>

Die Nacht der Schande - Rostock-Lichtenhagen

#
Zwanzig Jahre ist das jetzt auch schon her.

Ich kann mich noch erinnern, wie fassunglos ich damals war.

Eine Autorin erinnert an das Pogrom: Die Nacht der Schande
#
das Schlimmste waren nicht die Übergriffe sondern der applaudierende Pöbel drumherum. Das ist bei mir extrem haften geblieben  
#
Ich habe vor paar Jahren mal vor dem Haus dort gestanden. Schauder. War vor meiner Zeit, aber die applaudierenden Leute in Aufzeichnungen von damals zu sehen, stößt mir heute noch mächtig auf.

Dass paar Jugendliche Dummheiten begehen und manches nicht überblicken können, ist die eine Sache, dass erwachsene Mitt50er dies aber unterstützen, ist widerlich.
#
Libero1975™ schrieb:
das Schlimmste waren nicht die Übergriffe sondern der applaudierende Pöbel drumherum. Das ist bei mir extrem haften geblieben    


Geht mir genauso. Der Mob, der Blut sehen wollte, der grenzenlose Jubel, als die Zerstörung ihren Lauf nahm und ständig das Gefühl, man sieht die Bilder einer Hinrichtung und versteht nicht, warum.

Vollkommen surreal, wenn man die Bilder sieht, damals wie heute. Und doch ein warnendes Beispiel, zu was Menschen fähig sind, vor allem, wenn es sich um Gruppendynamik handelt. Wie sagte schon Schiller: "Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig; sind sie in corpore, gleich wird ein Dummkopf daraus."
#
Libero1975™ schrieb:
das Schlimmste waren nicht die Übergriffe sondern der applaudierende Pöbel drumherum. Das ist bei mir extrem haften geblieben    

Und das Nichtstun der Polizei.

Bewegende Darstellung der Autorin, die das damals Geschehene sehr gut beschreibt.
#
Hier eine sehr interessante Studie über die Ursachen des Pogroms. Sehr lang, ich finde den Text ab Seite 55 "Rostock-Lichtenhagen als konformistische Revolte" sehr gut.

http://www.wiwi.uni-rostock.de/fileadmin/Institute/IPV/Informationen/Publikationsreihe/IPV-Reihe32.pdf
#
Ich habe quasi keine Erinnerung an die Sache, was wohl daran liegt, dass ich damals Sieben Jahre alt war. Beim Lesen des Textes im Ausgangspost ist mir ein Frage nicht aus dem Sinn gegangen:

Wie hätte man selbst sich als Anwohner und Augenzeuge verhalten? Welches Verhalten wäre richtig gewesen?

Das ist für mich eine bedrückende Frage, weil zumindest ich wohl eine total Ohnmacht gefühlt hätte. Eine derartige Gruppendynamik hätte mich dermaßen eingeschüchtert, dass ich Angst gehabt hätte bei offenen Unmutsbekundungen selber Opfer des Lynchmobs zu werden. Also komme ich zu der unrühmlichen Erkenntnis, dass ich wahrscheinlich abgehauen wäre.

Wenn wir davon ausgehen, dass so eine Situation auch heute noch entstehen kann (und davon sollte man immer ausgehen, denn es ist der beste Schutz davor dass es soweit kommt), wie würdet ihr euch verhalten? Was könnte man realistischer Weise tun?
#
Bilder, die ich nie vergessen werde. Ekelhaft und im hohen Maße inhuman die geistige Haltung vieler Anwohner. Wenig Solidarität mit den Erniedrigten und Gedemütigten - viel Hohn und Spott für die vietnamesischen Familien.
Wir fuhren von Berlin nach Rostock, viele, die zeigen wollten, ihr seid nicht allein, wir halten zu euch, auch symbolisch-materiell: wir stellten uns dorthin, wo zuvor die Mollies des pöbelnden Mobs gegen das Fremdartige, das Andere (die VietnamesInnen) flogen.

Wir, Jusos, Grüne, Autonome, StudentInnen. Und es gehört nach allem, was ich wahrnahm, zur historischen Wahrheit, dass es die linksradikalen Berliner "Autonomen" waren, die die grundgesetzlich verbrieften Werte und Rechte beschützten, verteidigten: physisch-real stellten sie sich den Faschos und deren stummen oder applaudierenden Helfershelfern in den Weg.
Sie übernahmen in gewisser die Arbeit, die vornehmste Pflicht der Staatsorgane gewesen wäre.
Ich will nicht die Motivlagen einzelner "Autonomer" erörtern, aber sie taten das demokratisch Gebotene, das politisch Richtige.

Wie ihr wisst, bin ich ein Liberaler. Wir waren immer mehr die feigen, bürgerlich sozialisierten Studenten, die zwar protestierten, wo wir es für geboten hielten, aber dieses körperlich-praktische Beschützen der VietnamesInnen, das überließen wir dem schwarzen Block.

Daran erinnere ich mich noch. Vielleicht kann jemand hier ergänzen, korrigieren, konkretisieren.

Nazis gefährden Ihre Gesundheit.
#
Ich fand den Rechten (sic!) ja am überzeugendsten:
http://az-koeln.org/files/2011/06/tumblr_krh4guB1cC1qzafsno1_400.jpg
#
SGE_Werner schrieb:

Dass paar Jugendliche Dummheiten begehen und manches nicht überblicken können, ist die eine Sache, dass erwachsene Mitt50er dies aber unterstützen, ist widerlich.


