Eure Erlebnisse aus Berlin

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Keine Ahnung, ob hier noch jemand mit liest… egal, ich schreib trotzdem
(Und herrje, jetzt, da ich fertig bin: Ist ganz schön lang geworden)

Immer noch könnte ich mir jeden Tag die Szenen anschauen.
Aber wie war das noch vor ein paar Wochen…

…traditionell sind mein Mann und ich mit Freunden an Pfingsten auf Rädern unterwegs in Deutschland. Pfingstradtour. Nicht alle interessieren sich für Fußball und diejenigen, die sich dafür interessieren, sind nicht alle Eintracht Fans. Es sind auch zwei Bayern-Sympathisanten (wie sie sich selbst nennen) dabei.

Also stand auch in diesem Jahr die Radtour an. Einer aus dem Kreise - ein Eintracht Fan - sagte schon vor nem halben Jahr ab. Weil wir wieder ins Finale kommen. Na klar haben wir das auch gehofft, haben aber trotzdem den Kopf darüber geschüttelt, mit welcher Überzeugung er hier vorging. Mea culpa!

Natürlich habe ich aber schon rechtzeitig recherchiert, wie wir an dem Samstag - natürlich nur für den unwahrscheinlichen Fall der Fälle - nach Berlin kommen könnten

Und nach der verrückten Halbfinal-Auswärtsfahrt (Anfahrt von Köln, Heimfahrt mit Fanclubbus nach FFM, früh morgens wieder nach Köln, weil ich dort für ein paar Tage auf Schulung war) war klar, die Berlinfahrt wird noch verrückter.

Dennoch hatte ich für alle Eventualitäten schon mal geplant. Für den Normalfall (wir gewinnen nicht) wollten wir bei nem Kumpel in Berlin ein paar Stunden pennen und am nächsten Tag wieder zu unserer Radgruppe stoßen. Für den Spezialfall (wir gewinnen - dann kann ich doch nicht am nächsten Tag über gehen zur Normalität, da muss ich zum Römer!) haben wir uns für den ersten Zug nach FFM um halb sechs Sitzplätze reserviert.

Also Donnerstagmorgen mit den Freunden per Zug nach Bamberg. Radfahren bei wunderbarem Wetter am Donnerstag und Freitag. Während die restliche Radfahrtruppe dann am Samstag nach Bamberg radelte und Sonntag dort blieb, machten mein Mann und ich uns sehr früh am Morgen per Zug auf nach Berlin. Zuerst nach Bamberg, Räder und Gepäck zum Hotel bringen; dann weiter nach Berlin.

Wir hatten schon befürchtet, dass der ganze Zug voller Bayern-Kunden ist, da er aus München kam. Zum Glück waren in unserem Zugteil aber so gut wie gar keine zu sehen. Aber auch keine Eintracht-Fans.
Das änderte sich in Leipzig dann schlagartig. Es war ein ICE vorher liegen geblieben und alle, die nach Berlin wollten, sind in unseren ICE zugestiegen. Plötzlich war Party im Zug. Schee!

In Berlin am Hauptbahnhof haben wir uns mit zwei Freunden und Blocknachbarn (einer davon derjenige, der die Pfingstradtour wegen dem Finale schon vor ewigen Zeiten abgesagt hate) wie verabredet getroffen und haben uns aufgemacht zum Breitscheidplatz. Am Zoo haben wir dann noch Freunde vom EFC getroffen und alle zusammen sind wir dann zum Platz. Als erstes Gerre gesehen, wie er mit nem Papp-Pokal für ein Foto da stand. (So im Nachhinein: Sicher ein Zeichen!)

War schon ganz schön voll da aber zu Trinken gab es wenigstens genug. Es war uns dann aber etwas zu voll (war am Alex letztes Jahr weitläufiger) und wir verzogen uns auf den Fußgängerstreifen in der Mitte der Straße. Auf dem Weg zur Toilette lief mir dann auch Alexander Schur mit suchendem Blick über den Weg. Ob er schon den Pokal gesucht hat? (Egal - war sicher ein weiteres Zeichen!!)

Wir sind dann ziemlich früh Richtung Stadion - erst mal zum Fanclubbus und noch nen Äppler mit den EFC-Freunden trinken und ne Bulette am Hertha-Stand essen. Der Fanzug kommt vorbei, wir schlendern Richtung Stadion.

Irgendwie kamen wir mit ein paar Bayernfans ins Gespräch. Ich verabschiedete mich mit den Worten: „Auf ein gutes Spiel. Und einen Sieg für uns!“. Allgemeines Gelächter schlug mir entgegen. Ha! Jetzt lache ich!

Wir waren etwas planlos und ich frage einen Ordner, ob das der richtige Eingang hier für uns ist und er antwortet nur: „Welchen Eingang suchen Sie denn? Hier (zeigt auf den Eingang) gehts zum Pokal“. Sehr schön, natürlich genau die Schlange genommen. (Wenn das nicht das dritte Zeichen war!!!)

Kurios bei der Einlasskontrolle war, dass die Frau vor mir einen kleinen Rucksack um hatte, den sie nicht mit rein nehmen durfte. Obwohl kaum was drin war und sie ihn so klein zusammen knüllen konnte, dass sie in fast hätte in die Hosentasche stecken können. Ich mit meinem Eintracht-Stoffbeutel, der prall gefüllt war (was zum Drüberziehen und was zum Anziehen, falls wir übernachten), konnte ohne Probleme durch. Kurios war auch noch, dass sie zu dieser Frau meinte: „Es tut mir leid, wenn die Chefin da ist, darf ich sie so nicht durch lassen.“ Ah ja.

Drin dann erst mal das Finalshirt überziehen und die Stimmung aufnehmen. Aber irgendwie war das alles anders als im letzten Jahr. Da war ich total euphorisch und voller Erwartungen. Dieses Mal waren es lediglich Hoffnungen, die ich mir aber noch nicht mal richtig zugestand.

Und tatsächlich war ich komplett ruhig. Meine Emotionen hatte ich voll im Griff. Beim 1:0 tobten alle um mich rum, so dass ich fast umgestoßen wurde. Mein Gedanke war nur: „Super, ein Tor. Aber so läuft das oft gegen die Bayern. Irgendwann schießen sie dann trotzdem noch ihre Tore und gewinnen.“ Und ebenso nahm ich auch die ganze Stimmung um mich herum irgendwie - gedämpft - wahr.

In der Pause raus, Wasser holen (die alkfreie Bierplörre lieber nich) und ein befreundetes Pärchen getroffen. Was wir nach dem Spiel machen würden. Bembelbar, ist doch klar. Sie meinten dann, sie kämen im Siegesfall auch hin. Hab ich aber niemals nicht mit gerechnet, weil er eigentlich das ganze Drumherum nicht so mag beim Fußball.

Zweite Halbzeit. Irgendwann das 1:1. Mein Gedanke: „War ja klar, dann geht es jetzt wohl los mit den Bayerntoren.“

Aber Rebic und die ganze Truppe haben mich eines besseren belehrt! Beim sensationellen 2:1 bin ich kurzzeitig mit ausgerastet. Danach habe ich versucht, die Ruhe zu bewahren. Mein Mantra „bleib ruhig, Du bist ganz ruhig,…“ hat aber nur teilweise gewirkt. Das Herz schlug mir bis zur Halsschlagader… es pochte und pochte und mein Kopf redete mir ein, ich sei ganz ruhig. Videobeweis. Doch Tor.

Und dann diese unwirkliche Szene, die ich irgendwie nur verschwommen in Erinnerung habe. Shit. Das gibt nen Elfmeter. Echt jetzt - Elfmeter für die Bayern? Scheiße! Äh, doch kein Elfmeter? KEIN ELFMETER! Und dann die Ecke und Gacinovic läuft los. Endlos, gefühlt.
Ich weiß noch, wie ich denke: „Das könnte ne geile Szene sein, sie zu filmen, soll ich mein Handy zücken? Ach nee, doch nicht. Schau lieber hin“ Unwirklich. Gefühlt kam mir der Lauf ewig vor. Und trotzdem war er so schnell vorbei, dass es nur noch ein flüchtiger Gedanke war.
Und dann? Jubel, Schreien, Umarmen, Hüpfen, Gänsehaut, Tränchen… das volle Programm.
Aber auch ungläubiges, wirres Umherschauen. Fragende Blicke. Ist das jetzt wirklich passiert? Etwas später dann… das heißt ja Euro League! Stuttgart raus, Leipzig in der Quali. Und… Supercup (der mich bisher natürlich nicht interessiert hatte).

Nach einer ganzen Weile und den ganzen Feierlichkeiten dann nur noch ein Gedanke. Durst! Vor dem Stadion ein Bierchen zischen und ab in die Bembelbar. Der Weg dahin dauerte ewig… überfüllte, stickige U-Bahn. Trotzdem hat die Fahrt Spaß gemacht. Mit der ganzen Eintracht-Familie.

Und tatsächlich trafen wir auch unsere Freunde an in der Bembelbar. Und immer wieder Blicke aufs Handy, ob wir wirklich (noch) Pokalsieger sind. Äppler gabs leider keinen mehr, also Bier. Und noch mehr Bier. Und dass tatsächlich etwas Unglaubliches passiert ist, zeigte mir auch, dass dieser Freund, der normalerweise nie Bier trinkt und das ganze Drumherum Fangehabe nicht so mag, lauwarmes Bier trinkend Eintracht Lieder nachts auf der Straße mit hunderten Eintracht-Fans sang. Herrlich!

Irgendwann machten wir uns dann auf zum Hauptbahnhof. Rein in den Zug. Wir saßen in einem Abteil. Süß war auch der Zugbegleiter. Bei der Ticketkontrolle empfahl er uns, doch den Sonnenschutz herunter zu ziehen, damit wir besser schlafen können, weil es dann nicht so hell ist. Hach…

Wir konnten dann tatsächlich etwas dösen. Heim. Duschen, Frühstücken, erste Bilder und Videos gucken, Berichte lesen. Ab zum Römer. Abends heim, was Essen, ins Bett fallen. Und am frühen Montagmorgen wieder nach Bamberg, wo die Radtruppe wartete. Radtour beenden, Montagabend mit dem Zug und der Radtruppe nach Hause.

Was für ein Wochenende! Einfach geil!
Ich freu mich auf Europa und hoffe auf Tickets.




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Nachtrag 2:
Im letzten Jahr hab ich ja echt den Kopf geschüttelt über diese BVB Fans nach dem Sieg. Gebrüllt hab ich! Das Stadion hätten wir abgerissen, hätten wir gesiegt!
In diesem Jahr... auch bei uns diese Stille nach dem Sieg, vor dem Stadion. Diese innere Glückseligkeit aber auch dieses Insichgekehrtsein ob des Unfassbaren.
Wir waren einfach fix und alle. Und fassen konnte es sowieso noch niemand. Glücklich ja, aber überschwänglich nein.
Auch vor der Bembelbar war diese Stimmung zum Greifen nah.
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Tolle Texte, die es hier zu lesen gibt, danke dafür.
Habt ihr mal beim zweiten Tor von Ante Rebic auf die Reaktion von Mats Hummels geachtet, als er realisiert, dass er in dieser entscheidenden Spielphase ein entscheidendes Duell verloren hat und auch die Sportkameraden Ulreich und Süle nichts mehr retten können?
Als hätte man dem Kasper aus der Puppenkiste mit einem Ratsch alle Fäden auf einmal durchgeschnitten! Deutlicher kann man einem Gegner nicht signalisieren, dass man bis ins Mark getroffen ist.
Oder diese hundsmiserable Ecke, die Jetro Willems problemlos wegarbeiten kann, wodurch er dann Mijat Gacinovic auf diese unvergessliche Reise schicken kann?
Aber wozu sich mit dem fehlerhaften Spiel der Bayern beschäftigen, die haben ja jetzt einen neuen Übungsleiter, der sich dieser Problemfelder annehmen kann.
Lieber auf die schönen Dinge des Lebens achten, wie zum Beispiel auf dieses fantastische Umschaltspiel unseres Defensivspezialisten Danny da Costa. Glaubt hier etwa jemand, der hätte den Ball nur nach vorne gebolzt? „Bruda, schlag den Ball lang“?
Wir wissen, dass dies nur ein Täuschungsversuch ist. Bei der Aktion handelt es sich in Wirklichkeit um einen impulsgebenden Bogenball über die letzte Abwehrreihe in den Schwerpunkt des Dreiecks zwischen dem zentral positionierten Verteidigerpärchen und dem herausgerückten Torwart.
Und zwar so geschickt angepasst auf das Tempo des anlaufenden Stoßstürmers, dass sämtliche Abwehrspieler gleichermaßen zu spät kommen.
Pure Geometrie, ein mathematisch ermitteltes Zaubertor (…hat das Abitur am Landrat-Lucas-Gymnasium gepackt, und wenn er nicht Fußballprofi geworden wäre, hätte er, so berichtet er unlängst im FR-Interview, wohl Wirtschaftsinformatik oder Mathematik studiert. „Mathe, das liegt mir, das kann ich.“).
Auch da haben die Bayern wohl bei der Vorbereitung geschlampt.
Immerhin haben die Bayern zum Sieg gratuliert. Na gut, nicht das Team ihren Gegnern auf dem Platz, aber immerhin mir meine beiden Sitznachbarn zur rechten Seite.
Es waren Bayernfans von den ganz unangenehmen Art: Yuppies, entsprechender Dresscode, hochnäsig hoch drei, entsprechende Kommentare „das ist immer so, die Kleinen bäumen sich am Anfang ein bisschen auf, dann drehen Unsere einmal am Schwungrad und schon ist die Luft raus…“, etc, etc..
Ich wollte mir die Stimmung nicht verderben, habe sie nur im Stillen gehasst, im Weiteren meine Tochter neben mir von Gewalttätigkeiten abgehalten, meinem Sohn und Patensohn, die auf der Gegentribüne Ähnliches erlebten, zu Gleichmut geraten und mich ansonsten am Spiel erfreut.
Aber siehe da, nach dem Spiel streckt mir der Eine die Hand hin und sagt: „Gratuliere; große Leistung“. Ich war überrascht, habe aber noch gerade staatsmännisch reagiert und geantwortet: „Solche Siege sind das Beste, was dem Fussball passieren kann.“
Ich war unaufrichtig, dass gebe ich zu, ich habe ihm nicht gesagt, wohin ich ihn eigentlich wünsche und was mich das interessiert, was er von sich gibt und das ich erst kurz zuvor ekstatisch meiner Tochter ins Ohr gebrüllt hatte ; „Der Teufel ist besiegt, jetzt ist der Teufel besiegt!“.
Es hatte aber auch keinen Sinn, die Situation jetzt eskalieren zu lassen und einen Augenblick später waren die Loser ohnehin auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Vorher habe ich ihm noch fast väterlich die Hand wie zum Trost auf die Schulter gelegt und ein bisschen hin- und hergerieben – ich wusste, dass ihn das am meisten schmerzt, eine fremde Hand auf seinem Burberry.

