Urlaub an der Panke - Wo die wilden Kerle wohnen und Princen geboren werden

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Weddinger Heldengeschichten Part II

Mit Fortsetzungsgeschichten ist das ja so eine Sache. Das kann gut gehen, muss aber nicht. Man kann ja schon froh genug darüber sein, dass sich einige durch den ellenlangen Text der ersten Wedding-Exkursion aus dem letzten November gekämpft haben und den am Ende sogar auch noch ganz ok fanden. Und ehrlicherweise war es nie geplant, dieses Forum mit einer zweiten Wedding- Exkursion zu langweilen. Bei Kinofilmen oder Büchern ist der zweite oder gar dritte Teil oft genug billiger Abklatsch, den keiner sehen bzw. lesen will und wo es höchstens darum geht, noch ein bisschen Geld rein zu bekommen.  Zumindest der letzte Punkt kann in diesem Falle hier  aber schon mal ausgeschlossen werden.
Und eigentlich hatte man sich   vorgenommen, nicht mehr auf dieser Wedding-Nummer rum zu reiten, denn auch die ist irgendwann ausgelutscht. Aber als dann die Nachrichtenlage um unsere  Frankfurter Eintracht in diesem Sommer eine spektakuläre Wendung nahm, reifte der Gedanke, dass es vielleicht doch noch mal in den Wedding gehen muss. Und so habe ich mich auf die Gefahr hin, dass das ein zweiter Teil der Marke „aufgewärmter Kaffee“ wird, dann doch zu einer zweiten Wedding- Exkursion aufgemacht und darüber ein paar Zeilen verfasst. Die Umstände waren günstig, ein Urlaubstag war noch frei  und die wenigen Sonnenstunden, die dieser Spätsommertag bereithielt, wurden voll ausgenutzt und eingefangen. Der ausdrückliche Vorsatz war diesmal, dass es nicht wieder so ein langer Text wird, wie bei unserer Tour auf der Suche nach den Wurzeln der Kovač-Brüder letztes Jahr. Aber wie das eben mit diesen guten Vorsätzen immer so ist: man hält sie am Ende  doch nicht ein. Somit erfolgt auch hier wieder die eindringliche Warnung an alle, die lange Texte nicht mögen: Bitte schnell weg klicken!


Es geht also ein zweites Mal mit  einträchtlichen Hintergedanken  in den Berliner Wedding.  Immerhin stammt der  vielleicht schillerndste Eintracht-Neuzugang der letzten Jahre aus diesem Kiez, unweit des  Schillerparks. Das ehemalige Wohnhaus der Kovac-Brüder und das der  Boatengs liegt aller höchstens  zwei Kilometer voneinander entfernt. Und so macht man sich an einem freundlichen Spätsommermorgen motiviert  auf den Weg in den Wedding. Die sehr überschaubare Forschungsausrüstung besteht heute aus einem mobilen Telefongerät mit Kamerafunktion, leistungsstarken Kopfhörern und ein bisschen Kleingeld in der Tasche. Als Transportmittel zu unserem Exkursionsziel wird an diesem Morgen  zunächst die Straßenbahnlinie M13 gewählt, die an der Wisbyer Straße bestiegen wird. Von dort rollt man nun also an Bord der Tram zunächst in westlicher Richtung durch den Prenzlauer Berg. Man überquert die Bösebrücke, die in Wirklichkeit gar nicht so böse ist, da hier schließlich an jenem geschichtsträchtigen Tag im November 1989 die Schlagbäume als erste nach oben gingen. Und dann  gleitet man auch schon wieder ein in den Wedding. Nun ist es nicht mehr weit bis zur Haltestelle Osloer Straße/Prinzenallee, wo man die Tram bedenkenlos   verlassen kann, wenn man sich für die Herkunft der Boateng-Brüder, insbesondere für Kevin-Prince Boateng interessiert.

Und wie soll man ihn denn jetzt überhaupt nennen, diesen  Kevin-Prince Boateng? Kevin oder Prince? Oder Kevin-Prince?  Dazu an dieser Stelle die kleine Abschweifung:  Als Kevin-Prince Boateng 2009 aus der deutschen U21-Nationalmmanschaft geflogen ist, entschloss er sich künftig für das Land seines Vaters anzutreten. Dies war eine Zäsur in seinem Leben, die am Ende zahlreicher Enttäuschungen und  Missverständnissen stand. Zu der Geschichte gibt’s weiter unten noch ein paar ausführlichere Sätze. Als dann schließlich alle Formalitäten geklärt waren und er die Spielgenehmigung für Ghana erhielt, ließ er auf sein Trikot unter die Rückennummer den Namen „Prince“ beflocken und nicht mehr wie bislang auf seinen Trikots  „Boateng“. Gut möglich also, dass der Name „Prince“ damals so  eine Art Neuanfang für ihn darstellte. Immerhin nennen ihn alle, die ihn von früher kennen, immer noch Kevin und in der Fußballwelt wird er weiterhin Boateng genannt. Dennoch stand auf allen seinen Trikots, sei es Nationalmannschaft oder Verein, seither „Prince“.  Und auch bei seiner Ankunft in Frankfurt verkündete Jan-Martin Strasheim , dass er „Prince“ gerufen werden möchte. Und diesem Wunsch wird im Folgenden versucht, zu entsprechen.

Es ist jedenfalls kurz nach halb zehn am Morgen, als man aus der Straßenbahn aussteigt. Der erste Eindruck vom Wedding an dieser Stelle: Es ist schon schroff hier. Zumindest auf den ersten Blick schroffer als im Kovac-Kiez, rund um die Turiner Straße. Wenn man es mit einer Meeresküste vergleichen würde, dann ist es bei den Kovacs zwischen Schillerpark und Leopoldplatz eher so grober Steinstrand, wohingegen es hier, wo die Boatengs her kommen, schon astreine Felsenküste ist.

Aber wir lassen uns natürlich nicht abschrecken, denn unter dem sonnigen Spätsommer-Himmel, der sich an diesem Morgen über dem Wedding ausbreitet,  sieht auch diese schroffe Seite des Bezirks  erstmal  ziemlich freundlich aus. Nun ist es zugegebenermaßen eine ziemlich abgedroschene Idee, wenn  man zunächst mal den Fußball-Käfig an der Panke aufsuchen möchte, in dem die Boateng-Brüder sich die entscheidenden Skills für ihre spätere Fußball-Karriere aneigneten. Ja,  es gab bereits unzählige Journalisten und auch Journalistinnen, die diese Idee hatten und von dort berichteten. Die Geschichte der Boatengs scheint eine große Anziehungskraft zu haben. Die Familie Boateng hat offenbar eine Strahlkraft, die zumindest dafür sorgt, dass jeder fußball-interessierte Mensch eine grobe Vorstellung von der Herkunft der Brüder hat. Jedenfalls   inspirierte die Geschichte schon einige Leute, nach den Wurzeln der Boatengs zu forschen und darüber zahlreiche Texte oder gar Bücher zu schreiben. Inhaltlich bieten diese Texte eine   Spannweite   vom Sportjournalismus bis hin zu soziologischen oder gar psychologischen Überlegungen.  Man wird das Gefühl nicht los, dass den Boateng-Clan,  auch wenn man das Wort Aura vermeiden will  (wie es der upandaway neulich schon in diesem Forum schrieb)  dann doch zumindest  ein Spirit umgibt, der die Leute fasziniert. Und die Geschichten, die über die Familie Boateng geschrieben wurden und für die die Boatengs herhalten mussten, reichen über die unterschiedlichsten Genres: von  moderner „Cinderella-Story“ über „Die Geschichte von Kain und Abel des Fußballs“  bis hin zu „Vom Ghetto-Kind  zum Millionär“.

Aber trotz dieser vielen bereits geschriebenen Geschichten, fühlt man sich dahin gezogen,  an die Panke. Diese Panke ist ein Fließgewässer, welches  hier im Wedding eigentlich zu groß ist, um als Bach bezeichnet zu werden aber auf der anderen Seite zu  klein, um schon als Fluss durch gehen zu können. Insgesamt hat die  Panke  nur eine Länge von 29 km, aber wenn man sich den Flusslauf vor Augen führt, kann man sagen, dass sie eigentlich durch mehrere Welten fließt. Sie entspringt nord-östlich von Berlin im brandenburgischen, dringt dann über Berlin-Buch in die Stadtgrenze ein. Nachdem sie die äußeren Stadtteile durchflossen hat, passiert sie das bürgerlich-beschauliche Pankow und erreicht schließlich den wilden, unbändigen  Wedding ehe sie sich am Nordhafen in den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal ergießt. Die Panke  zeichnet  an ihrem Ufer also all die  Gegensätze und Widersprüche nach, die diese Hauptstadt und ihr Umland auf so engem Raum   prägen. Der Flusslauf der Panke wurde insbesondere im Zuge des Mauerbaus immer wieder umgeleitet und beeinflusst.  Und auch dort, wo unser Prince das Fußballspielen lernte, ist die Panke von Menschenhand gelenkt. Extrem begradigt und auf beiden Uferseiten eingemauert hat sie an dieser Stelle aber mal so gar nichts von einem romantisch dahin fließenden Gewässer. Sie stürzt geradezu vor sich hin, in beachtlicher Fließgeschwindigkeit.  Die wenigen Enten, die auf ihr schwimmen, können einem fast leidtun, denn sie müssen sich mit ihren kleinen Füßen mächtig ins Zeug legen, um überhaupt die Position halten zu können. Das ganze Szenario  sieht fast wie eine  Gegenstromanlage für zivilisationsfolgenden  Wasservögel aus.

Wenn man nun also diesem  (zumindest an dieser Stelle) wenig idyllischen Flüsschen aus nördlicher Richtung kommend folgt, gerät man in der Sackgasse an  einen Wendehammer. Von dort blickt man in eine kleine Grünanlage. Linker Hand im Schatten eines alten Industrie-Schornsteins eine Kfz-Werkstatt, die – zumindest  auf den ersten Blick - nach Schrauber-Romantik im  Blaumann, mit Schmieröl-Pfoten und überdimensionalen Foto-Kalender mit nackten Frauen an der Wand  aussieht. Rechts jagt  die Panke flussabwärts und wenige Meter weiter auf der linken Seite, hinter einem kleinen Spielplatz liegt er dann leibhaftig vor einem: Der Fußball-Käfig, in dem Prince  auf spielerische Weise den Grundstein für sein Kariere als Fußballprofi legte. In diesem schroffen, verbauten und teilweise auch ziemlich  beengendem Wedding, wirkt die kleine Grünanlage, in der der Käfig steht, fast wie ein geheimer Rückzugsort, eine kleine Oase. Da die Sonne an diesem Morgen auch noch ein angenehm warmes Licht auf die kleine Anlage rund um den Fußballkäfig wirft, fühlt man sich von einer der herumstehenden Park-Bänke zum Verweilen eingeladen. Und natürlich wurde die Geschichte schon unzählige Male erzählt, aber sie ist eben doch  faszinierend genug, um noch ein weiteres Mal erzählt zu werden: Die Geschichte von diesem Käfig, in dem so viele Jungs und Mädels kickten, in dem sich so viele von ihnen diese  einzigartige Technik aneigneten und ihrer Fußball-Instinkte entwickelten, wie man sie vermutlich nur schwer in einer professionellen Fußball-Ausbildungsakademie eines Brausekonzerns erlernen kann. Natürlich haben die Boateng-Brüder schon oft darüber berichten müssen, wie sie hier bei Wind und Wetter bis spät in die Nacht Fußball spielten.  Wie sie sich einen Besen in der benachbarten Autowerksatt borgten,  um die Pfützen auf dem Platz auszufegen, wenn es mal wieder in Strömen regnete. Und  wie sie sich abends die kleinen Steinchen aus den Knien kratzen mussten oder  wie George Boateng ein paar Baustellenlampen klaute, damit sie wenigstens ein bisschen Licht hatten, wenn sie hier teilweise bis nach Mitternacht kickten. Und wenn schon alle anderen Jungs nach Hause mussten, waren Kevin-Prince und George Boateng immer noch da und spielten. Zur Not Eins-Gegen-Eins.  Sie spielten hier im Käfig nach ihren eigenen Regeln. So waren oft nur zwei Ballberührungen erlaubt und die Boatengs nahmen sich oft  vor  nur mit ihrem  schwächeren Fuß zu spielen. Irgendwann sollen die Jungs, die hier kickten, mal so genervt davon gewesen sein, dass der Ball dauernd über die hohen Zäune geflogen ist, dass sie alle zusammenlegten und für 130 Mark ein Netz im Baumarkt kauften und dies über den Fußballkäfig spannten, so dass der Ball nach oben nicht mehr aus dem Käfig entweichen konnte. Dieses Netz hängt noch heute da. Und dieses Netz ist ein Alleinstellungsmerkmal dieses Käfigs. Damit unterscheidet er sich von den vielen anderen Käfigen im Wedding.

Der Großstadtlärm ist hier an der Panke zwar hörbar, scheint  aber ein ganzes Stück weit weg zu sein. Auf den ersten Blick wirkt es hier geradezu beschaulich. Bei genauerem Hinsehen fallen aber auch  die im Gebüsch liegenden Schlafsäcke und Isomatten sowie die Müllberge auf, die darauf hinweisen, dass diese grüne Oase offenbar auch von Obdachlosen als Übernachtungsstädte genutzt wird. Man wird also trotz der entspannten Spätsommeratmosphäre im Grünen gleich wieder damit konfrontiert, dass hier nicht alles Eitel-Sonnenschein ist und dass man sich mitten im Brennpunkt-Kiez befindet. Nach Aussagen der Boateng-Brüder gilt die kleine Anlage an der Panke zudem als Drogenumschlagplatz und als Junkie-Treffpunkt.  Ein Mann, dessen Alter man nur schwer einschätzen kann – irgendwas zwischen 25 und 50 – schleicht im Park umher und beäugt einen misstrauisch. Aber der Spätsommermorgen ist gerade viel zu angenehm, als das dass man sich davon stören lassen würde. Man denkt also über die Boatengs nach und vor allem natürlich an den Prince, der jetzt im Eintracht-Trikot aufläuft.

Wie gesagt: Den meisten interessierten Fußballfreunden wird die Geschichte der Boateng-Brüder zumindest in groben Zügen bekannt sein. Dennoch kann man sich ja ein paar Eckpunkte noch mal vor Augen führen: Unser Kevin-Prince Boateng wuchs mit seinem älteren Bruder George Boateng und drei weiteren Geschwistern genau hier im Wedding auf. Der aus Ghana stammende Vater, Prince Boateng, verließ die Familie als Kevin-Prince sehr klein war. Fortan wuchsen Kevin-Prince und George also mit ihrer deutschen Mutter und den  Geschwistern  im Wedding auf. Die Mutter von unserem Prince soll übrigens mit dem WM-Helden von 1954, Helmut Rahn, verwandt sein, sodass Kevin-Prince Boateng möglicherweise der Großneffe von Helmut Rahn ist. Dies wiederum scheint eine ausgezeichnete Voraussetzung zu sein, dass sich Prince im Sturm mit unserem neuen Rekord-Transfer-"Helmut" bestens verstehen dürfte.  Mit seiner neuen Partnerin wurde jedenfalls der Vater Prince Boateng kurze Zeit später Vater von Jérôme Boateng, der  – im Vergleich zum Wedding – im recht beschaulichen Wilmersdorf aufwuchs. Die Brüder George und Kevin-Prince hatten in den Folgejahren keinen Kontakt zu ihrem Vater und auch ihren Halbbruder Jérôme, dem heutigen Bayern-Innenverteidiger und deutschen Nationalspieler, lernten sie erst Jahre  später kennen.

Wenn man dort so auf der Parkbank, wenige Meter vom boatengschen Fußballkäfig entfernt sitzt, versucht man sich vorzustellen, wie sich so eine Kindheit in diesem Kiez anfühlen mag. Man tut diese natürlich  im Bewusstsein, dass man sich vermutlich nicht mal im Ansatz realistisch in hier aufwachsende Kinder hereinversetzen kann, wenn man eben nicht hier aufgewachsen ist. Und ganz sicher ist es für Eltern nicht einfach, ihre Kinder in diesem Kiez groß zu ziehen. Hier kommen Kinder und Jugendliche vermutlich schon früher mit bestimmten Dingen des Lebens in Kontakt, als es eigentlich gut für sie wäre.   Hier im Wedding kannst du es als Eltern kaum verhindern, dass das Kind irgendwann in den Brunnen fällt. Das einzige was du als Eltern machen kannst, ist den Kindern vorher das Schwimmen beizubringen.

Nun soll das hier nicht in einem entwicklungspsychologischen oder soziologischen Essay ausarten, aber natürlich liegt es auf der Hand, dass sich die Probleme für Mütter und Väter hier  noch einmal potenzieren, wenn man alleinerziehend ist. Insbesondere als Mutter, die Jungs groß zieht, die von ihrem Vater alleine gelassen wurden, die eine starke männliche Bezugsperson suchen, die ihnen  Orientierung in diesem undurchsichtigen Großstadt-Dschungel bietet. Jungs, die  sich  verlassen und  orientierungslos fühlen, die in sich einen Zorn verspüren und doch auch gleichzeitig ein starkes Verlangen nach familiärem Zusammenhalt und nach Harmonie haben. Jungs, die infolge dieser inneren Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit  schwierige Verhaltensweisen entwickeln, wie z.B.  eine  geringe  Frustrationstoleranz oder  dazu neigen, fast alles  persönlich zu nehmen und sich vor allem eines nicht eingestehen können: Schwäche. Dies alles trifft wohl früher vor allem auf den großen Bruder George zu, aber vermutlich auch in abgemilderter Form auf Kevin-Prince Boateng.

Dass das hier im Wedding als Kind kein Zuckerschlecken ist, haben die Brüder  oft genug betont.   Dass man sich hier früh bestimmte „Überlebensstrategien“ aneignen muss, die man an anderen Orten nicht benötigt, scheint auch klar. Wie schwierig es für heranwachsende Jungs in diesem Schmelztiegel aus verschiedenen Kulturen, Normen und Wertevorstellungen – zusätzlich zu all den innerfamiliären Problemen -  sein mag, kann man nur schwerlich  erahnen.  Denn neben den ganzen Problemen die man hier eh schon hat, muss man sich vermutlich auch auf der Straße behaupten. Hier musst du dir als heranwachsender Junge einen Platz zwischen  all den - vor Testosteron nur so  strotzenden - Jungs mit all ihren Ritualen und Ehrvorstellungen  erkämpfen. Hier muss man genau abwägen, ob man dem gewollten Rempler des Gegenübers lieber ausweicht oder ob man da bewusst mal gegen hält, ob man einem Blickkontakt  standhält oder doch lieber schnell auf den Boden guckt.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur allzu nachvollziehbar, dass sich hier viele  Biographien in diesem  fiesen Dickicht verirren und dass der  Hang zur  Kriminalität und  Gewalt, auch der um sich greifenden  Perspektivlosigkeit geschuldet ist. Und es ist auch nicht sonderlich überraschend, dass nicht viele aus diesem Großstadt-Dickicht wieder herausfinden.

Der Frankfurter Sportjournalist Michael Horeni hat  in seinem Buch „Die Brüder Boateng – Drei deutsche Karrieren“ genau das beleuchtet,  in welcher Zerrissenheit George aber auch Kevin-Prince im Umfeld des Weddings aufwuchsen,   mit einem (Zitat) „imaginären  Vater, der ihnen  die dunkle Hautfarbe und viele Fragen mit auf den Weg gab.“ Obwohl er selbst heillos überfordert und orientierungslos ist, versucht George als großer Bruder die Bezugsperson für Kevin-Prince und später auch für Jérôme zu sein, die er selber so vermisst. George Boateng galt als der talentierteste Kicker der Brüder. Er spielte selbst in der Jugend einige Jahre für Hertha BSC. Wenn man denen Glauben schenken kann, die über George geschrieben haben, dann verhinderten letztlich der fehlende Wille und die fehlende Bereitschaft sich unterzuordnen, eine große Fußball-Karriere.  Hinzu kam, dass das fußballerische Ausbildungssystem in Deutschland Mitte der 1990er Jahre noch im Argen lag und George somit nicht, wie seine Brüder einige Jahre später, vom neu auf die Beine gestellten Ausbildungssystem nach der Katastrophen-EM im Jahr 2000 profitieren konnte.  Der andere berühmte Bruder, Jérôme,  wuchs zunächst ein paar Kilometer entfernt vom Wedding auf. Wie bereits erwähnt, hatten die Brüder aus dem Wedding in den ersten Jahren keinen Kontakt zu ihrem Bruder aus Wilmersdorf. Erst als die Jungs schon allesamt im fußballfähigen Alter waren, war die gegenseitige Neugier aufeinander so groß, dass sie sich kennen lernen wollten. Das Kennenlernen ging offenbar auf die Initiative von George Boateng zurück. Jedenfalls durfte Jérôme  fortan mit seinen Brüdern im Käfig an der Panke Fußball spielen. Dieses raue Pflaster war für Jérôme  zunächst ungewohnt und so soll er manches Mal in Tränen aufgelöst auf dem Beton gestanden haben, was wiederum seine  Brüder fassungslos machte. Die waren es  nicht gewohnt, dass hier einer heult.

Kevin-Prince Boateng soll schon in  jungen Jahren das große Vorbild von Jérôme  gewesen sein. Jérôme  orientierte sich immer an seinem größeren Bruder. Nicht nur beim Fußball. Aber er wollte natürlich auch so gut Fußball spielen können wie er, doch Prince war ihm immer ein paar Schritte voraus. Wenn die Käfig-Jungs etwas besser konnten als Jérôme , soll dieser sich manchmal wochenlang nach Wilmersdorf verzogen und wie besessen trainiert haben. Erst als er die Tricks so gut beherrschte wie die anderen Jungs, soll er zurück in den Käfig im Wedding gekommen sein. Man kann also ohne Übertreibung sagen, dass dieser Jérôme  niemals zum Weltmeister und besten Innenverteidiger der Welt  geworden wäre, wenn er nicht seinen Bruder Prince als  Vorbild gehabt hätte.

Nun soll es an dieser Stelle natürlich weniger um George oder Jérôme Boateng gehen, sondern in erster Linie um unseren Eintracht-Prince. Aber diese Bemerkung sei kurz zu Jérôme  noch erlaubt: Auch ihm haftet ein durch die Medien geprägtes falsches Bild in der Öffentlichkeit an. Denn auch wenn er manchmal etwas komisch spricht, so ist er ein überaus intelligenter und reflektierter Junge. Und eigentlich ist es ein Jammer, dass der Bundes-Jogi nun doch den Torwart zum Nationalmannschaftskapitän gemacht hat und nicht den Verteidiger hier aus dem Käfig. Denn der hätte sicher das Zeug dazu und es  wäre nicht nur für die Jungs hier im Kiez rund um die Panke ein starkes Zeichen gewesen. Aber das ist  eine andere Geschichte.


Und obwohl man es locker  noch ein wenig auf der Parkbank vor dem Fußballkäfig aushalten könnte, will man noch ein wenig mehr von diesem Wedding sehen, als nur diesen berühmten Käfig. Aber bevor man sich aufmacht, möchte man ihn natürlich auch kurz noch einmal betreten, den heiligen Beton. Und so schlüpft man durch den schmalen Zugang im Zaun und steht kurz danach mitten auf dem Rechteck aus Beton, auf dem Prince so viele Stunden seines Lebens zugebracht hat. Und natürlich will man auch hier wieder keinen Star-Kult betreiben, aber für einen kurzen Moment denkt man dann schon: „Krass! Diese paar Quadratmeter sind also der Boden, auf dem Nationalspieler und Weltmeister entstehen können“.  Die Vormittagssonne hat den Beton schon ein bisschen aufgeheizt und er strahlt daher eine angenehme Wärme ab. Die Tore in dem Käfig bestehen tatsächlich nur aus drei Balken; zwei Pfosten und einem – im wahrsten Sinne des Wortes – Querbalken als Latte. Kein Tornetz, kein Torgestell, einfach reduziert auf das nötigste. Sozusagen die erste Bolzplatz-Entwicklungsstufe die auf   zwei als Torpfosten hingelegten Jacken folgt. Anhänger der Stilrichtung des Minimalismus hätten an diesem Käfig vermutlich ihre helle Freude. Und dort, auf diesem Beton, zwischen den beiden geradezu asketisch anmutenden Toren, wird einem wieder bewusst, dass es wirklich nicht viel braucht, um dieses faszinierende Spiel zu betreiben. Dieses einfache und doch so bezaubernde Spiel, welches – zumindest auf der professionellen Ebene  – derzeit von seinen Funktionären  und anderer Gaunern  an allen Ecken und Enden verraten und verkauft wird.  Man könnte noch stundenlang in diesem Käfig stehen und sich Gedanken solcher Art machen. Aber zum einen will man ja eh  weiter und zum anderen ist man sich auch nicht so sicher, wie das die Weddinger Käfigtiger der Gegenwart so finden, also die, die hier heute noch zum Fußballspielen kommen. Da ist man sich nicht so sicher, wie die das finden,  wenn sie in den nächsten Stunden oder Minuten eintreffen und da irgendein Dahergelaufener auf ihrem Platz rumsteht und sich seltsame Gedanken macht. Nicht, dass es da dann erstmal auf die Fresse gibt, denn wie hat   George Boateng die Regeln des Käfig  in seinen Raps beschrieben?  

„Du kriegst paar aufs Maul
Und keiner pfeift Foul.“



Aus diesen Gründen verlassen wir den Fußballkäfig lieber schnell und folgen der eingemauerten und vor sich hin stürzenden  Panke wieder in deren Fließrichtung. Es geht nun noch einige Meter durchs Grüne, man wird ein letztes Mal misstrauisch von dem herumschleichenden Mann begutachtet und  dann erblickt man auf der linken Seite die „Bibliothek am Luisenbad“. Die Boateng-Brüder sollen diese Bibliothek früher häufig aufgesucht haben, aber nicht um dort ihre Nase in Bücher zu stecken, sondern vor allem, wenn sie mal eine Toilette benötigten.  Und auch wenn das hier alles an diesem Morgen sehr beschaulich und kein bisschen gefährlich wirkt so kommt man doch auf den Gedanken, ob diese Bibliothek in den Mauern der alten Badeanstalt  hier vielleicht so eine Art Trutzburg der Hochkultur mitten im Brennpunkt ist.  Aber die Zeit reicht nicht aus, um solche Gedanken auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Wir folgen weiter der Panke. Vor dem  Café Luise werden gerade emsig Biertische und orangefarbenen Liegestühle mit der Werbe-Innschrift für Schöfferhofer-Weißbier aufgestellt. Beach-Club-Atmosphäre am Panke-Ufer. Im weiteren Tagesverlauf kann man hier offenbar Eisspezialitäten  genießen, sofern einem die jetzt schon herumschwirrenden Wespen diese Freude nicht verderben. Oder aber  man kann kühles Hefe-Weizen zu sich nehmen und der Panke beim vor sich hin fließen zusehen. In diesem Moment zugegebenermaßen auch ein verlockender Gedanke, aber noch haben wir ja zu tun hier im Wedding. Wir wollen da noch ein bisschen bei halbwegs klarem Kopf umherfallen, wo Kevin-Prince Boateng seine ersten Lebensjahre verbrachte. Direkt nach dem „Café Luise“ trifft man auf die viel befahrene Badstraße, die hier auf einer Brücke die Panke kreuzt. Wenn man nun die Panke überquert, dann hat man es nicht mehr allzu weit bis zu dem Haus, in dem Prince früher mit seiner Familie wohnte. Es ist so ein Haus von der Sorte, die ein bisschen an  ein verirrtes Raumschiff erinnern, welches hier ausversehen  gelandet ist. Betonfassade, unzählige Balkons, an denen große Satellitenschüsseln angebracht sind, um offenbar  TV-Signale aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt einzufangen. Vor dem Eingang des Hauses riecht es an diesem Morgen ehrlich gesagt etwas nach Pisse. Im Eingangsbereich wurde umfangreich mit Edding und  Sprühdosen getaggt.  Nun muss man jemanden, der in Frankfurt  lebt nicht lange erklären was Fluglärm ist. Aber wenn  es irgendwo jemanden geben sollte, der mit diesem Begriff nix anzufangen weiß, dann  könnte man ihn getrost bei Ostwind vor das ehemalige Haus der Boatengs stellen. Dort brettern an diesem Morgen im Minutentackt die startenden Maschinen von Eurowings, Lufthansa, wenige von Air Berlin, KLM und wie sie alle heißen in geringer Höhe über den Wedding und verursachen dabei das, was man als extremen Fluglärm bezeichnet. Fast ein wenig kurios wirken vor dieser Kulisse die zahlreichen Wahlplakate mit der Aufschrift „Tegelretter“, die die FDP an den Straßenlaternen der Straße  sehr umfangreich  angebracht hat.

Wirklich lange wollen wir uns hier aber eh nicht aufhalten, denn es gibt sicher noch viel zu entdecken. Und so kehren wir um und überqueren erneut die Panke und folgen der Badstraße in östlicher Richtung. Auf der Straße und vor allem neben der Straße herrscht eine entspannte Betriebsamkeit.  Obst- und Gemüsehändler legen ihre Ware aus, in den zahlreichen Grill-Imbissen, die sich hier aneinander reihen, werden geschickt üppige Fleisch-Spieße in die dafür vorgesehenen Grill-Vorrichtungen eingehängt,  Stehtische werden gewischt, Klappstühle aufgestellt, Friseure fegen ihre Läden aus, die Jungs von der BSR kippen routiniert Mülltonnen in ihre Müllwagen.  Baustellenlärm bezeugt, dass die Arbeiter dort schon fleißig sind und zwei Jungs – vielleicht irgendwas zwischen 12 und 14 Jahre alt – bespritzen sich an so einem öffentlich aufgestellten Trinkbrunnen vor dem U-Bahnhof Pankstraße ergiebig  mit Wasser und beschimpfen sich dabei lachend mit liebevollen Begriffen wie „Ey du Bastard“ oder einfach nur „Missgeburt“.  Zwei etwas jüngere Kinder teilen sich auf einer Bank einen Yum-Yum-Nudelsnack, den sie natürlich nicht nach Packungsanleitung mit heißem Wasser übergießen, sondern einfach trocken weg naschen. Kurze Zeit denkt man darüber nach, ob diese Jungs, die hier solchen Schabernack mit dem Wasser aus dem Trinkbrunnen betreiben und sich trockene Yum-Yum-Nudeln teilen zu dieser Zeit nicht eigentlich in der Schule sein müssten. Gleichzeitig  fühlt man sich plötzlich ziemlich  alt, wenn man sowas denkt und verwirft diesen Gedanken schnell.  Es ist auf jeden Fall ein reges, buntes Treiben hier im Wedding, dem man gerne zuschaut. Vor allem, wenn man selber frei hat und keinen Termindruck oder sonstige Verpflichtungen hat. Die Atmosphäre ist entspannt und freundlich. Man kann an diesem Morgen kaum glauben, dass dieser Wedding auch diese gemeine und ekelhafte Seite haben kann. Aber die großen Wedding-Dramen spielen sich vermutlich nicht um diese Uhrzeit und vermutlich auch nicht vorne an der Häuserfassade der Badstraße ab, sondern eher in diesen dunklen Hinterhöfen auf die man durch zwielichtige Durchgänge gelangt. Oder eben  in den wie fehlgeleitete  Raumschiffe wirkende Wohnblocks.