Bei allem Respekt: Die Taten dieser Typen als Dummheiten zu bezeichnen, finde ich ein starkes Stück.
Das war ne andere Dimension als jemand ne Maulschelle zu geben.
#
goyschak schrieb:
Ich fand den Rechten (sic!) ja am überzeugendsten:
http://az-koeln.org/files/2011/06/tumblr_krh4guB1cC1qzafsno1_400.jpg


Asso D&G Jeans , prepissed
#
reggaetyp schrieb:
SGE_Werner schrieb:

Dass paar Jugendliche Dummheiten begehen und manches nicht überblicken können, ist die eine Sache, dass erwachsene Mitt50er dies aber unterstützen, ist widerlich.


Bei allem Respekt: Die Taten dieser Typen als Dummheiten zu bezeichnen, finde ich ein starkes Stück.
Das war ne andere Dimension als jemand ne Maulschelle zu geben.


#
20 Jahre schon wieder her? Na dann, jetzt weiß ich wieder weshalb mir 1992 Rostock so sympathisch war...  
#
goyschak schrieb:
Ich fand den Rechten (sic!) ja am überzeugendsten:
http://az-koeln.org/files/2011/06/tumblr_krh4guB1cC1qzafsno1_400.jpg


genau dieses Bild ist damals um die Welt gegangen
#
reggaetyp schrieb:
SGE_Werner schrieb:

Dass paar Jugendliche Dummheiten begehen und manches nicht überblicken können, ist die eine Sache, dass erwachsene Mitt50er dies aber unterstützen, ist widerlich.


Bei allem Respekt: Die Taten dieser Typen als Dummheiten zu bezeichnen, finde ich ein starkes Stück.
Das war ne andere Dimension als jemand ne Maulschelle zu geben.


Yep. Das war versuchter Mord.
#
Dann kamen noch Mölln und Solingen....glaub ich
#
edmund schrieb:
Bilder, die ich nie vergessen werde. Ekelhaft und im hohen Maße inhuman die geistige Haltung vieler Anwohner. Wenig Solidarität mit den Erniedrigten und Gedemütigten - viel Hohn und Spott für die vietnamesischen Familien.
Wir fuhren von Berlin nach Rostock, viele, die zeigen wollten, ihr seid nicht allein, wir halten zu euch, auch symbolisch-materiell: wir stellten uns dorthin, wo zuvor die Mollies des pöbelnden Mobs gegen das Fremdartige, das Andere (die VietnamesInnen) flogen.

Wir, Jusos, Grüne, Autonome, StudentInnen. Und es gehört nach allem, was ich wahrnahm, zur historischen Wahrheit, dass es die linksradikalen Berliner "Autonomen" waren, die die grundgesetzlich verbrieften Werte und Rechte beschützten, verteidigten: physisch-real stellten sie sich den Faschos und deren stummen oder applaudierenden Helfershelfern in den Weg.
Sie übernahmen in gewisser die Arbeit, die vornehmste Pflicht der Staatsorgane gewesen wäre.
Ich will nicht die Motivlagen einzelner "Autonomer" erörtern, aber sie taten das demokratisch Gebotene, das politisch Richtige.

Wie ihr wisst, bin ich ein Liberaler. Wir waren immer mehr die feigen, bürgerlich sozialisierten Studenten, die zwar protestierten, wo wir es für geboten hielten, aber dieses körperlich-praktische Beschützen der VietnamesInnen, das überließen wir dem schwarzen Block.

Daran erinnere ich mich noch. Vielleicht kann jemand hier ergänzen, korrigieren, konkretisieren.

Nazis gefährden Ihre Gesundheit.


The truth lies in Rostock
fasst die geschehnisse recht gut zusammen.
dem mob hätte ich allerdings sein ganz persönliches stalingrad gewünscht
#
Brady schrieb:
Dann kamen noch Mölln und Solingen....glaub ich


und noch viele mehr.
Diese 138 Menschen sind in den letzten Jahren (1990 - 2005) von Neonazis ermordet worden.(Offizielle Angaben)
#
Brady schrieb:
Dann kamen noch Mölln und Solingen....glaub ich


Und davor war Hoyerswerda und eine furchtbare, rassistische Stimmungsmache gegenüber Asylsuchenden, die von Politikern und Medien angeheizt wurde.

Im Fernsehen gab es damals so etwas wie eine Live-Berichterstattung, die über Stunden ging - so ist es mir jedenfalls in Erinnerung. Das brennende Haus, die darin eingeschlossenen Menschen, die Schaulustigen davor, das sind Bilder, die sich mir tief eingeprägt haben. Und damals kam immer  wieder die Frage auf: Wieso greift die Polizei nicht ein? Wie kann so etwas geschehen?

Und zur weiteren Erinnerung:

Am 25.02.2004 wurde Mehmet Turgut in Rostock durch 3 Kopfschüsse ermordet, ein sogenannter Döner-Mord.  


#
Jochen Schmidt war damals ZDF-Reporter und mit den vietnamesischen Bewohnern des Hauses auf der Flucht vor den Flammen. Ich erinnere mich gut an seinen Ton, seine Angst, die stellvertretend für alle in den Nachrichten zu hören war. Er hat damals ein Buch geschrieben, das erschreckend schlecht lektoriert wurde. Trotzdem ein Zeitzeugnis:
"Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Asylbewerberheim in Flammen aufging". Ich empfehle es, auch wenn die Analyse nicht der Schwerpunkt ist.


Teilen