Morgen ist Auslosung, ich freu mich schon.

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Große Gesten - große Taten!
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Eine aberwitzige Abwehrschlacht, Bayern-Chancen am Fließband und zwei glückliche Fügungen zum Pokaltriumph! Augenaufschlag, hochschrecken und kurz kneifen. War das ein Traum?
Anfang März musste ich feststellen: Ja, es war nur ein Traum, was sich da gerade mindestens so echt wie die Wirklichkeit angefühlt hatte. Weit weg von der nachher tatsächlichen Finalpaarung Bayern-Eintracht spielte mir da der schläfrige Kopf einen Streich. 2:0 Pokaltriumph, Doppelpack Marius Wolf, einmal kurz vor der Pause nach Ecke und einmal kurz nach der Pause nach Fabel-Konter. Der Rest verzweifelnde Bazis und die lachende Spinne im Kasten.
Tja, schön wäre es gewesen, wenn es nicht nur ein Traum wäre...

Seit gut 25 Jahren verfolge ich nun höchst intensiv die Eintracht. In meiner Heimat Sachsen ist man damit ein Exot. in der bitteren Realität bedeutete das 25 Jahre belächelt werden von - natürlich - meist seelenlosen Bayern- oder Dortmund-Anhängern. Abstieg, 2. Liga, graue Maus, egal. Auf eines konnte man sich stets verlassen, der mitleidig-angewiderte Blick von Kumpels, Kollegen und Bekannten war immer gewiss. Eintracht-Fan? Warum das denn?
Schuld ist mein Onkel, der sich in der DDR die Sportschau anschaute und seine Mannschaft nach den schönsten Trikots auswählte. Mir schenkte er zum sechsten Geburtstag einen rot-schwarzen Schal, womit es um mich geschehen war. Eintracht!

Nun also das nächste Kapitel: Berlin! Zum zweiten Mal nacheinander, was im bescheidenen Eintracht-Kosmos im Konzert der explodierenden Geldspeicher-Klubs sowieso schon kaum zu fassen war. Das Finale 2017 war in seiner Intensität kaum zu toppen. Ein großes Erlebnis, was nur darin getrübt war, dass es die Eintracht  gegen diesen BVB doch wirklich hätte schaffen können, wenn nicht sogar müssen. Nun, gegen die übermächtigen Bayern schien das doch mehr oder weniger unmöglich. Gerade auch für mich persönlich war es im Vorfeld nicht unbedingt das beste Gefühl. In der Kovac-Ära war ich bei acht Partien live dabei und es gab dabei platschende acht Niederlagen. Die letzte am 34. Spieltag auf Schalke. Wer dabei war, wird bestätigen, dass das nicht unbedingt der beste Heißmacher auf ein Pokalfinale gewesen ist.

Mit diesem wahrlich bescheidenen Gefühl trat ich den Weg nach Berlin an. Am Donnerstag, dem Vorabend der Abreise, kehrte sich die miese Erwartung jedoch urplötzlich in eine positive Richtung. Ich weiß nicht warum, aber von diesem Moment an, war mir irgendwie klar, dass wir nicht verlieren können. Ich kann mir nicht erklären, woher es kam, aber es war da und ging nicht mehr weg. Vielleicht erinnerte ich mich auch an den Beitrag des HR, der zum Saisonstart ausgestrahlt wurde. Da besuchte eine Redakteurin eine Wahrsagerin, die ihr Pendel zu den Geschicken der Eintracht 2017/18 schwenkte. Bei der Frage nach dem erneuten Pokalfinale schwang das Pendel schnurgerade nach links und die gute Frau meinte felsenfest: "Ja, das klappt!" Ob es denn auch zum Sieg reiche, wollte die Reporterin noch wissen. Darauf drehte das Pendel hin und her, ohne sich recht zu entscheiden. Nach ewigen Sekunden war die Wahrsagerin ganz verblüfft, denn so etwas würde wohl nur sehr selten geschehen. Letztlich schien ihr ein sehr knappes Ergebnis voller Zittern vorzuschweben, was das bessere Ende für die Eintracht haben könnte, aber sicher sei das nicht.

Wie dem auch sei, ich fuhr an den Rand Berlins, in die Provinz an einen See. Zum Pokalsamstag ging es sehr früh raus und direkt beim Aufwachen war dieses unbeschreiblich gute Gefühl immer noch da: Heute geht was! Per Bahn ging es in die Hauptstadt und das erste Ziel sollte natürlich der Eintracht-Kahn für die Spreerundfahrt sein. Diesen erwischte ich auch gerade so um 9:30 Uhr und hopste noch auf den letzten Drücker vor Ablegen auf das Schiff. Allein das war schon etwas besonderes, mit gut 200 singenden Eintracht-Fans durch die gerade erwachende und noch schläfrige Stadt zu schippern. Ein absoluter Genuss bei phänomenalstem Sonnenschein!
Die weiteren Stationen im Anschluss waren die Bustour und das Fest am Breitscheidplatz. Gerade für jemanden, der dieses hessische Lebensgefühl nur selten erlebt, war es etwas tolles, das Gebabbel und natürlich auch den Stolz und die Freude der Ur-Eintrachtler mitzuerleben. Ich habe vor den Spielen mit so vielen gesprochen und nahezu alle waren der Meinung: "Ja, es wäre unglaublich, wenn wir das Ding holen, aber die Bayern..."

Auf der anderen Seite die überheblichen, übersättigten Lederhosen, die diese angespannte Vorfreude auf ein Finale wohl nicht mehr so intensiv wahrnehmen wie unsereins. Meine liebste Szene vor dem Spiel fand in der Bahn zum Olympiastadion statt. Zwei Bayern-Schnarchnasen beschallten das ganze Abteil, ehe sie von immer mehr Frankfurtern nach kurzem Zögern in Grund und Boden gesungen wurden.
Im Stadion war bereits anderthalb Stunden vor Anpfiff eine wahnsinnige Anspannung zu spüren. Ich fand es gegen den BVB schon extrem aufgeladen, doch diesmal kam es mir noch eine Spur schärfer vor. Beim Einlaufen der Torhüter reichte die Gänsehaut bereits unters Dach. Das ganze Programm bis zum Anstoß stand dem in nichts nach. Was soll man sagen, an diesem Tag direkt am Puls dieses Vereins zu sein, war etwas ganz besonderes.

Als das Spektakel dann begann, war sofort klar, dass es hier keinen Bayern-Spaziergang geben würde. Mit dieser Körperlichkeit, diesem Gift und dieser Galle der Eintracht-Elf konnte doch fast nichts schief gehen. Als Rebic dann tatsächlich zur Führung traf, war das Ganze dennoch unwirklich. So viel jubelnde und gleichzeitg wie vom Blitz getroffene, ungläubige Gesichter habe ich wohl noch nie gesehen. Für mich fühlte sich die Zeit bis zur Halbzeit dann einfach nur quälend lang an. Ich rechnete praktisch sekündlich mit dem Ausgleich, das Herz pochte am Anschlag und die Stimme versagte schon langsam ihren Dienst. Die Pause war für mich dann tatsächlich eine Pause, um erstmal darauf klar zu kommen, dass die Eintracht wahrhaftig führt und nur noch einmal so lang durchhalten muss, um das Ding zu gewinnen.

In der zweiten Halbzeit fiel dann der Ausgleich für mich aus dem Nichts. Ich fand den Start der Eintracht nämlich sehr mutig und sehr souverän. So schlich sich der Gedanke an, dass es nun wie immer laufen würde: Die Bayern fangen an, spielen sich den Gegner her und würgen ein Tor nach dem anderen rein. Zehn Minuten sah das ja auch im Ansatz so aus, doch dann kam für mich der Wendepunkt, als sich die Eintracht mit drei-vier Ecken in Folge wieder befreite. Guzmans Animierung direkt in die Kurve in meine Richtung war eine Initialzündung, die auch die Kurve wieder straffte. Spätestens bei Hasebes Monstergrätsche - die mir insgesamt fast zu wenig gewürdigt wurde - war wieder alles offen. Beim zweiten Tor von Rebic bin ich förmlich durchgedreht. Diese unfassbare Aktion mit einem Sprint und dem eingesprungenen Grätsch-Heber zog mir alle Sicherungen. Als das Tor noch einmal überprüft wurde, bin ich regelrecht zusammengesackt und musste mich erstmal auf die Treppe neben meinem Platz legen. An den Rest bis zum Jahrhundert-Lauf von Gacinovic kann ich mich kaum noch erinnern. Ich habe einfach nur geschrien und wie wild an meinen Klamotten gezogen, weil ich wollte, dass dieses Spiel abgepfiffen wird!

Der Schluss war eine unglaubliche Befreiung. In diesem Moment steckte so viel Genugtuung und so viel Freude für einfach alles, was man mit dieser Eintracht bisher mitgemacht hat. Ich hab im Umkreis von fünf Metern sicher jeden umarmt, abgeklatscht und geherzt. Mehr ging einfach nicht. Mit gewisser Ungläubigkeit hab ich dann gesehen, wie dieses goldene Ding von Spielern mit dem Adler auf der Brust in den Himmel gehoben wurde.
War das jetzt ein doch ein Traum? Das konnte doch nicht alles wahr sein!
Plötzlich stand dann auch noch Uwe "Zico" Bindewald vor mir! Was war hier eigentlich los? Natürlich musste ich auch ihn umarmen und fragen: "Ist das hier gerade alles wirklich passiert?" Zico sagte mit glänzenden Augen: "Ich bin mir auch nicht ganz sicher. Ein Wahnsinn!"
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Eine aberwitzige Abwehrschlacht, Bayern-Chancen am Fließband und zwei glückliche Fügungen zum Pokaltriumph! Augenaufschlag, hochschrecken und kurz kneifen. War das ein Traum?
Anfang März musste ich feststellen: Ja, es war nur ein Traum, was sich da gerade mindestens so echt wie die Wirklichkeit angefühlt hatte. Weit weg von der nachher tatsächlichen Finalpaarung Bayern-Eintracht spielte mir da der schläfrige Kopf einen Streich. 2:0 Pokaltriumph, Doppelpack Marius Wolf, einmal kurz vor der Pause nach Ecke und einmal kurz nach der Pause nach Fabel-Konter. Der Rest verzweifelnde Bazis und die lachende Spinne im Kasten.
Tja, schön wäre es gewesen, wenn es nicht nur ein Traum wäre...

Seit gut 25 Jahren verfolge ich nun höchst intensiv die Eintracht. In meiner Heimat Sachsen ist man damit ein Exot. in der bitteren Realität bedeutete das 25 Jahre belächelt werden von - natürlich - meist seelenlosen Bayern- oder Dortmund-Anhängern. Abstieg, 2. Liga, graue Maus, egal. Auf eines konnte man sich stets verlassen, der mitleidig-angewiderte Blick von Kumpels, Kollegen und Bekannten war immer gewiss. Eintracht-Fan? Warum das denn?
Schuld ist mein Onkel, der sich in der DDR die Sportschau anschaute und seine Mannschaft nach den schönsten Trikots auswählte. Mir schenkte er zum sechsten Geburtstag einen rot-schwarzen Schal, womit es um mich geschehen war. Eintracht!

Nun also das nächste Kapitel: Berlin! Zum zweiten Mal nacheinander, was im bescheidenen Eintracht-Kosmos im Konzert der explodierenden Geldspeicher-Klubs sowieso schon kaum zu fassen war. Das Finale 2017 war in seiner Intensität kaum zu toppen. Ein großes Erlebnis, was nur darin getrübt war, dass es die Eintracht  gegen diesen BVB doch wirklich hätte schaffen können, wenn nicht sogar müssen. Nun, gegen die übermächtigen Bayern schien das doch mehr oder weniger unmöglich. Gerade auch für mich persönlich war es im Vorfeld nicht unbedingt das beste Gefühl. In der Kovac-Ära war ich bei acht Partien live dabei und es gab dabei platschende acht Niederlagen. Die letzte am 34. Spieltag auf Schalke. Wer dabei war, wird bestätigen, dass das nicht unbedingt der beste Heißmacher auf ein Pokalfinale gewesen ist.