Und an der Ecke Badstraße-Pankstraße/Prinzenallee steht man dann wieder diesem überdimensionalen Gemälde gegenüber, welches die drei Boateng-Brüder abbildet  und das bezeugt, dass die drei „Gewachsen auf Beton“ sind.  Und man denkt natürlich darüber nach, wie geil das ist, dass einer der drei nun in Frankfurt lebt und für die Eintracht spielt.

Der Legende nach hat ein ehemaliger Eintracht-Spieler Kevin-Prince Boateng schon in frühester Kindheit geprägt. Die Jungs im Fußballkäfig spielten besonders gerne „den Okocha“. Gemeint war damit der alte  Jay-Jay-Trick,  bei dem er den Ball von hinten mit der Hacke über sich selbst und den nächsten Gegenspieler lupfte.  Angeblich beherrschte Prince diesen Trick bereits mit 7 Jahren perfekt und zwar mit Gummistiefeln an den Füßen. Ein Jugendtrainer von der Hertha wurde Zeuge dieses Spektakels und nahm ihn daraufhin mit zum Training. So spielte Prince eine Saison für die Hertha-Jugend.   Nach einem Jahr  bei Hertha wechselte er zu den Reinickendorfer Füchsen, die zu dieser Zeit die beste Jugendarbeit in Berlin leisteten. Hier wurden  schon immer talentierte Fußballer aus ganz Berlin weiterentwickelt. Stellvertretend seien  hier mal die Namen „Icke“ Häßler, Zecke Neuendorf, Änis Ben-Hatira oder auch ein gewisser Benjamin Köhler genannt. Bei den Reinickendorfer Füchsen traf  Prince in seinem Jahrgang auf zahlreiche talentierte Jungs, die ebenfalls in den Käfigen des Weddings groß wurden. Er spielte bereits damals in einer Mannschaft mit Jungs wie Chinedu Ede,  Änis Ben-Hatira (der ja später großen Anteil am Eintracht-Klassenerhalt 2016 hatte),  Ashkan Dejagah, oder auch Zafer Yelen (der in Bornheim nicht ganz unbekannt sein dürfte).  Sein  damalige Jugendtrainer Hoy Ettisch sagte  in dem Buch von Michael Horenie über die damalige Mannschaft von Prince bei den Reinickendorfer Füchsen: „Wir haben damals Fußball gespielt, wie ich es in der Altersklasse seitdem nicht mehr erlebt habe. Es war vielleicht die beste E-Jugend-Mannschaft, die es in Deutschland je gegeben hat“.   Die Reinickendorfer Füchse waren damals in Sachen Jugendarbeit so manchem Bundesligisten um Jahre voraus. Jedenfalls räumten sie im Jugendbereich fast alle Berliner Titel ab. Dies veranlasste nun die Hertha, nach ihrem Wiederaufstieg in die Bundesliga 1997, nicht nur zahlreiche Jugendspieler, inklusive Prince, sondern auch viele Jugendtrainer von den Füchsen aus Reinickendorf abzuwerben. Somit hatte Prince das Glück, dass er unter seinem aus Reinickendorf bekannten Trainer Frank Friedrichs bei der Hertha weiter trainieren konnte. Die Jugendarbeit der Hertha war zur damaligen Zeit völlig unstrukturiert und unprofessionell. Das war jedoch zu dieser Zeit kein Alleinstellungsmerkmal unter deutschen Profi-Vereinen. Fußball-Deutschland verließ sich noch darauf, dass  sich Talente von alleine entwickelten und eh immer in rauen Mengen zur Verfügung stehen würden. Schließlich hatte „der Kaiser“ einige Jahre  zuvor verkündet, Deutschland sei „auf Jahre unschlagbar“ und immerhin war Deutschland damals auch noch amtierender Europameister und zwei der damals  noch drei zu vergebenden Europapokale waren kürzlich in den Ruhrpott gegangen.  Die Jugendabteilungen vieler Profi-Vereine dümpelte also vor sich hin und konnte keine Bedingungen bereitstellen, um etwa solch talentierte Fußballer wie den große Bruder von Prince  zu fördern. Hertha hatte nicht einmal genügend Trainingsplätze, um alle ihre Jugendmannschaften trainieren zu lassen. So war bei den Jugendtrainern oft Kreativität und Improvisationsgeist gefragt. Phasenweise steckten sie sogar im Schillerpark im Wedding auf der großen Wiese ein Spielfeld ab und ließen die Jugendmannschaft von Prince dort zwischen Hundescheiße trainieren. Spätestens an dieser Stelle werden dem aufmerksamen Leser dann die Parallelen zu den Kovac-Brüdern auffallen, denn wie wir seit unserem letzten Wedding-Trip wissen, spielten genau auf dieser Wiese die Kovac-Jungs in ihrer Kindheit Fußball.

Es wird berichtet, dass Prince in all seinen Jugendmannschaften der talentierteste und beste Spieler seines Jahrgangs war - und zwar mit Abstand. Aber er war nicht nur fußballerisch hoch-begabt sondern galt auch in anderen Sportarten sowie beim Tanz und in der Musik als sehr veranlagt.  Es ist überliefert, dass sein damaliger Grundschullehrer Prince einmal in einem Völkerball ähnlichen Abwurf-Spiel alleine gegen die ganze Klasse antreten ließ. Und natürlich gewann Prince.  Prince hält angeblich bis heute den Schulrekord im Weit- und Hochsprung an seiner ehemaligen Grundschule. In einem „Michael-Jackson-Projekt“ der  Grundschule, soll niemand den „Moonwalk“ so gut performt   haben, wie Kevin-Prince Boateng. Und wenn man sich die Bilder der Meisterschaftsfeier mit dem AC Mailand von 2011 aus dem Giuseppe-Meazza-Stadion ansieht, dann weiß man warum.

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- Fortsetzung -

Da wir nun schon einmal wegen dem Prince im Wedding unterwegs sind, biegen wir logischerweise auch noch mal in die Prinzenallee ein. Auch hier wieder  zahlreiche Grill-Imbisse. Dazwischen  Wettbüros. Besonders beliebt scheint die Kombination aus Sportwetten-Bar und Shisha-Bar zu sein. Zudem gibt es vereinzelt noch  bulgarische Supermärkte und algerische Fleischereien, wo man Delikatessen wie Lammköpfe, Hammelhoden oder ganze Schafhälften erwerben kann. An vielen Ecken riecht es hier schon morgens um diese Uhrzeit, also so kurz nach 10, nach Gras. Viel öfter riecht es jedoch nach Hundekacke. Überall stehen geschäftige junge Männer auf der Straße und telefonieren angeregt mit ihrem Mobiltelefon. Man hört alle möglichen Sprachen, Deutsch ist eher  selten darunter. Wenn sich bekannte junge Männer auf der Straße begegnen, begrüßen sie sich mit aufwendigen Abklatsch-Ritualen. Baseball-Caps, Eastpack-Bauchtasche und sportliche Hosen sind bei den männlichen Leuten beliebt. Frauen tragen vermehrt  Kopftuch. Zwischen all den Spielhallen und Spätkäufen  trifft man dann tatsächlich auch noch auf das „Café Prince“, welches man natürlich sofort als sicheren Hinweis auf unseren Prince  deutet. Und immer wieder donnern die startenden Maschinen von TXL  über die Köpfe. Man geht die Prinz(c)enallee also einmal in nördlicher Richtung rauf bis zur Stephanuskirche und kehrt dann auf der anderen Straßenseite in südlicher Richtung zurück und lässt die Eindrücke auf sich wirken.

Vor einem Friseur-Laden, der  Coiffeur Ziya heißt, bleibt man stehen. Man beobachtet zunächst von außen, was dort so vor sich geht. Vor allem sind es angeregte Unterhaltungen unter Männern, die da drinnen und auch vor dem Laden vor sich gehen. Man versteht zwar kein Wort aber ist trotzdem fasziniert von der Intensität, in der sich die Leute unterhalten. Einige  scheinen es hinzubekommen, gleichzeitig mit Leuten in dem Laden zu reden und nebenbei noch zu telefonieren. Vor dem Laden sitzen ein paar ältere Männer und kauen auf Sonnenblumenkernen.  Und während man dieses angeregte Setting beobachtet studiert man das Angebot, welches in unterschiedlichen Sprachen an der Wand vor dem Laden angebracht ist. Haarschnitt 8 €, Rasur 5€, Modellrasur 7€, Rasur und Gesichtspflege 15€. Ein sehr verlockendes Angebot, vor allem, wenn  man sich gerade etwas  stoppelig im Gesicht anfühlt. Und doch zögert man, den Laden zu betreten. Man überlegt kurz, ob die Leute drinnen das in Ordnung fänden, wenn man da einfach rein kommt und sie auf Deutsch anquatscht, da man der Sprachen nicht mächtig ist, die dort gerade gesprochen werden. Man wäre jedenfalls der einzige, ohne Migrationshintergrund in dem Laden.  Man zögert kurz und sagt sich dann aber: „Warum eigentlich nicht? Prince würde sich schließlich auch in den Laden trauen.“  Ein bisschen Nervenkitzel ist schon  dabei. Man betritt den Friseurladen also und fragt fast etwas schüchtern, ob die Leute  Zeit für eine Rasur mit Gesichtspflege haben. Die sehr freundliche Begrüßung lässt die Unsicherheit schwinden  und man bekommt den einzigen freien Platz zugewiesen. Wie selbstverständlich bekommt man einen türkischen Tee hingestellt. Dieser Brauch ist einem noch   vom letzten Wedding-Ausflug im November in Erinnerung. Dieser türkische Schwarztee scheint so eine Art Lebenselixier des Weddings zu sein. Überall, wo die Leute einen willkommen heißen und wo sie es gut mit einem meinen, bekommt man diesen Tee hingestellt. Ein schöner Brauch.

Und dann muss man in Mitten dieses Stimmengewirrs aus Sprachen die man nicht kennt und einer akustischen Beschallung aus den Boxen mit türkischer Musik erst einmal warten. Man kommt sich vor wie in einer anderen, aufregenden Welt. Und  dann schweifen die Gedanken während des Wartens doch wieder zu unserem Prince aus dem Wedding.

Wenn man sich mit Kevin-Prince Boateng ein bisschen näher befasst, dann fällt eines sehr schnell auf: Alle Menschen, die ihn persönlich gut kennen, zeichnen in ihren Erzählungen ein Bild von ihm, dass so gar nicht mit diesem rüpelhaften Ghetto-Treter-Image zusammenpasst, welches  vor allem die deutschen   Medien ihm verpasst haben. Sei  es sein ehemaliger Grundschullehrer, seine Jugendtrainer oder auch spätere Bezugspersonen, Mannschaftskollegen und Trainer; Jürgen Klopp sei hier mal stellvertretend aufgeführt. Und nicht zuletzt unser Cheftrainer Niko Kovac.  Klopp sagte z.B. über Prince während seiner Dortmunder Zeit Sachen wie diese: „Ich finde es lächerlich und es nervt mich, wenn Kevin unterstellt wird, dass er absichtlich Foul spielt. Der Junge will Zweikämpfe gewinnen, mehr nicht.“ Zudem wehrte sich  Klopp schon damals vehement gegen das Image, welches die Medien Prince anhängen wollten: „Wir alle wissen, dass er derzeit kein besonders gutes Image hat. Doch das reicht offenbar aus, um ihn aufgrund seiner aggressiven Spielweise zum Treter abzustempeln (…) Er ist sicherlich ab und zu übermotiviert, aber deswegen ist er noch lange kein schlechter Mensch.“  Alle, die näher mit Kevin-Prince zu tun hatten beschreiben ihn als freundlichen, angenehmen und sehr umgänglichen Menschen. Da hört man nix von einem  schwierigen Egomanen, der sich nicht unterordnen kann und eine Bedrohung für das Binnenklima einer Mannschaft sein soll. Sein Grundschullehrer, zu dem Prince übrigens immer noch Kontakt hält, beschreibt ihn als „höflich, zuvorkommend, respektvoll und hilfsbereit“ und er soll stets „gute Laune ausgestrahlt“ haben.  Zudem war er demnach  nie in Schlägereien verwickelt und es gab von ihm „kein Macho-Gehabe, keine Gangsterposen, keine Ghettosprüche“. Auch sein ehemaliger Jugendtrainer Frank Friedrichs, zudem Prince ebenfalls bis heute Kontakt hält, beschreibt ihn als „zuverlässig und pünktlich“ ebenso  sei er schon früh „ein helles Köpfchen“ und dazu auch sonst sehr liebenswert gewesen. Prince kam immerhin bereits mit 9 Jahren selbstständig   mit der U-Bahn alleine zum Training und zu den Spielen. Er musste schon viel früher alles für sich selber organisieren, zu Zeiten, wo Mannschaftskollegen noch von ihren Eltern mit dem Auto zum Training gebracht und wieder abgeholt wurden und am Wochenende zu den Spielen begleitet wurden.

Aber natürlich verlief auch die Entwicklung von Prince nicht immer stromlinienförmig. Schwierigkeiten sollen sich ergeben haben, als Prince  in der Pubertät altersbedingt einige männliche Bezugspersonen, wie sein Grundschullehrer oder sein langjähriger Jugendtrainer Frank Friedrichs wegfielen. Auch sein Bruder George sagt über diese Zeit, dass er Prince damals das ein oder andere Mal ins Gewissen reden musste, dass dieser sein Talent nicht weg schmeißen soll, wie er (George) es selber zuvor gemacht hatte. Der starke Wille von Prince führte aber dazu, dass er auch diese Zeit überstand und weiter an seiner Fußball-Laufbahn arbeitet.

Und ein trauriger Fakt, der  sich von der Jugend an  durch seine Fußball-Karriere  zieht, ist die Tatsache, dass er auf dem Fußballplatz rassistisch beschimpft wird. Nicht nur von Gegenspielern sondern auch von deren Eltern. Es fällt ihm nicht immer leicht, dass alles hin zu nehmen und sich nicht provozieren zu lassen. Vor allem hat er am Spielfeldrand, beispielsweis  auf den Sportplätzen in Weißensee, Marzahn oder Hellersdorf keinen Vater, der ihm zuschaut und ihn auch mal beruhigen kann. Prince sagte damals: „Im Osten ist es manchmal schon krass.“ Er hat niemand, der ihn in solchen Momenten die Wut nimmt, beruhigend auf ihn einwirkt und ihn tröstet.  Und vor allem hat er noch nicht die Lobby und die Aufmerksamkeit wie er sie am 3. Januar 2013 in Busto Arsizio hatte, als er nach wiederholten rassistischen Anfeindungen den Ball in Richtung Tribüne ballerte und die Milan-Mannschaft mit ihm geschlossen das Spielfeld verließ. Nein, Prince  spielt zu dieser Zeit noch in der Jugendmannschaft von Hertha und muss das alles irgendwie über sich ergehen lassen, ohne selber durchzudrehen.

Und er spielt  mit hochbegabten Fußballern zusammen, die sein Bruder Jérôme einmal als „die Verrückten“ bezeichnet hat. Spieler wie Ashkan Dejagah, Sejad Salhiovic oder  Patrick Ebert. Allesamt hochveranlagte Kicker aber allesamt auch keine stromlinienförmigen Nachwuchstalente vom Schlage eines  Fipsi  Lahms. Durchaus herausfordernde Charaktere. Es gibt die Legende, dass sie damals eine Oberliga-Mannschaft (also 1. Herren) in einer Soccer-Hall herausforderten. Diese Oberliga-Mannschaft soll voller Siegesgewissheit gegen die jungen Hüpfer eingewilligt haben – es wurde wohl um die Platzmiete gespielt – jedenfalls  wurde anschließend die gestandene Oberliga-Mannschaft von Prince  und seinen „Verrückten“ nach Strich und Faden auseinandergenommen und deutlich besiegt. Und  auch in dieser Truppe  war Prince  natürlich der herausragende Spieler. Er durchläuft daher   folgerichtig alle Jugendnationalmannschaften des DFB. Insgesamt trägt er in den Nachwuchsmannschaften 41 mal das Trikot von Deutschland. Und er macht Erfahrungen, die viele deutsche Nachwuchsnationalspieler mit Migrationshintergrund zu dieser Zeit machen. Sie werden missverstanden und nicht vollumfänglich akzeptiert.  Eine Anekdote, die ebenfalls von Michael Horeni stammt: Vor einem U15 Länderspiel  Deutschland gegen  Österreich fragt ein  Reporter Prince, was er fühlt vor dem Spiel. Prince  antwortet: „Stolz, aber ein bisschen bin ich ja auch Ghanaer.“  Der Reporter findet, dass er sich nicht sicher ist ob er Deutscher ist.  Der Trainer von Prince entgegnet aber, man müsse sich nicht wundern über diese Zweifel. Der Reporter fragt „Warum?“ und der Trainer antwortet:  „Weil er auf dem Platz als Neger beschimpft wird und Sachen wie ‚Geh dahin wo du her kommst‘ hört“.

 
Im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft der B-Jugend im Jahre 2003 treffen die verrückten Hertha-Jungs um Prince, Ebert und Dejagah auf die B-Jugend des VFB Stuttgart, der  u.a. mit Sami Khedira  und Andreas Beck antritt. Hertha fertigt Stuttgart mit 4:1 ab, überragender Spieler auf dem Platz ist Kevin-Prince Boateng.  Und wieder bewundert Jérôme seinen großen Bruder.  Es ist zur damaligen Zeit der Traum von Kevin-Prince  und Jérôme Boateng, einmal gemeinsam in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen. Niemand ahnt damals, dass Prince der einzige Spieler sein wird, der zweimal die  Fritz-Walter-Medaille des DFB erhält und doch niemals deutscher A-Nationalspieler werden wird. 2005 erhält Prince  diese  Fritz-Walter-Medaille bei der U18 in Bronze und ein Jahr später bei der U19 die gleiche Ehrung in Gold. Zudem wird sein Treffer im U19-Länderspiel gegen Griechenland zum Tor des Monats im Juli 2005 gewählt.


Somit steht  Prince  natürlich  2009 in der Vorbereitung auf die EM im Aufgebot der Deutschen U21, die in Schweden einige Wochen später den Titel gewinnen sollte. Jene U21, die mit ihren Spielern Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil Jahre später das Grundgerüst der Weltmeistermannschaft von 2014 bilden wird. Außerdem  standen damals 2009 neben Prince  auch noch die talentierten Wedding-Kicker Ashkan Djagah,  Änis Ben-Hatira und Chinedu Ede im DFB-Aufgebot. Kurz vor dem Turnier kommt es im Trainingslager zu einem Zwischenfall, in dessen Folge Prince  aus der Mannschaft fliegt. Was wirklich passierte, ist unklar. Einige Spieler sollen sich aus dem Trainingslager entfernt haben und in einer Kneipe getrunken haben. Es kommt offenbar zu einem Streit mit anderen Gästen, Prince – der im Wedding gelernt hat, mit heiklen Situationen umzugehen - vermittelt im Streit und bestellt Taxis, mit denen er seine Mannschaftskollegen  ins Trainingscamp zurück schickt. Dann steht aber kein Taxi mehr zur Verfügung, mit dem er selber zurückfahren kann. Er muss ewig  auf ein freies Taxi warten und kommt somit  über eine Stunde nach seinen Mannschaftskollegen zurück ins Team-Hotel. Nachdem Horst Hrubesch, der Prince eigentlich wertschätzt,  am nächsten Tag den Rauswurf vor der Presse verkündet sagt er: „Ich habe bei vielen Sachen im Leben immer ein lachendes und ein weinendes Auge. Aber bei dieser Sache habe ich nur zwei weinende Augen.“  Bis heute halten sich Gerüchte, dass einige Mitspieler den Trainer zu dem Rauswurf gedrängt haben sollen, da sie in Prince  einen Konkurrenten sahen, an dem sie nicht vorbei kamen. Es ist das Ende, einer von zahlreichen Missverständnissen geprägten  Beziehung zwischen dem  DFB und Kevin-Prince Boateng. Der DFB hatte die Tür für einen der talentiertesten Spieler seines Jahrgangs für immer zugeschlagen und für Prince  platzte endgültig der Traum, gemeinsam mit seinem Bruder für Deutschland spielen zu dürfen.


Kurze Zeit später erklärte er, dass er künftig für das Land seines Vaters, Ghana, antreten werde. Die Medien nahmen dies zum Anlass, um ihre Geschichte vom „guten“ und vom „bösen“   Boateng  weiter zu spinnen. Auf der einen Seite der fleißige, disziplinierte und ruhige Jérôme, der für Deutschland spielt und auf der anderen Seite, der Treter, der Durchgeknallte aus dem Wedding, der künftig für Ghana auflaufen wird. Befeuert wurde das Ganze von Aussagen, verschiedener Fußballfunktionäre, die sich nicht zu schade waren, vernichtende Urteile zu fällen. Ein Matthias Sammer lässt sich – ohne dass er Prince  persönlich kennt(!) – zu folgender Aussage hinreißen: „Die wesentliche Aussage bei der Leistungsvoraussetzung ist die Persönlichkeit. Ich sehe Jérôme als leistungsorientierten, konzentrierten, disziplinierten Spieler. Er erfüllt die Leistungsvoraussetzungen. Sein Bruder eben nicht. Gerade beim wesentlichen Punkt Persönlichkeit, da kann seine Entwicklung nicht mit der von Jérôme mithalten.“ Bam! Dieses Zitat muss Prince  wie ein Faustschlag getroffen haben. Und zusätzlich das Gefühl befeuert haben, der DFB wolle einen Keil zwischen ihn und seinen Bruder, der sich immer an ihm orientiert hatte, treiben.  Und auch andere viel gefragte, aber wenig intelligente  Fußballprominenz fühlt sich bemüßigt, ein Mainstream-Bild von Prince zu zeichnen, was ihm nicht gerecht wird. Alle waren sich einig, dass dieser Prince  „absichtlich foulte“ (Olaf Thon),  „der Fiesling der Bundesliga“ sei (Lothar Matthäus), oder dass  „dieser Fußballer nicht sozialisierbar“ (Marcel Reif) sei. Und Beckenbauer äußerte: „Ich weiß nicht was in dem Kopf eines solchen Spielers vor sich geht.“  Wieder ist es Jürgen Klopp – einer der wenigen, der Prince persönlich kennt – der sich gegen die Kampagne stellt und  für Prince in den Ring steigt: „Kevin-Prince wird zwar nie ein Mönch, aber er ist vernünftig und hat das Recht vernünftig behandelt zu werden. Nur weil er zwei Stunden länger als Kind auf der Straße verbracht hat, ist er jetzt nicht schlimmer als seine Kritiker.“ Aber diese Worte von Klopp verhallen ungehört. Fußball-Deutschland ist sich einig, das Bild vom „RAMBOateng“ (Bild-Zeitung) ist längst in Stein gemeißelt.


Aus diesen Gedanken zur Vergangenheit von Prince  wird man im Wedding schlagartig  gerissen, da einer der Mitarbeiter des Coiffeur Ziya in der Princenallee  signalisiert, nun bereit für die Rasur zu sein. Er klopft einem auf die Schulter und fragt: „Na mein Freund, vertraust du mir?“ während er im nächsten Moment eine lange  Klinge auf den Tisch legt und lächelt. Man fragt sich noch kurz gegenseitig, wie man heißt und schon legt Mustafa, der Barbier von der Princenallee los. Es wäre sicher ein leichtes, mit Mustafa in ein Gespräch über Fußball zu kommen. Eine aufgehängte grün-gelbe Fahne von Şanlıurfaspor, einem türkischen Fußballverein aus der 3. Liga, bezeugt zumindest ein gemeinsames Interesse. Aber da man heute nicht wieder, wie auf dem letzten Wedding-Trip,  als "Groupie" bezeichnet werden will, vermeidet man ein Gespräch über Fußball und erst recht über Kevin-Prince Boateng. Mit einem angenehm weichen Pinsel trägt Mustafa einen sehr feinporigen Schaum auf das Gesicht und den Hals auf. Und dann geht es wieder los mit dem Nervenkitzel. Mustafa übergießt seine Rasierklinge mit einer Flüssigkeit und fackelt mit einem großen Feuerzeug an ihr entlang. Man fragt sich, warum er das macht, traut sich aber nicht zu fragen  - jetzt besser kein falsches Wort -  erklärt es sich selbst kurzerhand mit einer Desinfektion der Klinge. Und dann geht es los. Routiniert setzt Mustafa die Klinge an, er beginnt unter der Nase, vermutlich so als Warm-Up.  Die geschickten Bewegungen lassen einen dann doch Vertrauen schöpfen. Heikel wird es aber wieder, als Mustafa sich den Hals vornimmt. Als man im wahrsten Sinne des Wortes die große Klinge an der Kehle spürt. Nun schießen einem dann doch Gedanken durch den Kopf wie: „Jetzt bloß die Fresse halten“ oder „Hoffentlich findet Mustafa einen  einigermaßen ok“.  Und trotz all dem Nervenkitzel fühlt es sich   angenehm an, was er  da mit der scharfen Klinge macht. Nachdem man nun diesen Nervenkitzel tatsächlich wohlbehalten überstanden hat, und Mustafa alle Barthaare gekonnt entfernt hat, legt er einem ein warmes, nasses Tuch auf das  Gesicht, welches angenehm nach Minze oder irgend so was ähnlichem riecht. In jedem Falle sehr wohltuend. In der Zwischenzeit verknotet Mustafa mit seinen Zähnen und seinen Fingern in einer aufwendigen Prozedur einen sehr langen, dünnen Faden. Und während man sich noch fragt, was Mustafa nun vor hat, beginnt er auch schon, mit dem zwischen den Händen verwickelten Faden, Haare aus dem Gesicht zu entfernen, an Stellen, von denen man bislang gar nicht wusste, dass dort Haare wachsen. Das leichte Ziepen im Gesicht ist aber ein unweigerlicher Beweis, dass es dort sowas wie Haare geben muss. Und dann folgt auch schon der nächste Nervenkitzel. Nachdem Mustafa den Faden aus den Fingern entknotet hat, taucht er ein überdimensionales Wattestäbchen in eine Flüssigkeit und zündet es  mit einem Feuerzeug an.  Kurzzeitig überlegt  man, ob Mustafa einem nun doch übel mitspielen will, denn er macht sich daran, dieses brennende Wattestäbchen mit schnellen Bewegungen am Ohr entlang zu führen. Widererwartend verspürt man aber keinen Schmerz und Mustafa erklärt, dass durch diesen Vorgang alle Haare auf  und im Ohr entfernt werden.  Nun spült er einem noch routiniert das Gesicht mit lauwarmem Wasser ab und dann ist die Rasur mit Gesichtspflege auch schon beendet. Man bedankt sich herzlich, zahlt mit ordentlichem Trinkgeld und als man zurück auf die Pricenallee tritt, fühlt man sich wie neu geboren. Selten fühlte man sich sauberer und gepflegter im Gesicht. Und man fragt sich in diesem Moment, warum die ganzen gestressten Berliner dauernd in irgendwelche Wellnesstempel im Spreewald, am Scharmützelsee oder in der Ruppiner Seenplatte fahren, wenn sie doch die beste Wellness  direkt vor der Haustür haben.


Bislang ist  dieser Tag im Wedding jedenfalls wiedererwartend ein  Urlaubstag wie er im Buche steht: Gutes Wetter, entspanntes Verweilen im Grünen an einem wilden Gewässer, Abenteuer, ein bisschen Nervenkitzel und dazu auch noch Wellness-Behandlung vom feinsten. Kurzzeitig überlegt man gar, ob es sich lohnen würde, auf professioneller Ebene Wellness-Trips  in den Wedding zu vermarkten. Und doch ist man sich auch im Überschwang dieser Gefühle schnell bewusst, dass man sowas vielleicht besser nicht machen sollte, da es vermutlich irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber wäre, die hier täglich ums Überleben oder zumindest aber um ihr Auskommen und ein bisschen Glück kämpfen müssen. Das ist hier ja schließlich nicht Disney-World.


Was zu essen wäre jedenfalls gut, denn die Zeit ist wie im Fluge vergangen und die Uhrzeiger peilen inzwischen Highnoon an. Und was zum Essen  sollte doch zwischen den ganzen Grills hier nun wirklich zu finden sein. Es fällt einem richtig schwer, eine Wahl zu treffen. Mit dem veganen Berlin, wo diese ganzen Projekteltern ihre Soja-Latte schlürfen, und sich dabei über Lotus-Geburten, diverse Globuli und gesunde Kita-Ernährung unterhalten, hat der Wedding hier jedenfalls nicht so viel Gemeinsamkeiten, zum Glück. Und so läuft man die ganze Princenallee noch mal bis zu dem großen Boateng-Wandbild am U-Bahnhof Pankstraße runter und da man sich immer noch nicht entscheiden kann biegt man noch mal  in die Badstraße ein. Und vor einem libanesischen Imbiss weiß man plötzlich, dass man richtig ist. Die Jungs hinter der Theke versuchen sich gerade in einer interessanten Behandlung mit Fäusten und Ellenbogen gegenseitig Verspannungen aus dem Rücken zu vertreiben. Als man den Laden betritt, unterbrechen sie diesen Vorgang und begrüßen einen freundlich. Da man sich nicht zwischen Falafel und Shawarma entscheiden kann und man ja schließlich Urlaub hat, bestellt man kurzerhand einfach beides.  Und da hier nix vorfrittiert  ist und alles frisch zubereitet wird, beginnen die Jungs hinter der Theke mit einer langen Zubereitung. Dies gibt einem Zeit, bei arabischen Klängen aus den kleinen Boxen an der Decke, einen Sitzplatz aufzusuchen und die Gedanken zu ordnen. Auch hier bekommt man wieder ein Glas mit heißem, schwarzem Tee hingestellt. Man kann sich nur wiederholen: Ein toller Brauch! Und so kann man die Gedanken noch mal schweifen lassen.


