die Jüngerschaft der Eintracht, angelt im Brustton der Überzeugung, mit der vollen Leidenschaft eines Herzblutfans die neue und nächste Generation. Die Liebe und Überzeugung können begeistern, sie können Interesse und Verwunderung wecken, sie sind als Gefühl transportierbar, sie alleine können Leidenschaft wecken. Diese Leidenschaft ist spürbar, man muss nur ins Stadion gehen - besser in beide Stadien, dann weiss man wo Leidenschaft zu finden ist und fehlt diese, kann ich Produktinteresse haben und werde somit folgerichtig als Kunde geführt, nicht als Fan.

Das es hier bei uns auch Kunden gibt (arg bescheidene) und dort auch Fans, das ist unbestritten. Das hier der Fan eine deutlich überwiegende Mehrheit einnimmt, wie dort eben der Kunde, das ist ebenso unbestritten.

Wer sein Herz allerdings mal verloren hat, dessen Liebe kann durch die Anerkennung von nakten tabellarisch/statistischen Superlativen nicht erlöschen. Wer nicht liebt, aber voller Anerkennung der tabellarisch/statistischen Superlative ist, der kann sich verlieben, aber eben nur in das, was über das beschriebene Zahlenwerk hinaus geht.

An welchen Partner verliert man denn sein Herz? Den/die schönste, beste reichste, oder diejenige, welche in einem Emotion, Leidenschaft und Herzblut weckt? Eben

Achso, darum ging es ja eigentlich garnicht. Ich wollte einfach nur meine Freude ausdrücken, mal wieder eine feine Fanhistorie gelesen zu haben, es sind leider immernoch zu wenige.

thx Frank

Ps.: Hat einer der kleinen schon einmal im Herzen der Kurve gestanden? ,-)
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Grabi65 schrieb:
Für mich nach wie vor schier unglaublich.

Normal.  

Danke, Frank.
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Sehr schön,du bist Eintracht.



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