Mit diesem wahrlich bescheidenen Gefühl trat ich den Weg nach Berlin an. Am Donnerstag, dem Vorabend der Abreise, kehrte sich die miese Erwartung jedoch urplötzlich in eine positive Richtung. Ich weiß nicht warum, aber von diesem Moment an, war mir irgendwie klar, dass wir nicht verlieren können. Ich kann mir nicht erklären, woher es kam, aber es war da und ging nicht mehr weg. Vielleicht erinnerte ich mich auch an den Beitrag des HR, der zum Saisonstart ausgestrahlt wurde. Da besuchte eine Redakteurin eine Wahrsagerin, die ihr Pendel zu den Geschicken der Eintracht 2017/18 schwenkte. Bei der Frage nach dem erneuten Pokalfinale schwang das Pendel schnurgerade nach links und die gute Frau meinte felsenfest: "Ja, das klappt!" Ob es denn auch zum Sieg reiche, wollte die Reporterin noch wissen. Darauf drehte das Pendel hin und her, ohne sich recht zu entscheiden. Nach ewigen Sekunden war die Wahrsagerin ganz verblüfft, denn so etwas würde wohl nur sehr selten geschehen. Letztlich schien ihr ein sehr knappes Ergebnis voller Zittern vorzuschweben, was das bessere Ende für die Eintracht haben könnte, aber sicher sei das nicht.

Wie dem auch sei, ich fuhr an den Rand Berlins, in die Provinz an einen See. Zum Pokalsamstag ging es sehr früh raus und direkt beim Aufwachen war dieses unbeschreiblich gute Gefühl immer noch da: Heute geht was! Per Bahn ging es in die Hauptstadt und das erste Ziel sollte natürlich der Eintracht-Kahn für die Spreerundfahrt sein. Diesen erwischte ich auch gerade so um 9:30 Uhr und hopste noch auf den letzten Drücker vor Ablegen auf das Schiff. Allein das war schon etwas besonderes, mit gut 200 singenden Eintracht-Fans durch die gerade erwachende und noch schläfrige Stadt zu schippern. Ein absoluter Genuss bei phänomenalstem Sonnenschein!
Die weiteren Stationen im Anschluss waren die Bustour und das Fest am Breitscheidplatz. Gerade für jemanden, der dieses hessische Lebensgefühl nur selten erlebt, war es etwas tolles, das Gebabbel und natürlich auch den Stolz und die Freude der Ur-Eintrachtler mitzuerleben. Ich habe vor den Spielen mit so vielen gesprochen und nahezu alle waren der Meinung: "Ja, es wäre unglaublich, wenn wir das Ding holen, aber die Bayern..."

Auf der anderen Seite die überheblichen, übersättigten Lederhosen, die diese angespannte Vorfreude auf ein Finale wohl nicht mehr so intensiv wahrnehmen wie unsereins. Meine liebste Szene vor dem Spiel fand in der Bahn zum Olympiastadion statt. Zwei Bayern-Schnarchnasen beschallten das ganze Abteil, ehe sie von immer mehr Frankfurtern nach kurzem Zögern in Grund und Boden gesungen wurden.
Im Stadion war bereits anderthalb Stunden vor Anpfiff eine wahnsinnige Anspannung zu spüren. Ich fand es gegen den BVB schon extrem aufgeladen, doch diesmal kam es mir noch eine Spur schärfer vor. Beim Einlaufen der Torhüter reichte die Gänsehaut bereits unters Dach. Das ganze Programm bis zum Anstoß stand dem in nichts nach. Was soll man sagen, an diesem Tag direkt am Puls dieses Vereins zu sein, war etwas ganz besonderes.

Als das Spektakel dann begann, war sofort klar, dass es hier keinen Bayern-Spaziergang geben würde. Mit dieser Körperlichkeit, diesem Gift und dieser Galle der Eintracht-Elf konnte doch fast nichts schief gehen. Als Rebic dann tatsächlich zur Führung traf, war das Ganze dennoch unwirklich. So viel jubelnde und gleichzeitg wie vom Blitz getroffene, ungläubige Gesichter habe ich wohl noch nie gesehen. Für mich fühlte sich die Zeit bis zur Halbzeit dann einfach nur quälend lang an. Ich rechnete praktisch sekündlich mit dem Ausgleich, das Herz pochte am Anschlag und die Stimme versagte schon langsam ihren Dienst. Die Pause war für mich dann tatsächlich eine Pause, um erstmal darauf klar zu kommen, dass die Eintracht wahrhaftig führt und nur noch einmal so lang durchhalten muss, um das Ding zu gewinnen.

In der zweiten Halbzeit fiel dann der Ausgleich für mich aus dem Nichts. Ich fand den Start der Eintracht nämlich sehr mutig und sehr souverän. So schlich sich der Gedanke an, dass es nun wie immer laufen würde: Die Bayern fangen an, spielen sich den Gegner her und würgen ein Tor nach dem anderen rein. Zehn Minuten sah das ja auch im Ansatz so aus, doch dann kam für mich der Wendepunkt, als sich die Eintracht mit drei-vier Ecken in Folge wieder befreite. Guzmans Animierung direkt in die Kurve in meine Richtung war eine Initialzündung, die auch die Kurve wieder straffte. Spätestens bei Hasebes Monstergrätsche - die mir insgesamt fast zu wenig gewürdigt wurde - war wieder alles offen. Beim zweiten Tor von Rebic bin ich förmlich durchgedreht. Diese unfassbare Aktion mit einem Sprint und dem eingesprungenen Grätsch-Heber zog mir alle Sicherungen. Als das Tor noch einmal überprüft wurde, bin ich regelrecht zusammengesackt und musste mich erstmal auf die Treppe neben meinem Platz legen. An den Rest bis zum Jahrhundert-Lauf von Gacinovic kann ich mich kaum noch erinnern. Ich habe einfach nur geschrien und wie wild an meinen Klamotten gezogen, weil ich wollte, dass dieses Spiel abgepfiffen wird!

Der Schluss war eine unglaubliche Befreiung. In diesem Moment steckte so viel Genugtuung und so viel Freude für einfach alles, was man mit dieser Eintracht bisher mitgemacht hat. Ich hab im Umkreis von fünf Metern sicher jeden umarmt, abgeklatscht und geherzt. Mehr ging einfach nicht. Mit gewisser Ungläubigkeit hab ich dann gesehen, wie dieses goldene Ding von Spielern mit dem Adler auf der Brust in den Himmel gehoben wurde.
War das jetzt ein doch ein Traum? Das konnte doch nicht alles wahr sein!
Plötzlich stand dann auch noch Uwe "Zico" Bindewald vor mir! Was war hier eigentlich los? Natürlich musste ich auch ihn umarmen und fragen: "Ist das hier gerade alles wirklich passiert?" Zico sagte mit glänzenden Augen: "Ich bin mir auch nicht ganz sicher. Ein Wahnsinn!"
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eine absoluter Wahnsinn Dein Beitrag
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Vielen Dank für Eure grandiosen Beiträge, wunderbar!
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Vielen Dank für die ganzen Beiträge. Ich habe Gänsehaut und Tränen bei jedem Einzelnen.

Dann will ich auch mal. Sorry, ist sehr lange geworden. Und sorry für die Gossensprache und teilweise verwendeten Kraftausdrücke. Ich habe einfach versucht, meine Gedanken originalgetreu wiederzugeben, um das für mich zu konservieren und vor allem zu verarbeiten.

Wir schreiben den 18. April ungefähr 2018 Jahre nach Geburt des kleinen Jesuskindes.
Es ist nicht nur der Tag unseres Halbfinales, es ist auch Kates Geburtstag. Ich glaube, ganz so glücklich ist sie dieses Jahr ob des Ortes ihrer Feier nicht. Es gibt wahrlich schönere Plätze, an denen man seinen Jubeltag verbringen kann, als die Turnhalle in Gelsenkirchen. Aber da müssen wir heute beide durch. Ich bin verdamme Kacke nervös. Gefühlt war ich noch nie so uffgereescht vor einem Spiel wie an diesem warmen Mittwochabend. Alles hat sich auf diesen Abend kanalisiert. Seit Beginn der Rückrunde bin ich quasi täglich am Rechnen, Restprogramme unserer Konkurrenten vergleichen und versuche mir irgendwie plausibel weiszumachen, dass wir dieses Jahr dran sind. Ich will in den scheiß Europapokal. Aber ich will nicht Siebter werden. No way. Und ich will diesen scheiß Pokal gewinnen. Genauso habe ich aber Angst vor einer neuen Niederlage in Berlin. Dann vielleicht doch besser im Halbfinale raus? Und überhaupt: Was ist das für eine Scheiße mit Kovac? Warum jetzt? Wir sind doch gerade auf allen Ebenen so geil? Weit vor Auslosung des Viertelfinals habe ich unseren Sommerurlaub gebucht – natürlich genau ab dem WE des eventuellen Finales. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir einfach auf Schalke ausscheiden um nicht völlig enttäuscht zu werden? Paradoxe Gedankenwelt, heraufbeschworenes Karma. Vorsichtshalber mal einen Hunni auf unseren Finaleinzug gesetzt. Vom eventuellen Gewinn kann ich immer noch umbuchen. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Wir spielen die wohl ruhigste und beste Saison seit langer Zeit und mir geht es an die Substanz als wären wir wieder von der Existenz bedroht. Als dann i9rgendwann der Ball von Jovics Hacke im langen Eck ein- und ich Mikrosekunden später mit meinem Rücken etliche Stufen unter meinem eigentlich Standpunkt aufschlage, sind alle diese Gedanken vergessen und es ist glücklicherweise außer einem blauen Fleck nichts gebrochen. Als das Spiel drei Ewigkeiten später abgepfiffen ist, kommen die ganzen Gedanken auch nicht mehr zurück. Mit einem Schlag ist mein Kopf gereinigt, die ganze Anspannung verflogen, bin ich mit allem im Reinen.

Wir schreiben den 12. Mai. Kates Geburtstag ist mittlerweile dreikommafünf Wochen her.
Zu ihrem Glück muss sie heute nicht wieder in den schlimmsten aller Bundesligaaustragungsorte – im Gegensatz zu ihrem Anvertrauten. Der Ort ist derselbe, die Gefühlslage eine ganz andere. Wir verkacken tatsächlich den Europapokal. Achter – ich hätte wirklich nicht damit gerechnet. Aber ich gebe zu: Ich bin nicht unglücklich. Ich nehme es relativ neutral zur Kenntnis. Wenigstens Urlaub gespart. Und überhaupt: Wenn Stuttgart die Bayern schlägt, können wir das schon lange. Basta. Keine Rechenspiele mehr, keine gedankliches Chaos – alles gut.

Wir schreiben den 19. Mai. Finale. Judgement Day.
Eigentlich sollte ich ich zu diesem Zeitpunkt auf irgendeiner verrosteten Tribüne in Nairobi sitzen und mich meines neuen Länderpunktes erfreuen. Das Wort „eigentlich“ suggeriert es: Der Wettgewinn war annähernd ausreichend – der Flug geht für uns jetzt erst am Sonntag danach. Also sitze ich in meinem gemütlichen Sechser Abteil und eiere ebenso gemütlich nach Berlin. Ich bin völlig tiefenentspannt. Wie wohl fast jedem anderen Adler auch ist mir völlig bewusst, dass wir nichts holen werden. Warum also unnötig verrückt machen? Bißchen die Sonne genießen, eine gute Zeit haben, zeigen, dass wir Eintracht Frankfurt sind und wieder nach Hause. Mit dieser Einstellung passiere ich die Sicherheitskontrollen und nehme auf der Gegentribüne Platz. Ja, richtig gelesen. Durch irgendwelche dubiosen Tauschgeschäfte besitze ich anstatt einer Karte in der Ostkurve plötzlich zwei Karten auf der Gegentribüne. Nutznießer dieser Geschichte ist Chuck, der es sich somit neben mir bequem machen kann. Unseren ursprünglichen Plan, sofort zu den anderen in die Kurve zu gehen, verschieben wir auf die Halbzeitpause. Von unserem Platz im Exil lässt sich die Marschroute besser an die Mannschaft übertragen: „Abgrätschen! Mit beiden Beinen! Kniehoch!“ Lautstark fordern wir zum Amoklauf gegenüber dem arroganten Serienmeister auf. Applaus von einem Teil des uns umgebenden Publikums, verstörte Blicke der rotgekleideten. Ansonsten sind wir weiterhin tiefenentspannt. Zumindest zehn Minuten lang, dann läuft Rebic auf den gegnerischen Kasten und verwandelt so eiskalt wie uns normalerweise der Fußballgott verarscht. Ich spüre noch, wie mich Chuck durch die Gegend wirft, mehr als eine geballte Faust ist mir der Jubel jedoch nicht wert. Ich will mich nicht freuen, zu groß wird die Enttäuschung beim gleich folgenden Ausgleich sein. Das sind immer noch die Bayern, die kommen immer zurück. Nein, ich will nicht wieder enttäuscht werden. Was bin ich vor einem Jahr ausgerastet, als Rebic aus ähnlicher Position Gleiches vollbrachte. Und dann? Nein, nicht noch einmal. Und überhaupt: Was soll das jetzt? Ich hatte mich auf ein lockeres 0:3 eingestellt und wollte in Ruhe Fußball gucken. Und jetzt das? Auf einmal kommt die Anspannung zurück. Zum Glück habe ich noch genug Zigaretten. Während die Nervösität Minute um Minute analog zum Druck der bajuwarischen Arschlöcher ansteigt, bin ich ganz in Gedanken versunken. Wir können hier nicht weg. Scheiß auf die Kurve. Wenn wir den Platz wechseln, geht alles schief. Wenn wir irgendetwas ändern, geht alles schief. Eigentlich darf keiner irgendetwas machen, jede Bewegung könnte katastrophale Folgen haben. Meinen Aberglauben gebe ich natürlich nicht preis, sondern überspiele ihn mit weiteren Aufforderungen zur vorsätzlichen Körperverletzung. Die WM braucht eh keiner, da können wir auch kniehoch einsteigen. Es lenkt wenigstens ein bißchen ab. Zur Halbzeit führen wir immer noch - glaube ich. So ganz bin ich nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich habe unfassbaren Durst. Meine ganzen Gedanken der letzten Spielminuten münden in einen leise gehauchten Satz zu Chuck: „Wir bleiben hier.“ Es ist der Aberglaube, der über die Vernunft siegt. Beim gemeinsamen Toilettengang – ein klein bißchen feminin sind wir ja schon – lässt sich etwas durchschnaufen. Die Marschroute ist klar: Keine Verlängerung! Das überleben wir nervlich nicht. Dann lieber gleich verlieren. Überhaupt, so eine Verlängerung, das ist doch völlig gegen die Natur. Entweder lebst Du oder stirbst Du, aber so etwas Herausgezögertes bringt doch keinem was. Wenn der Löwe ein Impala reißt, fragt er vorher auch nicht, ob es vielleicht noch eine letzte Runde durch die Gegend springen möchte. So sadistisch ist nur der Mensch, dass er an so etwas Freude empfinden kann. Leider ist die Halbzeitpause und damit einhergehend unser Dummgebabbel und etwas Ablenkung schneller vorbei als die angesprochene Löwenattacke. Mit Wiederanpfiff wird es plötzlich völlig wirr in meinem Kopf: Verdammte Scheiße, wir können das Ding tatsächlich gewinnen. Hier geht was. Ich wollte mir diesen Gedanken verbitten, aber er gewinnt langsam überhaupt. Eingekauert wie das berühmt Häufchen Elend sitze ich mittlerweile auf meiner nassgeschwitzten Schale und raufe mir ununterbrochen alle Haare. Da ich auch ununterbrochen rauche, asche ich mir womöglich auch genauso ununterbrochen auf den völlig zermatschten Kopf. Es ist mir sowas von egal. Hier geht was…