Man denkt zunächst über den Wedding nach, wie er sich hier draußen vor der Fensterscheibe in der Badstraße präsentiert. Man fragt sich noch mal, ob es nicht irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber ist, dass man sich hier heute so sau-wohl fühlt. Natürlich ist einem bewusst,   dass das Leben hier für die aller meisten Leute nicht einfach ist, sondern eher ein permanenter Kampf. Und den Leuten, die hier diesen täglichen Kampf immer wieder aufs Neue annehmen, um ihr Auskommen zu sichern, mit was auch immer,  gebührt  Respekt. Dass es für einen außenstehenden hier so viel Schönes zu entdecken gibt, soll nicht in Abrede stellen, dass die Menschen es hier schwer haben. Und dass dieser Wedding kein Hort der Glückseligkeit ist, wird hier an vielen Stellen sogar noch offensichtlicher als drüben in der Turiner Straße, dort wo die Kovac-Jungs groß geworden sind. Das ist ein Kiez mit Ecken und Kanten. Einer der seine großen und kleinen Dramen schreibt, bei denen es nichts zu beschönigen gibt.  Und doch sieht man an diesem Tag eben auch viel Schönes. Mag sein, dass die Leute die hier leben, den Blick für das Schöne oft verlieren.  Später, auf der Heimfahrt mit dem Kopfhörer am Ohr  löst George Boateng diesen Wiederspruch schließlich auf, als er einem vor rappt:  

„Und ich sag dir, der Scheiß hat auch schöne Seiten,
doch du kannst sie erst sehen durch getönte Scheiben“


Und während man noch mal einen Schluck von diesem warmen Tee nimmt, denkt man wieder an die Geschichte von Prince. Und natürlich gehört zu dieser Geschichte das Foul, das die Nation erhitzte.

Das Bild von Prince war in der deutschen Öffentlichkeit  wie weiter oben beschrieben, also bereits  vor 2010  gezeichnet. Und alle fühlten sich bestätigt, an dem Tag, als der vermeintliche Verrückte aus dem Ghetto den vermeintlichen Saubermann des deutschen Fußballs (Ballack) im FA-Cup-Finale 2010 foulte und dieser Ballack in Folge dessen die Fußball-WM in Südafrika verpasst. Da entlädt sich plötzlich der ganze Zorn einer Nation. Und es wurde hässlich.  Nun war die Treibjagd endgültig eröffnet. Die ARD sendete einen „Brennpunkt“, das ZDF ein „Spezial“.  Die Boulevard-Blätter überschlagen sich und das Internet schien vor Verunglimpfungen und Gewaltaufrufen gegen Prince  zu explodieren.  Hier im Eintracht-Forum war auch einiges los, wenngleich auch differenzierte Sachen geschireben wurden, so überwog doch der  Zorn und die Moderation musste umfänglisch löschen.  George Boateng sagte einmal, dass sein Bruder in diesen Tagen der „Staatsfeind Nr. 1“ in Deutschland war. Besonders übertrieben hat er damit sicher nicht. Viele waren sich einig: Der aus dem Wedding  hat den deutschen Saubermann-Kapitän aus Görlitz  mit voller Absicht verletzt, damit dieser für die WM ausfällt. Unter all diese hasserfüllte Stimmung mischt sich schnell auch ein rassistischer Ton. Im Internet kursieren übelste rassistische Beschimpfungen gegen Prince. Aufrufe zur Gewalt und Morddrohungen sind in diesen Tagen keine Seltenheit. Und auch das Mittel der Sippenhaft soll nach dem Willen einiger deutschen „Fußball-Fans“ wieder Anwendung finden. Jedenfalls richtet sich ein Teil des Hasses auch gegen den Bruder Jérôme und es wird mancher Orts die Forderung laut, man solle aufgrund des Fouls von Prince den Bruder  Jérôme aus der deutschen Nationalmannschaft ausschließen. Und tatsächlich schafft es die deutsche  Öffentlichkeit in diesen Tagen einen Keil  zwischen die Boateng-Brüder zu treiben. Denn auch wenn sich Jérôme aller größte Mühe gibt, auf der einen Seite loyal gegenüber seinem Bruder zu bleiben und auf der anderen Seite auch den Erwartungen der deutschen Öffentlichkeit gerecht  zu werden, die natürlich möchten, dass er das Foul seines Bruders verurteilt, so sind es einige Äußerungen zu denen Jérôme mit seinen gerade mal 20 Jahren gedrängt wird , die Kevin so verärgern, dass er den Kontakt zu seinem Bruder vorrübergehend  abbricht.

Kein Mensch fragt in den  Tagen der Treibjagd nach der Vorgeschichte. Keiner will wissen, dass sich Ballack bereits 2006 in einem Spiel zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern respektlos gegenüber Prince  verhalten hat. Kaum einer geht darauf ein, dass dieser Ballack dem Prince  auch im FA-Cup-Endspiel wenige Minuten vor dem Foul eine Ohrfeige verpasst  hatte. Und auch dass sich Prince  bereist auf dem Platz bei Ballack entschuldigt hatte, will in Deutschland niemand hören.   Gut und Böse waren im Zusammenhang mit diesem Foul aus dem FA-Cup-Finale 2010 klar verteilt. Keiner will zu diesem Zeitpunkt hören, dass der Saubermann Ballack vielleicht doch nicht so ein lupenreiner Sportsmann ist – nein – sein Berater erhält sogar reichlich Beifall, als er ankündigt, dass er eine Klage gegen Prince  prüfe.  Man denkt bei dieser ganzen Geschichte rückblickend  an  ein Musikstück einer deutschen Sprechgesangsgruppe  aus den späten 1990er Jahren:

Wenn der Vorhang fällt, sieh hinter die Kulissen,
die Bösen sind oft gut und die guten sind gerissen.


Prince muss eine Lawine (neudeutsch vermutlich einen Shitstorm genannt) über sich ergehen lassen, wie es selten ein Fußballer in Deutschland ertragen musste. Er  hält sich mit öffentlichen Aussagen in diesen Tagen zurück. Und selbst wenn er dann mal reflektierte  Dinge, nach den ganzen Gewaltaufrufen und den Morddrohungen gegen ihn sagt, verhallen diese ungeachtet:

„Menschen werden umgebracht und vergewaltigt und niemand kümmert sich darum. Aber wenn jemand ein Foul im Fußball macht, werden die Leute verrückt. Und die gleichen Menschen fragen sich später, wie es passieren kann,  dass Menschen angegriffen und verletzt werden.“

Das Land, für das Prince  ursprünglich einmal Fußball spielen wollte, erklärt ihn zum Feind. Dringend angebrachte Differenzierungen sind in der Öffentlichkeit nicht vorgesehen. Leute, die sich für Prince stark machen werden bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls verunglimpft und bedroht.   Und auch im Rückblick wird wohl niemand beim DFB öffentlich einräumen, dass man in Wirklichkeit  sogar ganz froh war, dass Ballack nicht dabei war und Fipsi zum Kapitän wurde. Denn auch als Ballack wieder fit war, durfte er nicht mehr mittun und die deutsche Mannschaft spielte mit Özil und Khedira und ohne Ballack plötzlich feinsten Fußball, der die Welt verzückte. Dies veranlasste den Ballack-Berater wiederum zu erneut kruden Äußerungen.

Jedenfalls kam es dann 2010 zum ersten Bruder-Duell bei einer Fußball-WM. Erst in den folgenden Jahren konnte die Profi-Karriere von Prince nach all den Turbulenzen in stabileres Fahrwasser gelangen. Er wechselte zum AC Mailand nach Italien. Dort bekam er das Umfeld und die Anerkennung, die er benötigte, um sein ganzes Potential zu entfalten. Und es ist sicher keine Übertreibung, wenn man Prince  über weite Strecken seiner Milan-Zeit als Weltklasse-Fußballer bezeichnet. Zunächst verdrängte er den Weltmeister und Milan-Star Gattuso. Aber er entwickelte sich auch zu einem Spielmacher, einem klassischen 10er, sodass auch bald ein gewisser Andrea Pirlo in Richtung Juve flüchtete, da er den Konkurrenzkampf mit Prince um den Stammplatz fürchtete. Prince  erhielt dann auch folgerichtig die Rückennummer 10. Er wuchs bei Milan zum zentralen Spielmacher heran und das immerhin in einem Star-Ensemble, welches aus Leuten wie Ronaldinho, Ibrahimovic, Seedorf oder Alessandro Nesta bestand. Bezeichnenderweise war sein  Trikot zwischen all den Stars das meist verkaufte Trikot bei den Milan-Fans. Und nicht nur auf dem Fußballplatz konnte er in diesen Jahren seine Weltklasse nachweisen. Er war auch abseits des Fußballplatzes gefragt. Der Junge aus dem Wedding bewegt sich sicher auf einem ganz anderen Paket, abseits des Fußballplatzes,  wenn er z.B. vor den Vereinten Nationen zum Thema Rassismus referierte oder wenn er eloquente Interviews in fünf  verschiedenen Sprachen gab. Und auch bei der Einladung von Ex-Fifa-Boss Sepp Blatter machte er eine gute Figur. Vermutlich half ihm da dann wieder seiner Herkunft aus dem Wedding, denn dort lernt man früh, mit Leuten mit krimineller Energie umzugehen.  

Und bis heute wollen die Journalisten aus aller Welt mit Prince reden. Eben genau aus dem Grund, weil er was zu sagen hat. Weil er einem keine Floskeln um die Ohren haut. Weil das was er sagt, Hand und Fuß hat. Er hat einiges erlebt, was seinen Charakter gefestigt hat. Wer hat eigentlich mal behauptet, es gäbe im Fußball keine Typen mehr? Er ist zudem einfühlsam und charmant. Und genau dies passt wiederum überhaupt nicht mit dem Bild überein, dass die deutsche Öffentlichkeit von ihm spätestens nach dem Ballack-Foul zeichnete und welches noch heute in den Köpfen vieler Fußball-Fans verhaftet ist.  Natürlich soll an dieser Stelle kein verklärtes Bild gemalt werden. Prince ist ein Fußballer, der Ecken und Kanten hat, der vielleicht auch stur und schwierig sein kann. Er hat sicher Fehler gemacht in seiner Laufbahn. In frühen Jahren hat er bewusst mit diesem Ghetto-Image kokettiert und dadurch vermutlich auch selber ein Stück weit Anteil an dem Bild, was die Medien über ihn zeichneten und auch bis heute zeichnen. In wie weit dieses  Ghetto-Image  aber tatsächlich auf Prince jemals zutraf, lässt sich nur schwer einschätzen. Dazu vielleicht noch diese Anekdote: Als Prince 2007 für immerhin 7,5 Millionen Euro zu Tottenham wechselte  (also für eine Summe, die bereits zu dieser Zeit die Rekordablöse von Eintracht Frankfurt rund  10 Jahren später für Sebastien Haller überstieg), spielte der junge Prince mit der Erfahrung seiner 20 Lebensjahren bei seiner Vorstellung ebenfalls auf  dieses Ghetto-Image an. Einige eingefleischte Tottenham-Anhänger haben sich daraufhin schon damals  auf eine neugierige Reise in den Wedding gemacht.  Und vermutlich muss man an dieser Stelle nicht extra erklären, dass Leute, die aus Tottenham stammen, sich mit Brennpunkt, kultureller Vielfalt und dem was man im Volksmund als "Ghetto" bezeichnet, auskennen.  Jedenfalls kehrten die Tottenham-Fans nach England zurück und urteilten über den Berliner Wedding: „What a nice Ghetto!“

Im Endeffekt ist es aber auch völlig egal, wie viel Ghetto in Kevin-Prince Boateng steckt. Das in der Öffentlichkeit bestehende Bild von ihm, hat ohnehin nie gestimmt. Daher wäre es  vielleicht auch  mal an der Zeit, dass die deutsche Öffentlichkeit ein wenig Abbitte leistet, bei einem Mann, den sie viel zu lange viel zu einseitig dargestellt hat.  Bei einem Mann, der in diesem Land zeitweise von den Medien zum Abschuss frei gegeben wurde, obwohl ihm damit Unrecht getan  wurde. Dieser Kevin-Prince Boateng hat es verdient, dass man ihm endlich vorbehaltlos entgegen tritt. Und man darf in Zukunft auch gerne mal über die Eigenschaften berichten, die ihm die Leute zuschreiben, die ihn wirklich kennen. Eigenschaften wie Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Empathie, Führungsstärke,  Charme, Humor und Lebensfreude. Wenn man dann noch hinzurechnet, dass er sich auch durchsetzen kann,  dass er über Rückgrat verfügt und Charakter besitzt, dass er einen durchtrainierten Körper hat und auch sonst ein  ganz okayes Aussehen hat (sofern man das als männliche Hete beurteilen kann), dann möchte man den Männern  im Rhein-Main-Gebiet zurufen: „Jungs, haltet eure Mädels fest!“   Aber zum Glück ist der Prince ja vom Markt. Er ist glücklich verheiratet und ein liebevoller Familienvater, was nicht zuletzt dazu führte, dass er den Weg zur Frankfurter Eintracht fand, da er dort die Familie zusammenführen kann. Man wird jedenfalls das Gefühl einfach nicht los, dass in diesem Fußballer viel mehr „Prince-Charming“ steckt als  „Ghetto-Fighter“.

An dieser Stelle möchte man sich fast entschuldigen, dass die letzten Zeilen etwas  in den Glamour-Gala-Yellow-Press-Style abgeschweift sind, aber man hat ja auch nicht alle Tage  einen so schillernden Spieler in den Reihen der Eintracht. Daher sei um Nachsicht gebeten.

Und dann gleich noch ein subjektiver  Eindruck hinterher geschoben:  Prince macht ja optisch  praktisch immer eine ziemlich gute Figur. Aber wenn man sich Bilder seiner Fußball-Laufbahn anschaut, dann muss man sagen, dass ihm genau drei Trikots besonders gut standen. Das eine war das Trikot der ghanaischen Nationalmannschaft. Das zweite war das Milan-Trikot. Und das dritte ist  das Trikot von Eintracht Frankfurt. Darin sieht er einfach viel  besser aus, als z.B.  im Hertha- oder Schalke-Trikot.  Jedenfalls wird das nun einfach mal als  sehr schlüssiger ( )Beleg  gewertet, dass die Verbindung zwischen Kevin-Prince Boateng und Eintracht Frankfurt einfach passt.

Nicht zuletzt  teilen der Prince und die Eintracht-Fans viele Eigenschaften: Der Kampfgeist, der Stolz, die Ecken und Kanten, der Charakter, das Rückgrat, das Mit-Rückschlägen-Umgehen-Können,  die Empathie, den Charme  und nicht zuletzt den Fakt, dass man in der Öffentlichkeit  schon so manches Mal zu Unrecht verurteilt wurde und ein öffentliches Image entstanden ist, was nicht der Realität entspricht.

Und während man es an diesem Spätsommertag im Wedding nun tatsächlich geschafft hat die regionalen Spezialitäten des Weddings  Falafel und Shawarma vollständig zu verspeisen, denkt man, dass diese Prince- und Eintracht-Eigenschaften auch gut und gerne auf den Wedding übertragen werden können. Denn der Wedding  hat auch Ecken und Kanten, Charakter, Rückgrat, ein viel zu schlechtes Image, Stolz, Kampfgeist und auch diese ganzen gefühlvollen Sachen.  Genau, wie man den Wedding in unseren Kovac-Brüdern erkennt, so scheint  der  Wedding auch den  Prince tief geprägt zu haben. Sein  großer Bruder würde es rappend so ausdrücken:

„Du kriegst mich aus dem Wedding, doch den Wedding nicht aus mir.“  

Und natürlich möchte man es dem Prince wünschen, dass er als Fußballer und als Mensch endlich ohne Vorbehalte in Deutschland bewertet und angenommen wird.   Auf der anderen Seite präsentiert  der Wedding seine liebenswerte Seite auch nicht jedem auf dem Silbertablett. Von daher ist man fast geneigt zu sagen: Sollen die, die nicht bereit sind hinter die Kulissen zu blicken und das eingefahrenen Bild zu hinterfragen doch in  ihrer falschen Sichtweise versauern. Das gilt für die Betrachter des Weddings wie für die Betrachter des Prince. Wer nicht bereit ist, die Ebene der Oberflächlichkeit  zu verlassen, dem werden völlig zu Recht die  vielen aufregenden, spannenden und geradezu hinreißende  Perspektiven verwehrt bleiben.

Und mit diesem Gefühl des anmutigen Trotzes wird der Wedding dann nach unserer zweiten Wedding-Exkursion  verlassen. Und dieser Wedding hat es auch diesmal wieder geschafft, schwer zu beeindrucken. Beseelt von den vielen Eindrücken, versucht man es sich  auf einem Sitzplatz der Straßenbahn bequem zu machen. Nachdem die Kopfhörer mit dem Mobiltelefon verbunden  und aufs  Ohr geklemmt sind, wird diese  Abspann-Musik für die heutige  Wedding-Exkursion ausgewählt:

BTNG – Hier!

Und während man den Reimen von George Boateng lauscht und die Straßenbahn allmählich wieder in  diese andere Welt - den Prenzlauer Berg - vordringt, denkt man vor sich hin:   Wie Recht sie doch damals hatten, die Tottenham-Fans.

What a nice Ghetto!
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Puh, der Text war offenbar zu lange, um ihn in einen Beitrag zu packen.
Daher die Unterbrechung in der Mitte.

Bin gespannt ob sich diesen Textschwall jemand bis zu Ende antut.
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Puh, der Text war offenbar zu lange, um ihn in einen Beitrag zu packen.
Daher die Unterbrechung in der Mitte.

Bin gespannt ob sich diesen Textschwall jemand bis zu Ende antut.
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Wow... was kann es besseres geben? Einen freien Tag, ein gemütliches Frühstück und dabei eine virtuelle Reise nach Berlin...! So spannend, detailreich und lebensnah, dass hier tatsächlich die Grenzen zwischen virtuell und real verschwimmen...
Vielen Dank dafür!
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Oder wie KPB selbst sagt "...und weil wir uns auf unsere positiv verrückten Fans verlassen können"
q.e.d.
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- Fortsetzung -

Da wir nun schon einmal wegen dem Prince im Wedding unterwegs sind, biegen wir logischerweise auch noch mal in die Prinzenallee ein. Auch hier wieder  zahlreiche Grill-Imbisse. Dazwischen  Wettbüros. Besonders beliebt scheint die Kombination aus Sportwetten-Bar und Shisha-Bar zu sein. Zudem gibt es vereinzelt noch  bulgarische Supermärkte und algerische Fleischereien, wo man Delikatessen wie Lammköpfe, Hammelhoden oder ganze Schafhälften erwerben kann. An vielen Ecken riecht es hier schon morgens um diese Uhrzeit, also so kurz nach 10, nach Gras. Viel öfter riecht es jedoch nach Hundekacke. Überall stehen geschäftige junge Männer auf der Straße und telefonieren angeregt mit ihrem Mobiltelefon. Man hört alle möglichen Sprachen, Deutsch ist eher  selten darunter. Wenn sich bekannte junge Männer auf der Straße begegnen, begrüßen sie sich mit aufwendigen Abklatsch-Ritualen. Baseball-Caps, Eastpack-Bauchtasche und sportliche Hosen sind bei den männlichen Leuten beliebt. Frauen tragen vermehrt  Kopftuch. Zwischen all den Spielhallen und Spätkäufen  trifft man dann tatsächlich auch noch auf das „Café Prince“, welches man natürlich sofort als sicheren Hinweis auf unseren Prince  deutet. Und immer wieder donnern die startenden Maschinen von TXL  über die Köpfe. Man geht die Prinz(c)enallee also einmal in nördlicher Richtung rauf bis zur Stephanuskirche und kehrt dann auf der anderen Straßenseite in südlicher Richtung zurück und lässt die Eindrücke auf sich wirken.

Vor einem Friseur-Laden, der  Coiffeur Ziya heißt, bleibt man stehen. Man beobachtet zunächst von außen, was dort so vor sich geht. Vor allem sind es angeregte Unterhaltungen unter Männern, die da drinnen und auch vor dem Laden vor sich gehen. Man versteht zwar kein Wort aber ist trotzdem fasziniert von der Intensität, in der sich die Leute unterhalten. Einige  scheinen es hinzubekommen, gleichzeitig mit Leuten in dem Laden zu reden und nebenbei noch zu telefonieren. Vor dem Laden sitzen ein paar ältere Männer und kauen auf Sonnenblumenkernen.  Und während man dieses angeregte Setting beobachtet studiert man das Angebot, welches in unterschiedlichen Sprachen an der Wand vor dem Laden angebracht ist. Haarschnitt 8 €, Rasur 5€, Modellrasur 7€, Rasur und Gesichtspflege 15€. Ein sehr verlockendes Angebot, vor allem, wenn  man sich gerade etwas  stoppelig im Gesicht anfühlt. Und doch zögert man, den Laden zu betreten. Man überlegt kurz, ob die Leute drinnen das in Ordnung fänden, wenn man da einfach rein kommt und sie auf Deutsch anquatscht, da man der Sprachen nicht mächtig ist, die dort gerade gesprochen werden. Man wäre jedenfalls der einzige, ohne Migrationshintergrund in dem Laden.  Man zögert kurz und sagt sich dann aber: „Warum eigentlich nicht? Prince würde sich schließlich auch in den Laden trauen.“  Ein bisschen Nervenkitzel ist schon  dabei. Man betritt den Friseurladen also und fragt fast etwas schüchtern, ob die Leute  Zeit für eine Rasur mit Gesichtspflege haben. Die sehr freundliche Begrüßung lässt die Unsicherheit schwinden  und man bekommt den einzigen freien Platz zugewiesen. Wie selbstverständlich bekommt man einen türkischen Tee hingestellt. Dieser Brauch ist einem noch   vom letzten Wedding-Ausflug im November in Erinnerung. Dieser türkische Schwarztee scheint so eine Art Lebenselixier des Weddings zu sein. Überall, wo die Leute einen willkommen heißen und wo sie es gut mit einem meinen, bekommt man diesen Tee hingestellt. Ein schöner Brauch.

Und dann muss man in Mitten dieses Stimmengewirrs aus Sprachen die man nicht kennt und einer akustischen Beschallung aus den Boxen mit türkischer Musik erst einmal warten. Man kommt sich vor wie in einer anderen, aufregenden Welt. Und  dann schweifen die Gedanken während des Wartens doch wieder zu unserem Prince aus dem Wedding.

Wenn man sich mit Kevin-Prince Boateng ein bisschen näher befasst, dann fällt eines sehr schnell auf: Alle Menschen, die ihn persönlich gut kennen, zeichnen in ihren Erzählungen ein Bild von ihm, dass so gar nicht mit diesem rüpelhaften Ghetto-Treter-Image zusammenpasst, welches  vor allem die deutschen   Medien ihm verpasst haben. Sei  es sein ehemaliger Grundschullehrer, seine Jugendtrainer oder auch spätere Bezugspersonen, Mannschaftskollegen und Trainer; Jürgen Klopp sei hier mal stellvertretend aufgeführt. Und nicht zuletzt unser Cheftrainer Niko Kovac.  Klopp sagte z.B. über Prince während seiner Dortmunder Zeit Sachen wie diese: „Ich finde es lächerlich und es nervt mich, wenn Kevin unterstellt wird, dass er absichtlich Foul spielt. Der Junge will Zweikämpfe gewinnen, mehr nicht.“ Zudem wehrte sich  Klopp schon damals vehement gegen das Image, welches die Medien Prince anhängen wollten: „Wir alle wissen, dass er derzeit kein besonders gutes Image hat. Doch das reicht offenbar aus, um ihn aufgrund seiner aggressiven Spielweise zum Treter abzustempeln (…) Er ist sicherlich ab und zu übermotiviert, aber deswegen ist er noch lange kein schlechter Mensch.“  Alle, die näher mit Kevin-Prince zu tun hatten beschreiben ihn als freundlichen, angenehmen und sehr umgänglichen Menschen. Da hört man nix von einem  schwierigen Egomanen, der sich nicht unterordnen kann und eine Bedrohung für das Binnenklima einer Mannschaft sein soll. Sein Grundschullehrer, zu dem Prince übrigens immer noch Kontakt hält, beschreibt ihn als „höflich, zuvorkommend, respektvoll und hilfsbereit“ und er soll stets „gute Laune ausgestrahlt“ haben.  Zudem war er demnach  nie in Schlägereien verwickelt und es gab von ihm „kein Macho-Gehabe, keine Gangsterposen, keine Ghettosprüche“. Auch sein ehemaliger Jugendtrainer Frank Friedrichs, zudem Prince ebenfalls bis heute Kontakt hält, beschreibt ihn als „zuverlässig und pünktlich“ ebenso  sei er schon früh „ein helles Köpfchen“ und dazu auch sonst sehr liebenswert gewesen. Prince kam immerhin bereits mit 9 Jahren selbstständig   mit der U-Bahn alleine zum Training und zu den Spielen. Er musste schon viel früher alles für sich selber organisieren, zu Zeiten, wo Mannschaftskollegen noch von ihren Eltern mit dem Auto zum Training gebracht und wieder abgeholt wurden und am Wochenende zu den Spielen begleitet wurden.

Aber natürlich verlief auch die Entwicklung von Prince nicht immer stromlinienförmig. Schwierigkeiten sollen sich ergeben haben, als Prince  in der Pubertät altersbedingt einige männliche Bezugspersonen, wie sein Grundschullehrer oder sein langjähriger Jugendtrainer Frank Friedrichs wegfielen. Auch sein Bruder George sagt über diese Zeit, dass er Prince damals das ein oder andere Mal ins Gewissen reden musste, dass dieser sein Talent nicht weg schmeißen soll, wie er (George) es selber zuvor gemacht hatte. Der starke Wille von Prince führte aber dazu, dass er auch diese Zeit überstand und weiter an seiner Fußball-Laufbahn arbeitet.

Und ein trauriger Fakt, der  sich von der Jugend an  durch seine Fußball-Karriere  zieht, ist die Tatsache, dass er auf dem Fußballplatz rassistisch beschimpft wird. Nicht nur von Gegenspielern sondern auch von deren Eltern. Es fällt ihm nicht immer leicht, dass alles hin zu nehmen und sich nicht provozieren zu lassen. Vor allem hat er am Spielfeldrand, beispielsweis  auf den Sportplätzen in Weißensee, Marzahn oder Hellersdorf keinen Vater, der ihm zuschaut und ihn auch mal beruhigen kann. Prince sagte damals: „Im Osten ist es manchmal schon krass.“ Er hat niemand, der ihn in solchen Momenten die Wut nimmt, beruhigend auf ihn einwirkt und ihn tröstet.  Und vor allem hat er noch nicht die Lobby und die Aufmerksamkeit wie er sie am 3. Januar 2013 in Busto Arsizio hatte, als er nach wiederholten rassistischen Anfeindungen den Ball in Richtung Tribüne ballerte und die Milan-Mannschaft mit ihm geschlossen das Spielfeld verließ. Nein, Prince  spielt zu dieser Zeit noch in der Jugendmannschaft von Hertha und muss das alles irgendwie über sich ergehen lassen, ohne selber durchzudrehen.

Und er spielt  mit hochbegabten Fußballern zusammen, die sein Bruder Jérôme einmal als „die Verrückten“ bezeichnet hat. Spieler wie Ashkan Dejagah, Sejad Salhiovic oder  Patrick Ebert. Allesamt hochveranlagte Kicker aber allesamt auch keine stromlinienförmigen Nachwuchstalente vom Schlage eines  Fipsi  Lahms. Durchaus herausfordernde Charaktere. Es gibt die Legende, dass sie damals eine Oberliga-Mannschaft (also 1. Herren) in einer Soccer-Hall herausforderten. Diese Oberliga-Mannschaft soll voller Siegesgewissheit gegen die jungen Hüpfer eingewilligt haben – es wurde wohl um die Platzmiete gespielt – jedenfalls  wurde anschließend die gestandene Oberliga-Mannschaft von Prince  und seinen „Verrückten“ nach Strich und Faden auseinandergenommen und deutlich besiegt. Und  auch in dieser Truppe  war Prince  natürlich der herausragende Spieler. Er durchläuft daher   folgerichtig alle Jugendnationalmannschaften des DFB. Insgesamt trägt er in den Nachwuchsmannschaften 41 mal das Trikot von Deutschland. Und er macht Erfahrungen, die viele deutsche Nachwuchsnationalspieler mit Migrationshintergrund zu dieser Zeit machen. Sie werden missverstanden und nicht vollumfänglich akzeptiert.  Eine Anekdote, die ebenfalls von Michael Horeni stammt: Vor einem U15 Länderspiel  Deutschland gegen  Österreich fragt ein  Reporter Prince, was er fühlt vor dem Spiel. Prince  antwortet: „Stolz, aber ein bisschen bin ich ja auch Ghanaer.“  Der Reporter findet, dass er sich nicht sicher ist ob er Deutscher ist.  Der Trainer von Prince entgegnet aber, man müsse sich nicht wundern über diese Zweifel. Der Reporter fragt „Warum?“ und der Trainer antwortet:  „Weil er auf dem Platz als Neger beschimpft wird und Sachen wie ‚Geh dahin wo du her kommst‘ hört“.

 
Im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft der B-Jugend im Jahre 2003 treffen die verrückten Hertha-Jungs um Prince, Ebert und Dejagah auf die B-Jugend des VFB Stuttgart, der  u.a. mit Sami Khedira  und Andreas Beck antritt. Hertha fertigt Stuttgart mit 4:1 ab, überragender Spieler auf dem Platz ist Kevin-Prince Boateng.  Und wieder bewundert Jérôme seinen großen Bruder.  Es ist zur damaligen Zeit der Traum von Kevin-Prince  und Jérôme Boateng, einmal gemeinsam in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen. Niemand ahnt damals, dass Prince der einzige Spieler sein wird, der zweimal die  Fritz-Walter-Medaille des DFB erhält und doch niemals deutscher A-Nationalspieler werden wird. 2005 erhält Prince  diese  Fritz-Walter-Medaille bei der U18 in Bronze und ein Jahr später bei der U19 die gleiche Ehrung in Gold. Zudem wird sein Treffer im U19-Länderspiel gegen Griechenland zum Tor des Monats im Juli 2005 gewählt.


Somit steht  Prince  natürlich  2009 in der Vorbereitung auf die EM im Aufgebot der Deutschen U21, die in Schweden einige Wochen später den Titel gewinnen sollte. Jene U21, die mit ihren Spielern Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil Jahre später das Grundgerüst der Weltmeistermannschaft von 2014 bilden wird. Außerdem  standen damals 2009 neben Prince  auch noch die talentierten Wedding-Kicker Ashkan Djagah,  Änis Ben-Hatira und Chinedu Ede im DFB-Aufgebot. Kurz vor dem Turnier kommt es im Trainingslager zu einem Zwischenfall, in dessen Folge Prince  aus der Mannschaft fliegt. Was wirklich passierte, ist unklar. Einige Spieler sollen sich aus dem Trainingslager entfernt haben und in einer Kneipe getrunken haben. Es kommt offenbar zu einem Streit mit anderen Gästen, Prince – der im Wedding gelernt hat, mit heiklen Situationen umzugehen - vermittelt im Streit und bestellt Taxis, mit denen er seine Mannschaftskollegen  ins Trainingscamp zurück schickt. Dann steht aber kein Taxi mehr zur Verfügung, mit dem er selber zurückfahren kann. Er muss ewig  auf ein freies Taxi warten und kommt somit  über eine Stunde nach seinen Mannschaftskollegen zurück ins Team-Hotel. Nachdem Horst Hrubesch, der Prince eigentlich wertschätzt,  am nächsten Tag den Rauswurf vor der Presse verkündet sagt er: „Ich habe bei vielen Sachen im Leben immer ein lachendes und ein weinendes Auge. Aber bei dieser Sache habe ich nur zwei weinende Augen.“  Bis heute halten sich Gerüchte, dass einige Mitspieler den Trainer zu dem Rauswurf gedrängt haben sollen, da sie in Prince  einen Konkurrenten sahen, an dem sie nicht vorbei kamen. Es ist das Ende, einer von zahlreichen Missverständnissen geprägten  Beziehung zwischen dem  DFB und Kevin-Prince Boateng. Der DFB hatte die Tür für einen der talentiertesten Spieler seines Jahrgangs für immer zugeschlagen und für Prince  platzte endgültig der Traum, gemeinsam mit seinem Bruder für Deutschland spielen zu dürfen.