…und dann fragt mich Chuck, ob er seine lange Hose anziehen soll. Ihm ist mittlerweile empfindlich kalt. Das müssen auch irgendwelche unbekannten Hormone sein. Der Körper spielt verrückt wie bei der ersten Liebe. Ich denke: „Alter, Du kannst dich doch nicht umziehen! Dann geht alles schief. Mit kurzer Hose ist keine Gefahr, dass wir überhaupt ein Tor fangen können“. Meine ausgesprochene Antwort lautet lediglich: „Nein“. Er macht es trotzdem – und hat den frischen Stoff noch nicht zugeknöpft, da steht es 1:1. Erzähl mir nochmal einer was von Aberglauben, jegliche Theorie wurde bestätigt. Was eine Scheiße. Acht Minuten habe ich ernsthaft geglaubt, und jetzt wieder das. Diese verdammte Hurensohnkacke. Nie nie nie werde ich einen Titel gewinnen. Und ich wollte doch nichts weiter, als nicht wieder enttäuschte Hoffnung zu verspüren. Das Paradoxe: Die Hoffnung kommt zurück. Es ist nur wenige Augenblicke nach dem Ausgleich, da kommen die Bayern wieder vor unser Tor, Ribery versucht aber mit einem Lupfer zu zaubern anstatt sich auf die Basics zu konzentrieren. Die sind sich schon wieder zu sicher, die nehmen das nicht ernst. Hier geht was. Das ist unser Abend. Auf geht’s. Allez. Vamos. Ich muss aufhören, positiv zu denken. Erstmal eine rauchen. Schon wieder Ecke, Kopfball Hummels, Rettung unseres besten Spielers – Andi Latte. Noch mehr Optimismus. Nach der Rückbesinnung auf Regel Nummer Eins „Die Rache der vegebenen Chancen“ können nur wir gewinnen. Alter, hau den Ball raus. Der haut den Ball raus. Und wie schnell ist denn der Rebic und wie langsam sind die Verteidiger und überhaupt und der schießt den Ball ins Tor…der schießt den verfickten Ball ins Tor! Ins Tor! Toooooooooorrrrrrrrr!!!!! Wieder schmeißt mich Chuck durch die Luft. Diesmal ist es mir aber nicht mal die Faust wert. In der Retrospektive erinnere ich mich nur an zwei Dinge: 1. Meine Angst vor den kommenden vielleicht 15 Minuten.  2. Unsere Auswechselbank, die kollektiv zur jubelnden Mannschaft vor der Kurve sprintet. Ein Bild, dass sich bei mir im Gedächtnis eingebrannt hat. Und während um mich herum alles irgendwie am Schreien ist, rede ich auf Chuck ein: „Nicht jubeln. Ball flach halten. Es ist noch unfassbar lange.“ Und irgendwie dauert das alles gerade viel zu lange? Videobeweis??? Nicht euer verfickter scheiß Ernst? Bevor ich mich groß aufregen kann, verfalle ich in eine komplette Leere. Meine dezente Freude und die Angst vor den letzten Minuten sind verflogen. Ich bin konsterniert. Es wäre zu schön gewesen. Aber dass man jetzt so brutal runtergeholt werden muss, ist echt nicht nötig. Ich denke überhaupt gar nicht dran, dass eine Möglichkeit besteht, dass der Treffer ja doch zählen könnte. Spätestens jetzt, in diesem Moment, muss auch dem letzten Befürworter dieser Technologie aufgefallen sein, was das für ein kompletter Bullshit ist. Wenn Du die komplette ausrastende Mannschaft und Betreuer siehst, wenn Du 25.000 Fans im Stadion siehst, für die es gerade der wichtigste Moment im Leben ist, dann kannst Du nicht mit dem Videobeweis ankommen und so mit den Gefühlen spielen. Pfeif gleich, oder lass laufen – aber nicht so. Die Geschichte vom Löwen und vom Impala – ihr wisst Bescheid. So sadistisch ist nur der Mensch. Noch denke ich das alles nur. Und scheinbar dauert es recht lange, bis die Entscheidung bekannt gegeben wird, wenn ich diese ganzen Gedanken in meinem Kopf durcharbeiten kann. Dann aber ist es amtlich: Das Ding zählt! Es zählt wirklich! Wir führen verdammt nochmal! Noch 15 Minuten, pessimistisch kalkuliert. Zigarette – jetzt! Eine reicht nicht. Die Zeit läuft für uns. Meine Körperfläche ist minimiert, ich sitze zusammengekauert wie ein schutzsuchender Igel da und raufe weiterhin die Haare, zumindest dann, wenn ich nicht an der Kippe ziehe. Die wechseln den Sandro Wagner ein. Das war’s. Der wird uns zerlegen. Das ist sicherer als das Amen in der Kirche. Wir waren so kurz davor. Scheiße, wir führen ja noch. Ich brauche Nikotin. Übrigens: Im normalen Leben bin ich Nichtraucher. Normales Leben zählt jetzt nicht, raus mit dem Ball. Er kommt wieder zurück. Nachspielzeit  - Wagner – Hradecky hält! Alter, das war ein fertiges Tor. Und die Deppen meckern schon wieder. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Videobeweis? Es reicht! Dieser verfickte Hurensohnscheiß Videobeweis!!! Dann pfeif Elfmeter, aber nicht so. Das ist die größte Scheiße, die jemals eingeführt wurde. So kann man nicht mit Menschen umgehen! Das kannst Du machen, wenn Du endlich dein emotionsloses Publikum hast, aber nicht mit uns. Vielleicht wären wir mit Videobeweis 92 Meister geworden, vielleicht wären wir danach eine große Nummer geworden, vielleicht auch daran kaputtgegangen – alles hypothetisch. Fakt ist, uns würde ein ganzes Stück unserer Identität fehlen, so bitter diese auch ist. In meiner Wahrnehmung ist es im Stadion komplett leise. Eine einzige Stimme durchschneidet die Stille. Es ist meine Stimme. Man wird sie und meine Meinung zum Videobeweis noch auf den Ledersesseln gegenüber gehört haben. Ich kann nicht mehr ruhig bleiben, ich schreie alles raus. Die oben benutzten Ausdrucke dürften noch harmlos gewesen sein, weshalb ich meinen vermuteten Wortlaut nicht wiederholen möchte. Es ist einfach eine einzige Scheiße…

Der zeigt zur Ecke! Was ist denn hier los? Mir entflieht tatsächlich ein leichter Jubelschrei. Was ist denn hier los verdammt nochmal? Nur noch die Ecke überleben. Scheiße, Ecke für die Bayern. Wenn ich nicht eh schon völlig dehydriert wäre, ich würde vor Angst in die Hose pissen. Bring sie halt rein. Er bringt sie rein…und die kommt zu kurz. Geil! Raus damit! Der köpft ihn raus…und der Gacinovic läuft…

In der Mythologie oder in Geschichten von Nahtoderfahrungen liest man oftmals davon, dass die Seele kurz vorm Ableben den Körper verlässt und von oben auf diesen schaut. Projiziert man das auf meinen augenblicklichen Zustand, sind es wohl meine letzten Sekunden auf diesem Planeten. Ich sehe mich selbst mit offenem Mund und hinter dem Kopf verschränkten Armen das Unglaubliche beobachten. Was schießt mir in diesen Sekunden der Ewigkeit alles durch den Kopf? Last-Minute- Rettungen und -Aufstiege, mit über 10.000 Adlern einen Abstieg in Hamburg gefeiert, einen Europapokaleinzug durch ein Eigentor gegen Wolfsburg, eine hingekümmelte Relegation vor zwei Jahren, ein 6:0 gegen Schalke, einen Fallrückzieher von Christoph Preuß – an was man sich alles klammert, wenn man keine Hoffnung hat, jemals einen Titel zu gewinnen. Alles das zählt gerade nicht. Neben diesen ganzen Gedanken habe ich noch etwas anderes im Kopf: Nichts! Und währenddessen läuft Gacinovic einfach weiter. Und mit ihm erneut die gesamte Auswechselbank. Und mit Ihnen der kleine Herr Ösch auf irgendeiner Treppenstufe im Berliner Olympiastadion. Erst noch ganz langsam tippelnd, als der Ball das letzte Mal Gacinovics Fuß verlässt und über die alles entscheidende Linie trudelt, entlädt sich alles zu einem Vollsprint ans untere Ende des Treppenaufgangs. JJJJJJAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!! So schnell ich unten war, so schnell bin ich wieder hochgesprintet. Hier sacke ich auf den Stufen zusammen. „Jaaaa!!! Ihr *******! Ihr scheiß Hurensöhne!“ Ich weiß nicht, wen ich beleidige und ich weiß nicht, warum ich im Angesicht des Jubelns immer unter Tourette-Anfällen leide, aber es tut gut. Einfach alles rausschreien. Alles, was sich aufgestaut hatte. Alles, was ich mir über das gesamt Spiel selbst verboten hatte. Dann falle ich Chuck um den Hals und er mir. Die Tränen fließen schneller als uns die Erkenntnis trifft: Was machen wir hier? Wir müssen da hin, wo wir hingehören. In die Kurve! Bevor wir den Block verlassen, tun es einige Bayern Fans. Ausnahmslos werden uns die Hände geschüttelt und Gratulationen entgegengebracht. Ich nehme es ihnen ab. Noch mehr: Ich habe das ernsthafte Gefühl, dass ihnen unser Sieg mehr gibt, als es ein eigener getan hätte. Solch eine Emotion, solch eine Freude haben sie noch nicht gesehen. Sie werden den Pokal noch oft genug gewinnen, und das wissen sie auch. Ich schaffe es, ihnen ein „Danke“ entgegen zu schluchzen und bin mit dem Bayernanhang im Reinen. Es sind ja auch nur Menschen. Aber jetzt, nix wie raus hier. Was bin ich gerade froh über unseren neutralen Sitzplatz. Eingeengt in der Kurve, ich wüsste nicht wohin mit den Emotionen. Hier kann ich sie rauslaufen. Und das tue ich. Das tun wir. „Laufen. Immer nur laufen.“ Es ist das einzige, dass ich in diesem Moment sagen kann. Und so laufen wir. Brust raus wie Michael Johnson beim 400m Weltrekord, das Tempo ähnlich schnell. Laufen. Es tut gut. Und so sprinten wir um das weite rund, und so sprinten wir in die Kurve, und so springen wir den erstbesten Menschen in die Arme und so lassen wir die Tränen kullern. Der Rest ist Genuss. Ich schaffe es nicht, in die Gesänge einzusteigen, bekomme keinen Ton raus. Ich glaube, es geht vielen Menschen so. Einfach nur versuchen, das Unfassbare zu realisieren. Ich sehe zwar was passiert, aber es wirkt alles so komplett surreal -als wäre die Szenerie ein Gemälde von Dali, als hätte ich irgendwelche bewusstseinserweiternde Pilze genascht. So viele Gedanken, und doch lässt sich keiner greifen. Es fühlt sich einfach nur richtig an. Das ist er, der Moment des Lebens. Ich glaube, keine Meisterschaft, kein Champions League Sieg, kann es nochmals schaffen, diese Emotion rauszuholen. Ich vergieße noch mehr Tränen als im letzten Jahr. Ich habe mit dem letzten Jahr meinen Frieden gemacht. Mehr noch, es musste genauso kommen. Ohne letztes Jahr, wäre es dieses Jahr nicht so überwältigend. Man muss erst mal richtig auf die Fresse fallen, um den Erfolg komplett zu würdigen. Scheiß auf Dortmund, ich bin gerade mit denen im Reinen. Als Niko Kovac gefeiert wird, überkommt es mich wieder. Alles vergessen. Ich bin mit ihm im Reinen. Ich bin sogar mit Jupp im…lassen wir das, ganz so weit geht es dann doch nicht. Wie passend, dass seine Karriere mit einer Finalniederlage gegen uns endet. Karma ist dann halt doch öfters eine ******** als man denkt. Aber damit beschäftige ich mich jetzt nicht weiter. Freuen, genießen, weinen, versuchen zu singen – ich höre auf, kein Wort kann den Zustand beschreiben. Ewigkeiten später verlassen wir den Ort des Sieges. Mit in die Höhe gereckten Armen laufe ich durch die Gegend, weitere Ewigkeiten ist unsere versprengte Meute wieder vereint und ich habe endlich Bier in der Hand. Das erste überlebt nur einen langen Schluck, dann trifft mich die Erkenntnis: Mein erstes Bier als Pokalsieger. Schon wieder Tränen – es schmeckt so gut.

Was malt man sich so über die Jahre so alles aus, was man im utopischen Falle eines Titelgewinns so alles macht. Definitiv auf der Haut verewigen, alle dargebotenen Drogen konsumieren, wild onanierend durch die Gegend rennen, eine Woche wach bleiben und die wildeste Party seit Silvester 2002/03 feiern. Als wir wieder im Sonderzug sitzen, mache ich nichts davon. Ich will einfach nur genießen. Einfach sitzen und das Gefühl genießen. Ein, zwei Mischungen Havanna Cola, einen schönen Dübel – und sonst nur sitzen. Und so sitze ich und erfreue mich meines Lebens wie nie zuvor. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendetwas verpasse. Es fühlt sich gut an.

Wir schreiben den 20. Mai 2018. Der Tag danach. Eigentlich ist es noch derselbe Tag.
Ich bin weder auf Schalke, noch in Berlin, noch am Römer. Ich sitze wiedervereint mit Kate auf der Besucherterrasse des Frankfurter Flughafens und habe doch noch das Gefühl, etwas zu verpassen. Hätte ich den Flug nicht auf Montag legen können?  Einen Blick auf die Landung des Pokalsieger Jets erhaschen wir nicht, dafür verfolgen wir die Triumphfahrt über das Instagram Livevideo der Eintracht. Was ist der Hradecky eine geile Sau. Wieso musste der so rumdrucksen? Ich werde ihn vermissen. Was geht denn in der Stadt ab? Whatsapp platzt aus allen Nähten. Jeder berichtet von Unglaublichem. Ich glaube es ihnen trotzdem. Wie gerne wäre ich dabei, aber es ist nun mal das Leben, das ich gewählt habe. Um 17:00 betritt nicht nur die Mannschaft den Balkon des Römers, auch Kate und ich den Flieger nach Nairobi. Eine Verspätung beim Anschlussflug später kostet mich den Länderpunkt Uganda.  Was mich normalerweise hätte verzweifeln lassen, ist mir gerade mal scheißegal. Mir kann keiner was. Verdammte Scheiße - Wir sind Pokalsieger!
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Vielen Dank für die ganzen Beiträge. Ich habe Gänsehaut und Tränen bei jedem Einzelnen.

Dann will ich auch mal. Sorry, ist sehr lange geworden. Und sorry für die Gossensprache und teilweise verwendeten Kraftausdrücke. Ich habe einfach versucht, meine Gedanken originalgetreu wiederzugeben, um das für mich zu konservieren und vor allem zu verarbeiten.

Wir schreiben den 18. April ungefähr 2018 Jahre nach Geburt des kleinen Jesuskindes.
Es ist nicht nur der Tag unseres Halbfinales, es ist auch Kates Geburtstag. Ich glaube, ganz so glücklich ist sie dieses Jahr ob des Ortes ihrer Feier nicht. Es gibt wahrlich schönere Plätze, an denen man seinen Jubeltag verbringen kann, als die Turnhalle in Gelsenkirchen. Aber da müssen wir heute beide durch. Ich bin verdamme Kacke nervös. Gefühlt war ich noch nie so uffgereescht vor einem Spiel wie an diesem warmen Mittwochabend. Alles hat sich auf diesen Abend kanalisiert. Seit Beginn der Rückrunde bin ich quasi täglich am Rechnen, Restprogramme unserer Konkurrenten vergleichen und versuche mir irgendwie plausibel weiszumachen, dass wir dieses Jahr dran sind. Ich will in den scheiß Europapokal. Aber ich will nicht Siebter werden. No way. Und ich will diesen scheiß Pokal gewinnen. Genauso habe ich aber Angst vor einer neuen Niederlage in Berlin. Dann vielleicht doch besser im Halbfinale raus? Und überhaupt: Was ist das für eine Scheiße mit Kovac? Warum jetzt? Wir sind doch gerade auf allen Ebenen so geil? Weit vor Auslosung des Viertelfinals habe ich unseren Sommerurlaub gebucht – natürlich genau ab dem WE des eventuellen Finales. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir einfach auf Schalke ausscheiden um nicht völlig enttäuscht zu werden? Paradoxe Gedankenwelt, heraufbeschworenes Karma. Vorsichtshalber mal einen Hunni auf unseren Finaleinzug gesetzt. Vom eventuellen Gewinn kann ich immer noch umbuchen. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Wir spielen die wohl ruhigste und beste Saison seit langer Zeit und mir geht es an die Substanz als wären wir wieder von der Existenz bedroht. Als dann i9rgendwann der Ball von Jovics Hacke im langen Eck ein- und ich Mikrosekunden später mit meinem Rücken etliche Stufen unter meinem eigentlich Standpunkt aufschlage, sind alle diese Gedanken vergessen und es ist glücklicherweise außer einem blauen Fleck nichts gebrochen. Als das Spiel drei Ewigkeiten später abgepfiffen ist, kommen die ganzen Gedanken auch nicht mehr zurück. Mit einem Schlag ist mein Kopf gereinigt, die ganze Anspannung verflogen, bin ich mit allem im Reinen.

Wir schreiben den 12. Mai. Kates Geburtstag ist mittlerweile dreikommafünf Wochen her.
Zu ihrem Glück muss sie heute nicht wieder in den schlimmsten aller Bundesligaaustragungsorte – im Gegensatz zu ihrem Anvertrauten. Der Ort ist derselbe, die Gefühlslage eine ganz andere. Wir verkacken tatsächlich den Europapokal. Achter – ich hätte wirklich nicht damit gerechnet. Aber ich gebe zu: Ich bin nicht unglücklich. Ich nehme es relativ neutral zur Kenntnis. Wenigstens Urlaub gespart. Und überhaupt: Wenn Stuttgart die Bayern schlägt, können wir das schon lange. Basta. Keine Rechenspiele mehr, keine gedankliches Chaos – alles gut.

Wir schreiben den 19. Mai. Finale. Judgement Day.
Eigentlich sollte ich ich zu diesem Zeitpunkt auf irgendeiner verrosteten Tribüne in Nairobi sitzen und mich meines neuen Länderpunktes erfreuen. Das Wort „eigentlich“ suggeriert es: Der Wettgewinn war annähernd ausreichend – der Flug geht für uns jetzt erst am Sonntag danach. Also sitze ich in meinem gemütlichen Sechser Abteil und eiere ebenso gemütlich nach Berlin. Ich bin völlig tiefenentspannt. Wie wohl fast jedem anderen Adler auch ist mir völlig bewusst, dass wir nichts holen werden. Warum also unnötig verrückt machen? Bißchen die Sonne genießen, eine gute Zeit haben, zeigen, dass wir Eintracht Frankfurt sind und wieder nach Hause. Mit dieser Einstellung passiere ich die Sicherheitskontrollen und nehme auf der Gegentribüne Platz. Ja, richtig gelesen. Durch irgendwelche dubiosen Tauschgeschäfte besitze ich anstatt einer Karte in der Ostkurve plötzlich zwei Karten auf der Gegentribüne. Nutznießer dieser Geschichte ist Chuck, der es sich somit neben mir bequem machen kann. Unseren ursprünglichen Plan, sofort zu den anderen in die Kurve zu gehen, verschieben wir auf die Halbzeitpause. Von unserem Platz im Exil lässt sich die Marschroute besser an die Mannschaft übertragen: „Abgrätschen! Mit beiden Beinen! Kniehoch!“ Lautstark fordern wir zum Amoklauf gegenüber dem arroganten Serienmeister auf. Applaus von einem Teil des uns umgebenden Publikums, verstörte Blicke der rotgekleideten. Ansonsten sind wir weiterhin tiefenentspannt. Zumindest zehn Minuten lang, dann läuft Rebic auf den gegnerischen Kasten und verwandelt so eiskalt wie uns normalerweise der Fußballgott verarscht. Ich spüre noch, wie mich Chuck durch die Gegend wirft, mehr als eine geballte Faust ist mir der Jubel jedoch nicht wert. Ich will mich nicht freuen, zu groß wird die Enttäuschung beim gleich folgenden Ausgleich sein. Das sind immer noch die Bayern, die kommen immer zurück. Nein, ich will nicht wieder enttäuscht werden. Was bin ich vor einem Jahr ausgerastet, als Rebic aus ähnlicher Position Gleiches vollbrachte. Und dann? Nein, nicht noch einmal. Und überhaupt: Was soll das jetzt? Ich hatte mich auf ein lockeres 0:3 eingestellt und wollte in Ruhe Fußball gucken. Und jetzt das? Auf einmal kommt die Anspannung zurück. Zum Glück habe ich noch genug Zigaretten. Während die Nervösität Minute um Minute analog zum Druck der bajuwarischen Arschlöcher ansteigt, bin ich ganz in Gedanken versunken. Wir können hier nicht weg. Scheiß auf die Kurve. Wenn wir den Platz wechseln, geht alles schief. Wenn wir irgendetwas ändern, geht alles schief. Eigentlich darf keiner irgendetwas machen, jede Bewegung könnte katastrophale Folgen haben. Meinen Aberglauben gebe ich natürlich nicht preis, sondern überspiele ihn mit weiteren Aufforderungen zur vorsätzlichen Körperverletzung. Die WM braucht eh keiner, da können wir auch kniehoch einsteigen. Es lenkt wenigstens ein bißchen ab. Zur Halbzeit führen wir immer noch - glaube ich. So ganz bin ich nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich habe unfassbaren Durst. Meine ganzen Gedanken der letzten Spielminuten münden in einen leise gehauchten Satz zu Chuck: „Wir bleiben hier.“ Es ist der Aberglaube, der über die Vernunft siegt. Beim gemeinsamen Toilettengang – ein klein bißchen feminin sind wir ja schon – lässt sich etwas durchschnaufen. Die Marschroute ist klar: Keine Verlängerung! Das überleben wir nervlich nicht. Dann lieber gleich verlieren. Überhaupt, so eine Verlängerung, das ist doch völlig gegen die Natur. Entweder lebst Du oder stirbst Du, aber so etwas Herausgezögertes bringt doch keinem was. Wenn der Löwe ein Impala reißt, fragt er vorher auch nicht, ob es vielleicht noch eine letzte Runde durch die Gegend springen möchte. So sadistisch ist nur der Mensch, dass er an so etwas Freude empfinden kann. Leider ist die Halbzeitpause und damit einhergehend unser Dummgebabbel und etwas Ablenkung schneller vorbei als die angesprochene Löwenattacke. Mit Wiederanpfiff wird es plötzlich völlig wirr in meinem Kopf: Verdammte Scheiße, wir können das Ding tatsächlich gewinnen. Hier geht was. Ich wollte mir diesen Gedanken verbitten, aber er gewinnt langsam überhaupt. Eingekauert wie das berühmt Häufchen Elend sitze ich mittlerweile auf meiner nassgeschwitzten Schale und raufe mir ununterbrochen alle Haare. Da ich auch ununterbrochen rauche, asche ich mir womöglich auch genauso ununterbrochen auf den völlig zermatschten Kopf. Es ist mir sowas von egal. Hier geht was…