Kurze Zeit später erklärte er, dass er künftig für das Land seines Vaters, Ghana, antreten werde. Die Medien nahmen dies zum Anlass, um ihre Geschichte vom „guten“ und vom „bösen“   Boateng  weiter zu spinnen. Auf der einen Seite der fleißige, disziplinierte und ruhige Jérôme, der für Deutschland spielt und auf der anderen Seite, der Treter, der Durchgeknallte aus dem Wedding, der künftig für Ghana auflaufen wird. Befeuert wurde das Ganze von Aussagen, verschiedener Fußballfunktionäre, die sich nicht zu schade waren, vernichtende Urteile zu fällen. Ein Matthias Sammer lässt sich – ohne dass er Prince  persönlich kennt(!) – zu folgender Aussage hinreißen: „Die wesentliche Aussage bei der Leistungsvoraussetzung ist die Persönlichkeit. Ich sehe Jérôme als leistungsorientierten, konzentrierten, disziplinierten Spieler. Er erfüllt die Leistungsvoraussetzungen. Sein Bruder eben nicht. Gerade beim wesentlichen Punkt Persönlichkeit, da kann seine Entwicklung nicht mit der von Jérôme mithalten.“ Bam! Dieses Zitat muss Prince  wie ein Faustschlag getroffen haben. Und zusätzlich das Gefühl befeuert haben, der DFB wolle einen Keil zwischen ihn und seinen Bruder, der sich immer an ihm orientiert hatte, treiben.  Und auch andere viel gefragte, aber wenig intelligente  Fußballprominenz fühlt sich bemüßigt, ein Mainstream-Bild von Prince zu zeichnen, was ihm nicht gerecht wird. Alle waren sich einig, dass dieser Prince  „absichtlich foulte“ (Olaf Thon),  „der Fiesling der Bundesliga“ sei (Lothar Matthäus), oder dass  „dieser Fußballer nicht sozialisierbar“ (Marcel Reif) sei. Und Beckenbauer äußerte: „Ich weiß nicht was in dem Kopf eines solchen Spielers vor sich geht.“  Wieder ist es Jürgen Klopp – einer der wenigen, der Prince persönlich kennt – der sich gegen die Kampagne stellt und  für Prince in den Ring steigt: „Kevin-Prince wird zwar nie ein Mönch, aber er ist vernünftig und hat das Recht vernünftig behandelt zu werden. Nur weil er zwei Stunden länger als Kind auf der Straße verbracht hat, ist er jetzt nicht schlimmer als seine Kritiker.“ Aber diese Worte von Klopp verhallen ungehört. Fußball-Deutschland ist sich einig, das Bild vom „RAMBOateng“ (Bild-Zeitung) ist längst in Stein gemeißelt.


Aus diesen Gedanken zur Vergangenheit von Prince  wird man im Wedding schlagartig  gerissen, da einer der Mitarbeiter des Coiffeur Ziya in der Princenallee  signalisiert, nun bereit für die Rasur zu sein. Er klopft einem auf die Schulter und fragt: „Na mein Freund, vertraust du mir?“ während er im nächsten Moment eine lange  Klinge auf den Tisch legt und lächelt. Man fragt sich noch kurz gegenseitig, wie man heißt und schon legt Mustafa, der Barbier von der Princenallee los. Es wäre sicher ein leichtes, mit Mustafa in ein Gespräch über Fußball zu kommen. Eine aufgehängte grün-gelbe Fahne von Şanlıurfaspor, einem türkischen Fußballverein aus der 3. Liga, bezeugt zumindest ein gemeinsames Interesse. Aber da man heute nicht wieder, wie auf dem letzten Wedding-Trip,  als "Groupie" bezeichnet werden will, vermeidet man ein Gespräch über Fußball und erst recht über Kevin-Prince Boateng. Mit einem angenehm weichen Pinsel trägt Mustafa einen sehr feinporigen Schaum auf das Gesicht und den Hals auf. Und dann geht es wieder los mit dem Nervenkitzel. Mustafa übergießt seine Rasierklinge mit einer Flüssigkeit und fackelt mit einem großen Feuerzeug an ihr entlang. Man fragt sich, warum er das macht, traut sich aber nicht zu fragen  - jetzt besser kein falsches Wort -  erklärt es sich selbst kurzerhand mit einer Desinfektion der Klinge. Und dann geht es los. Routiniert setzt Mustafa die Klinge an, er beginnt unter der Nase, vermutlich so als Warm-Up.  Die geschickten Bewegungen lassen einen dann doch Vertrauen schöpfen. Heikel wird es aber wieder, als Mustafa sich den Hals vornimmt. Als man im wahrsten Sinne des Wortes die große Klinge an der Kehle spürt. Nun schießen einem dann doch Gedanken durch den Kopf wie: „Jetzt bloß die Fresse halten“ oder „Hoffentlich findet Mustafa einen  einigermaßen ok“.  Und trotz all dem Nervenkitzel fühlt es sich   angenehm an, was er  da mit der scharfen Klinge macht. Nachdem man nun diesen Nervenkitzel tatsächlich wohlbehalten überstanden hat, und Mustafa alle Barthaare gekonnt entfernt hat, legt er einem ein warmes, nasses Tuch auf das  Gesicht, welches angenehm nach Minze oder irgend so was ähnlichem riecht. In jedem Falle sehr wohltuend. In der Zwischenzeit verknotet Mustafa mit seinen Zähnen und seinen Fingern in einer aufwendigen Prozedur einen sehr langen, dünnen Faden. Und während man sich noch fragt, was Mustafa nun vor hat, beginnt er auch schon, mit dem zwischen den Händen verwickelten Faden, Haare aus dem Gesicht zu entfernen, an Stellen, von denen man bislang gar nicht wusste, dass dort Haare wachsen. Das leichte Ziepen im Gesicht ist aber ein unweigerlicher Beweis, dass es dort sowas wie Haare geben muss. Und dann folgt auch schon der nächste Nervenkitzel. Nachdem Mustafa den Faden aus den Fingern entknotet hat, taucht er ein überdimensionales Wattestäbchen in eine Flüssigkeit und zündet es  mit einem Feuerzeug an.  Kurzzeitig überlegt  man, ob Mustafa einem nun doch übel mitspielen will, denn er macht sich daran, dieses brennende Wattestäbchen mit schnellen Bewegungen am Ohr entlang zu führen. Widererwartend verspürt man aber keinen Schmerz und Mustafa erklärt, dass durch diesen Vorgang alle Haare auf  und im Ohr entfernt werden.  Nun spült er einem noch routiniert das Gesicht mit lauwarmem Wasser ab und dann ist die Rasur mit Gesichtspflege auch schon beendet. Man bedankt sich herzlich, zahlt mit ordentlichem Trinkgeld und als man zurück auf die Pricenallee tritt, fühlt man sich wie neu geboren. Selten fühlte man sich sauberer und gepflegter im Gesicht. Und man fragt sich in diesem Moment, warum die ganzen gestressten Berliner dauernd in irgendwelche Wellnesstempel im Spreewald, am Scharmützelsee oder in der Ruppiner Seenplatte fahren, wenn sie doch die beste Wellness  direkt vor der Haustür haben.


Bislang ist  dieser Tag im Wedding jedenfalls wiedererwartend ein  Urlaubstag wie er im Buche steht: Gutes Wetter, entspanntes Verweilen im Grünen an einem wilden Gewässer, Abenteuer, ein bisschen Nervenkitzel und dazu auch noch Wellness-Behandlung vom feinsten. Kurzzeitig überlegt man gar, ob es sich lohnen würde, auf professioneller Ebene Wellness-Trips  in den Wedding zu vermarkten. Und doch ist man sich auch im Überschwang dieser Gefühle schnell bewusst, dass man sowas vielleicht besser nicht machen sollte, da es vermutlich irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber wäre, die hier täglich ums Überleben oder zumindest aber um ihr Auskommen und ein bisschen Glück kämpfen müssen. Das ist hier ja schließlich nicht Disney-World.


Was zu essen wäre jedenfalls gut, denn die Zeit ist wie im Fluge vergangen und die Uhrzeiger peilen inzwischen Highnoon an. Und was zum Essen  sollte doch zwischen den ganzen Grills hier nun wirklich zu finden sein. Es fällt einem richtig schwer, eine Wahl zu treffen. Mit dem veganen Berlin, wo diese ganzen Projekteltern ihre Soja-Latte schlürfen, und sich dabei über Lotus-Geburten, diverse Globuli und gesunde Kita-Ernährung unterhalten, hat der Wedding hier jedenfalls nicht so viel Gemeinsamkeiten, zum Glück. Und so läuft man die ganze Princenallee noch mal bis zu dem großen Boateng-Wandbild am U-Bahnhof Pankstraße runter und da man sich immer noch nicht entscheiden kann biegt man noch mal  in die Badstraße ein. Und vor einem libanesischen Imbiss weiß man plötzlich, dass man richtig ist. Die Jungs hinter der Theke versuchen sich gerade in einer interessanten Behandlung mit Fäusten und Ellenbogen gegenseitig Verspannungen aus dem Rücken zu vertreiben. Als man den Laden betritt, unterbrechen sie diesen Vorgang und begrüßen einen freundlich. Da man sich nicht zwischen Falafel und Shawarma entscheiden kann und man ja schließlich Urlaub hat, bestellt man kurzerhand einfach beides.  Und da hier nix vorfrittiert  ist und alles frisch zubereitet wird, beginnen die Jungs hinter der Theke mit einer langen Zubereitung. Dies gibt einem Zeit, bei arabischen Klängen aus den kleinen Boxen an der Decke, einen Sitzplatz aufzusuchen und die Gedanken zu ordnen. Auch hier bekommt man wieder ein Glas mit heißem, schwarzem Tee hingestellt. Man kann sich nur wiederholen: Ein toller Brauch! Und so kann man die Gedanken noch mal schweifen lassen.


Man denkt zunächst über den Wedding nach, wie er sich hier draußen vor der Fensterscheibe in der Badstraße präsentiert. Man fragt sich noch mal, ob es nicht irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber ist, dass man sich hier heute so sau-wohl fühlt. Natürlich ist einem bewusst,   dass das Leben hier für die aller meisten Leute nicht einfach ist, sondern eher ein permanenter Kampf. Und den Leuten, die hier diesen täglichen Kampf immer wieder aufs Neue annehmen, um ihr Auskommen zu sichern, mit was auch immer,  gebührt  Respekt. Dass es für einen außenstehenden hier so viel Schönes zu entdecken gibt, soll nicht in Abrede stellen, dass die Menschen es hier schwer haben. Und dass dieser Wedding kein Hort der Glückseligkeit ist, wird hier an vielen Stellen sogar noch offensichtlicher als drüben in der Turiner Straße, dort wo die Kovac-Jungs groß geworden sind. Das ist ein Kiez mit Ecken und Kanten. Einer der seine großen und kleinen Dramen schreibt, bei denen es nichts zu beschönigen gibt.  Und doch sieht man an diesem Tag eben auch viel Schönes. Mag sein, dass die Leute die hier leben, den Blick für das Schöne oft verlieren.  Später, auf der Heimfahrt mit dem Kopfhörer am Ohr  löst George Boateng diesen Wiederspruch schließlich auf, als er einem vor rappt:  

„Und ich sag dir, der Scheiß hat auch schöne Seiten,
doch du kannst sie erst sehen durch getönte Scheiben“


Und während man noch mal einen Schluck von diesem warmen Tee nimmt, denkt man wieder an die Geschichte von Prince. Und natürlich gehört zu dieser Geschichte das Foul, das die Nation erhitzte.

Das Bild von Prince war in der deutschen Öffentlichkeit  wie weiter oben beschrieben, also bereits  vor 2010  gezeichnet. Und alle fühlten sich bestätigt, an dem Tag, als der vermeintliche Verrückte aus dem Ghetto den vermeintlichen Saubermann des deutschen Fußballs (Ballack) im FA-Cup-Finale 2010 foulte und dieser Ballack in Folge dessen die Fußball-WM in Südafrika verpasst. Da entlädt sich plötzlich der ganze Zorn einer Nation. Und es wurde hässlich.  Nun war die Treibjagd endgültig eröffnet. Die ARD sendete einen „Brennpunkt“, das ZDF ein „Spezial“.  Die Boulevard-Blätter überschlagen sich und das Internet schien vor Verunglimpfungen und Gewaltaufrufen gegen Prince  zu explodieren.  Hier im Eintracht-Forum war auch einiges los, wenngleich auch differenzierte Sachen geschireben wurden, so überwog doch der  Zorn und die Moderation musste umfänglisch löschen.  George Boateng sagte einmal, dass sein Bruder in diesen Tagen der „Staatsfeind Nr. 1“ in Deutschland war. Besonders übertrieben hat er damit sicher nicht. Viele waren sich einig: Der aus dem Wedding  hat den deutschen Saubermann-Kapitän aus Görlitz  mit voller Absicht verletzt, damit dieser für die WM ausfällt. Unter all diese hasserfüllte Stimmung mischt sich schnell auch ein rassistischer Ton. Im Internet kursieren übelste rassistische Beschimpfungen gegen Prince. Aufrufe zur Gewalt und Morddrohungen sind in diesen Tagen keine Seltenheit. Und auch das Mittel der Sippenhaft soll nach dem Willen einiger deutschen „Fußball-Fans“ wieder Anwendung finden. Jedenfalls richtet sich ein Teil des Hasses auch gegen den Bruder Jérôme und es wird mancher Orts die Forderung laut, man solle aufgrund des Fouls von Prince den Bruder  Jérôme aus der deutschen Nationalmannschaft ausschließen. Und tatsächlich schafft es die deutsche  Öffentlichkeit in diesen Tagen einen Keil  zwischen die Boateng-Brüder zu treiben. Denn auch wenn sich Jérôme aller größte Mühe gibt, auf der einen Seite loyal gegenüber seinem Bruder zu bleiben und auf der anderen Seite auch den Erwartungen der deutschen Öffentlichkeit gerecht  zu werden, die natürlich möchten, dass er das Foul seines Bruders verurteilt, so sind es einige Äußerungen zu denen Jérôme mit seinen gerade mal 20 Jahren gedrängt wird , die Kevin so verärgern, dass er den Kontakt zu seinem Bruder vorrübergehend  abbricht.

Kein Mensch fragt in den  Tagen der Treibjagd nach der Vorgeschichte. Keiner will wissen, dass sich Ballack bereits 2006 in einem Spiel zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern respektlos gegenüber Prince  verhalten hat. Kaum einer geht darauf ein, dass dieser Ballack dem Prince  auch im FA-Cup-Endspiel wenige Minuten vor dem Foul eine Ohrfeige verpasst  hatte. Und auch dass sich Prince  bereist auf dem Platz bei Ballack entschuldigt hatte, will in Deutschland niemand hören.   Gut und Böse waren im Zusammenhang mit diesem Foul aus dem FA-Cup-Finale 2010 klar verteilt. Keiner will zu diesem Zeitpunkt hören, dass der Saubermann Ballack vielleicht doch nicht so ein lupenreiner Sportsmann ist – nein – sein Berater erhält sogar reichlich Beifall, als er ankündigt, dass er eine Klage gegen Prince  prüfe.  Man denkt bei dieser ganzen Geschichte rückblickend  an  ein Musikstück einer deutschen Sprechgesangsgruppe  aus den späten 1990er Jahren:

Wenn der Vorhang fällt, sieh hinter die Kulissen,
die Bösen sind oft gut und die guten sind gerissen.


Prince muss eine Lawine (neudeutsch vermutlich einen Shitstorm genannt) über sich ergehen lassen, wie es selten ein Fußballer in Deutschland ertragen musste. Er  hält sich mit öffentlichen Aussagen in diesen Tagen zurück. Und selbst wenn er dann mal reflektierte  Dinge, nach den ganzen Gewaltaufrufen und den Morddrohungen gegen ihn sagt, verhallen diese ungeachtet:

„Menschen werden umgebracht und vergewaltigt und niemand kümmert sich darum. Aber wenn jemand ein Foul im Fußball macht, werden die Leute verrückt. Und die gleichen Menschen fragen sich später, wie es passieren kann,  dass Menschen angegriffen und verletzt werden.“

Das Land, für das Prince  ursprünglich einmal Fußball spielen wollte, erklärt ihn zum Feind. Dringend angebrachte Differenzierungen sind in der Öffentlichkeit nicht vorgesehen. Leute, die sich für Prince stark machen werden bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls verunglimpft und bedroht.   Und auch im Rückblick wird wohl niemand beim DFB öffentlich einräumen, dass man in Wirklichkeit  sogar ganz froh war, dass Ballack nicht dabei war und Fipsi zum Kapitän wurde. Denn auch als Ballack wieder fit war, durfte er nicht mehr mittun und die deutsche Mannschaft spielte mit Özil und Khedira und ohne Ballack plötzlich feinsten Fußball, der die Welt verzückte. Dies veranlasste den Ballack-Berater wiederum zu erneut kruden Äußerungen.

Jedenfalls kam es dann 2010 zum ersten Bruder-Duell bei einer Fußball-WM. Erst in den folgenden Jahren konnte die Profi-Karriere von Prince nach all den Turbulenzen in stabileres Fahrwasser gelangen. Er wechselte zum AC Mailand nach Italien. Dort bekam er das Umfeld und die Anerkennung, die er benötigte, um sein ganzes Potential zu entfalten. Und es ist sicher keine Übertreibung, wenn man Prince  über weite Strecken seiner Milan-Zeit als Weltklasse-Fußballer bezeichnet. Zunächst verdrängte er den Weltmeister und Milan-Star Gattuso. Aber er entwickelte sich auch zu einem Spielmacher, einem klassischen 10er, sodass auch bald ein gewisser Andrea Pirlo in Richtung Juve flüchtete, da er den Konkurrenzkampf mit Prince um den Stammplatz fürchtete. Prince  erhielt dann auch folgerichtig die Rückennummer 10. Er wuchs bei Milan zum zentralen Spielmacher heran und das immerhin in einem Star-Ensemble, welches aus Leuten wie Ronaldinho, Ibrahimovic, Seedorf oder Alessandro Nesta bestand. Bezeichnenderweise war sein  Trikot zwischen all den Stars das meist verkaufte Trikot bei den Milan-Fans. Und nicht nur auf dem Fußballplatz konnte er in diesen Jahren seine Weltklasse nachweisen. Er war auch abseits des Fußballplatzes gefragt. Der Junge aus dem Wedding bewegt sich sicher auf einem ganz anderen Paket, abseits des Fußballplatzes,  wenn er z.B. vor den Vereinten Nationen zum Thema Rassismus referierte oder wenn er eloquente Interviews in fünf  verschiedenen Sprachen gab. Und auch bei der Einladung von Ex-Fifa-Boss Sepp Blatter machte er eine gute Figur. Vermutlich half ihm da dann wieder seiner Herkunft aus dem Wedding, denn dort lernt man früh, mit Leuten mit krimineller Energie umzugehen.  

Und bis heute wollen die Journalisten aus aller Welt mit Prince reden. Eben genau aus dem Grund, weil er was zu sagen hat. Weil er einem keine Floskeln um die Ohren haut. Weil das was er sagt, Hand und Fuß hat. Er hat einiges erlebt, was seinen Charakter gefestigt hat. Wer hat eigentlich mal behauptet, es gäbe im Fußball keine Typen mehr? Er ist zudem einfühlsam und charmant. Und genau dies passt wiederum überhaupt nicht mit dem Bild überein, dass die deutsche Öffentlichkeit von ihm spätestens nach dem Ballack-Foul zeichnete und welches noch heute in den Köpfen vieler Fußball-Fans verhaftet ist.  Natürlich soll an dieser Stelle kein verklärtes Bild gemalt werden. Prince ist ein Fußballer, der Ecken und Kanten hat, der vielleicht auch stur und schwierig sein kann. Er hat sicher Fehler gemacht in seiner Laufbahn. In frühen Jahren hat er bewusst mit diesem Ghetto-Image kokettiert und dadurch vermutlich auch selber ein Stück weit Anteil an dem Bild, was die Medien über ihn zeichneten und auch bis heute zeichnen. In wie weit dieses  Ghetto-Image  aber tatsächlich auf Prince jemals zutraf, lässt sich nur schwer einschätzen. Dazu vielleicht noch diese Anekdote: Als Prince 2007 für immerhin 7,5 Millionen Euro zu Tottenham wechselte  (also für eine Summe, die bereits zu dieser Zeit die Rekordablöse von Eintracht Frankfurt rund  10 Jahren später für Sebastien Haller überstieg), spielte der junge Prince mit der Erfahrung seiner 20 Lebensjahren bei seiner Vorstellung ebenfalls auf  dieses Ghetto-Image an. Einige eingefleischte Tottenham-Anhänger haben sich daraufhin schon damals  auf eine neugierige Reise in den Wedding gemacht.  Und vermutlich muss man an dieser Stelle nicht extra erklären, dass Leute, die aus Tottenham stammen, sich mit Brennpunkt, kultureller Vielfalt und dem was man im Volksmund als "Ghetto" bezeichnet, auskennen.  Jedenfalls kehrten die Tottenham-Fans nach England zurück und urteilten über den Berliner Wedding: „What a nice Ghetto!“

Im Endeffekt ist es aber auch völlig egal, wie viel Ghetto in Kevin-Prince Boateng steckt. Das in der Öffentlichkeit bestehende Bild von ihm, hat ohnehin nie gestimmt. Daher wäre es  vielleicht auch  mal an der Zeit, dass die deutsche Öffentlichkeit ein wenig Abbitte leistet, bei einem Mann, den sie viel zu lange viel zu einseitig dargestellt hat.  Bei einem Mann, der in diesem Land zeitweise von den Medien zum Abschuss frei gegeben wurde, obwohl ihm damit Unrecht getan  wurde. Dieser Kevin-Prince Boateng hat es verdient, dass man ihm endlich vorbehaltlos entgegen tritt. Und man darf in Zukunft auch gerne mal über die Eigenschaften berichten, die ihm die Leute zuschreiben, die ihn wirklich kennen. Eigenschaften wie Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Empathie, Führungsstärke,  Charme, Humor und Lebensfreude. Wenn man dann noch hinzurechnet, dass er sich auch durchsetzen kann,  dass er über Rückgrat verfügt und Charakter besitzt, dass er einen durchtrainierten Körper hat und auch sonst ein  ganz okayes Aussehen hat (sofern man das als männliche Hete beurteilen kann), dann möchte man den Männern  im Rhein-Main-Gebiet zurufen: „Jungs, haltet eure Mädels fest!“   Aber zum Glück ist der Prince ja vom Markt. Er ist glücklich verheiratet und ein liebevoller Familienvater, was nicht zuletzt dazu führte, dass er den Weg zur Frankfurter Eintracht fand, da er dort die Familie zusammenführen kann. Man wird jedenfalls das Gefühl einfach nicht los, dass in diesem Fußballer viel mehr „Prince-Charming“ steckt als  „Ghetto-Fighter“.

An dieser Stelle möchte man sich fast entschuldigen, dass die letzten Zeilen etwas  in den Glamour-Gala-Yellow-Press-Style abgeschweift sind, aber man hat ja auch nicht alle Tage  einen so schillernden Spieler in den Reihen der Eintracht. Daher sei um Nachsicht gebeten.

Und dann gleich noch ein subjektiver  Eindruck hinterher geschoben:  Prince macht ja optisch  praktisch immer eine ziemlich gute Figur. Aber wenn man sich Bilder seiner Fußball-Laufbahn anschaut, dann muss man sagen, dass ihm genau drei Trikots besonders gut standen. Das eine war das Trikot der ghanaischen Nationalmannschaft. Das zweite war das Milan-Trikot. Und das dritte ist  das Trikot von Eintracht Frankfurt. Darin sieht er einfach viel  besser aus, als z.B.  im Hertha- oder Schalke-Trikot.  Jedenfalls wird das nun einfach mal als  sehr schlüssiger ( )Beleg  gewertet, dass die Verbindung zwischen Kevin-Prince Boateng und Eintracht Frankfurt einfach passt.

Nicht zuletzt  teilen der Prince und die Eintracht-Fans viele Eigenschaften: Der Kampfgeist, der Stolz, die Ecken und Kanten, der Charakter, das Rückgrat, das Mit-Rückschlägen-Umgehen-Können,  die Empathie, den Charme  und nicht zuletzt den Fakt, dass man in der Öffentlichkeit  schon so manches Mal zu Unrecht verurteilt wurde und ein öffentliches Image entstanden ist, was nicht der Realität entspricht.

Und während man es an diesem Spätsommertag im Wedding nun tatsächlich geschafft hat die regionalen Spezialitäten des Weddings  Falafel und Shawarma vollständig zu verspeisen, denkt man, dass diese Prince- und Eintracht-Eigenschaften auch gut und gerne auf den Wedding übertragen werden können. Denn der Wedding  hat auch Ecken und Kanten, Charakter, Rückgrat, ein viel zu schlechtes Image, Stolz, Kampfgeist und auch diese ganzen gefühlvollen Sachen.  Genau, wie man den Wedding in unseren Kovac-Brüdern erkennt, so scheint  der  Wedding auch den  Prince tief geprägt zu haben. Sein  großer Bruder würde es rappend so ausdrücken:

„Du kriegst mich aus dem Wedding, doch den Wedding nicht aus mir.“  

Und natürlich möchte man es dem Prince wünschen, dass er als Fußballer und als Mensch endlich ohne Vorbehalte in Deutschland bewertet und angenommen wird.   Auf der anderen Seite präsentiert  der Wedding seine liebenswerte Seite auch nicht jedem auf dem Silbertablett. Von daher ist man fast geneigt zu sagen: Sollen die, die nicht bereit sind hinter die Kulissen zu blicken und das eingefahrenen Bild zu hinterfragen doch in  ihrer falschen Sichtweise versauern. Das gilt für die Betrachter des Weddings wie für die Betrachter des Prince. Wer nicht bereit ist, die Ebene der Oberflächlichkeit  zu verlassen, dem werden völlig zu Recht die  vielen aufregenden, spannenden und geradezu hinreißende  Perspektiven verwehrt bleiben.

Und mit diesem Gefühl des anmutigen Trotzes wird der Wedding dann nach unserer zweiten Wedding-Exkursion  verlassen. Und dieser Wedding hat es auch diesmal wieder geschafft, schwer zu beeindrucken. Beseelt von den vielen Eindrücken, versucht man es sich  auf einem Sitzplatz der Straßenbahn bequem zu machen. Nachdem die Kopfhörer mit dem Mobiltelefon verbunden  und aufs  Ohr geklemmt sind, wird diese  Abspann-Musik für die heutige  Wedding-Exkursion ausgewählt:

BTNG – Hier!

Und während man den Reimen von George Boateng lauscht und die Straßenbahn allmählich wieder in  diese andere Welt - den Prenzlauer Berg - vordringt, denkt man vor sich hin:   Wie Recht sie doch damals hatten, die Tottenham-Fans.

What a nice Ghetto!
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Brodowin schrieb:

Der aus dem Wedding  hat den deutschen Saubermann-Kapitän aus Görlitz  mit voller Absicht verletzt, damit dieser für die WM ausfällt. Unter all diese hasserfüllte Stimmung mischt sich schnell auch ein rassistischer Ton. Im Internet kursieren übelste rassistische Beschimpfungen gegen Prince. Aufrufe zur Gewalt und Morddrohungen sind in diesen Tagen keine Seltenheit. Und auch das Mittel der Sippenhaft soll nach dem Willen einiger deutschen „Fußball-Fans“ wieder Anwendung finden.



Gestern wie heute und das ist nicht nur auf die Boatengs beschränkt.


Großen Dank an dich für diesen Fred!
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WOW! Respekt!... DANKE!!
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Ich habe mir alles durchgelesen. Bin ein bisschen sprachlos jetzt.

Mein Bild über den Prinzen war wohl "mediengeprägt". Ich danke dir für die Aufklärung. Sehe ihn jetzt mit anderen Augen.

Und vielen Dank für deinen Urlaubsbericht überhaupt, sehr schöner Text. Wunderbar zu lesen. Eine Perle dieses Forums.
Wäre ich ein Mann, würde mich nun der direkte Weg zu einem Barbier ins Frankfurter Bahnhofsviertel führen für eine Wellness-Rasur
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Eine sehr dichte, intensive Erzählung, da so viele Details "mal schnell" mit abgehandelt wurden. Ich bin am Ende nach etwas mehr als einer Stunde (inkl. aller Videos) fast atemlos angekommen.

DaZke, besser geht es nicht. Ich hätte jetzt Lust auf eine Führung durchs Wedding, von Eintrachtlern organisiert
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Was eine toll geschriebene Story. So habe ich Wedding bei meinem Besuch nicht gesehen. Ich würde mir wünschen, unser Prince würde ihn auch lesen können.

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Großes Kino.
Herzlichen Dank dafür.

Tolle Eindrücke und viele Informationen und Gedanken, die ich so noch nicht kannte.
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Respekt für  diesen Beitrag.
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- Fortsetzung -

Da wir nun schon einmal wegen dem Prince im Wedding unterwegs sind, biegen wir logischerweise auch noch mal in die Prinzenallee ein. Auch hier wieder  zahlreiche Grill-Imbisse. Dazwischen  Wettbüros. Besonders beliebt scheint die Kombination aus Sportwetten-Bar und Shisha-Bar zu sein. Zudem gibt es vereinzelt noch  bulgarische Supermärkte und algerische Fleischereien, wo man Delikatessen wie Lammköpfe, Hammelhoden oder ganze Schafhälften erwerben kann. An vielen Ecken riecht es hier schon morgens um diese Uhrzeit, also so kurz nach 10, nach Gras. Viel öfter riecht es jedoch nach Hundekacke. Überall stehen geschäftige junge Männer auf der Straße und telefonieren angeregt mit ihrem Mobiltelefon. Man hört alle möglichen Sprachen, Deutsch ist eher  selten darunter. Wenn sich bekannte junge Männer auf der Straße begegnen, begrüßen sie sich mit aufwendigen Abklatsch-Ritualen. Baseball-Caps, Eastpack-Bauchtasche und sportliche Hosen sind bei den männlichen Leuten beliebt. Frauen tragen vermehrt  Kopftuch. Zwischen all den Spielhallen und Spätkäufen  trifft man dann tatsächlich auch noch auf das „Café Prince“, welches man natürlich sofort als sicheren Hinweis auf unseren Prince  deutet. Und immer wieder donnern die startenden Maschinen von TXL  über die Köpfe. Man geht die Prinz(c)enallee also einmal in nördlicher Richtung rauf bis zur Stephanuskirche und kehrt dann auf der anderen Straßenseite in südlicher Richtung zurück und lässt die Eindrücke auf sich wirken.