…und dann fragt mich Chuck, ob er seine lange Hose anziehen soll. Ihm ist mittlerweile empfindlich kalt. Das müssen auch irgendwelche unbekannten Hormone sein. Der Körper spielt verrückt wie bei der ersten Liebe. Ich denke: „Alter, Du kannst dich doch nicht umziehen! Dann geht alles schief. Mit kurzer Hose ist keine Gefahr, dass wir überhaupt ein Tor fangen können“. Meine ausgesprochene Antwort lautet lediglich: „Nein“. Er macht es trotzdem – und hat den frischen Stoff noch nicht zugeknöpft, da steht es 1:1. Erzähl mir nochmal einer was von Aberglauben, jegliche Theorie wurde bestätigt. Was eine Scheiße. Acht Minuten habe ich ernsthaft geglaubt, und jetzt wieder das. Diese verdammte Hurensohnkacke. Nie nie nie werde ich einen Titel gewinnen. Und ich wollte doch nichts weiter, als nicht wieder enttäuschte Hoffnung zu verspüren. Das Paradoxe: Die Hoffnung kommt zurück. Es ist nur wenige Augenblicke nach dem Ausgleich, da kommen die Bayern wieder vor unser Tor, Ribery versucht aber mit einem Lupfer zu zaubern anstatt sich auf die Basics zu konzentrieren. Die sind sich schon wieder zu sicher, die nehmen das nicht ernst. Hier geht was. Das ist unser Abend. Auf geht’s. Allez. Vamos. Ich muss aufhören, positiv zu denken. Erstmal eine rauchen. Schon wieder Ecke, Kopfball Hummels, Rettung unseres besten Spielers – Andi Latte. Noch mehr Optimismus. Nach der Rückbesinnung auf Regel Nummer Eins „Die Rache der vegebenen Chancen“ können nur wir gewinnen. Alter, hau den Ball raus. Der haut den Ball raus. Und wie schnell ist denn der Rebic und wie langsam sind die Verteidiger und überhaupt und der schießt den Ball ins Tor…der schießt den verfickten Ball ins Tor! Ins Tor! Toooooooooorrrrrrrrr!!!!! Wieder schmeißt mich Chuck durch die Luft. Diesmal ist es mir aber nicht mal die Faust wert. In der Retrospektive erinnere ich mich nur an zwei Dinge: 1. Meine Angst vor den kommenden vielleicht 15 Minuten.  2. Unsere Auswechselbank, die kollektiv zur jubelnden Mannschaft vor der Kurve sprintet. Ein Bild, dass sich bei mir im Gedächtnis eingebrannt hat. Und während um mich herum alles irgendwie am Schreien ist, rede ich auf Chuck ein: „Nicht jubeln. Ball flach halten. Es ist noch unfassbar lange.“ Und irgendwie dauert das alles gerade viel zu lange? Videobeweis??? Nicht euer verfickter scheiß Ernst? Bevor ich mich groß aufregen kann, verfalle ich in eine komplette Leere. Meine dezente Freude und die Angst vor den letzten Minuten sind verflogen. Ich bin konsterniert. Es wäre zu schön gewesen. Aber dass man jetzt so brutal runtergeholt werden muss, ist echt nicht nötig. Ich denke überhaupt gar nicht dran, dass eine Möglichkeit besteht, dass der Treffer ja doch zählen könnte. Spätestens jetzt, in diesem Moment, muss auch dem letzten Befürworter dieser Technologie aufgefallen sein, was das für ein kompletter Bullshit ist. Wenn Du die komplette ausrastende Mannschaft und Betreuer siehst, wenn Du 25.000 Fans im Stadion siehst, für die es gerade der wichtigste Moment im Leben ist, dann kannst Du nicht mit dem Videobeweis ankommen und so mit den Gefühlen spielen. Pfeif gleich, oder lass laufen – aber nicht so. Die Geschichte vom Löwen und vom Impala – ihr wisst Bescheid. So sadistisch ist nur der Mensch. Noch denke ich das alles nur. Und scheinbar dauert es recht lange, bis die Entscheidung bekannt gegeben wird, wenn ich diese ganzen Gedanken in meinem Kopf durcharbeiten kann. Dann aber ist es amtlich: Das Ding zählt! Es zählt wirklich! Wir führen verdammt nochmal! Noch 15 Minuten, pessimistisch kalkuliert. Zigarette – jetzt! Eine reicht nicht. Die Zeit läuft für uns. Meine Körperfläche ist minimiert, ich sitze zusammengekauert wie ein schutzsuchender Igel da und raufe weiterhin die Haare, zumindest dann, wenn ich nicht an der Kippe ziehe. Die wechseln den Sandro Wagner ein. Das war’s. Der wird uns zerlegen. Das ist sicherer als das Amen in der Kirche. Wir waren so kurz davor. Scheiße, wir führen ja noch. Ich brauche Nikotin. Übrigens: Im normalen Leben bin ich Nichtraucher. Normales Leben zählt jetzt nicht, raus mit dem Ball. Er kommt wieder zurück. Nachspielzeit  - Wagner – Hradecky hält! Alter, das war ein fertiges Tor. Und die Deppen meckern schon wieder. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Videobeweis? Es reicht! Dieser verfickte Hurensohnscheiß Videobeweis!!! Dann pfeif Elfmeter, aber nicht so. Das ist die größte Scheiße, die jemals eingeführt wurde. So kann man nicht mit Menschen umgehen! Das kannst Du machen, wenn Du endlich dein emotionsloses Publikum hast, aber nicht mit uns. Vielleicht wären wir mit Videobeweis 92 Meister geworden, vielleicht wären wir danach eine große Nummer geworden, vielleicht auch daran kaputtgegangen – alles hypothetisch. Fakt ist, uns würde ein ganzes Stück unserer Identität fehlen, so bitter diese auch ist. In meiner Wahrnehmung ist es im Stadion komplett leise. Eine einzige Stimme durchschneidet die Stille. Es ist meine Stimme. Man wird sie und meine Meinung zum Videobeweis noch auf den Ledersesseln gegenüber gehört haben. Ich kann nicht mehr ruhig bleiben, ich schreie alles raus. Die oben benutzten Ausdrucke dürften noch harmlos gewesen sein, weshalb ich meinen vermuteten Wortlaut nicht wiederholen möchte. Es ist einfach eine einzige Scheiße…

Der zeigt zur Ecke! Was ist denn hier los? Mir entflieht tatsächlich ein leichter Jubelschrei. Was ist denn hier los verdammt nochmal? Nur noch die Ecke überleben. Scheiße, Ecke für die Bayern. Wenn ich nicht eh schon völlig dehydriert wäre, ich würde vor Angst in die Hose pissen. Bring sie halt rein. Er bringt sie rein…und die kommt zu kurz. Geil! Raus damit! Der köpft ihn raus…und der Gacinovic läuft…

In der Mythologie oder in Geschichten von Nahtoderfahrungen liest man oftmals davon, dass die Seele kurz vorm Ableben den Körper verlässt und von oben auf diesen schaut. Projiziert man das auf meinen augenblicklichen Zustand, sind es wohl meine letzten Sekunden auf diesem Planeten. Ich sehe mich selbst mit offenem Mund und hinter dem Kopf verschränkten Armen das Unglaubliche beobachten. Was schießt mir in diesen Sekunden der Ewigkeit alles durch den Kopf? Last-Minute- Rettungen und -Aufstiege, mit über 10.000 Adlern einen Abstieg in Hamburg gefeiert, einen Europapokaleinzug durch ein Eigentor gegen Wolfsburg, eine hingekümmelte Relegation vor zwei Jahren, ein 6:0 gegen Schalke, einen Fallrückzieher von Christoph Preuß – an was man sich alles klammert, wenn man keine Hoffnung hat, jemals einen Titel zu gewinnen. Alles das zählt gerade nicht. Neben diesen ganzen Gedanken habe ich noch etwas anderes im Kopf: Nichts! Und währenddessen läuft Gacinovic einfach weiter. Und mit ihm erneut die gesamte Auswechselbank. Und mit Ihnen der kleine Herr Ösch auf irgendeiner Treppenstufe im Berliner Olympiastadion. Erst noch ganz langsam tippelnd, als der Ball das letzte Mal Gacinovics Fuß verlässt und über die alles entscheidende Linie trudelt, entlädt sich alles zu einem Vollsprint ans untere Ende des Treppenaufgangs. JJJJJJAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!! So schnell ich unten war, so schnell bin ich wieder hochgesprintet. Hier sacke ich auf den Stufen zusammen. „Jaaaa!!! Ihr *******! Ihr scheiß Hurensöhne!“ Ich weiß nicht, wen ich beleidige und ich weiß nicht, warum ich im Angesicht des Jubelns immer unter Tourette-Anfällen leide, aber es tut gut. Einfach alles rausschreien. Alles, was sich aufgestaut hatte. Alles, was ich mir über das gesamt Spiel selbst verboten hatte. Dann falle ich Chuck um den Hals und er mir. Die Tränen fließen schneller als uns die Erkenntnis trifft: Was machen wir hier? Wir müssen da hin, wo wir hingehören. In die Kurve! Bevor wir den Block verlassen, tun es einige Bayern Fans. Ausnahmslos werden uns die Hände geschüttelt und Gratulationen entgegengebracht. Ich nehme es ihnen ab. Noch mehr: Ich habe das ernsthafte Gefühl, dass ihnen unser Sieg mehr gibt, als es ein eigener getan hätte. Solch eine Emotion, solch eine Freude haben sie noch nicht gesehen. Sie werden den Pokal noch oft genug gewinnen, und das wissen sie auch. Ich schaffe es, ihnen ein „Danke“ entgegen zu schluchzen und bin mit dem Bayernanhang im Reinen. Es sind ja auch nur Menschen. Aber jetzt, nix wie raus hier. Was bin ich gerade froh über unseren neutralen Sitzplatz. Eingeengt in der Kurve, ich wüsste nicht wohin mit den Emotionen. Hier kann ich sie rauslaufen. Und das tue ich. Das tun wir. „Laufen. Immer nur laufen.“ Es ist das einzige, dass ich in diesem Moment sagen kann. Und so laufen wir. Brust raus wie Michael Johnson beim 400m Weltrekord, das Tempo ähnlich schnell. Laufen. Es tut gut. Und so sprinten wir um das weite rund, und so sprinten wir in die Kurve, und so springen wir den erstbesten Menschen in die Arme und so lassen wir die Tränen kullern. Der Rest ist Genuss. Ich schaffe es nicht, in die Gesänge einzusteigen, bekomme keinen Ton raus. Ich glaube, es geht vielen Menschen so. Einfach nur versuchen, das Unfassbare zu realisieren. Ich sehe zwar was passiert, aber es wirkt alles so komplett surreal -als wäre die Szenerie ein Gemälde von Dali, als hätte ich irgendwelche bewusstseinserweiternde Pilze genascht. So viele Gedanken, und doch lässt sich keiner greifen. Es fühlt sich einfach nur richtig an. Das ist er, der Moment des Lebens. Ich glaube, keine Meisterschaft, kein Champions League Sieg, kann es nochmals schaffen, diese Emotion rauszuholen. Ich vergieße noch mehr Tränen als im letzten Jahr. Ich habe mit dem letzten Jahr meinen Frieden gemacht. Mehr noch, es musste genauso kommen. Ohne letztes Jahr, wäre es dieses Jahr nicht so überwältigend. Man muss erst mal richtig auf die Fresse fallen, um den Erfolg komplett zu würdigen. Scheiß auf Dortmund, ich bin gerade mit denen im Reinen. Als Niko Kovac gefeiert wird, überkommt es mich wieder. Alles vergessen. Ich bin mit ihm im Reinen. Ich bin sogar mit Jupp im…lassen wir das, ganz so weit geht es dann doch nicht. Wie passend, dass seine Karriere mit einer Finalniederlage gegen uns endet. Karma ist dann halt doch öfters eine ******** als man denkt. Aber damit beschäftige ich mich jetzt nicht weiter. Freuen, genießen, weinen, versuchen zu singen – ich höre auf, kein Wort kann den Zustand beschreiben. Ewigkeiten später verlassen wir den Ort des Sieges. Mit in die Höhe gereckten Armen laufe ich durch die Gegend, weitere Ewigkeiten ist unsere versprengte Meute wieder vereint und ich habe endlich Bier in der Hand. Das erste überlebt nur einen langen Schluck, dann trifft mich die Erkenntnis: Mein erstes Bier als Pokalsieger. Schon wieder Tränen – es schmeckt so gut.

Was malt man sich so über die Jahre so alles aus, was man im utopischen Falle eines Titelgewinns so alles macht. Definitiv auf der Haut verewigen, alle dargebotenen Drogen konsumieren, wild onanierend durch die Gegend rennen, eine Woche wach bleiben und die wildeste Party seit Silvester 2002/03 feiern. Als wir wieder im Sonderzug sitzen, mache ich nichts davon. Ich will einfach nur genießen. Einfach sitzen und das Gefühl genießen. Ein, zwei Mischungen Havanna Cola, einen schönen Dübel – und sonst nur sitzen. Und so sitze ich und erfreue mich meines Lebens wie nie zuvor. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendetwas verpasse. Es fühlt sich gut an.

Wir schreiben den 20. Mai 2018. Der Tag danach. Eigentlich ist es noch derselbe Tag.
Ich bin weder auf Schalke, noch in Berlin, noch am Römer. Ich sitze wiedervereint mit Kate auf der Besucherterrasse des Frankfurter Flughafens und habe doch noch das Gefühl, etwas zu verpassen. Hätte ich den Flug nicht auf Montag legen können?  Einen Blick auf die Landung des Pokalsieger Jets erhaschen wir nicht, dafür verfolgen wir die Triumphfahrt über das Instagram Livevideo der Eintracht. Was ist der Hradecky eine geile Sau. Wieso musste der so rumdrucksen? Ich werde ihn vermissen. Was geht denn in der Stadt ab? Whatsapp platzt aus allen Nähten. Jeder berichtet von Unglaublichem. Ich glaube es ihnen trotzdem. Wie gerne wäre ich dabei, aber es ist nun mal das Leben, das ich gewählt habe. Um 17:00 betritt nicht nur die Mannschaft den Balkon des Römers, auch Kate und ich den Flieger nach Nairobi. Eine Verspätung beim Anschlussflug später kostet mich den Länderpunkt Uganda.  Was mich normalerweise hätte verzweifeln lassen, ist mir gerade mal scheißegal. Mir kann keiner was. Verdammte Scheiße - Wir sind Pokalsieger!
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Nur ein Wort: Vielen Dank.
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Nur ein Wort: Vielen Dank.
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das sind zwei du Pokalsieger!

Haliaeetus - auch Dir nochmal vielen Dank für Deine Idee mit diesem Thread!
Den kann man immer und immer wieder lesen!
Danke an alle die geschrieben haben und nicht nachlassen!
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Nachtrag: Einen geilen Song hab ich vor der Bembelbar gehört... an den kompletten Text kann ich mich leider nicht mehr erinnern...

Am Tag, als Ante Rebic traf,
und alle Bayern weinten...