Vor einem Friseur-Laden, der  Coiffeur Ziya heißt, bleibt man stehen. Man beobachtet zunächst von außen, was dort so vor sich geht. Vor allem sind es angeregte Unterhaltungen unter Männern, die da drinnen und auch vor dem Laden vor sich gehen. Man versteht zwar kein Wort aber ist trotzdem fasziniert von der Intensität, in der sich die Leute unterhalten. Einige  scheinen es hinzubekommen, gleichzeitig mit Leuten in dem Laden zu reden und nebenbei noch zu telefonieren. Vor dem Laden sitzen ein paar ältere Männer und kauen auf Sonnenblumenkernen.  Und während man dieses angeregte Setting beobachtet studiert man das Angebot, welches in unterschiedlichen Sprachen an der Wand vor dem Laden angebracht ist. Haarschnitt 8 €, Rasur 5€, Modellrasur 7€, Rasur und Gesichtspflege 15€. Ein sehr verlockendes Angebot, vor allem, wenn  man sich gerade etwas  stoppelig im Gesicht anfühlt. Und doch zögert man, den Laden zu betreten. Man überlegt kurz, ob die Leute drinnen das in Ordnung fänden, wenn man da einfach rein kommt und sie auf Deutsch anquatscht, da man der Sprachen nicht mächtig ist, die dort gerade gesprochen werden. Man wäre jedenfalls der einzige, ohne Migrationshintergrund in dem Laden.  Man zögert kurz und sagt sich dann aber: „Warum eigentlich nicht? Prince würde sich schließlich auch in den Laden trauen.“  Ein bisschen Nervenkitzel ist schon  dabei. Man betritt den Friseurladen also und fragt fast etwas schüchtern, ob die Leute  Zeit für eine Rasur mit Gesichtspflege haben. Die sehr freundliche Begrüßung lässt die Unsicherheit schwinden  und man bekommt den einzigen freien Platz zugewiesen. Wie selbstverständlich bekommt man einen türkischen Tee hingestellt. Dieser Brauch ist einem noch   vom letzten Wedding-Ausflug im November in Erinnerung. Dieser türkische Schwarztee scheint so eine Art Lebenselixier des Weddings zu sein. Überall, wo die Leute einen willkommen heißen und wo sie es gut mit einem meinen, bekommt man diesen Tee hingestellt. Ein schöner Brauch.

Und dann muss man in Mitten dieses Stimmengewirrs aus Sprachen die man nicht kennt und einer akustischen Beschallung aus den Boxen mit türkischer Musik erst einmal warten. Man kommt sich vor wie in einer anderen, aufregenden Welt. Und  dann schweifen die Gedanken während des Wartens doch wieder zu unserem Prince aus dem Wedding.

Wenn man sich mit Kevin-Prince Boateng ein bisschen näher befasst, dann fällt eines sehr schnell auf: Alle Menschen, die ihn persönlich gut kennen, zeichnen in ihren Erzählungen ein Bild von ihm, dass so gar nicht mit diesem rüpelhaften Ghetto-Treter-Image zusammenpasst, welches  vor allem die deutschen   Medien ihm verpasst haben. Sei  es sein ehemaliger Grundschullehrer, seine Jugendtrainer oder auch spätere Bezugspersonen, Mannschaftskollegen und Trainer; Jürgen Klopp sei hier mal stellvertretend aufgeführt. Und nicht zuletzt unser Cheftrainer Niko Kovac.  Klopp sagte z.B. über Prince während seiner Dortmunder Zeit Sachen wie diese: „Ich finde es lächerlich und es nervt mich, wenn Kevin unterstellt wird, dass er absichtlich Foul spielt. Der Junge will Zweikämpfe gewinnen, mehr nicht.“ Zudem wehrte sich  Klopp schon damals vehement gegen das Image, welches die Medien Prince anhängen wollten: „Wir alle wissen, dass er derzeit kein besonders gutes Image hat. Doch das reicht offenbar aus, um ihn aufgrund seiner aggressiven Spielweise zum Treter abzustempeln (…) Er ist sicherlich ab und zu übermotiviert, aber deswegen ist er noch lange kein schlechter Mensch.“  Alle, die näher mit Kevin-Prince zu tun hatten beschreiben ihn als freundlichen, angenehmen und sehr umgänglichen Menschen. Da hört man nix von einem  schwierigen Egomanen, der sich nicht unterordnen kann und eine Bedrohung für das Binnenklima einer Mannschaft sein soll. Sein Grundschullehrer, zu dem Prince übrigens immer noch Kontakt hält, beschreibt ihn als „höflich, zuvorkommend, respektvoll und hilfsbereit“ und er soll stets „gute Laune ausgestrahlt“ haben.  Zudem war er demnach  nie in Schlägereien verwickelt und es gab von ihm „kein Macho-Gehabe, keine Gangsterposen, keine Ghettosprüche“. Auch sein ehemaliger Jugendtrainer Frank Friedrichs, zudem Prince ebenfalls bis heute Kontakt hält, beschreibt ihn als „zuverlässig und pünktlich“ ebenso  sei er schon früh „ein helles Köpfchen“ und dazu auch sonst sehr liebenswert gewesen. Prince kam immerhin bereits mit 9 Jahren selbstständig   mit der U-Bahn alleine zum Training und zu den Spielen. Er musste schon viel früher alles für sich selber organisieren, zu Zeiten, wo Mannschaftskollegen noch von ihren Eltern mit dem Auto zum Training gebracht und wieder abgeholt wurden und am Wochenende zu den Spielen begleitet wurden.

Aber natürlich verlief auch die Entwicklung von Prince nicht immer stromlinienförmig. Schwierigkeiten sollen sich ergeben haben, als Prince  in der Pubertät altersbedingt einige männliche Bezugspersonen, wie sein Grundschullehrer oder sein langjähriger Jugendtrainer Frank Friedrichs wegfielen. Auch sein Bruder George sagt über diese Zeit, dass er Prince damals das ein oder andere Mal ins Gewissen reden musste, dass dieser sein Talent nicht weg schmeißen soll, wie er (George) es selber zuvor gemacht hatte. Der starke Wille von Prince führte aber dazu, dass er auch diese Zeit überstand und weiter an seiner Fußball-Laufbahn arbeitet.

Und ein trauriger Fakt, der  sich von der Jugend an  durch seine Fußball-Karriere  zieht, ist die Tatsache, dass er auf dem Fußballplatz rassistisch beschimpft wird. Nicht nur von Gegenspielern sondern auch von deren Eltern. Es fällt ihm nicht immer leicht, dass alles hin zu nehmen und sich nicht provozieren zu lassen. Vor allem hat er am Spielfeldrand, beispielsweis  auf den Sportplätzen in Weißensee, Marzahn oder Hellersdorf keinen Vater, der ihm zuschaut und ihn auch mal beruhigen kann. Prince sagte damals: „Im Osten ist es manchmal schon krass.“ Er hat niemand, der ihn in solchen Momenten die Wut nimmt, beruhigend auf ihn einwirkt und ihn tröstet.  Und vor allem hat er noch nicht die Lobby und die Aufmerksamkeit wie er sie am 3. Januar 2013 in Busto Arsizio hatte, als er nach wiederholten rassistischen Anfeindungen den Ball in Richtung Tribüne ballerte und die Milan-Mannschaft mit ihm geschlossen das Spielfeld verließ. Nein, Prince  spielt zu dieser Zeit noch in der Jugendmannschaft von Hertha und muss das alles irgendwie über sich ergehen lassen, ohne selber durchzudrehen.

Und er spielt  mit hochbegabten Fußballern zusammen, die sein Bruder Jérôme einmal als „die Verrückten“ bezeichnet hat. Spieler wie Ashkan Dejagah, Sejad Salhiovic oder  Patrick Ebert. Allesamt hochveranlagte Kicker aber allesamt auch keine stromlinienförmigen Nachwuchstalente vom Schlage eines  Fipsi  Lahms. Durchaus herausfordernde Charaktere. Es gibt die Legende, dass sie damals eine Oberliga-Mannschaft (also 1. Herren) in einer Soccer-Hall herausforderten. Diese Oberliga-Mannschaft soll voller Siegesgewissheit gegen die jungen Hüpfer eingewilligt haben – es wurde wohl um die Platzmiete gespielt – jedenfalls  wurde anschließend die gestandene Oberliga-Mannschaft von Prince  und seinen „Verrückten“ nach Strich und Faden auseinandergenommen und deutlich besiegt. Und  auch in dieser Truppe  war Prince  natürlich der herausragende Spieler. Er durchläuft daher   folgerichtig alle Jugendnationalmannschaften des DFB. Insgesamt trägt er in den Nachwuchsmannschaften 41 mal das Trikot von Deutschland. Und er macht Erfahrungen, die viele deutsche Nachwuchsnationalspieler mit Migrationshintergrund zu dieser Zeit machen. Sie werden missverstanden und nicht vollumfänglich akzeptiert.  Eine Anekdote, die ebenfalls von Michael Horeni stammt: Vor einem U15 Länderspiel  Deutschland gegen  Österreich fragt ein  Reporter Prince, was er fühlt vor dem Spiel. Prince  antwortet: „Stolz, aber ein bisschen bin ich ja auch Ghanaer.“  Der Reporter findet, dass er sich nicht sicher ist ob er Deutscher ist.  Der Trainer von Prince entgegnet aber, man müsse sich nicht wundern über diese Zweifel. Der Reporter fragt „Warum?“ und der Trainer antwortet:  „Weil er auf dem Platz als Neger beschimpft wird und Sachen wie ‚Geh dahin wo du her kommst‘ hört“.

 
Im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft der B-Jugend im Jahre 2003 treffen die verrückten Hertha-Jungs um Prince, Ebert und Dejagah auf die B-Jugend des VFB Stuttgart, der  u.a. mit Sami Khedira  und Andreas Beck antritt. Hertha fertigt Stuttgart mit 4:1 ab, überragender Spieler auf dem Platz ist Kevin-Prince Boateng.  Und wieder bewundert Jérôme seinen großen Bruder.  Es ist zur damaligen Zeit der Traum von Kevin-Prince  und Jérôme Boateng, einmal gemeinsam in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen. Niemand ahnt damals, dass Prince der einzige Spieler sein wird, der zweimal die  Fritz-Walter-Medaille des DFB erhält und doch niemals deutscher A-Nationalspieler werden wird. 2005 erhält Prince  diese  Fritz-Walter-Medaille bei der U18 in Bronze und ein Jahr später bei der U19 die gleiche Ehrung in Gold. Zudem wird sein Treffer im U19-Länderspiel gegen Griechenland zum Tor des Monats im Juli 2005 gewählt.


Somit steht  Prince  natürlich  2009 in der Vorbereitung auf die EM im Aufgebot der Deutschen U21, die in Schweden einige Wochen später den Titel gewinnen sollte. Jene U21, die mit ihren Spielern Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil Jahre später das Grundgerüst der Weltmeistermannschaft von 2014 bilden wird. Außerdem  standen damals 2009 neben Prince  auch noch die talentierten Wedding-Kicker Ashkan Djagah,  Änis Ben-Hatira und Chinedu Ede im DFB-Aufgebot. Kurz vor dem Turnier kommt es im Trainingslager zu einem Zwischenfall, in dessen Folge Prince  aus der Mannschaft fliegt. Was wirklich passierte, ist unklar. Einige Spieler sollen sich aus dem Trainingslager entfernt haben und in einer Kneipe getrunken haben. Es kommt offenbar zu einem Streit mit anderen Gästen, Prince – der im Wedding gelernt hat, mit heiklen Situationen umzugehen - vermittelt im Streit und bestellt Taxis, mit denen er seine Mannschaftskollegen  ins Trainingscamp zurück schickt. Dann steht aber kein Taxi mehr zur Verfügung, mit dem er selber zurückfahren kann. Er muss ewig  auf ein freies Taxi warten und kommt somit  über eine Stunde nach seinen Mannschaftskollegen zurück ins Team-Hotel. Nachdem Horst Hrubesch, der Prince eigentlich wertschätzt,  am nächsten Tag den Rauswurf vor der Presse verkündet sagt er: „Ich habe bei vielen Sachen im Leben immer ein lachendes und ein weinendes Auge. Aber bei dieser Sache habe ich nur zwei weinende Augen.“  Bis heute halten sich Gerüchte, dass einige Mitspieler den Trainer zu dem Rauswurf gedrängt haben sollen, da sie in Prince  einen Konkurrenten sahen, an dem sie nicht vorbei kamen. Es ist das Ende, einer von zahlreichen Missverständnissen geprägten  Beziehung zwischen dem  DFB und Kevin-Prince Boateng. Der DFB hatte die Tür für einen der talentiertesten Spieler seines Jahrgangs für immer zugeschlagen und für Prince  platzte endgültig der Traum, gemeinsam mit seinem Bruder für Deutschland spielen zu dürfen.


Kurze Zeit später erklärte er, dass er künftig für das Land seines Vaters, Ghana, antreten werde. Die Medien nahmen dies zum Anlass, um ihre Geschichte vom „guten“ und vom „bösen“   Boateng  weiter zu spinnen. Auf der einen Seite der fleißige, disziplinierte und ruhige Jérôme, der für Deutschland spielt und auf der anderen Seite, der Treter, der Durchgeknallte aus dem Wedding, der künftig für Ghana auflaufen wird. Befeuert wurde das Ganze von Aussagen, verschiedener Fußballfunktionäre, die sich nicht zu schade waren, vernichtende Urteile zu fällen. Ein Matthias Sammer lässt sich – ohne dass er Prince  persönlich kennt(!) – zu folgender Aussage hinreißen: „Die wesentliche Aussage bei der Leistungsvoraussetzung ist die Persönlichkeit. Ich sehe Jérôme als leistungsorientierten, konzentrierten, disziplinierten Spieler. Er erfüllt die Leistungsvoraussetzungen. Sein Bruder eben nicht. Gerade beim wesentlichen Punkt Persönlichkeit, da kann seine Entwicklung nicht mit der von Jérôme mithalten.“ Bam! Dieses Zitat muss Prince  wie ein Faustschlag getroffen haben. Und zusätzlich das Gefühl befeuert haben, der DFB wolle einen Keil zwischen ihn und seinen Bruder, der sich immer an ihm orientiert hatte, treiben.  Und auch andere viel gefragte, aber wenig intelligente  Fußballprominenz fühlt sich bemüßigt, ein Mainstream-Bild von Prince zu zeichnen, was ihm nicht gerecht wird. Alle waren sich einig, dass dieser Prince  „absichtlich foulte“ (Olaf Thon),  „der Fiesling der Bundesliga“ sei (Lothar Matthäus), oder dass  „dieser Fußballer nicht sozialisierbar“ (Marcel Reif) sei. Und Beckenbauer äußerte: „Ich weiß nicht was in dem Kopf eines solchen Spielers vor sich geht.“  Wieder ist es Jürgen Klopp – einer der wenigen, der Prince persönlich kennt – der sich gegen die Kampagne stellt und  für Prince in den Ring steigt: „Kevin-Prince wird zwar nie ein Mönch, aber er ist vernünftig und hat das Recht vernünftig behandelt zu werden. Nur weil er zwei Stunden länger als Kind auf der Straße verbracht hat, ist er jetzt nicht schlimmer als seine Kritiker.“ Aber diese Worte von Klopp verhallen ungehört. Fußball-Deutschland ist sich einig, das Bild vom „RAMBOateng“ (Bild-Zeitung) ist längst in Stein gemeißelt.


Aus diesen Gedanken zur Vergangenheit von Prince  wird man im Wedding schlagartig  gerissen, da einer der Mitarbeiter des Coiffeur Ziya in der Princenallee  signalisiert, nun bereit für die Rasur zu sein. Er klopft einem auf die Schulter und fragt: „Na mein Freund, vertraust du mir?“ während er im nächsten Moment eine lange  Klinge auf den Tisch legt und lächelt. Man fragt sich noch kurz gegenseitig, wie man heißt und schon legt Mustafa, der Barbier von der Princenallee los. Es wäre sicher ein leichtes, mit Mustafa in ein Gespräch über Fußball zu kommen. Eine aufgehängte grün-gelbe Fahne von Şanlıurfaspor, einem türkischen Fußballverein aus der 3. Liga, bezeugt zumindest ein gemeinsames Interesse. Aber da man heute nicht wieder, wie auf dem letzten Wedding-Trip,  als "Groupie" bezeichnet werden will, vermeidet man ein Gespräch über Fußball und erst recht über Kevin-Prince Boateng. Mit einem angenehm weichen Pinsel trägt Mustafa einen sehr feinporigen Schaum auf das Gesicht und den Hals auf. Und dann geht es wieder los mit dem Nervenkitzel. Mustafa übergießt seine Rasierklinge mit einer Flüssigkeit und fackelt mit einem großen Feuerzeug an ihr entlang. Man fragt sich, warum er das macht, traut sich aber nicht zu fragen  - jetzt besser kein falsches Wort -  erklärt es sich selbst kurzerhand mit einer Desinfektion der Klinge. Und dann geht es los. Routiniert setzt Mustafa die Klinge an, er beginnt unter der Nase, vermutlich so als Warm-Up.  Die geschickten Bewegungen lassen einen dann doch Vertrauen schöpfen. Heikel wird es aber wieder, als Mustafa sich den Hals vornimmt. Als man im wahrsten Sinne des Wortes die große Klinge an der Kehle spürt. Nun schießen einem dann doch Gedanken durch den Kopf wie: „Jetzt bloß die Fresse halten“ oder „Hoffentlich findet Mustafa einen  einigermaßen ok“.  Und trotz all dem Nervenkitzel fühlt es sich   angenehm an, was er  da mit der scharfen Klinge macht. Nachdem man nun diesen Nervenkitzel tatsächlich wohlbehalten überstanden hat, und Mustafa alle Barthaare gekonnt entfernt hat, legt er einem ein warmes, nasses Tuch auf das  Gesicht, welches angenehm nach Minze oder irgend so was ähnlichem riecht. In jedem Falle sehr wohltuend. In der Zwischenzeit verknotet Mustafa mit seinen Zähnen und seinen Fingern in einer aufwendigen Prozedur einen sehr langen, dünnen Faden. Und während man sich noch fragt, was Mustafa nun vor hat, beginnt er auch schon, mit dem zwischen den Händen verwickelten Faden, Haare aus dem Gesicht zu entfernen, an Stellen, von denen man bislang gar nicht wusste, dass dort Haare wachsen. Das leichte Ziepen im Gesicht ist aber ein unweigerlicher Beweis, dass es dort sowas wie Haare geben muss. Und dann folgt auch schon der nächste Nervenkitzel. Nachdem Mustafa den Faden aus den Fingern entknotet hat, taucht er ein überdimensionales Wattestäbchen in eine Flüssigkeit und zündet es  mit einem Feuerzeug an.  Kurzzeitig überlegt  man, ob Mustafa einem nun doch übel mitspielen will, denn er macht sich daran, dieses brennende Wattestäbchen mit schnellen Bewegungen am Ohr entlang zu führen. Widererwartend verspürt man aber keinen Schmerz und Mustafa erklärt, dass durch diesen Vorgang alle Haare auf  und im Ohr entfernt werden.  Nun spült er einem noch routiniert das Gesicht mit lauwarmem Wasser ab und dann ist die Rasur mit Gesichtspflege auch schon beendet. Man bedankt sich herzlich, zahlt mit ordentlichem Trinkgeld und als man zurück auf die Pricenallee tritt, fühlt man sich wie neu geboren. Selten fühlte man sich sauberer und gepflegter im Gesicht. Und man fragt sich in diesem Moment, warum die ganzen gestressten Berliner dauernd in irgendwelche Wellnesstempel im Spreewald, am Scharmützelsee oder in der Ruppiner Seenplatte fahren, wenn sie doch die beste Wellness  direkt vor der Haustür haben.


Bislang ist  dieser Tag im Wedding jedenfalls wiedererwartend ein  Urlaubstag wie er im Buche steht: Gutes Wetter, entspanntes Verweilen im Grünen an einem wilden Gewässer, Abenteuer, ein bisschen Nervenkitzel und dazu auch noch Wellness-Behandlung vom feinsten. Kurzzeitig überlegt man gar, ob es sich lohnen würde, auf professioneller Ebene Wellness-Trips  in den Wedding zu vermarkten. Und doch ist man sich auch im Überschwang dieser Gefühle schnell bewusst, dass man sowas vielleicht besser nicht machen sollte, da es vermutlich irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber wäre, die hier täglich ums Überleben oder zumindest aber um ihr Auskommen und ein bisschen Glück kämpfen müssen. Das ist hier ja schließlich nicht Disney-World.


Was zu essen wäre jedenfalls gut, denn die Zeit ist wie im Fluge vergangen und die Uhrzeiger peilen inzwischen Highnoon an. Und was zum Essen  sollte doch zwischen den ganzen Grills hier nun wirklich zu finden sein. Es fällt einem richtig schwer, eine Wahl zu treffen. Mit dem veganen Berlin, wo diese ganzen Projekteltern ihre Soja-Latte schlürfen, und sich dabei über Lotus-Geburten, diverse Globuli und gesunde Kita-Ernährung unterhalten, hat der Wedding hier jedenfalls nicht so viel Gemeinsamkeiten, zum Glück. Und so läuft man die ganze Princenallee noch mal bis zu dem großen Boateng-Wandbild am U-Bahnhof Pankstraße runter und da man sich immer noch nicht entscheiden kann biegt man noch mal  in die Badstraße ein. Und vor einem libanesischen Imbiss weiß man plötzlich, dass man richtig ist. Die Jungs hinter der Theke versuchen sich gerade in einer interessanten Behandlung mit Fäusten und Ellenbogen gegenseitig Verspannungen aus dem Rücken zu vertreiben. Als man den Laden betritt, unterbrechen sie diesen Vorgang und begrüßen einen freundlich. Da man sich nicht zwischen Falafel und Shawarma entscheiden kann und man ja schließlich Urlaub hat, bestellt man kurzerhand einfach beides.  Und da hier nix vorfrittiert  ist und alles frisch zubereitet wird, beginnen die Jungs hinter der Theke mit einer langen Zubereitung. Dies gibt einem Zeit, bei arabischen Klängen aus den kleinen Boxen an der Decke, einen Sitzplatz aufzusuchen und die Gedanken zu ordnen. Auch hier bekommt man wieder ein Glas mit heißem, schwarzem Tee hingestellt. Man kann sich nur wiederholen: Ein toller Brauch! Und so kann man die Gedanken noch mal schweifen lassen.


Man denkt zunächst über den Wedding nach, wie er sich hier draußen vor der Fensterscheibe in der Badstraße präsentiert. Man fragt sich noch mal, ob es nicht irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber ist, dass man sich hier heute so sau-wohl fühlt. Natürlich ist einem bewusst,   dass das Leben hier für die aller meisten Leute nicht einfach ist, sondern eher ein permanenter Kampf. Und den Leuten, die hier diesen täglichen Kampf immer wieder aufs Neue annehmen, um ihr Auskommen zu sichern, mit was auch immer,  gebührt  Respekt. Dass es für einen außenstehenden hier so viel Schönes zu entdecken gibt, soll nicht in Abrede stellen, dass die Menschen es hier schwer haben. Und dass dieser Wedding kein Hort der Glückseligkeit ist, wird hier an vielen Stellen sogar noch offensichtlicher als drüben in der Turiner Straße, dort wo die Kovac-Jungs groß geworden sind. Das ist ein Kiez mit Ecken und Kanten. Einer der seine großen und kleinen Dramen schreibt, bei denen es nichts zu beschönigen gibt.  Und doch sieht man an diesem Tag eben auch viel Schönes. Mag sein, dass die Leute die hier leben, den Blick für das Schöne oft verlieren.  Später, auf der Heimfahrt mit dem Kopfhörer am Ohr  löst George Boateng diesen Wiederspruch schließlich auf, als er einem vor rappt:  

„Und ich sag dir, der Scheiß hat auch schöne Seiten,
doch du kannst sie erst sehen durch getönte Scheiben“


Und während man noch mal einen Schluck von diesem warmen Tee nimmt, denkt man wieder an die Geschichte von Prince. Und natürlich gehört zu dieser Geschichte das Foul, das die Nation erhitzte.

Das Bild von Prince war in der deutschen Öffentlichkeit  wie weiter oben beschrieben, also bereits  vor 2010  gezeichnet. Und alle fühlten sich bestätigt, an dem Tag, als der vermeintliche Verrückte aus dem Ghetto den vermeintlichen Saubermann des deutschen Fußballs (Ballack) im FA-Cup-Finale 2010 foulte und dieser Ballack in Folge dessen die Fußball-WM in Südafrika verpasst. Da entlädt sich plötzlich der ganze Zorn einer Nation. Und es wurde hässlich.  Nun war die Treibjagd endgültig eröffnet. Die ARD sendete einen „Brennpunkt“, das ZDF ein „Spezial“.  Die Boulevard-Blätter überschlagen sich und das Internet schien vor Verunglimpfungen und Gewaltaufrufen gegen Prince  zu explodieren.  Hier im Eintracht-Forum war auch einiges los, wenngleich auch differenzierte Sachen geschireben wurden, so überwog doch der  Zorn und die Moderation musste umfänglisch löschen.  George Boateng sagte einmal, dass sein Bruder in diesen Tagen der „Staatsfeind Nr. 1“ in Deutschland war. Besonders übertrieben hat er damit sicher nicht. Viele waren sich einig: Der aus dem Wedding  hat den deutschen Saubermann-Kapitän aus Görlitz  mit voller Absicht verletzt, damit dieser für die WM ausfällt. Unter all diese hasserfüllte Stimmung mischt sich schnell auch ein rassistischer Ton. Im Internet kursieren übelste rassistische Beschimpfungen gegen Prince. Aufrufe zur Gewalt und Morddrohungen sind in diesen Tagen keine Seltenheit. Und auch das Mittel der Sippenhaft soll nach dem Willen einiger deutschen „Fußball-Fans“ wieder Anwendung finden. Jedenfalls richtet sich ein Teil des Hasses auch gegen den Bruder Jérôme und es wird mancher Orts die Forderung laut, man solle aufgrund des Fouls von Prince den Bruder  Jérôme aus der deutschen Nationalmannschaft ausschließen. Und tatsächlich schafft es die deutsche  Öffentlichkeit in diesen Tagen einen Keil  zwischen die Boateng-Brüder zu treiben. Denn auch wenn sich Jérôme aller größte Mühe gibt, auf der einen Seite loyal gegenüber seinem Bruder zu bleiben und auf der anderen Seite auch den Erwartungen der deutschen Öffentlichkeit gerecht  zu werden, die natürlich möchten, dass er das Foul seines Bruders verurteilt, so sind es einige Äußerungen zu denen Jérôme mit seinen gerade mal 20 Jahren gedrängt wird , die Kevin so verärgern, dass er den Kontakt zu seinem Bruder vorrübergehend  abbricht.

Kein Mensch fragt in den  Tagen der Treibjagd nach der Vorgeschichte. Keiner will wissen, dass sich Ballack bereits 2006 in einem Spiel zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern respektlos gegenüber Prince  verhalten hat. Kaum einer geht darauf ein, dass dieser Ballack dem Prince  auch im FA-Cup-Endspiel wenige Minuten vor dem Foul eine Ohrfeige verpasst  hatte. Und auch dass sich Prince  bereist auf dem Platz bei Ballack entschuldigt hatte, will in Deutschland niemand hören.   Gut und Böse waren im Zusammenhang mit diesem Foul aus dem FA-Cup-Finale 2010 klar verteilt. Keiner will zu diesem Zeitpunkt hören, dass der Saubermann Ballack vielleicht doch nicht so ein lupenreiner Sportsmann ist – nein – sein Berater erhält sogar reichlich Beifall, als er ankündigt, dass er eine Klage gegen Prince  prüfe.  Man denkt bei dieser ganzen Geschichte rückblickend  an  ein Musikstück einer deutschen Sprechgesangsgruppe  aus den späten 1990er Jahren:

Wenn der Vorhang fällt, sieh hinter die Kulissen,
die Bösen sind oft gut und die guten sind gerissen.


Prince muss eine Lawine (neudeutsch vermutlich einen Shitstorm genannt) über sich ergehen lassen, wie es selten ein Fußballer in Deutschland ertragen musste. Er  hält sich mit öffentlichen Aussagen in diesen Tagen zurück. Und selbst wenn er dann mal reflektierte  Dinge, nach den ganzen Gewaltaufrufen und den Morddrohungen gegen ihn sagt, verhallen diese ungeachtet:

„Menschen werden umgebracht und vergewaltigt und niemand kümmert sich darum. Aber wenn jemand ein Foul im Fußball macht, werden die Leute verrückt. Und die gleichen Menschen fragen sich später, wie es passieren kann,  dass Menschen angegriffen und verletzt werden.“

Das Land, für das Prince  ursprünglich einmal Fußball spielen wollte, erklärt ihn zum Feind. Dringend angebrachte Differenzierungen sind in der Öffentlichkeit nicht vorgesehen. Leute, die sich für Prince stark machen werden bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls verunglimpft und bedroht.   Und auch im Rückblick wird wohl niemand beim DFB öffentlich einräumen, dass man in Wirklichkeit  sogar ganz froh war, dass Ballack nicht dabei war und Fipsi zum Kapitän wurde. Denn auch als Ballack wieder fit war, durfte er nicht mehr mittun und die deutsche Mannschaft spielte mit Özil und Khedira und ohne Ballack plötzlich feinsten Fußball, der die Welt verzückte. Dies veranlasste den Ballack-Berater wiederum zu erneut kruden Äußerungen.

Jedenfalls kam es dann 2010 zum ersten Bruder-Duell bei einer Fußball-WM. Erst in den folgenden Jahren konnte die Profi-Karriere von Prince nach all den Turbulenzen in stabileres Fahrwasser gelangen. Er wechselte zum AC Mailand nach Italien. Dort bekam er das Umfeld und die Anerkennung, die er benötigte, um sein ganzes Potential zu entfalten. Und es ist sicher keine Übertreibung, wenn man Prince  über weite Strecken seiner Milan-Zeit als Weltklasse-Fußballer bezeichnet. Zunächst verdrängte er den Weltmeister und Milan-Star Gattuso. Aber er entwickelte sich auch zu einem Spielmacher, einem klassischen 10er, sodass auch bald ein gewisser Andrea Pirlo in Richtung Juve flüchtete, da er den Konkurrenzkampf mit Prince um den Stammplatz fürchtete. Prince  erhielt dann auch folgerichtig die Rückennummer 10. Er wuchs bei Milan zum zentralen Spielmacher heran und das immerhin in einem Star-Ensemble, welches aus Leuten wie Ronaldinho, Ibrahimovic, Seedorf oder Alessandro Nesta bestand. Bezeichnenderweise war sein  Trikot zwischen all den Stars das meist verkaufte Trikot bei den Milan-Fans. Und nicht nur auf dem Fußballplatz konnte er in diesen Jahren seine Weltklasse nachweisen. Er war auch abseits des Fußballplatzes gefragt. Der Junge aus dem Wedding bewegt sich sicher auf einem ganz anderen Paket, abseits des Fußballplatzes,  wenn er z.B. vor den Vereinten Nationen zum Thema Rassismus referierte oder wenn er eloquente Interviews in fünf  verschiedenen Sprachen gab. Und auch bei der Einladung von Ex-Fifa-Boss Sepp Blatter machte er eine gute Figur. Vermutlich half ihm da dann wieder seiner Herkunft aus dem Wedding, denn dort lernt man früh, mit Leuten mit krimineller Energie umzugehen.  

Und bis heute wollen die Journalisten aus aller Welt mit Prince reden. Eben genau aus dem Grund, weil er was zu sagen hat. Weil er einem keine Floskeln um die Ohren haut. Weil das was er sagt, Hand und Fuß hat. Er hat einiges erlebt, was seinen Charakter gefestigt hat. Wer hat eigentlich mal behauptet, es gäbe im Fußball keine Typen mehr? Er ist zudem einfühlsam und charmant. Und genau dies passt wiederum überhaupt nicht mit dem Bild überein, dass die deutsche Öffentlichkeit von ihm spätestens nach dem Ballack-Foul zeichnete und welches noch heute in den Köpfen vieler Fußball-Fans verhaftet ist.  Natürlich soll an dieser Stelle kein verklärtes Bild gemalt werden. Prince ist ein Fußballer, der Ecken und Kanten hat, der vielleicht auch stur und schwierig sein kann. Er hat sicher Fehler gemacht in seiner Laufbahn. In frühen Jahren hat er bewusst mit diesem Ghetto-Image kokettiert und dadurch vermutlich auch selber ein Stück weit Anteil an dem Bild, was die Medien über ihn zeichneten und auch bis heute zeichnen. In wie weit dieses  Ghetto-Image  aber tatsächlich auf Prince jemals zutraf, lässt sich nur schwer einschätzen. Dazu vielleicht noch diese Anekdote: Als Prince 2007 für immerhin 7,5 Millionen Euro zu Tottenham wechselte  (also für eine Summe, die bereits zu dieser Zeit die Rekordablöse von Eintracht Frankfurt rund  10 Jahren später für Sebastien Haller überstieg), spielte der junge Prince mit der Erfahrung seiner 20 Lebensjahren bei seiner Vorstellung ebenfalls auf  dieses Ghetto-Image an. Einige eingefleischte Tottenham-Anhänger haben sich daraufhin schon damals  auf eine neugierige Reise in den Wedding gemacht.  Und vermutlich muss man an dieser Stelle nicht extra erklären, dass Leute, die aus Tottenham stammen, sich mit Brennpunkt, kultureller Vielfalt und dem was man im Volksmund als "Ghetto" bezeichnet, auskennen.  Jedenfalls kehrten die Tottenham-Fans nach England zurück und urteilten über den Berliner Wedding: „What a nice Ghetto!“

Im Endeffekt ist es aber auch völlig egal, wie viel Ghetto in Kevin-Prince Boateng steckt. Das in der Öffentlichkeit bestehende Bild von ihm, hat ohnehin nie gestimmt. Daher wäre es  vielleicht auch  mal an der Zeit, dass die deutsche Öffentlichkeit ein wenig Abbitte leistet, bei einem Mann, den sie viel zu lange viel zu einseitig dargestellt hat.  Bei einem Mann, der in diesem Land zeitweise von den Medien zum Abschuss frei gegeben wurde, obwohl ihm damit Unrecht getan  wurde. Dieser Kevin-Prince Boateng hat es verdient, dass man ihm endlich vorbehaltlos entgegen tritt. Und man darf in Zukunft auch gerne mal über die Eigenschaften berichten, die ihm die Leute zuschreiben, die ihn wirklich kennen. Eigenschaften wie Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Empathie, Führungsstärke,  Charme, Humor und Lebensfreude. Wenn man dann noch hinzurechnet, dass er sich auch durchsetzen kann,  dass er über Rückgrat verfügt und Charakter besitzt, dass er einen durchtrainierten Körper hat und auch sonst ein  ganz okayes Aussehen hat (sofern man das als männliche Hete beurteilen kann), dann möchte man den Männern  im Rhein-Main-Gebiet zurufen: „Jungs, haltet eure Mädels fest!“   Aber zum Glück ist der Prince ja vom Markt. Er ist glücklich verheiratet und ein liebevoller Familienvater, was nicht zuletzt dazu führte, dass er den Weg zur Frankfurter Eintracht fand, da er dort die Familie zusammenführen kann. Man wird jedenfalls das Gefühl einfach nicht los, dass in diesem Fußballer viel mehr „Prince-Charming“ steckt als  „Ghetto-Fighter“.

An dieser Stelle möchte man sich fast entschuldigen, dass die letzten Zeilen etwas  in den Glamour-Gala-Yellow-Press-Style abgeschweift sind, aber man hat ja auch nicht alle Tage  einen so schillernden Spieler in den Reihen der Eintracht. Daher sei um Nachsicht gebeten.

Und dann gleich noch ein subjektiver  Eindruck hinterher geschoben:  Prince macht ja optisch  praktisch immer eine ziemlich gute Figur. Aber wenn man sich Bilder seiner Fußball-Laufbahn anschaut, dann muss man sagen, dass ihm genau drei Trikots besonders gut standen. Das eine war das Trikot der ghanaischen Nationalmannschaft. Das zweite war das Milan-Trikot. Und das dritte ist  das Trikot von Eintracht Frankfurt. Darin sieht er einfach viel  besser aus, als z.B.  im Hertha- oder Schalke-Trikot.  Jedenfalls wird das nun einfach mal als  sehr schlüssiger ( )Beleg  gewertet, dass die Verbindung zwischen Kevin-Prince Boateng und Eintracht Frankfurt einfach passt.

Nicht zuletzt  teilen der Prince und die Eintracht-Fans viele Eigenschaften: Der Kampfgeist, der Stolz, die Ecken und Kanten, der Charakter, das Rückgrat, das Mit-Rückschlägen-Umgehen-Können,  die Empathie, den Charme  und nicht zuletzt den Fakt, dass man in der Öffentlichkeit  schon so manches Mal zu Unrecht verurteilt wurde und ein öffentliches Image entstanden ist, was nicht der Realität entspricht.

Und während man es an diesem Spätsommertag im Wedding nun tatsächlich geschafft hat die regionalen Spezialitäten des Weddings  Falafel und Shawarma vollständig zu verspeisen, denkt man, dass diese Prince- und Eintracht-Eigenschaften auch gut und gerne auf den Wedding übertragen werden können. Denn der Wedding  hat auch Ecken und Kanten, Charakter, Rückgrat, ein viel zu schlechtes Image, Stolz, Kampfgeist und auch diese ganzen gefühlvollen Sachen.  Genau, wie man den Wedding in unseren Kovac-Brüdern erkennt, so scheint  der  Wedding auch den  Prince tief geprägt zu haben. Sein  großer Bruder würde es rappend so ausdrücken:

„Du kriegst mich aus dem Wedding, doch den Wedding nicht aus mir.“  

Und natürlich möchte man es dem Prince wünschen, dass er als Fußballer und als Mensch endlich ohne Vorbehalte in Deutschland bewertet und angenommen wird.   Auf der anderen Seite präsentiert  der Wedding seine liebenswerte Seite auch nicht jedem auf dem Silbertablett. Von daher ist man fast geneigt zu sagen: Sollen die, die nicht bereit sind hinter die Kulissen zu blicken und das eingefahrenen Bild zu hinterfragen doch in  ihrer falschen Sichtweise versauern. Das gilt für die Betrachter des Weddings wie für die Betrachter des Prince. Wer nicht bereit ist, die Ebene der Oberflächlichkeit  zu verlassen, dem werden völlig zu Recht die  vielen aufregenden, spannenden und geradezu hinreißende  Perspektiven verwehrt bleiben.

Und mit diesem Gefühl des anmutigen Trotzes wird der Wedding dann nach unserer zweiten Wedding-Exkursion  verlassen. Und dieser Wedding hat es auch diesmal wieder geschafft, schwer zu beeindrucken. Beseelt von den vielen Eindrücken, versucht man es sich  auf einem Sitzplatz der Straßenbahn bequem zu machen. Nachdem die Kopfhörer mit dem Mobiltelefon verbunden  und aufs  Ohr geklemmt sind, wird diese  Abspann-Musik für die heutige  Wedding-Exkursion ausgewählt:

BTNG – Hier!

Und während man den Reimen von George Boateng lauscht und die Straßenbahn allmählich wieder in  diese andere Welt - den Prenzlauer Berg - vordringt, denkt man vor sich hin:   Wie Recht sie doch damals hatten, die Tottenham-Fans.

What a nice Ghetto!
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boah, was ein brett!

jetzt wartete ich ja schon die ganzen letzten tage gespannt auf deine kieztour, aber so eine nummer hab ich nicht im entferntesten erwartet.

ehrlich, muss ziemlich lange her sein, dass mich ein text so emotional mit auf die reise genommen hat.

DAZKE
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What a nice story!

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Was für ein geiler Freak, Du bist, Brodowin! Danke für die Gänsehäute. Und eins ist jetzt noch etwas klarer: Prince passt ganz hervorragend nach Frankfurt & zu unserer Eintracht.
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Puh, der Text war offenbar zu lange, um ihn in einen Beitrag zu packen.
Daher die Unterbrechung in der Mitte.

Bin gespannt ob sich diesen Textschwall jemand bis zu Ende antut.
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Super... Danke! Macht Spaß, parallel zu Deinem "Roman" der Strecke auf Maps zu folgen... wie schon beim "Kovac-Brüder Report"...
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Grandioser Einblick. Wer sorgt dafür, dass Kevin den Bericht zu lesen bekommt?
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Sensationell!! Danke!!!

DA
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- Fortsetzung -

Da wir nun schon einmal wegen dem Prince im Wedding unterwegs sind, biegen wir logischerweise auch noch mal in die Prinzenallee ein. Auch hier wieder  zahlreiche Grill-Imbisse. Dazwischen  Wettbüros. Besonders beliebt scheint die Kombination aus Sportwetten-Bar und Shisha-Bar zu sein. Zudem gibt es vereinzelt noch  bulgarische Supermärkte und algerische Fleischereien, wo man Delikatessen wie Lammköpfe, Hammelhoden oder ganze Schafhälften erwerben kann. An vielen Ecken riecht es hier schon morgens um diese Uhrzeit, also so kurz nach 10, nach Gras. Viel öfter riecht es jedoch nach Hundekacke. Überall stehen geschäftige junge Männer auf der Straße und telefonieren angeregt mit ihrem Mobiltelefon. Man hört alle möglichen Sprachen, Deutsch ist eher  selten darunter. Wenn sich bekannte junge Männer auf der Straße begegnen, begrüßen sie sich mit aufwendigen Abklatsch-Ritualen. Baseball-Caps, Eastpack-Bauchtasche und sportliche Hosen sind bei den männlichen Leuten beliebt. Frauen tragen vermehrt  Kopftuch. Zwischen all den Spielhallen und Spätkäufen  trifft man dann tatsächlich auch noch auf das „Café Prince“, welches man natürlich sofort als sicheren Hinweis auf unseren Prince  deutet. Und immer wieder donnern die startenden Maschinen von TXL  über die Köpfe. Man geht die Prinz(c)enallee also einmal in nördlicher Richtung rauf bis zur Stephanuskirche und kehrt dann auf der anderen Straßenseite in südlicher Richtung zurück und lässt die Eindrücke auf sich wirken.

Vor einem Friseur-Laden, der  Coiffeur Ziya heißt, bleibt man stehen. Man beobachtet zunächst von außen, was dort so vor sich geht. Vor allem sind es angeregte Unterhaltungen unter Männern, die da drinnen und auch vor dem Laden vor sich gehen. Man versteht zwar kein Wort aber ist trotzdem fasziniert von der Intensität, in der sich die Leute unterhalten. Einige  scheinen es hinzubekommen, gleichzeitig mit Leuten in dem Laden zu reden und nebenbei noch zu telefonieren. Vor dem Laden sitzen ein paar ältere Männer und kauen auf Sonnenblumenkernen.  Und während man dieses angeregte Setting beobachtet studiert man das Angebot, welches in unterschiedlichen Sprachen an der Wand vor dem Laden angebracht ist. Haarschnitt 8 €, Rasur 5€, Modellrasur 7€, Rasur und Gesichtspflege 15€. Ein sehr verlockendes Angebot, vor allem, wenn  man sich gerade etwas  stoppelig im Gesicht anfühlt. Und doch zögert man, den Laden zu betreten. Man überlegt kurz, ob die Leute drinnen das in Ordnung fänden, wenn man da einfach rein kommt und sie auf Deutsch anquatscht, da man der Sprachen nicht mächtig ist, die dort gerade gesprochen werden. Man wäre jedenfalls der einzige, ohne Migrationshintergrund in dem Laden.  Man zögert kurz und sagt sich dann aber: „Warum eigentlich nicht? Prince würde sich schließlich auch in den Laden trauen.“  Ein bisschen Nervenkitzel ist schon  dabei. Man betritt den Friseurladen also und fragt fast etwas schüchtern, ob die Leute  Zeit für eine Rasur mit Gesichtspflege haben. Die sehr freundliche Begrüßung lässt die Unsicherheit schwinden  und man bekommt den einzigen freien Platz zugewiesen. Wie selbstverständlich bekommt man einen türkischen Tee hingestellt. Dieser Brauch ist einem noch   vom letzten Wedding-Ausflug im November in Erinnerung. Dieser türkische Schwarztee scheint so eine Art Lebenselixier des Weddings zu sein. Überall, wo die Leute einen willkommen heißen und wo sie es gut mit einem meinen, bekommt man diesen Tee hingestellt. Ein schöner Brauch.

Und dann muss man in Mitten dieses Stimmengewirrs aus Sprachen die man nicht kennt und einer akustischen Beschallung aus den Boxen mit türkischer Musik erst einmal warten. Man kommt sich vor wie in einer anderen, aufregenden Welt. Und  dann schweifen die Gedanken während des Wartens doch wieder zu unserem Prince aus dem Wedding.

Wenn man sich mit Kevin-Prince Boateng ein bisschen näher befasst, dann fällt eines sehr schnell auf: Alle Menschen, die ihn persönlich gut kennen, zeichnen in ihren Erzählungen ein Bild von ihm, dass so gar nicht mit diesem rüpelhaften Ghetto-Treter-Image zusammenpasst, welches  vor allem die deutschen   Medien ihm verpasst haben. Sei  es sein ehemaliger Grundschullehrer, seine Jugendtrainer oder auch spätere Bezugspersonen, Mannschaftskollegen und Trainer; Jürgen Klopp sei hier mal stellvertretend aufgeführt. Und nicht zuletzt unser Cheftrainer Niko Kovac.  Klopp sagte z.B. über Prince während seiner Dortmunder Zeit Sachen wie diese: „Ich finde es lächerlich und es nervt mich, wenn Kevin unterstellt wird, dass er absichtlich Foul spielt. Der Junge will Zweikämpfe gewinnen, mehr nicht.“ Zudem wehrte sich  Klopp schon damals vehement gegen das Image, welches die Medien Prince anhängen wollten: „Wir alle wissen, dass er derzeit kein besonders gutes Image hat. Doch das reicht offenbar aus, um ihn aufgrund seiner aggressiven Spielweise zum Treter abzustempeln (…) Er ist sicherlich ab und zu übermotiviert, aber deswegen ist er noch lange kein schlechter Mensch.“  Alle, die näher mit Kevin-Prince zu tun hatten beschreiben ihn als freundlichen, angenehmen und sehr umgänglichen Menschen. Da hört man nix von einem  schwierigen Egomanen, der sich nicht unterordnen kann und eine Bedrohung für das Binnenklima einer Mannschaft sein soll. Sein Grundschullehrer, zu dem Prince übrigens immer noch Kontakt hält, beschreibt ihn als „höflich, zuvorkommend, respektvoll und hilfsbereit“ und er soll stets „gute Laune ausgestrahlt“ haben.  Zudem war er demnach  nie in Schlägereien verwickelt und es gab von ihm „kein Macho-Gehabe, keine Gangsterposen, keine Ghettosprüche“. Auch sein ehemaliger Jugendtrainer Frank Friedrichs, zudem Prince ebenfalls bis heute Kontakt hält, beschreibt ihn als „zuverlässig und pünktlich“ ebenso  sei er schon früh „ein helles Köpfchen“ und dazu auch sonst sehr liebenswert gewesen. Prince kam immerhin bereits mit 9 Jahren selbstständig   mit der U-Bahn alleine zum Training und zu den Spielen. Er musste schon viel früher alles für sich selber organisieren, zu Zeiten, wo Mannschaftskollegen noch von ihren Eltern mit dem Auto zum Training gebracht und wieder abgeholt wurden und am Wochenende zu den Spielen begleitet wurden.

Aber natürlich verlief auch die Entwicklung von Prince nicht immer stromlinienförmig. Schwierigkeiten sollen sich ergeben haben, als Prince  in der Pubertät altersbedingt einige männliche Bezugspersonen, wie sein Grundschullehrer oder sein langjähriger Jugendtrainer Frank Friedrichs wegfielen. Auch sein Bruder George sagt über diese Zeit, dass er Prince damals das ein oder andere Mal ins Gewissen reden musste, dass dieser sein Talent nicht weg schmeißen soll, wie er (George) es selber zuvor gemacht hatte. Der starke Wille von Prince führte aber dazu, dass er auch diese Zeit überstand und weiter an seiner Fußball-Laufbahn arbeitet.

Und ein trauriger Fakt, der  sich von der Jugend an  durch seine Fußball-Karriere  zieht, ist die Tatsache, dass er auf dem Fußballplatz rassistisch beschimpft wird. Nicht nur von Gegenspielern sondern auch von deren Eltern. Es fällt ihm nicht immer leicht, dass alles hin zu nehmen und sich nicht provozieren zu lassen. Vor allem hat er am Spielfeldrand, beispielsweis  auf den Sportplätzen in Weißensee, Marzahn oder Hellersdorf keinen Vater, der ihm zuschaut und ihn auch mal beruhigen kann. Prince sagte damals: „Im Osten ist es manchmal schon krass.“ Er hat niemand, der ihn in solchen Momenten die Wut nimmt, beruhigend auf ihn einwirkt und ihn tröstet.  Und vor allem hat er noch nicht die Lobby und die Aufmerksamkeit wie er sie am 3. Januar 2013 in Busto Arsizio hatte, als er nach wiederholten rassistischen Anfeindungen den Ball in Richtung Tribüne ballerte und die Milan-Mannschaft mit ihm geschlossen das Spielfeld verließ. Nein, Prince  spielt zu dieser Zeit noch in der Jugendmannschaft von Hertha und muss das alles irgendwie über sich ergehen lassen, ohne selber durchzudrehen.

Und er spielt  mit hochbegabten Fußballern zusammen, die sein Bruder Jérôme einmal als „die Verrückten“ bezeichnet hat. Spieler wie Ashkan Dejagah, Sejad Salhiovic oder  Patrick Ebert. Allesamt hochveranlagte Kicker aber allesamt auch keine stromlinienförmigen Nachwuchstalente vom Schlage eines  Fipsi  Lahms. Durchaus herausfordernde Charaktere. Es gibt die Legende, dass sie damals eine Oberliga-Mannschaft (also 1. Herren) in einer Soccer-Hall herausforderten. Diese Oberliga-Mannschaft soll voller Siegesgewissheit gegen die jungen Hüpfer eingewilligt haben – es wurde wohl um die Platzmiete gespielt – jedenfalls  wurde anschließend die gestandene Oberliga-Mannschaft von Prince  und seinen „Verrückten“ nach Strich und Faden auseinandergenommen und deutlich besiegt. Und  auch in dieser Truppe  war Prince  natürlich der herausragende Spieler. Er durchläuft daher   folgerichtig alle Jugendnationalmannschaften des DFB. Insgesamt trägt er in den Nachwuchsmannschaften 41 mal das Trikot von Deutschland. Und er macht Erfahrungen, die viele deutsche Nachwuchsnationalspieler mit Migrationshintergrund zu dieser Zeit machen. Sie werden missverstanden und nicht vollumfänglich akzeptiert.  Eine Anekdote, die ebenfalls von Michael Horeni stammt: Vor einem U15 Länderspiel  Deutschland gegen  Österreich fragt ein  Reporter Prince, was er fühlt vor dem Spiel. Prince  antwortet: „Stolz, aber ein bisschen bin ich ja auch Ghanaer.“  Der Reporter findet, dass er sich nicht sicher ist ob er Deutscher ist.  Der Trainer von Prince entgegnet aber, man müsse sich nicht wundern über diese Zweifel. Der Reporter fragt „Warum?“ und der Trainer antwortet:  „Weil er auf dem Platz als Neger beschimpft wird und Sachen wie ‚Geh dahin wo du her kommst‘ hört“.

 
Im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft der B-Jugend im Jahre 2003 treffen die verrückten Hertha-Jungs um Prince, Ebert und Dejagah auf die B-Jugend des VFB Stuttgart, der  u.a. mit Sami Khedira  und Andreas Beck antritt. Hertha fertigt Stuttgart mit 4:1 ab, überragender Spieler auf dem Platz ist Kevin-Prince Boateng.  Und wieder bewundert Jérôme seinen großen Bruder.  Es ist zur damaligen Zeit der Traum von Kevin-Prince  und Jérôme Boateng, einmal gemeinsam in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen. Niemand ahnt damals, dass Prince der einzige Spieler sein wird, der zweimal die  Fritz-Walter-Medaille des DFB erhält und doch niemals deutscher A-Nationalspieler werden wird. 2005 erhält Prince  diese  Fritz-Walter-Medaille bei der U18 in Bronze und ein Jahr später bei der U19 die gleiche Ehrung in Gold. Zudem wird sein Treffer im U19-Länderspiel gegen Griechenland zum Tor des Monats im Juli 2005 gewählt.


Somit steht  Prince  natürlich  2009 in der Vorbereitung auf die EM im Aufgebot der Deutschen U21, die in Schweden einige Wochen später den Titel gewinnen sollte. Jene U21, die mit ihren Spielern Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil Jahre später das Grundgerüst der Weltmeistermannschaft von 2014 bilden wird. Außerdem  standen damals 2009 neben Prince  auch noch die talentierten Wedding-Kicker Ashkan Djagah,  Änis Ben-Hatira und Chinedu Ede im DFB-Aufgebot. Kurz vor dem Turnier kommt es im Trainingslager zu einem Zwischenfall, in dessen Folge Prince  aus der Mannschaft fliegt. Was wirklich passierte, ist unklar. Einige Spieler sollen sich aus dem Trainingslager entfernt haben und in einer Kneipe getrunken haben. Es kommt offenbar zu einem Streit mit anderen Gästen, Prince – der im Wedding gelernt hat, mit heiklen Situationen umzugehen - vermittelt im Streit und bestellt Taxis, mit denen er seine Mannschaftskollegen  ins Trainingscamp zurück schickt. Dann steht aber kein Taxi mehr zur Verfügung, mit dem er selber zurückfahren kann. Er muss ewig  auf ein freies Taxi warten und kommt somit  über eine Stunde nach seinen Mannschaftskollegen zurück ins Team-Hotel. Nachdem Horst Hrubesch, der Prince eigentlich wertschätzt,  am nächsten Tag den Rauswurf vor der Presse verkündet sagt er: „Ich habe bei vielen Sachen im Leben immer ein lachendes und ein weinendes Auge. Aber bei dieser Sache habe ich nur zwei weinende Augen.“  Bis heute halten sich Gerüchte, dass einige Mitspieler den Trainer zu dem Rauswurf gedrängt haben sollen, da sie in Prince  einen Konkurrenten sahen, an dem sie nicht vorbei kamen. Es ist das Ende, einer von zahlreichen Missverständnissen geprägten  Beziehung zwischen dem  DFB und Kevin-Prince Boateng. Der DFB hatte die Tür für einen der talentiertesten Spieler seines Jahrgangs für immer zugeschlagen und für Prince  platzte endgültig der Traum, gemeinsam mit seinem Bruder für Deutschland spielen zu dürfen.


Kurze Zeit später erklärte er, dass er künftig für das Land seines Vaters, Ghana, antreten werde. Die Medien nahmen dies zum Anlass, um ihre Geschichte vom „guten“ und vom „bösen“   Boateng  weiter zu spinnen. Auf der einen Seite der fleißige, disziplinierte und ruhige Jérôme, der für Deutschland spielt und auf der anderen Seite, der Treter, der Durchgeknallte aus dem Wedding, der künftig für Ghana auflaufen wird. Befeuert wurde das Ganze von Aussagen, verschiedener Fußballfunktionäre, die sich nicht zu schade waren, vernichtende Urteile zu fällen. Ein Matthias Sammer lässt sich – ohne dass er Prince  persönlich kennt(!) – zu folgender Aussage hinreißen: „Die wesentliche Aussage bei der Leistungsvoraussetzung ist die Persönlichkeit. Ich sehe Jérôme als leistungsorientierten, konzentrierten, disziplinierten Spieler. Er erfüllt die Leistungsvoraussetzungen. Sein Bruder eben nicht. Gerade beim wesentlichen Punkt Persönlichkeit, da kann seine Entwicklung nicht mit der von Jérôme mithalten.“ Bam! Dieses Zitat muss Prince  wie ein Faustschlag getroffen haben. Und zusätzlich das Gefühl befeuert haben, der DFB wolle einen Keil zwischen ihn und seinen Bruder, der sich immer an ihm orientiert hatte, treiben.  Und auch andere viel gefragte, aber wenig intelligente  Fußballprominenz fühlt sich bemüßigt, ein Mainstream-Bild von Prince zu zeichnen, was ihm nicht gerecht wird. Alle waren sich einig, dass dieser Prince  „absichtlich foulte“ (Olaf Thon),  „der Fiesling der Bundesliga“ sei (Lothar Matthäus), oder dass  „dieser Fußballer nicht sozialisierbar“ (Marcel Reif) sei. Und Beckenbauer äußerte: „Ich weiß nicht was in dem Kopf eines solchen Spielers vor sich geht.“  Wieder ist es Jürgen Klopp – einer der wenigen, der Prince persönlich kennt – der sich gegen die Kampagne stellt und  für Prince in den Ring steigt: „Kevin-Prince wird zwar nie ein Mönch, aber er ist vernünftig und hat das Recht vernünftig behandelt zu werden. Nur weil er zwei Stunden länger als Kind auf der Straße verbracht hat, ist er jetzt nicht schlimmer als seine Kritiker.“ Aber diese Worte von Klopp verhallen ungehört. Fußball-Deutschland ist sich einig, das Bild vom „RAMBOateng“ (Bild-Zeitung) ist längst in Stein gemeißelt.


Aus diesen Gedanken zur Vergangenheit von Prince  wird man im Wedding schlagartig  gerissen, da einer der Mitarbeiter des Coiffeur Ziya in der Princenallee  signalisiert, nun bereit für die Rasur zu sein. Er klopft einem auf die Schulter und fragt: „Na mein Freund, vertraust du mir?“ während er im nächsten Moment eine lange  Klinge auf den Tisch legt und lächelt. Man fragt sich noch kurz gegenseitig, wie man heißt und schon legt Mustafa, der Barbier von der Princenallee los. Es wäre sicher ein leichtes, mit Mustafa in ein Gespräch über Fußball zu kommen. Eine aufgehängte grün-gelbe Fahne von Şanlıurfaspor, einem türkischen Fußballverein aus der 3. Liga, bezeugt zumindest ein gemeinsames Interesse. Aber da man heute nicht wieder, wie auf dem letzten Wedding-Trip,  als "Groupie" bezeichnet werden will, vermeidet man ein Gespräch über Fußball und erst recht über Kevin-Prince Boateng. Mit einem angenehm weichen Pinsel trägt Mustafa einen sehr feinporigen Schaum auf das Gesicht und den Hals auf. Und dann geht es wieder los mit dem Nervenkitzel. Mustafa übergießt seine Rasierklinge mit einer Flüssigkeit und fackelt mit einem großen Feuerzeug an ihr entlang. Man fragt sich, warum er das macht, traut sich aber nicht zu fragen  - jetzt besser kein falsches Wort -  erklärt es sich selbst kurzerhand mit einer Desinfektion der Klinge. Und dann geht es los. Routiniert setzt Mustafa die Klinge an, er beginnt unter der Nase, vermutlich so als Warm-Up.  Die geschickten Bewegungen lassen einen dann doch Vertrauen schöpfen. Heikel wird es aber wieder, als Mustafa sich den Hals vornimmt. Als man im wahrsten Sinne des Wortes die große Klinge an der Kehle spürt. Nun schießen einem dann doch Gedanken durch den Kopf wie: „Jetzt bloß die Fresse halten“ oder „Hoffentlich findet Mustafa einen  einigermaßen ok“.  Und trotz all dem Nervenkitzel fühlt es sich   angenehm an, was er  da mit der scharfen Klinge macht. Nachdem man nun diesen Nervenkitzel tatsächlich wohlbehalten überstanden hat, und Mustafa alle Barthaare gekonnt entfernt hat, legt er einem ein warmes, nasses Tuch auf das  Gesicht, welches angenehm nach Minze oder irgend so was ähnlichem riecht. In jedem Falle sehr wohltuend. In der Zwischenzeit verknotet Mustafa mit seinen Zähnen und seinen Fingern in einer aufwendigen Prozedur einen sehr langen, dünnen Faden. Und während man sich noch fragt, was Mustafa nun vor hat, beginnt er auch schon, mit dem zwischen den Händen verwickelten Faden, Haare aus dem Gesicht zu entfernen, an Stellen, von denen man bislang gar nicht wusste, dass dort Haare wachsen. Das leichte Ziepen im Gesicht ist aber ein unweigerlicher Beweis, dass es dort sowas wie Haare geben muss. Und dann folgt auch schon der nächste Nervenkitzel. Nachdem Mustafa den Faden aus den Fingern entknotet hat, taucht er ein überdimensionales Wattestäbchen in eine Flüssigkeit und zündet es  mit einem Feuerzeug an.  Kurzzeitig überlegt  man, ob Mustafa einem nun doch übel mitspielen will, denn er macht sich daran, dieses brennende Wattestäbchen mit schnellen Bewegungen am Ohr entlang zu führen. Widererwartend verspürt man aber keinen Schmerz und Mustafa erklärt, dass durch diesen Vorgang alle Haare auf  und im Ohr entfernt werden.  Nun spült er einem noch routiniert das Gesicht mit lauwarmem Wasser ab und dann ist die Rasur mit Gesichtspflege auch schon beendet. Man bedankt sich herzlich, zahlt mit ordentlichem Trinkgeld und als man zurück auf die Pricenallee tritt, fühlt man sich wie neu geboren. Selten fühlte man sich sauberer und gepflegter im Gesicht. Und man fragt sich in diesem Moment, warum die ganzen gestressten Berliner dauernd in irgendwelche Wellnesstempel im Spreewald, am Scharmützelsee oder in der Ruppiner Seenplatte fahren, wenn sie doch die beste Wellness  direkt vor der Haustür haben.