(Musik: Am Tag, als Conny Kramer starb)
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eSGeEla schrieb:

Am Tag, als Ante Rebic traf,
und alle Bayern weinten...
(Musik: Am Tag, als Conny Kramer starb)

Jetzt weiß ich, welche Melodie ich für die nächsten 48 Stunden nicht aus dem Kopf bekomme, Danke dafür
Ehrlich gesagt, waren es aber eher die Frankfurter, die an diesem Tage weinten ...
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Vielen Dank für die ganzen Beiträge. Ich habe Gänsehaut und Tränen bei jedem Einzelnen.

Dann will ich auch mal. Sorry, ist sehr lange geworden. Und sorry für die Gossensprache und teilweise verwendeten Kraftausdrücke. Ich habe einfach versucht, meine Gedanken originalgetreu wiederzugeben, um das für mich zu konservieren und vor allem zu verarbeiten.

Wir schreiben den 18. April ungefähr 2018 Jahre nach Geburt des kleinen Jesuskindes.
Es ist nicht nur der Tag unseres Halbfinales, es ist auch Kates Geburtstag. Ich glaube, ganz so glücklich ist sie dieses Jahr ob des Ortes ihrer Feier nicht. Es gibt wahrlich schönere Plätze, an denen man seinen Jubeltag verbringen kann, als die Turnhalle in Gelsenkirchen. Aber da müssen wir heute beide durch. Ich bin verdamme Kacke nervös. Gefühlt war ich noch nie so uffgereescht vor einem Spiel wie an diesem warmen Mittwochabend. Alles hat sich auf diesen Abend kanalisiert. Seit Beginn der Rückrunde bin ich quasi täglich am Rechnen, Restprogramme unserer Konkurrenten vergleichen und versuche mir irgendwie plausibel weiszumachen, dass wir dieses Jahr dran sind. Ich will in den scheiß Europapokal. Aber ich will nicht Siebter werden. No way. Und ich will diesen scheiß Pokal gewinnen. Genauso habe ich aber Angst vor einer neuen Niederlage in Berlin. Dann vielleicht doch besser im Halbfinale raus? Und überhaupt: Was ist das für eine Scheiße mit Kovac? Warum jetzt? Wir sind doch gerade auf allen Ebenen so geil? Weit vor Auslosung des Viertelfinals habe ich unseren Sommerurlaub gebucht – natürlich genau ab dem WE des eventuellen Finales. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir einfach auf Schalke ausscheiden um nicht völlig enttäuscht zu werden? Paradoxe Gedankenwelt, heraufbeschworenes Karma. Vorsichtshalber mal einen Hunni auf unseren Finaleinzug gesetzt. Vom eventuellen Gewinn kann ich immer noch umbuchen. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Wir spielen die wohl ruhigste und beste Saison seit langer Zeit und mir geht es an die Substanz als wären wir wieder von der Existenz bedroht. Als dann i9rgendwann der Ball von Jovics Hacke im langen Eck ein- und ich Mikrosekunden später mit meinem Rücken etliche Stufen unter meinem eigentlich Standpunkt aufschlage, sind alle diese Gedanken vergessen und es ist glücklicherweise außer einem blauen Fleck nichts gebrochen. Als das Spiel drei Ewigkeiten später abgepfiffen ist, kommen die ganzen Gedanken auch nicht mehr zurück. Mit einem Schlag ist mein Kopf gereinigt, die ganze Anspannung verflogen, bin ich mit allem im Reinen.

Wir schreiben den 12. Mai. Kates Geburtstag ist mittlerweile dreikommafünf Wochen her.
Zu ihrem Glück muss sie heute nicht wieder in den schlimmsten aller Bundesligaaustragungsorte – im Gegensatz zu ihrem Anvertrauten. Der Ort ist derselbe, die Gefühlslage eine ganz andere. Wir verkacken tatsächlich den Europapokal. Achter – ich hätte wirklich nicht damit gerechnet. Aber ich gebe zu: Ich bin nicht unglücklich. Ich nehme es relativ neutral zur Kenntnis. Wenigstens Urlaub gespart. Und überhaupt: Wenn Stuttgart die Bayern schlägt, können wir das schon lange. Basta. Keine Rechenspiele mehr, keine gedankliches Chaos – alles gut.

Wir schreiben den 19. Mai. Finale. Judgement Day.
Eigentlich sollte ich ich zu diesem Zeitpunkt auf irgendeiner verrosteten Tribüne in Nairobi sitzen und mich meines neuen Länderpunktes erfreuen. Das Wort „eigentlich“ suggeriert es: Der Wettgewinn war annähernd ausreichend – der Flug geht für uns jetzt erst am Sonntag danach. Also sitze ich in meinem gemütlichen Sechser Abteil und eiere ebenso gemütlich nach Berlin. Ich bin völlig tiefenentspannt. Wie wohl fast jedem anderen Adler auch ist mir völlig bewusst, dass wir nichts holen werden. Warum also unnötig verrückt machen? Bißchen die Sonne genießen, eine gute Zeit haben, zeigen, dass wir Eintracht Frankfurt sind und wieder nach Hause. Mit dieser Einstellung passiere ich die Sicherheitskontrollen und nehme auf der Gegentribüne Platz. Ja, richtig gelesen. Durch irgendwelche dubiosen Tauschgeschäfte besitze ich anstatt einer Karte in der Ostkurve plötzlich zwei Karten auf der Gegentribüne. Nutznießer dieser Geschichte ist Chuck, der es sich somit neben mir bequem machen kann. Unseren ursprünglichen Plan, sofort zu den anderen in die Kurve zu gehen, verschieben wir auf die Halbzeitpause. Von unserem Platz im Exil lässt sich die Marschroute besser an die Mannschaft übertragen: „Abgrätschen! Mit beiden Beinen! Kniehoch!“ Lautstark fordern wir zum Amoklauf gegenüber dem arroganten Serienmeister auf. Applaus von einem Teil des uns umgebenden Publikums, verstörte Blicke der rotgekleideten. Ansonsten sind wir weiterhin tiefenentspannt. Zumindest zehn Minuten lang, dann läuft Rebic auf den gegnerischen Kasten und verwandelt so eiskalt wie uns normalerweise der Fußballgott verarscht. Ich spüre noch, wie mich Chuck durch die Gegend wirft, mehr als eine geballte Faust ist mir der Jubel jedoch nicht wert. Ich will mich nicht freuen, zu groß wird die Enttäuschung beim gleich folgenden Ausgleich sein. Das sind immer noch die Bayern, die kommen immer zurück. Nein, ich will nicht wieder enttäuscht werden. Was bin ich vor einem Jahr ausgerastet, als Rebic aus ähnlicher Position Gleiches vollbrachte. Und dann? Nein, nicht noch einmal. Und überhaupt: Was soll das jetzt? Ich hatte mich auf ein lockeres 0:3 eingestellt und wollte in Ruhe Fußball gucken. Und jetzt das? Auf einmal kommt die Anspannung zurück. Zum Glück habe ich noch genug Zigaretten. Während die Nervösität Minute um Minute analog zum Druck der bajuwarischen Arschlöcher ansteigt, bin ich ganz in Gedanken versunken. Wir können hier nicht weg. Scheiß auf die Kurve. Wenn wir den Platz wechseln, geht alles schief. Wenn wir irgendetwas ändern, geht alles schief. Eigentlich darf keiner irgendetwas machen, jede Bewegung könnte katastrophale Folgen haben. Meinen Aberglauben gebe ich natürlich nicht preis, sondern überspiele ihn mit weiteren Aufforderungen zur vorsätzlichen Körperverletzung. Die WM braucht eh keiner, da können wir auch kniehoch einsteigen. Es lenkt wenigstens ein bißchen ab. Zur Halbzeit führen wir immer noch - glaube ich. So ganz bin ich nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich habe unfassbaren Durst. Meine ganzen Gedanken der letzten Spielminuten münden in einen leise gehauchten Satz zu Chuck: „Wir bleiben hier.“ Es ist der Aberglaube, der über die Vernunft siegt. Beim gemeinsamen Toilettengang – ein klein bißchen feminin sind wir ja schon – lässt sich etwas durchschnaufen. Die Marschroute ist klar: Keine Verlängerung! Das überleben wir nervlich nicht. Dann lieber gleich verlieren. Überhaupt, so eine Verlängerung, das ist doch völlig gegen die Natur. Entweder lebst Du oder stirbst Du, aber so etwas Herausgezögertes bringt doch keinem was. Wenn der Löwe ein Impala reißt, fragt er vorher auch nicht, ob es vielleicht noch eine letzte Runde durch die Gegend springen möchte. So sadistisch ist nur der Mensch, dass er an so etwas Freude empfinden kann. Leider ist die Halbzeitpause und damit einhergehend unser Dummgebabbel und etwas Ablenkung schneller vorbei als die angesprochene Löwenattacke. Mit Wiederanpfiff wird es plötzlich völlig wirr in meinem Kopf: Verdammte Scheiße, wir können das Ding tatsächlich gewinnen. Hier geht was. Ich wollte mir diesen Gedanken verbitten, aber er gewinnt langsam überhaupt. Eingekauert wie das berühmt Häufchen Elend sitze ich mittlerweile auf meiner nassgeschwitzten Schale und raufe mir ununterbrochen alle Haare. Da ich auch ununterbrochen rauche, asche ich mir womöglich auch genauso ununterbrochen auf den völlig zermatschten Kopf. Es ist mir sowas von egal. Hier geht was…

…und dann fragt mich Chuck, ob er seine lange Hose anziehen soll. Ihm ist mittlerweile empfindlich kalt. Das müssen auch irgendwelche unbekannten Hormone sein. Der Körper spielt verrückt wie bei der ersten Liebe. Ich denke: „Alter, Du kannst dich doch nicht umziehen! Dann geht alles schief. Mit kurzer Hose ist keine Gefahr, dass wir überhaupt ein Tor fangen können“. Meine ausgesprochene Antwort lautet lediglich: „Nein“. Er macht es trotzdem – und hat den frischen Stoff noch nicht zugeknöpft, da steht es 1:1. Erzähl mir nochmal einer was von Aberglauben, jegliche Theorie wurde bestätigt. Was eine Scheiße. Acht Minuten habe ich ernsthaft geglaubt, und jetzt wieder das. Diese verdammte Hurensohnkacke. Nie nie nie werde ich einen Titel gewinnen. Und ich wollte doch nichts weiter, als nicht wieder enttäuschte Hoffnung zu verspüren. Das Paradoxe: Die Hoffnung kommt zurück. Es ist nur wenige Augenblicke nach dem Ausgleich, da kommen die Bayern wieder vor unser Tor, Ribery versucht aber mit einem Lupfer zu zaubern anstatt sich auf die Basics zu konzentrieren. Die sind sich schon wieder zu sicher, die nehmen das nicht ernst. Hier geht was. Das ist unser Abend. Auf geht’s. Allez. Vamos. Ich muss aufhören, positiv zu denken. Erstmal eine rauchen. Schon wieder Ecke, Kopfball Hummels, Rettung unseres besten Spielers – Andi Latte. Noch mehr Optimismus. Nach der Rückbesinnung auf Regel Nummer Eins „Die Rache der vegebenen Chancen“ können nur wir gewinnen. Alter, hau den Ball raus. Der haut den Ball raus. Und wie schnell ist denn der Rebic und wie langsam sind die Verteidiger und überhaupt und der schießt den Ball ins Tor…der schießt den verfickten Ball ins Tor! Ins Tor! Toooooooooorrrrrrrrr!!!!! Wieder schmeißt mich Chuck durch die Luft. Diesmal ist es mir aber nicht mal die Faust wert. In der Retrospektive erinnere ich mich nur an zwei Dinge: 1. Meine Angst vor den kommenden vielleicht 15 Minuten.  2. Unsere Auswechselbank, die kollektiv zur jubelnden Mannschaft vor der Kurve sprintet. Ein Bild, dass sich bei mir im Gedächtnis eingebrannt hat. Und während um mich herum alles irgendwie am Schreien ist, rede ich auf Chuck ein: „Nicht jubeln. Ball flach halten. Es ist noch unfassbar lange.“ Und irgendwie dauert das alles gerade viel zu lange? Videobeweis??? Nicht euer verfickter scheiß Ernst? Bevor ich mich groß aufregen kann, verfalle ich in eine komplette Leere. Meine dezente Freude und die Angst vor den letzten Minuten sind verflogen. Ich bin konsterniert. Es wäre zu schön gewesen. Aber dass man jetzt so brutal runtergeholt werden muss, ist echt nicht nötig. Ich denke überhaupt gar nicht dran, dass eine Möglichkeit besteht, dass der Treffer ja doch zählen könnte. Spätestens jetzt, in diesem Moment, muss auch dem letzten Befürworter dieser Technologie aufgefallen sein, was das für ein kompletter Bullshit ist. Wenn Du die komplette ausrastende Mannschaft und Betreuer siehst, wenn Du 25.000 Fans im Stadion siehst, für die es gerade der wichtigste Moment im Leben ist, dann kannst Du nicht mit dem Videobeweis ankommen und so mit den Gefühlen spielen. Pfeif gleich, oder lass laufen – aber nicht so. Die Geschichte vom Löwen und vom Impala – ihr wisst Bescheid. So sadistisch ist nur der Mensch. Noch denke ich das alles nur. Und scheinbar dauert es recht lange, bis die Entscheidung bekannt gegeben wird, wenn ich diese ganzen Gedanken in meinem Kopf durcharbeiten kann. Dann aber ist es amtlich: Das Ding zählt! Es zählt wirklich! Wir führen verdammt nochmal! Noch 15 Minuten, pessimistisch kalkuliert. Zigarette – jetzt! Eine reicht nicht. Die Zeit läuft für uns. Meine Körperfläche ist minimiert, ich sitze zusammengekauert wie ein schutzsuchender Igel da und raufe weiterhin die Haare, zumindest dann, wenn ich nicht an der Kippe ziehe. Die wechseln den Sandro Wagner ein. Das war’s. Der wird uns zerlegen. Das ist sicherer als das Amen in der Kirche. Wir waren so kurz davor. Scheiße, wir führen ja noch. Ich brauche Nikotin. Übrigens: Im normalen Leben bin ich Nichtraucher. Normales Leben zählt jetzt nicht, raus mit dem Ball. Er kommt wieder zurück. Nachspielzeit  - Wagner – Hradecky hält! Alter, das war ein fertiges Tor. Und die Deppen meckern schon wieder. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Videobeweis? Es reicht! Dieser verfickte Hurensohnscheiß Videobeweis!!! Dann pfeif Elfmeter, aber nicht so. Das ist die größte Scheiße, die jemals eingeführt wurde. So kann man nicht mit Menschen umgehen! Das kannst Du machen, wenn Du endlich dein emotionsloses Publikum hast, aber nicht mit uns. Vielleicht wären wir mit Videobeweis 92 Meister geworden, vielleicht wären wir danach eine große Nummer geworden, vielleicht auch daran kaputtgegangen – alles hypothetisch. Fakt ist, uns würde ein ganzes Stück unserer Identität fehlen, so bitter diese auch ist. In meiner Wahrnehmung ist es im Stadion komplett leise. Eine einzige Stimme durchschneidet die Stille. Es ist meine Stimme. Man wird sie und meine Meinung zum Videobeweis noch auf den Ledersesseln gegenüber gehört haben. Ich kann nicht mehr ruhig bleiben, ich schreie alles raus. Die oben benutzten Ausdrucke dürften noch harmlos gewesen sein, weshalb ich meinen vermuteten Wortlaut nicht wiederholen möchte. Es ist einfach eine einzige Scheiße…