Bislang ist  dieser Tag im Wedding jedenfalls wiedererwartend ein  Urlaubstag wie er im Buche steht: Gutes Wetter, entspanntes Verweilen im Grünen an einem wilden Gewässer, Abenteuer, ein bisschen Nervenkitzel und dazu auch noch Wellness-Behandlung vom feinsten. Kurzzeitig überlegt man gar, ob es sich lohnen würde, auf professioneller Ebene Wellness-Trips  in den Wedding zu vermarkten. Und doch ist man sich auch im Überschwang dieser Gefühle schnell bewusst, dass man sowas vielleicht besser nicht machen sollte, da es vermutlich irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber wäre, die hier täglich ums Überleben oder zumindest aber um ihr Auskommen und ein bisschen Glück kämpfen müssen. Das ist hier ja schließlich nicht Disney-World.


Was zu essen wäre jedenfalls gut, denn die Zeit ist wie im Fluge vergangen und die Uhrzeiger peilen inzwischen Highnoon an. Und was zum Essen  sollte doch zwischen den ganzen Grills hier nun wirklich zu finden sein. Es fällt einem richtig schwer, eine Wahl zu treffen. Mit dem veganen Berlin, wo diese ganzen Projekteltern ihre Soja-Latte schlürfen, und sich dabei über Lotus-Geburten, diverse Globuli und gesunde Kita-Ernährung unterhalten, hat der Wedding hier jedenfalls nicht so viel Gemeinsamkeiten, zum Glück. Und so läuft man die ganze Princenallee noch mal bis zu dem großen Boateng-Wandbild am U-Bahnhof Pankstraße runter und da man sich immer noch nicht entscheiden kann biegt man noch mal  in die Badstraße ein. Und vor einem libanesischen Imbiss weiß man plötzlich, dass man richtig ist. Die Jungs hinter der Theke versuchen sich gerade in einer interessanten Behandlung mit Fäusten und Ellenbogen gegenseitig Verspannungen aus dem Rücken zu vertreiben. Als man den Laden betritt, unterbrechen sie diesen Vorgang und begrüßen einen freundlich. Da man sich nicht zwischen Falafel und Shawarma entscheiden kann und man ja schließlich Urlaub hat, bestellt man kurzerhand einfach beides.  Und da hier nix vorfrittiert  ist und alles frisch zubereitet wird, beginnen die Jungs hinter der Theke mit einer langen Zubereitung. Dies gibt einem Zeit, bei arabischen Klängen aus den kleinen Boxen an der Decke, einen Sitzplatz aufzusuchen und die Gedanken zu ordnen. Auch hier bekommt man wieder ein Glas mit heißem, schwarzem Tee hingestellt. Man kann sich nur wiederholen: Ein toller Brauch! Und so kann man die Gedanken noch mal schweifen lassen.


Man denkt zunächst über den Wedding nach, wie er sich hier draußen vor der Fensterscheibe in der Badstraße präsentiert. Man fragt sich noch mal, ob es nicht irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber ist, dass man sich hier heute so sau-wohl fühlt. Natürlich ist einem bewusst,   dass das Leben hier für die aller meisten Leute nicht einfach ist, sondern eher ein permanenter Kampf. Und den Leuten, die hier diesen täglichen Kampf immer wieder aufs Neue annehmen, um ihr Auskommen zu sichern, mit was auch immer,  gebührt  Respekt. Dass es für einen außenstehenden hier so viel Schönes zu entdecken gibt, soll nicht in Abrede stellen, dass die Menschen es hier schwer haben. Und dass dieser Wedding kein Hort der Glückseligkeit ist, wird hier an vielen Stellen sogar noch offensichtlicher als drüben in der Turiner Straße, dort wo die Kovac-Jungs groß geworden sind. Das ist ein Kiez mit Ecken und Kanten. Einer der seine großen und kleinen Dramen schreibt, bei denen es nichts zu beschönigen gibt.  Und doch sieht man an diesem Tag eben auch viel Schönes. Mag sein, dass die Leute die hier leben, den Blick für das Schöne oft verlieren.  Später, auf der Heimfahrt mit dem Kopfhörer am Ohr  löst George Boateng diesen Wiederspruch schließlich auf, als er einem vor rappt:  

„Und ich sag dir, der Scheiß hat auch schöne Seiten,
doch du kannst sie erst sehen durch getönte Scheiben“


Und während man noch mal einen Schluck von diesem warmen Tee nimmt, denkt man wieder an die Geschichte von Prince. Und natürlich gehört zu dieser Geschichte das Foul, das die Nation erhitzte.

Das Bild von Prince war in der deutschen Öffentlichkeit  wie weiter oben beschrieben, also bereits  vor 2010  gezeichnet. Und alle fühlten sich bestätigt, an dem Tag, als der vermeintliche Verrückte aus dem Ghetto den vermeintlichen Saubermann des deutschen Fußballs (Ballack) im FA-Cup-Finale 2010 foulte und dieser Ballack in Folge dessen die Fußball-WM in Südafrika verpasst. Da entlädt sich plötzlich der ganze Zorn einer Nation. Und es wurde hässlich.  Nun war die Treibjagd endgültig eröffnet. Die ARD sendete einen „Brennpunkt“, das ZDF ein „Spezial“.  Die Boulevard-Blätter überschlagen sich und das Internet schien vor Verunglimpfungen und Gewaltaufrufen gegen Prince  zu explodieren.  Hier im Eintracht-Forum war auch einiges los, wenngleich auch differenzierte Sachen geschireben wurden, so überwog doch der  Zorn und die Moderation musste umfänglisch löschen.  George Boateng sagte einmal, dass sein Bruder in diesen Tagen der „Staatsfeind Nr. 1“ in Deutschland war. Besonders übertrieben hat er damit sicher nicht. Viele waren sich einig: Der aus dem Wedding  hat den deutschen Saubermann-Kapitän aus Görlitz  mit voller Absicht verletzt, damit dieser für die WM ausfällt. Unter all diese hasserfüllte Stimmung mischt sich schnell auch ein rassistischer Ton. Im Internet kursieren übelste rassistische Beschimpfungen gegen Prince. Aufrufe zur Gewalt und Morddrohungen sind in diesen Tagen keine Seltenheit. Und auch das Mittel der Sippenhaft soll nach dem Willen einiger deutschen „Fußball-Fans“ wieder Anwendung finden. Jedenfalls richtet sich ein Teil des Hasses auch gegen den Bruder Jérôme und es wird mancher Orts die Forderung laut, man solle aufgrund des Fouls von Prince den Bruder  Jérôme aus der deutschen Nationalmannschaft ausschließen. Und tatsächlich schafft es die deutsche  Öffentlichkeit in diesen Tagen einen Keil  zwischen die Boateng-Brüder zu treiben. Denn auch wenn sich Jérôme aller größte Mühe gibt, auf der einen Seite loyal gegenüber seinem Bruder zu bleiben und auf der anderen Seite auch den Erwartungen der deutschen Öffentlichkeit gerecht  zu werden, die natürlich möchten, dass er das Foul seines Bruders verurteilt, so sind es einige Äußerungen zu denen Jérôme mit seinen gerade mal 20 Jahren gedrängt wird , die Kevin so verärgern, dass er den Kontakt zu seinem Bruder vorrübergehend  abbricht.

Kein Mensch fragt in den  Tagen der Treibjagd nach der Vorgeschichte. Keiner will wissen, dass sich Ballack bereits 2006 in einem Spiel zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern respektlos gegenüber Prince  verhalten hat. Kaum einer geht darauf ein, dass dieser Ballack dem Prince  auch im FA-Cup-Endspiel wenige Minuten vor dem Foul eine Ohrfeige verpasst  hatte. Und auch dass sich Prince  bereist auf dem Platz bei Ballack entschuldigt hatte, will in Deutschland niemand hören.   Gut und Böse waren im Zusammenhang mit diesem Foul aus dem FA-Cup-Finale 2010 klar verteilt. Keiner will zu diesem Zeitpunkt hören, dass der Saubermann Ballack vielleicht doch nicht so ein lupenreiner Sportsmann ist – nein – sein Berater erhält sogar reichlich Beifall, als er ankündigt, dass er eine Klage gegen Prince  prüfe.  Man denkt bei dieser ganzen Geschichte rückblickend  an  ein Musikstück einer deutschen Sprechgesangsgruppe  aus den späten 1990er Jahren:

Wenn der Vorhang fällt, sieh hinter die Kulissen,
die Bösen sind oft gut und die guten sind gerissen.


Prince muss eine Lawine (neudeutsch vermutlich einen Shitstorm genannt) über sich ergehen lassen, wie es selten ein Fußballer in Deutschland ertragen musste. Er  hält sich mit öffentlichen Aussagen in diesen Tagen zurück. Und selbst wenn er dann mal reflektierte  Dinge, nach den ganzen Gewaltaufrufen und den Morddrohungen gegen ihn sagt, verhallen diese ungeachtet:

„Menschen werden umgebracht und vergewaltigt und niemand kümmert sich darum. Aber wenn jemand ein Foul im Fußball macht, werden die Leute verrückt. Und die gleichen Menschen fragen sich später, wie es passieren kann,  dass Menschen angegriffen und verletzt werden.“

Das Land, für das Prince  ursprünglich einmal Fußball spielen wollte, erklärt ihn zum Feind. Dringend angebrachte Differenzierungen sind in der Öffentlichkeit nicht vorgesehen. Leute, die sich für Prince stark machen werden bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls verunglimpft und bedroht.   Und auch im Rückblick wird wohl niemand beim DFB öffentlich einräumen, dass man in Wirklichkeit  sogar ganz froh war, dass Ballack nicht dabei war und Fipsi zum Kapitän wurde. Denn auch als Ballack wieder fit war, durfte er nicht mehr mittun und die deutsche Mannschaft spielte mit Özil und Khedira und ohne Ballack plötzlich feinsten Fußball, der die Welt verzückte. Dies veranlasste den Ballack-Berater wiederum zu erneut kruden Äußerungen.

Jedenfalls kam es dann 2010 zum ersten Bruder-Duell bei einer Fußball-WM. Erst in den folgenden Jahren konnte die Profi-Karriere von Prince nach all den Turbulenzen in stabileres Fahrwasser gelangen. Er wechselte zum AC Mailand nach Italien. Dort bekam er das Umfeld und die Anerkennung, die er benötigte, um sein ganzes Potential zu entfalten. Und es ist sicher keine Übertreibung, wenn man Prince  über weite Strecken seiner Milan-Zeit als Weltklasse-Fußballer bezeichnet. Zunächst verdrängte er den Weltmeister und Milan-Star Gattuso. Aber er entwickelte sich auch zu einem Spielmacher, einem klassischen 10er, sodass auch bald ein gewisser Andrea Pirlo in Richtung Juve flüchtete, da er den Konkurrenzkampf mit Prince um den Stammplatz fürchtete. Prince  erhielt dann auch folgerichtig die Rückennummer 10. Er wuchs bei Milan zum zentralen Spielmacher heran und das immerhin in einem Star-Ensemble, welches aus Leuten wie Ronaldinho, Ibrahimovic, Seedorf oder Alessandro Nesta bestand. Bezeichnenderweise war sein  Trikot zwischen all den Stars das meist verkaufte Trikot bei den Milan-Fans. Und nicht nur auf dem Fußballplatz konnte er in diesen Jahren seine Weltklasse nachweisen. Er war auch abseits des Fußballplatzes gefragt. Der Junge aus dem Wedding bewegt sich sicher auf einem ganz anderen Paket, abseits des Fußballplatzes,  wenn er z.B. vor den Vereinten Nationen zum Thema Rassismus referierte oder wenn er eloquente Interviews in fünf  verschiedenen Sprachen gab. Und auch bei der Einladung von Ex-Fifa-Boss Sepp Blatter machte er eine gute Figur. Vermutlich half ihm da dann wieder seiner Herkunft aus dem Wedding, denn dort lernt man früh, mit Leuten mit krimineller Energie umzugehen.  

Und bis heute wollen die Journalisten aus aller Welt mit Prince reden. Eben genau aus dem Grund, weil er was zu sagen hat. Weil er einem keine Floskeln um die Ohren haut. Weil das was er sagt, Hand und Fuß hat. Er hat einiges erlebt, was seinen Charakter gefestigt hat. Wer hat eigentlich mal behauptet, es gäbe im Fußball keine Typen mehr? Er ist zudem einfühlsam und charmant. Und genau dies passt wiederum überhaupt nicht mit dem Bild überein, dass die deutsche Öffentlichkeit von ihm spätestens nach dem Ballack-Foul zeichnete und welches noch heute in den Köpfen vieler Fußball-Fans verhaftet ist.  Natürlich soll an dieser Stelle kein verklärtes Bild gemalt werden. Prince ist ein Fußballer, der Ecken und Kanten hat, der vielleicht auch stur und schwierig sein kann. Er hat sicher Fehler gemacht in seiner Laufbahn. In frühen Jahren hat er bewusst mit diesem Ghetto-Image kokettiert und dadurch vermutlich auch selber ein Stück weit Anteil an dem Bild, was die Medien über ihn zeichneten und auch bis heute zeichnen. In wie weit dieses  Ghetto-Image  aber tatsächlich auf Prince jemals zutraf, lässt sich nur schwer einschätzen. Dazu vielleicht noch diese Anekdote: Als Prince 2007 für immerhin 7,5 Millionen Euro zu Tottenham wechselte  (also für eine Summe, die bereits zu dieser Zeit die Rekordablöse von Eintracht Frankfurt rund  10 Jahren später für Sebastien Haller überstieg), spielte der junge Prince mit der Erfahrung seiner 20 Lebensjahren bei seiner Vorstellung ebenfalls auf  dieses Ghetto-Image an. Einige eingefleischte Tottenham-Anhänger haben sich daraufhin schon damals  auf eine neugierige Reise in den Wedding gemacht.  Und vermutlich muss man an dieser Stelle nicht extra erklären, dass Leute, die aus Tottenham stammen, sich mit Brennpunkt, kultureller Vielfalt und dem was man im Volksmund als "Ghetto" bezeichnet, auskennen.  Jedenfalls kehrten die Tottenham-Fans nach England zurück und urteilten über den Berliner Wedding: „What a nice Ghetto!“

Im Endeffekt ist es aber auch völlig egal, wie viel Ghetto in Kevin-Prince Boateng steckt. Das in der Öffentlichkeit bestehende Bild von ihm, hat ohnehin nie gestimmt. Daher wäre es  vielleicht auch  mal an der Zeit, dass die deutsche Öffentlichkeit ein wenig Abbitte leistet, bei einem Mann, den sie viel zu lange viel zu einseitig dargestellt hat.  Bei einem Mann, der in diesem Land zeitweise von den Medien zum Abschuss frei gegeben wurde, obwohl ihm damit Unrecht getan  wurde. Dieser Kevin-Prince Boateng hat es verdient, dass man ihm endlich vorbehaltlos entgegen tritt. Und man darf in Zukunft auch gerne mal über die Eigenschaften berichten, die ihm die Leute zuschreiben, die ihn wirklich kennen. Eigenschaften wie Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Empathie, Führungsstärke,  Charme, Humor und Lebensfreude. Wenn man dann noch hinzurechnet, dass er sich auch durchsetzen kann,  dass er über Rückgrat verfügt und Charakter besitzt, dass er einen durchtrainierten Körper hat und auch sonst ein  ganz okayes Aussehen hat (sofern man das als männliche Hete beurteilen kann), dann möchte man den Männern  im Rhein-Main-Gebiet zurufen: „Jungs, haltet eure Mädels fest!“   Aber zum Glück ist der Prince ja vom Markt. Er ist glücklich verheiratet und ein liebevoller Familienvater, was nicht zuletzt dazu führte, dass er den Weg zur Frankfurter Eintracht fand, da er dort die Familie zusammenführen kann. Man wird jedenfalls das Gefühl einfach nicht los, dass in diesem Fußballer viel mehr „Prince-Charming“ steckt als  „Ghetto-Fighter“.

An dieser Stelle möchte man sich fast entschuldigen, dass die letzten Zeilen etwas  in den Glamour-Gala-Yellow-Press-Style abgeschweift sind, aber man hat ja auch nicht alle Tage  einen so schillernden Spieler in den Reihen der Eintracht. Daher sei um Nachsicht gebeten.

Und dann gleich noch ein subjektiver  Eindruck hinterher geschoben:  Prince macht ja optisch  praktisch immer eine ziemlich gute Figur. Aber wenn man sich Bilder seiner Fußball-Laufbahn anschaut, dann muss man sagen, dass ihm genau drei Trikots besonders gut standen. Das eine war das Trikot der ghanaischen Nationalmannschaft. Das zweite war das Milan-Trikot. Und das dritte ist  das Trikot von Eintracht Frankfurt. Darin sieht er einfach viel  besser aus, als z.B.  im Hertha- oder Schalke-Trikot.  Jedenfalls wird das nun einfach mal als  sehr schlüssiger ( )Beleg  gewertet, dass die Verbindung zwischen Kevin-Prince Boateng und Eintracht Frankfurt einfach passt.

Nicht zuletzt  teilen der Prince und die Eintracht-Fans viele Eigenschaften: Der Kampfgeist, der Stolz, die Ecken und Kanten, der Charakter, das Rückgrat, das Mit-Rückschlägen-Umgehen-Können,  die Empathie, den Charme  und nicht zuletzt den Fakt, dass man in der Öffentlichkeit  schon so manches Mal zu Unrecht verurteilt wurde und ein öffentliches Image entstanden ist, was nicht der Realität entspricht.

Und während man es an diesem Spätsommertag im Wedding nun tatsächlich geschafft hat die regionalen Spezialitäten des Weddings  Falafel und Shawarma vollständig zu verspeisen, denkt man, dass diese Prince- und Eintracht-Eigenschaften auch gut und gerne auf den Wedding übertragen werden können. Denn der Wedding  hat auch Ecken und Kanten, Charakter, Rückgrat, ein viel zu schlechtes Image, Stolz, Kampfgeist und auch diese ganzen gefühlvollen Sachen.  Genau, wie man den Wedding in unseren Kovac-Brüdern erkennt, so scheint  der  Wedding auch den  Prince tief geprägt zu haben. Sein  großer Bruder würde es rappend so ausdrücken:

„Du kriegst mich aus dem Wedding, doch den Wedding nicht aus mir.“  

Und natürlich möchte man es dem Prince wünschen, dass er als Fußballer und als Mensch endlich ohne Vorbehalte in Deutschland bewertet und angenommen wird.   Auf der anderen Seite präsentiert  der Wedding seine liebenswerte Seite auch nicht jedem auf dem Silbertablett. Von daher ist man fast geneigt zu sagen: Sollen die, die nicht bereit sind hinter die Kulissen zu blicken und das eingefahrenen Bild zu hinterfragen doch in  ihrer falschen Sichtweise versauern. Das gilt für die Betrachter des Weddings wie für die Betrachter des Prince. Wer nicht bereit ist, die Ebene der Oberflächlichkeit  zu verlassen, dem werden völlig zu Recht die  vielen aufregenden, spannenden und geradezu hinreißende  Perspektiven verwehrt bleiben.

Und mit diesem Gefühl des anmutigen Trotzes wird der Wedding dann nach unserer zweiten Wedding-Exkursion  verlassen. Und dieser Wedding hat es auch diesmal wieder geschafft, schwer zu beeindrucken. Beseelt von den vielen Eindrücken, versucht man es sich  auf einem Sitzplatz der Straßenbahn bequem zu machen. Nachdem die Kopfhörer mit dem Mobiltelefon verbunden  und aufs  Ohr geklemmt sind, wird diese  Abspann-Musik für die heutige  Wedding-Exkursion ausgewählt:

BTNG – Hier!

Und während man den Reimen von George Boateng lauscht und die Straßenbahn allmählich wieder in  diese andere Welt - den Prenzlauer Berg - vordringt, denkt man vor sich hin:   Wie Recht sie doch damals hatten, die Tottenham-Fans.

What a nice Ghetto!
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Toller Text. Vielen Dank.
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- Fortsetzung -

Da wir nun schon einmal wegen dem Prince im Wedding unterwegs sind, biegen wir logischerweise auch noch mal in die Prinzenallee ein. Auch hier wieder  zahlreiche Grill-Imbisse. Dazwischen  Wettbüros. Besonders beliebt scheint die Kombination aus Sportwetten-Bar und Shisha-Bar zu sein. Zudem gibt es vereinzelt noch  bulgarische Supermärkte und algerische Fleischereien, wo man Delikatessen wie Lammköpfe, Hammelhoden oder ganze Schafhälften erwerben kann. An vielen Ecken riecht es hier schon morgens um diese Uhrzeit, also so kurz nach 10, nach Gras. Viel öfter riecht es jedoch nach Hundekacke. Überall stehen geschäftige junge Männer auf der Straße und telefonieren angeregt mit ihrem Mobiltelefon. Man hört alle möglichen Sprachen, Deutsch ist eher  selten darunter. Wenn sich bekannte junge Männer auf der Straße begegnen, begrüßen sie sich mit aufwendigen Abklatsch-Ritualen. Baseball-Caps, Eastpack-Bauchtasche und sportliche Hosen sind bei den männlichen Leuten beliebt. Frauen tragen vermehrt  Kopftuch. Zwischen all den Spielhallen und Spätkäufen  trifft man dann tatsächlich auch noch auf das „Café Prince“, welches man natürlich sofort als sicheren Hinweis auf unseren Prince  deutet. Und immer wieder donnern die startenden Maschinen von TXL  über die Köpfe. Man geht die Prinz(c)enallee also einmal in nördlicher Richtung rauf bis zur Stephanuskirche und kehrt dann auf der anderen Straßenseite in südlicher Richtung zurück und lässt die Eindrücke auf sich wirken.

Vor einem Friseur-Laden, der  Coiffeur Ziya heißt, bleibt man stehen. Man beobachtet zunächst von außen, was dort so vor sich geht. Vor allem sind es angeregte Unterhaltungen unter Männern, die da drinnen und auch vor dem Laden vor sich gehen. Man versteht zwar kein Wort aber ist trotzdem fasziniert von der Intensität, in der sich die Leute unterhalten. Einige  scheinen es hinzubekommen, gleichzeitig mit Leuten in dem Laden zu reden und nebenbei noch zu telefonieren. Vor dem Laden sitzen ein paar ältere Männer und kauen auf Sonnenblumenkernen.  Und während man dieses angeregte Setting beobachtet studiert man das Angebot, welches in unterschiedlichen Sprachen an der Wand vor dem Laden angebracht ist. Haarschnitt 8 €, Rasur 5€, Modellrasur 7€, Rasur und Gesichtspflege 15€. Ein sehr verlockendes Angebot, vor allem, wenn  man sich gerade etwas  stoppelig im Gesicht anfühlt. Und doch zögert man, den Laden zu betreten. Man überlegt kurz, ob die Leute drinnen das in Ordnung fänden, wenn man da einfach rein kommt und sie auf Deutsch anquatscht, da man der Sprachen nicht mächtig ist, die dort gerade gesprochen werden. Man wäre jedenfalls der einzige, ohne Migrationshintergrund in dem Laden.  Man zögert kurz und sagt sich dann aber: „Warum eigentlich nicht? Prince würde sich schließlich auch in den Laden trauen.“  Ein bisschen Nervenkitzel ist schon  dabei. Man betritt den Friseurladen also und fragt fast etwas schüchtern, ob die Leute  Zeit für eine Rasur mit Gesichtspflege haben. Die sehr freundliche Begrüßung lässt die Unsicherheit schwinden  und man bekommt den einzigen freien Platz zugewiesen. Wie selbstverständlich bekommt man einen türkischen Tee hingestellt. Dieser Brauch ist einem noch   vom letzten Wedding-Ausflug im November in Erinnerung. Dieser türkische Schwarztee scheint so eine Art Lebenselixier des Weddings zu sein. Überall, wo die Leute einen willkommen heißen und wo sie es gut mit einem meinen, bekommt man diesen Tee hingestellt. Ein schöner Brauch.

Und dann muss man in Mitten dieses Stimmengewirrs aus Sprachen die man nicht kennt und einer akustischen Beschallung aus den Boxen mit türkischer Musik erst einmal warten. Man kommt sich vor wie in einer anderen, aufregenden Welt. Und  dann schweifen die Gedanken während des Wartens doch wieder zu unserem Prince aus dem Wedding.

Wenn man sich mit Kevin-Prince Boateng ein bisschen näher befasst, dann fällt eines sehr schnell auf: Alle Menschen, die ihn persönlich gut kennen, zeichnen in ihren Erzählungen ein Bild von ihm, dass so gar nicht mit diesem rüpelhaften Ghetto-Treter-Image zusammenpasst, welches  vor allem die deutschen   Medien ihm verpasst haben. Sei  es sein ehemaliger Grundschullehrer, seine Jugendtrainer oder auch spätere Bezugspersonen, Mannschaftskollegen und Trainer; Jürgen Klopp sei hier mal stellvertretend aufgeführt. Und nicht zuletzt unser Cheftrainer Niko Kovac.  Klopp sagte z.B. über Prince während seiner Dortmunder Zeit Sachen wie diese: „Ich finde es lächerlich und es nervt mich, wenn Kevin unterstellt wird, dass er absichtlich Foul spielt. Der Junge will Zweikämpfe gewinnen, mehr nicht.“ Zudem wehrte sich  Klopp schon damals vehement gegen das Image, welches die Medien Prince anhängen wollten: „Wir alle wissen, dass er derzeit kein besonders gutes Image hat. Doch das reicht offenbar aus, um ihn aufgrund seiner aggressiven Spielweise zum Treter abzustempeln (…) Er ist sicherlich ab und zu übermotiviert, aber deswegen ist er noch lange kein schlechter Mensch.“  Alle, die näher mit Kevin-Prince zu tun hatten beschreiben ihn als freundlichen, angenehmen und sehr umgänglichen Menschen. Da hört man nix von einem  schwierigen Egomanen, der sich nicht unterordnen kann und eine Bedrohung für das Binnenklima einer Mannschaft sein soll. Sein Grundschullehrer, zu dem Prince übrigens immer noch Kontakt hält, beschreibt ihn als „höflich, zuvorkommend, respektvoll und hilfsbereit“ und er soll stets „gute Laune ausgestrahlt“ haben.  Zudem war er demnach  nie in Schlägereien verwickelt und es gab von ihm „kein Macho-Gehabe, keine Gangsterposen, keine Ghettosprüche“. Auch sein ehemaliger Jugendtrainer Frank Friedrichs, zudem Prince ebenfalls bis heute Kontakt hält, beschreibt ihn als „zuverlässig und pünktlich“ ebenso  sei er schon früh „ein helles Köpfchen“ und dazu auch sonst sehr liebenswert gewesen. Prince kam immerhin bereits mit 9 Jahren selbstständig   mit der U-Bahn alleine zum Training und zu den Spielen. Er musste schon viel früher alles für sich selber organisieren, zu Zeiten, wo Mannschaftskollegen noch von ihren Eltern mit dem Auto zum Training gebracht und wieder abgeholt wurden und am Wochenende zu den Spielen begleitet wurden.

Aber natürlich verlief auch die Entwicklung von Prince nicht immer stromlinienförmig. Schwierigkeiten sollen sich ergeben haben, als Prince  in der Pubertät altersbedingt einige männliche Bezugspersonen, wie sein Grundschullehrer oder sein langjähriger Jugendtrainer Frank Friedrichs wegfielen. Auch sein Bruder George sagt über diese Zeit, dass er Prince damals das ein oder andere Mal ins Gewissen reden musste, dass dieser sein Talent nicht weg schmeißen soll, wie er (George) es selber zuvor gemacht hatte. Der starke Wille von Prince führte aber dazu, dass er auch diese Zeit überstand und weiter an seiner Fußball-Laufbahn arbeitet.

Und ein trauriger Fakt, der  sich von der Jugend an  durch seine Fußball-Karriere  zieht, ist die Tatsache, dass er auf dem Fußballplatz rassistisch beschimpft wird. Nicht nur von Gegenspielern sondern auch von deren Eltern. Es fällt ihm nicht immer leicht, dass alles hin zu nehmen und sich nicht provozieren zu lassen. Vor allem hat er am Spielfeldrand, beispielsweis  auf den Sportplätzen in Weißensee, Marzahn oder Hellersdorf keinen Vater, der ihm zuschaut und ihn auch mal beruhigen kann. Prince sagte damals: „Im Osten ist es manchmal schon krass.“ Er hat niemand, der ihn in solchen Momenten die Wut nimmt, beruhigend auf ihn einwirkt und ihn tröstet.  Und vor allem hat er noch nicht die Lobby und die Aufmerksamkeit wie er sie am 3. Januar 2013 in Busto Arsizio hatte, als er nach wiederholten rassistischen Anfeindungen den Ball in Richtung Tribüne ballerte und die Milan-Mannschaft mit ihm geschlossen das Spielfeld verließ. Nein, Prince  spielt zu dieser Zeit noch in der Jugendmannschaft von Hertha und muss das alles irgendwie über sich ergehen lassen, ohne selber durchzudrehen.

Und er spielt  mit hochbegabten Fußballern zusammen, die sein Bruder Jérôme einmal als „die Verrückten“ bezeichnet hat. Spieler wie Ashkan Dejagah, Sejad Salhiovic oder  Patrick Ebert. Allesamt hochveranlagte Kicker aber allesamt auch keine stromlinienförmigen Nachwuchstalente vom Schlage eines  Fipsi  Lahms. Durchaus herausfordernde Charaktere. Es gibt die Legende, dass sie damals eine Oberliga-Mannschaft (also 1. Herren) in einer Soccer-Hall herausforderten. Diese Oberliga-Mannschaft soll voller Siegesgewissheit gegen die jungen Hüpfer eingewilligt haben – es wurde wohl um die Platzmiete gespielt – jedenfalls  wurde anschließend die gestandene Oberliga-Mannschaft von Prince  und seinen „Verrückten“ nach Strich und Faden auseinandergenommen und deutlich besiegt. Und  auch in dieser Truppe  war Prince  natürlich der herausragende Spieler. Er durchläuft daher   folgerichtig alle Jugendnationalmannschaften des DFB. Insgesamt trägt er in den Nachwuchsmannschaften 41 mal das Trikot von Deutschland. Und er macht Erfahrungen, die viele deutsche Nachwuchsnationalspieler mit Migrationshintergrund zu dieser Zeit machen. Sie werden missverstanden und nicht vollumfänglich akzeptiert.  Eine Anekdote, die ebenfalls von Michael Horeni stammt: Vor einem U15 Länderspiel  Deutschland gegen  Österreich fragt ein  Reporter Prince, was er fühlt vor dem Spiel. Prince  antwortet: „Stolz, aber ein bisschen bin ich ja auch Ghanaer.“  Der Reporter findet, dass er sich nicht sicher ist ob er Deutscher ist.  Der Trainer von Prince entgegnet aber, man müsse sich nicht wundern über diese Zweifel. Der Reporter fragt „Warum?“ und der Trainer antwortet:  „Weil er auf dem Platz als Neger beschimpft wird und Sachen wie ‚Geh dahin wo du her kommst‘ hört“.

 
Im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft der B-Jugend im Jahre 2003 treffen die verrückten Hertha-Jungs um Prince, Ebert und Dejagah auf die B-Jugend des VFB Stuttgart, der  u.a. mit Sami Khedira  und Andreas Beck antritt. Hertha fertigt Stuttgart mit 4:1 ab, überragender Spieler auf dem Platz ist Kevin-Prince Boateng.  Und wieder bewundert Jérôme seinen großen Bruder.  Es ist zur damaligen Zeit der Traum von Kevin-Prince  und Jérôme Boateng, einmal gemeinsam in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen. Niemand ahnt damals, dass Prince der einzige Spieler sein wird, der zweimal die  Fritz-Walter-Medaille des DFB erhält und doch niemals deutscher A-Nationalspieler werden wird. 2005 erhält Prince  diese  Fritz-Walter-Medaille bei der U18 in Bronze und ein Jahr später bei der U19 die gleiche Ehrung in Gold. Zudem wird sein Treffer im U19-Länderspiel gegen Griechenland zum Tor des Monats im Juli 2005 gewählt.


Somit steht  Prince  natürlich  2009 in der Vorbereitung auf die EM im Aufgebot der Deutschen U21, die in Schweden einige Wochen später den Titel gewinnen sollte. Jene U21, die mit ihren Spielern Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil Jahre später das Grundgerüst der Weltmeistermannschaft von 2014 bilden wird. Außerdem  standen damals 2009 neben Prince  auch noch die talentierten Wedding-Kicker Ashkan Djagah,  Änis Ben-Hatira und Chinedu Ede im DFB-Aufgebot. Kurz vor dem Turnier kommt es im Trainingslager zu einem Zwischenfall, in dessen Folge Prince  aus der Mannschaft fliegt. Was wirklich passierte, ist unklar. Einige Spieler sollen sich aus dem Trainingslager entfernt haben und in einer Kneipe getrunken haben. Es kommt offenbar zu einem Streit mit anderen Gästen, Prince – der im Wedding gelernt hat, mit heiklen Situationen umzugehen - vermittelt im Streit und bestellt Taxis, mit denen er seine Mannschaftskollegen  ins Trainingscamp zurück schickt. Dann steht aber kein Taxi mehr zur Verfügung, mit dem er selber zurückfahren kann. Er muss ewig  auf ein freies Taxi warten und kommt somit  über eine Stunde nach seinen Mannschaftskollegen zurück ins Team-Hotel. Nachdem Horst Hrubesch, der Prince eigentlich wertschätzt,  am nächsten Tag den Rauswurf vor der Presse verkündet sagt er: „Ich habe bei vielen Sachen im Leben immer ein lachendes und ein weinendes Auge. Aber bei dieser Sache habe ich nur zwei weinende Augen.“  Bis heute halten sich Gerüchte, dass einige Mitspieler den Trainer zu dem Rauswurf gedrängt haben sollen, da sie in Prince  einen Konkurrenten sahen, an dem sie nicht vorbei kamen. Es ist das Ende, einer von zahlreichen Missverständnissen geprägten  Beziehung zwischen dem  DFB und Kevin-Prince Boateng. Der DFB hatte die Tür für einen der talentiertesten Spieler seines Jahrgangs für immer zugeschlagen und für Prince  platzte endgültig der Traum, gemeinsam mit seinem Bruder für Deutschland spielen zu dürfen.


Kurze Zeit später erklärte er, dass er künftig für das Land seines Vaters, Ghana, antreten werde. Die Medien nahmen dies zum Anlass, um ihre Geschichte vom „guten“ und vom „bösen“   Boateng  weiter zu spinnen. Auf der einen Seite der fleißige, disziplinierte und ruhige Jérôme, der für Deutschland spielt und auf der anderen Seite, der Treter, der Durchgeknallte aus dem Wedding, der künftig für Ghana auflaufen wird. Befeuert wurde das Ganze von Aussagen, verschiedener Fußballfunktionäre, die sich nicht zu schade waren, vernichtende Urteile zu fällen. Ein Matthias Sammer lässt sich – ohne dass er Prince  persönlich kennt(!) – zu folgender Aussage hinreißen: „Die wesentliche Aussage bei der Leistungsvoraussetzung ist die Persönlichkeit. Ich sehe Jérôme als leistungsorientierten, konzentrierten, disziplinierten Spieler. Er erfüllt die Leistungsvoraussetzungen. Sein Bruder eben nicht. Gerade beim wesentlichen Punkt Persönlichkeit, da kann seine Entwicklung nicht mit der von Jérôme mithalten.“ Bam! Dieses Zitat muss Prince  wie ein Faustschlag getroffen haben. Und zusätzlich das Gefühl befeuert haben, der DFB wolle einen Keil zwischen ihn und seinen Bruder, der sich immer an ihm orientiert hatte, treiben.  Und auch andere viel gefragte, aber wenig intelligente  Fußballprominenz fühlt sich bemüßigt, ein Mainstream-Bild von Prince zu zeichnen, was ihm nicht gerecht wird. Alle waren sich einig, dass dieser Prince  „absichtlich foulte“ (Olaf Thon),  „der Fiesling der Bundesliga“ sei (Lothar Matthäus), oder dass  „dieser Fußballer nicht sozialisierbar“ (Marcel Reif) sei. Und Beckenbauer äußerte: „Ich weiß nicht was in dem Kopf eines solchen Spielers vor sich geht.“  Wieder ist es Jürgen Klopp – einer der wenigen, der Prince persönlich kennt – der sich gegen die Kampagne stellt und  für Prince in den Ring steigt: „Kevin-Prince wird zwar nie ein Mönch, aber er ist vernünftig und hat das Recht vernünftig behandelt zu werden. Nur weil er zwei Stunden länger als Kind auf der Straße verbracht hat, ist er jetzt nicht schlimmer als seine Kritiker.“ Aber diese Worte von Klopp verhallen ungehört. Fußball-Deutschland ist sich einig, das Bild vom „RAMBOateng“ (Bild-Zeitung) ist längst in Stein gemeißelt.


Aus diesen Gedanken zur Vergangenheit von Prince  wird man im Wedding schlagartig  gerissen, da einer der Mitarbeiter des Coiffeur Ziya in der Princenallee  signalisiert, nun bereit für die Rasur zu sein. Er klopft einem auf die Schulter und fragt: „Na mein Freund, vertraust du mir?“ während er im nächsten Moment eine lange  Klinge auf den Tisch legt und lächelt. Man fragt sich noch kurz gegenseitig, wie man heißt und schon legt Mustafa, der Barbier von der Princenallee los. Es wäre sicher ein leichtes, mit Mustafa in ein Gespräch über Fußball zu kommen. Eine aufgehängte grün-gelbe Fahne von Şanlıurfaspor, einem türkischen Fußballverein aus der 3. Liga, bezeugt zumindest ein gemeinsames Interesse. Aber da man heute nicht wieder, wie auf dem letzten Wedding-Trip,  als "Groupie" bezeichnet werden will, vermeidet man ein Gespräch über Fußball und erst recht über Kevin-Prince Boateng. Mit einem angenehm weichen Pinsel trägt Mustafa einen sehr feinporigen Schaum auf das Gesicht und den Hals auf. Und dann geht es wieder los mit dem Nervenkitzel. Mustafa übergießt seine Rasierklinge mit einer Flüssigkeit und fackelt mit einem großen Feuerzeug an ihr entlang. Man fragt sich, warum er das macht, traut sich aber nicht zu fragen  - jetzt besser kein falsches Wort -  erklärt es sich selbst kurzerhand mit einer Desinfektion der Klinge. Und dann geht es los. Routiniert setzt Mustafa die Klinge an, er beginnt unter der Nase, vermutlich so als Warm-Up.  Die geschickten Bewegungen lassen einen dann doch Vertrauen schöpfen. Heikel wird es aber wieder, als Mustafa sich den Hals vornimmt. Als man im wahrsten Sinne des Wortes die große Klinge an der Kehle spürt. Nun schießen einem dann doch Gedanken durch den Kopf wie: „Jetzt bloß die Fresse halten“ oder „Hoffentlich findet Mustafa einen  einigermaßen ok“.  Und trotz all dem Nervenkitzel fühlt es sich   angenehm an, was er  da mit der scharfen Klinge macht. Nachdem man nun diesen Nervenkitzel tatsächlich wohlbehalten überstanden hat, und Mustafa alle Barthaare gekonnt entfernt hat, legt er einem ein warmes, nasses Tuch auf das  Gesicht, welches angenehm nach Minze oder irgend so was ähnlichem riecht. In jedem Falle sehr wohltuend. In der Zwischenzeit verknotet Mustafa mit seinen Zähnen und seinen Fingern in einer aufwendigen Prozedur einen sehr langen, dünnen Faden. Und während man sich noch fragt, was Mustafa nun vor hat, beginnt er auch schon, mit dem zwischen den Händen verwickelten Faden, Haare aus dem Gesicht zu entfernen, an Stellen, von denen man bislang gar nicht wusste, dass dort Haare wachsen. Das leichte Ziepen im Gesicht ist aber ein unweigerlicher Beweis, dass es dort sowas wie Haare geben muss. Und dann folgt auch schon der nächste Nervenkitzel. Nachdem Mustafa den Faden aus den Fingern entknotet hat, taucht er ein überdimensionales Wattestäbchen in eine Flüssigkeit und zündet es  mit einem Feuerzeug an.  Kurzzeitig überlegt  man, ob Mustafa einem nun doch übel mitspielen will, denn er macht sich daran, dieses brennende Wattestäbchen mit schnellen Bewegungen am Ohr entlang zu führen. Widererwartend verspürt man aber keinen Schmerz und Mustafa erklärt, dass durch diesen Vorgang alle Haare auf  und im Ohr entfernt werden.  Nun spült er einem noch routiniert das Gesicht mit lauwarmem Wasser ab und dann ist die Rasur mit Gesichtspflege auch schon beendet. Man bedankt sich herzlich, zahlt mit ordentlichem Trinkgeld und als man zurück auf die Pricenallee tritt, fühlt man sich wie neu geboren. Selten fühlte man sich sauberer und gepflegter im Gesicht. Und man fragt sich in diesem Moment, warum die ganzen gestressten Berliner dauernd in irgendwelche Wellnesstempel im Spreewald, am Scharmützelsee oder in der Ruppiner Seenplatte fahren, wenn sie doch die beste Wellness  direkt vor der Haustür haben.


Bislang ist  dieser Tag im Wedding jedenfalls wiedererwartend ein  Urlaubstag wie er im Buche steht: Gutes Wetter, entspanntes Verweilen im Grünen an einem wilden Gewässer, Abenteuer, ein bisschen Nervenkitzel und dazu auch noch Wellness-Behandlung vom feinsten. Kurzzeitig überlegt man gar, ob es sich lohnen würde, auf professioneller Ebene Wellness-Trips  in den Wedding zu vermarkten. Und doch ist man sich auch im Überschwang dieser Gefühle schnell bewusst, dass man sowas vielleicht besser nicht machen sollte, da es vermutlich irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber wäre, die hier täglich ums Überleben oder zumindest aber um ihr Auskommen und ein bisschen Glück kämpfen müssen. Das ist hier ja schließlich nicht Disney-World.


Was zu essen wäre jedenfalls gut, denn die Zeit ist wie im Fluge vergangen und die Uhrzeiger peilen inzwischen Highnoon an. Und was zum Essen  sollte doch zwischen den ganzen Grills hier nun wirklich zu finden sein. Es fällt einem richtig schwer, eine Wahl zu treffen. Mit dem veganen Berlin, wo diese ganzen Projekteltern ihre Soja-Latte schlürfen, und sich dabei über Lotus-Geburten, diverse Globuli und gesunde Kita-Ernährung unterhalten, hat der Wedding hier jedenfalls nicht so viel Gemeinsamkeiten, zum Glück. Und so läuft man die ganze Princenallee noch mal bis zu dem großen Boateng-Wandbild am U-Bahnhof Pankstraße runter und da man sich immer noch nicht entscheiden kann biegt man noch mal  in die Badstraße ein. Und vor einem libanesischen Imbiss weiß man plötzlich, dass man richtig ist. Die Jungs hinter der Theke versuchen sich gerade in einer interessanten Behandlung mit Fäusten und Ellenbogen gegenseitig Verspannungen aus dem Rücken zu vertreiben. Als man den Laden betritt, unterbrechen sie diesen Vorgang und begrüßen einen freundlich. Da man sich nicht zwischen Falafel und Shawarma entscheiden kann und man ja schließlich Urlaub hat, bestellt man kurzerhand einfach beides.  Und da hier nix vorfrittiert  ist und alles frisch zubereitet wird, beginnen die Jungs hinter der Theke mit einer langen Zubereitung. Dies gibt einem Zeit, bei arabischen Klängen aus den kleinen Boxen an der Decke, einen Sitzplatz aufzusuchen und die Gedanken zu ordnen. Auch hier bekommt man wieder ein Glas mit heißem, schwarzem Tee hingestellt. Man kann sich nur wiederholen: Ein toller Brauch! Und so kann man die Gedanken noch mal schweifen lassen.


Man denkt zunächst über den Wedding nach, wie er sich hier draußen vor der Fensterscheibe in der Badstraße präsentiert. Man fragt sich noch mal, ob es nicht irgendwie respektlos den Leuten im Wedding gegenüber ist, dass man sich hier heute so sau-wohl fühlt. Natürlich ist einem bewusst,   dass das Leben hier für die aller meisten Leute nicht einfach ist, sondern eher ein permanenter Kampf. Und den Leuten, die hier diesen täglichen Kampf immer wieder aufs Neue annehmen, um ihr Auskommen zu sichern, mit was auch immer,  gebührt  Respekt. Dass es für einen außenstehenden hier so viel Schönes zu entdecken gibt, soll nicht in Abrede stellen, dass die Menschen es hier schwer haben. Und dass dieser Wedding kein Hort der Glückseligkeit ist, wird hier an vielen Stellen sogar noch offensichtlicher als drüben in der Turiner Straße, dort wo die Kovac-Jungs groß geworden sind. Das ist ein Kiez mit Ecken und Kanten. Einer der seine großen und kleinen Dramen schreibt, bei denen es nichts zu beschönigen gibt.  Und doch sieht man an diesem Tag eben auch viel Schönes. Mag sein, dass die Leute die hier leben, den Blick für das Schöne oft verlieren.  Später, auf der Heimfahrt mit dem Kopfhörer am Ohr  löst George Boateng diesen Wiederspruch schließlich auf, als er einem vor rappt:  

„Und ich sag dir, der Scheiß hat auch schöne Seiten,
doch du kannst sie erst sehen durch getönte Scheiben“


Und während man noch mal einen Schluck von diesem warmen Tee nimmt, denkt man wieder an die Geschichte von Prince. Und natürlich gehört zu dieser Geschichte das Foul, das die Nation erhitzte.

Das Bild von Prince war in der deutschen Öffentlichkeit  wie weiter oben beschrieben, also bereits  vor 2010  gezeichnet. Und alle fühlten sich bestätigt, an dem Tag, als der vermeintliche Verrückte aus dem Ghetto den vermeintlichen Saubermann des deutschen Fußballs (Ballack) im FA-Cup-Finale 2010 foulte und dieser Ballack in Folge dessen die Fußball-WM in Südafrika verpasst. Da entlädt sich plötzlich der ganze Zorn einer Nation. Und es wurde hässlich.  Nun war die Treibjagd endgültig eröffnet. Die ARD sendete einen „Brennpunkt“, das ZDF ein „Spezial“.  Die Boulevard-Blätter überschlagen sich und das Internet schien vor Verunglimpfungen und Gewaltaufrufen gegen Prince  zu explodieren.  Hier im Eintracht-Forum war auch einiges los, wenngleich auch differenzierte Sachen geschireben wurden, so überwog doch der  Zorn und die Moderation musste umfänglisch löschen.  George Boateng sagte einmal, dass sein Bruder in diesen Tagen der „Staatsfeind Nr. 1“ in Deutschland war. Besonders übertrieben hat er damit sicher nicht. Viele waren sich einig: Der aus dem Wedding  hat den deutschen Saubermann-Kapitän aus Görlitz  mit voller Absicht verletzt, damit dieser für die WM ausfällt. Unter all diese hasserfüllte Stimmung mischt sich schnell auch ein rassistischer Ton. Im Internet kursieren übelste rassistische Beschimpfungen gegen Prince. Aufrufe zur Gewalt und Morddrohungen sind in diesen Tagen keine Seltenheit. Und auch das Mittel der Sippenhaft soll nach dem Willen einiger deutschen „Fußball-Fans“ wieder Anwendung finden. Jedenfalls richtet sich ein Teil des Hasses auch gegen den Bruder Jérôme und es wird mancher Orts die Forderung laut, man solle aufgrund des Fouls von Prince den Bruder  Jérôme aus der deutschen Nationalmannschaft ausschließen. Und tatsächlich schafft es die deutsche  Öffentlichkeit in diesen Tagen einen Keil  zwischen die Boateng-Brüder zu treiben. Denn auch wenn sich Jérôme aller größte Mühe gibt, auf der einen Seite loyal gegenüber seinem Bruder zu bleiben und auf der anderen Seite auch den Erwartungen der deutschen Öffentlichkeit gerecht  zu werden, die natürlich möchten, dass er das Foul seines Bruders verurteilt, so sind es einige Äußerungen zu denen Jérôme mit seinen gerade mal 20 Jahren gedrängt wird , die Kevin so verärgern, dass er den Kontakt zu seinem Bruder vorrübergehend  abbricht.

Kein Mensch fragt in den  Tagen der Treibjagd nach der Vorgeschichte. Keiner will wissen, dass sich Ballack bereits 2006 in einem Spiel zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern respektlos gegenüber Prince  verhalten hat. Kaum einer geht darauf ein, dass dieser Ballack dem Prince  auch im FA-Cup-Endspiel wenige Minuten vor dem Foul eine Ohrfeige verpasst  hatte. Und auch dass sich Prince  bereist auf dem Platz bei Ballack entschuldigt hatte, will in Deutschland niemand hören.   Gut und Böse waren im Zusammenhang mit diesem Foul aus dem FA-Cup-Finale 2010 klar verteilt. Keiner will zu diesem Zeitpunkt hören, dass der Saubermann Ballack vielleicht doch nicht so ein lupenreiner Sportsmann ist – nein – sein Berater erhält sogar reichlich Beifall, als er ankündigt, dass er eine Klage gegen Prince  prüfe.  Man denkt bei dieser ganzen Geschichte rückblickend  an  ein Musikstück einer deutschen Sprechgesangsgruppe  aus den späten 1990er Jahren:

Wenn der Vorhang fällt, sieh hinter die Kulissen,
die Bösen sind oft gut und die guten sind gerissen.


Prince muss eine Lawine (neudeutsch vermutlich einen Shitstorm genannt) über sich ergehen lassen, wie es selten ein Fußballer in Deutschland ertragen musste. Er  hält sich mit öffentlichen Aussagen in diesen Tagen zurück. Und selbst wenn er dann mal reflektierte  Dinge, nach den ganzen Gewaltaufrufen und den Morddrohungen gegen ihn sagt, verhallen diese ungeachtet:

„Menschen werden umgebracht und vergewaltigt und niemand kümmert sich darum. Aber wenn jemand ein Foul im Fußball macht, werden die Leute verrückt. Und die gleichen Menschen fragen sich später, wie es passieren kann,  dass Menschen angegriffen und verletzt werden.“

Das Land, für das Prince  ursprünglich einmal Fußball spielen wollte, erklärt ihn zum Feind. Dringend angebrachte Differenzierungen sind in der Öffentlichkeit nicht vorgesehen. Leute, die sich für Prince stark machen werden bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls verunglimpft und bedroht.   Und auch im Rückblick wird wohl niemand beim DFB öffentlich einräumen, dass man in Wirklichkeit  sogar ganz froh war, dass Ballack nicht dabei war und Fipsi zum Kapitän wurde. Denn auch als Ballack wieder fit war, durfte er nicht mehr mittun und die deutsche Mannschaft spielte mit Özil und Khedira und ohne Ballack plötzlich feinsten Fußball, der die Welt verzückte. Dies veranlasste den Ballack-Berater wiederum zu erneut kruden Äußerungen.

Jedenfalls kam es dann 2010 zum ersten Bruder-Duell bei einer Fußball-WM. Erst in den folgenden Jahren konnte die Profi-Karriere von Prince nach all den Turbulenzen in stabileres Fahrwasser gelangen. Er wechselte zum AC Mailand nach Italien. Dort bekam er das Umfeld und die Anerkennung, die er benötigte, um sein ganzes Potential zu entfalten. Und es ist sicher keine Übertreibung, wenn man Prince  über weite Strecken seiner Milan-Zeit als Weltklasse-Fußballer bezeichnet. Zunächst verdrängte er den Weltmeister und Milan-Star Gattuso. Aber er entwickelte sich auch zu einem Spielmacher, einem klassischen 10er, sodass auch bald ein gewisser Andrea Pirlo in Richtung Juve flüchtete, da er den Konkurrenzkampf mit Prince um den Stammplatz fürchtete. Prince  erhielt dann auch folgerichtig die Rückennummer 10. Er wuchs bei Milan zum zentralen Spielmacher heran und das immerhin in einem Star-Ensemble, welches aus Leuten wie Ronaldinho, Ibrahimovic, Seedorf oder Alessandro Nesta bestand. Bezeichnenderweise war sein  Trikot zwischen all den Stars das meist verkaufte Trikot bei den Milan-Fans. Und nicht nur auf dem Fußballplatz konnte er in diesen Jahren seine Weltklasse nachweisen. Er war auch abseits des Fußballplatzes gefragt. Der Junge aus dem Wedding bewegt sich sicher auf einem ganz anderen Paket, abseits des Fußballplatzes,  wenn er z.B. vor den Vereinten Nationen zum Thema Rassismus referierte oder wenn er eloquente Interviews in fünf  verschiedenen Sprachen gab. Und auch bei der Einladung von Ex-Fifa-Boss Sepp Blatter machte er eine gute Figur. Vermutlich half ihm da dann wieder seiner Herkunft aus dem Wedding, denn dort lernt man früh, mit Leuten mit krimineller Energie umzugehen.  

Und bis heute wollen die Journalisten aus aller Welt mit Prince reden. Eben genau aus dem Grund, weil er was zu sagen hat. Weil er einem keine Floskeln um die Ohren haut. Weil das was er sagt, Hand und Fuß hat. Er hat einiges erlebt, was seinen Charakter gefestigt hat. Wer hat eigentlich mal behauptet, es gäbe im Fußball keine Typen mehr? Er ist zudem einfühlsam und charmant. Und genau dies passt wiederum überhaupt nicht mit dem Bild überein, dass die deutsche Öffentlichkeit von ihm spätestens nach dem Ballack-Foul zeichnete und welches noch heute in den Köpfen vieler Fußball-Fans verhaftet ist.  Natürlich soll an dieser Stelle kein verklärtes Bild gemalt werden. Prince ist ein Fußballer, der Ecken und Kanten hat, der vielleicht auch stur und schwierig sein kann. Er hat sicher Fehler gemacht in seiner Laufbahn. In frühen Jahren hat er bewusst mit diesem Ghetto-Image kokettiert und dadurch vermutlich auch selber ein Stück weit Anteil an dem Bild, was die Medien über ihn zeichneten und auch bis heute zeichnen. In wie weit dieses  Ghetto-Image  aber tatsächlich auf Prince jemals zutraf, lässt sich nur schwer einschätzen. Dazu vielleicht noch diese Anekdote: Als Prince 2007 für immerhin 7,5 Millionen Euro zu Tottenham wechselte  (also für eine Summe, die bereits zu dieser Zeit die Rekordablöse von Eintracht Frankfurt rund  10 Jahren später für Sebastien Haller überstieg), spielte der junge Prince mit der Erfahrung seiner 20 Lebensjahren bei seiner Vorstellung ebenfalls auf  dieses Ghetto-Image an. Einige eingefleischte Tottenham-Anhänger haben sich daraufhin schon damals  auf eine neugierige Reise in den Wedding gemacht.  Und vermutlich muss man an dieser Stelle nicht extra erklären, dass Leute, die aus Tottenham stammen, sich mit Brennpunkt, kultureller Vielfalt und dem was man im Volksmund als "Ghetto" bezeichnet, auskennen.  Jedenfalls kehrten die Tottenham-Fans nach England zurück und urteilten über den Berliner Wedding: „What a nice Ghetto!“

Im Endeffekt ist es aber auch völlig egal, wie viel Ghetto in Kevin-Prince Boateng steckt. Das in der Öffentlichkeit bestehende Bild von ihm, hat ohnehin nie gestimmt. Daher wäre es  vielleicht auch  mal an der Zeit, dass die deutsche Öffentlichkeit ein wenig Abbitte leistet, bei einem Mann, den sie viel zu lange viel zu einseitig dargestellt hat.  Bei einem Mann, der in diesem Land zeitweise von den Medien zum Abschuss frei gegeben wurde, obwohl ihm damit Unrecht getan  wurde. Dieser Kevin-Prince Boateng hat es verdient, dass man ihm endlich vorbehaltlos entgegen tritt. Und man darf in Zukunft auch gerne mal über die Eigenschaften berichten, die ihm die Leute zuschreiben, die ihn wirklich kennen. Eigenschaften wie Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Empathie, Führungsstärke,  Charme, Humor und Lebensfreude. Wenn man dann noch hinzurechnet, dass er sich auch durchsetzen kann,  dass er über Rückgrat verfügt und Charakter besitzt, dass er einen durchtrainierten Körper hat und auch sonst ein  ganz okayes Aussehen hat (sofern man das als männliche Hete beurteilen kann), dann möchte man den Männern  im Rhein-Main-Gebiet zurufen: „Jungs, haltet eure Mädels fest!“   Aber zum Glück ist der Prince ja vom Markt. Er ist glücklich verheiratet und ein liebevoller Familienvater, was nicht zuletzt dazu führte, dass er den Weg zur Frankfurter Eintracht fand, da er dort die Familie zusammenführen kann. Man wird jedenfalls das Gefühl einfach nicht los, dass in diesem Fußballer viel mehr „Prince-Charming“ steckt als  „Ghetto-Fighter“.

An dieser Stelle möchte man sich fast entschuldigen, dass die letzten Zeilen etwas  in den Glamour-Gala-Yellow-Press-Style abgeschweift sind, aber man hat ja auch nicht alle Tage  einen so schillernden Spieler in den Reihen der Eintracht. Daher sei um Nachsicht gebeten.

Und dann gleich noch ein subjektiver  Eindruck hinterher geschoben:  Prince macht ja optisch  praktisch immer eine ziemlich gute Figur. Aber wenn man sich Bilder seiner Fußball-Laufbahn anschaut, dann muss man sagen, dass ihm genau drei Trikots besonders gut standen. Das eine war das Trikot der ghanaischen Nationalmannschaft. Das zweite war das Milan-Trikot. Und das dritte ist  das Trikot von Eintracht Frankfurt. Darin sieht er einfach viel  besser aus, als z.B.  im Hertha- oder Schalke-Trikot.  Jedenfalls wird das nun einfach mal als  sehr schlüssiger ( )Beleg  gewertet, dass die Verbindung zwischen Kevin-Prince Boateng und Eintracht Frankfurt einfach passt.

Nicht zuletzt  teilen der Prince und die Eintracht-Fans viele Eigenschaften: Der Kampfgeist, der Stolz, die Ecken und Kanten, der Charakter, das Rückgrat, das Mit-Rückschlägen-Umgehen-Können,  die Empathie, den Charme  und nicht zuletzt den Fakt, dass man in der Öffentlichkeit  schon so manches Mal zu Unrecht verurteilt wurde und ein öffentliches Image entstanden ist, was nicht der Realität entspricht.

Und während man es an diesem Spätsommertag im Wedding nun tatsächlich geschafft hat die regionalen Spezialitäten des Weddings  Falafel und Shawarma vollständig zu verspeisen, denkt man, dass diese Prince- und Eintracht-Eigenschaften auch gut und gerne auf den Wedding übertragen werden können. Denn der Wedding  hat auch Ecken und Kanten, Charakter, Rückgrat, ein viel zu schlechtes Image, Stolz, Kampfgeist und auch diese ganzen gefühlvollen Sachen.  Genau, wie man den Wedding in unseren Kovac-Brüdern erkennt, so scheint  der  Wedding auch den  Prince tief geprägt zu haben. Sein  großer Bruder würde es rappend so ausdrücken:

„Du kriegst mich aus dem Wedding, doch den Wedding nicht aus mir.“  

Und natürlich möchte man es dem Prince wünschen, dass er als Fußballer und als Mensch endlich ohne Vorbehalte in Deutschland bewertet und angenommen wird.   Auf der anderen Seite präsentiert  der Wedding seine liebenswerte Seite auch nicht jedem auf dem Silbertablett. Von daher ist man fast geneigt zu sagen: Sollen die, die nicht bereit sind hinter die Kulissen zu blicken und das eingefahrenen Bild zu hinterfragen doch in  ihrer falschen Sichtweise versauern. Das gilt für die Betrachter des Weddings wie für die Betrachter des Prince. Wer nicht bereit ist, die Ebene der Oberflächlichkeit  zu verlassen, dem werden völlig zu Recht die  vielen aufregenden, spannenden und geradezu hinreißende  Perspektiven verwehrt bleiben.

Und mit diesem Gefühl des anmutigen Trotzes wird der Wedding dann nach unserer zweiten Wedding-Exkursion  verlassen. Und dieser Wedding hat es auch diesmal wieder geschafft, schwer zu beeindrucken. Beseelt von den vielen Eindrücken, versucht man es sich  auf einem Sitzplatz der Straßenbahn bequem zu machen. Nachdem die Kopfhörer mit dem Mobiltelefon verbunden  und aufs  Ohr geklemmt sind, wird diese  Abspann-Musik für die heutige  Wedding-Exkursion ausgewählt:

BTNG – Hier!

Und während man den Reimen von George Boateng lauscht und die Straßenbahn allmählich wieder in  diese andere Welt - den Prenzlauer Berg - vordringt, denkt man vor sich hin:   Wie Recht sie doch damals hatten, die Tottenham-Fans.

What a nice Ghetto!
#
Wunderbares Portrait, das in seiner Länge sicherlich auch seine Berechtigung hat. Die vielen Verweise machen das Erlebnis umso plastischer. Vielen Dank. Besonders hierfür:
Brodowin schrieb:

Und auch bei der Einladung von Ex-Fifa-Boss Sepp Blatter machte er eine gute Figur. Vermutlich half ihm da dann wieder seiner Herkunft aus dem Wedding, denn dort lernt man früh, mit Leuten mit krimineller Energie umzugehen.
Made my day!


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