Der zeigt zur Ecke! Was ist denn hier los? Mir entflieht tatsächlich ein leichter Jubelschrei. Was ist denn hier los verdammt nochmal? Nur noch die Ecke überleben. Scheiße, Ecke für die Bayern. Wenn ich nicht eh schon völlig dehydriert wäre, ich würde vor Angst in die Hose pissen. Bring sie halt rein. Er bringt sie rein…und die kommt zu kurz. Geil! Raus damit! Der köpft ihn raus…und der Gacinovic läuft…

In der Mythologie oder in Geschichten von Nahtoderfahrungen liest man oftmals davon, dass die Seele kurz vorm Ableben den Körper verlässt und von oben auf diesen schaut. Projiziert man das auf meinen augenblicklichen Zustand, sind es wohl meine letzten Sekunden auf diesem Planeten. Ich sehe mich selbst mit offenem Mund und hinter dem Kopf verschränkten Armen das Unglaubliche beobachten. Was schießt mir in diesen Sekunden der Ewigkeit alles durch den Kopf? Last-Minute- Rettungen und -Aufstiege, mit über 10.000 Adlern einen Abstieg in Hamburg gefeiert, einen Europapokaleinzug durch ein Eigentor gegen Wolfsburg, eine hingekümmelte Relegation vor zwei Jahren, ein 6:0 gegen Schalke, einen Fallrückzieher von Christoph Preuß – an was man sich alles klammert, wenn man keine Hoffnung hat, jemals einen Titel zu gewinnen. Alles das zählt gerade nicht. Neben diesen ganzen Gedanken habe ich noch etwas anderes im Kopf: Nichts! Und währenddessen läuft Gacinovic einfach weiter. Und mit ihm erneut die gesamte Auswechselbank. Und mit Ihnen der kleine Herr Ösch auf irgendeiner Treppenstufe im Berliner Olympiastadion. Erst noch ganz langsam tippelnd, als der Ball das letzte Mal Gacinovics Fuß verlässt und über die alles entscheidende Linie trudelt, entlädt sich alles zu einem Vollsprint ans untere Ende des Treppenaufgangs. JJJJJJAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!! So schnell ich unten war, so schnell bin ich wieder hochgesprintet. Hier sacke ich auf den Stufen zusammen. „Jaaaa!!! Ihr *******! Ihr scheiß Hurensöhne!“ Ich weiß nicht, wen ich beleidige und ich weiß nicht, warum ich im Angesicht des Jubelns immer unter Tourette-Anfällen leide, aber es tut gut. Einfach alles rausschreien. Alles, was sich aufgestaut hatte. Alles, was ich mir über das gesamt Spiel selbst verboten hatte. Dann falle ich Chuck um den Hals und er mir. Die Tränen fließen schneller als uns die Erkenntnis trifft: Was machen wir hier? Wir müssen da hin, wo wir hingehören. In die Kurve! Bevor wir den Block verlassen, tun es einige Bayern Fans. Ausnahmslos werden uns die Hände geschüttelt und Gratulationen entgegengebracht. Ich nehme es ihnen ab. Noch mehr: Ich habe das ernsthafte Gefühl, dass ihnen unser Sieg mehr gibt, als es ein eigener getan hätte. Solch eine Emotion, solch eine Freude haben sie noch nicht gesehen. Sie werden den Pokal noch oft genug gewinnen, und das wissen sie auch. Ich schaffe es, ihnen ein „Danke“ entgegen zu schluchzen und bin mit dem Bayernanhang im Reinen. Es sind ja auch nur Menschen. Aber jetzt, nix wie raus hier. Was bin ich gerade froh über unseren neutralen Sitzplatz. Eingeengt in der Kurve, ich wüsste nicht wohin mit den Emotionen. Hier kann ich sie rauslaufen. Und das tue ich. Das tun wir. „Laufen. Immer nur laufen.“ Es ist das einzige, dass ich in diesem Moment sagen kann. Und so laufen wir. Brust raus wie Michael Johnson beim 400m Weltrekord, das Tempo ähnlich schnell. Laufen. Es tut gut. Und so sprinten wir um das weite rund, und so sprinten wir in die Kurve, und so springen wir den erstbesten Menschen in die Arme und so lassen wir die Tränen kullern. Der Rest ist Genuss. Ich schaffe es nicht, in die Gesänge einzusteigen, bekomme keinen Ton raus. Ich glaube, es geht vielen Menschen so. Einfach nur versuchen, das Unfassbare zu realisieren. Ich sehe zwar was passiert, aber es wirkt alles so komplett surreal -als wäre die Szenerie ein Gemälde von Dali, als hätte ich irgendwelche bewusstseinserweiternde Pilze genascht. So viele Gedanken, und doch lässt sich keiner greifen. Es fühlt sich einfach nur richtig an. Das ist er, der Moment des Lebens. Ich glaube, keine Meisterschaft, kein Champions League Sieg, kann es nochmals schaffen, diese Emotion rauszuholen. Ich vergieße noch mehr Tränen als im letzten Jahr. Ich habe mit dem letzten Jahr meinen Frieden gemacht. Mehr noch, es musste genauso kommen. Ohne letztes Jahr, wäre es dieses Jahr nicht so überwältigend. Man muss erst mal richtig auf die Fresse fallen, um den Erfolg komplett zu würdigen. Scheiß auf Dortmund, ich bin gerade mit denen im Reinen. Als Niko Kovac gefeiert wird, überkommt es mich wieder. Alles vergessen. Ich bin mit ihm im Reinen. Ich bin sogar mit Jupp im…lassen wir das, ganz so weit geht es dann doch nicht. Wie passend, dass seine Karriere mit einer Finalniederlage gegen uns endet. Karma ist dann halt doch öfters eine ******** als man denkt. Aber damit beschäftige ich mich jetzt nicht weiter. Freuen, genießen, weinen, versuchen zu singen – ich höre auf, kein Wort kann den Zustand beschreiben. Ewigkeiten später verlassen wir den Ort des Sieges. Mit in die Höhe gereckten Armen laufe ich durch die Gegend, weitere Ewigkeiten ist unsere versprengte Meute wieder vereint und ich habe endlich Bier in der Hand. Das erste überlebt nur einen langen Schluck, dann trifft mich die Erkenntnis: Mein erstes Bier als Pokalsieger. Schon wieder Tränen – es schmeckt so gut.

Was malt man sich so über die Jahre so alles aus, was man im utopischen Falle eines Titelgewinns so alles macht. Definitiv auf der Haut verewigen, alle dargebotenen Drogen konsumieren, wild onanierend durch die Gegend rennen, eine Woche wach bleiben und die wildeste Party seit Silvester 2002/03 feiern. Als wir wieder im Sonderzug sitzen, mache ich nichts davon. Ich will einfach nur genießen. Einfach sitzen und das Gefühl genießen. Ein, zwei Mischungen Havanna Cola, einen schönen Dübel – und sonst nur sitzen. Und so sitze ich und erfreue mich meines Lebens wie nie zuvor. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendetwas verpasse. Es fühlt sich gut an.

Wir schreiben den 20. Mai 2018. Der Tag danach. Eigentlich ist es noch derselbe Tag.
Ich bin weder auf Schalke, noch in Berlin, noch am Römer. Ich sitze wiedervereint mit Kate auf der Besucherterrasse des Frankfurter Flughafens und habe doch noch das Gefühl, etwas zu verpassen. Hätte ich den Flug nicht auf Montag legen können?  Einen Blick auf die Landung des Pokalsieger Jets erhaschen wir nicht, dafür verfolgen wir die Triumphfahrt über das Instagram Livevideo der Eintracht. Was ist der Hradecky eine geile Sau. Wieso musste der so rumdrucksen? Ich werde ihn vermissen. Was geht denn in der Stadt ab? Whatsapp platzt aus allen Nähten. Jeder berichtet von Unglaublichem. Ich glaube es ihnen trotzdem. Wie gerne wäre ich dabei, aber es ist nun mal das Leben, das ich gewählt habe. Um 17:00 betritt nicht nur die Mannschaft den Balkon des Römers, auch Kate und ich den Flieger nach Nairobi. Eine Verspätung beim Anschlussflug später kostet mich den Länderpunkt Uganda.  Was mich normalerweise hätte verzweifeln lassen, ist mir gerade mal scheißegal. Mir kann keiner was. Verdammte Scheiße - Wir sind Pokalsieger!
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Sehr geil, vielen Dank!
Ich hab eben das Spiel nochmal durchlebt... exakt so ging es mir auch damit, dass ich meine Emotionen und Hoffnungen nicht zulassen wollte. Aus Angst, wieder so enttäuscht zu werden wie letztes Jahr...
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Auch, wenn der Tag der Tage nun schon fast 4 Wochen zurück liegt, möchte ich jetzt doch noch ein bisschen was dazu loswerden.
Meine Freundin, mein bester Kumpel und ich haben letztes Jahr alle Hebel in Bewegung gesetzt, um irgendwie an Karten zu kommen- letztendlich erfolglos. Wir haben das 1:2 in Kreuzberg verfolgt, gemeinsam mit Hunderten Adlern in der von der Eintracht gemieteten Location auf der Leinwand. Wir waren so ziemlich die letzten, die damals den Ort des Geschehens verlassen haben. "Nur einmal, nur ein einziges mal in unserem gemeinsamen Fan-Dasein einen Titel am Römer feiern..."...und wieder waren wir so nah dran. Wie 2006, als uns die Karten kurz vor Spielbeginn noch zum regulären Preis hinterher geworfen wurden. Seferovics Pfostenschuss ging mir wochenlang mehrmals täglich durch den Kopf. Wer weiß, wann diese Chance wieder kommt. Müssen wir wieder 11 Jahre auf ein Finale warten? Schaffen wir es nie wieder?
Diesmal waren die Vorzeichen, war meine Gefühlslage vor dem Endspiel eine ganz andere.
Ich hatte mich überhaupt nicht (auch aus privaten,familiären Gründen) mit Nachdruck um Karten bemüht. Sogar eine komplette Absage des Wochenendes in Berlin stand im Raum. Auf Grund der Überzeugungsarbeit meines besten Kumpels, der zu diesem Zeitpunkt sogar schon ein Ticket sicher hatte, habe ich mich dann doch noch überreden lassen. Wir fuhren also Freitagabend gemeinsam los. Komplett ohne Vorfreude und Enthusiasmus.
Mein Kumpel hatte mit seiner Freundin ein Hotel gebucht, ich wurde vor dem Haus eines alten Kumpels aus gemeinsamen Frankfurter Tagen rausgeworfen, bei dem ich die erste Nacht verbrachte, bevor am Samstag meine Freundin in Berlin eintreffen sollte. Wir haben am Abend noch lang gequatscht und auf einmal, während er auf sein Handy schaute, fragte er mich, ob ich auch noch ein Ticket möchte. Und 5 min später war auch ein zweites verfügbar. Ein guter Bekannter von ihm arbeitet mit in der Fußballschule beim Körbel. Und dieses Jahr war, im Gegensatz zu letztem Jahr, noch ein Restkontingent zu haben.
Also frühstückten wir entspannt am nächsten Morgen und anschließend machte ich mich gemeinsam mit besagtem Bekannten auf ins Marriott-Hotel, in dem die Mannschaft übernachtet hatte.
Wir fuhren in den ersten Stock, stellten uns in einem Büro an und warteten, bis ich dran kam. Hinter mir in der Schlange reihte sich Michael Hector ein, der auch noch eine Karte abgreifen wollte, um die alten Kollegen anzufeuern. Später kam meine Freunin an und wir trafen uns am Breitscheidplatz mit vielen anderen.
Erst kurz vor der Abfahrt Richtung Stadion ließ ich die Katze aus dem Sack und verkündete meinen Glücksfall vom Vormittag, nachdem ich genügend gejammert und verzweifelt nach einer angemessenen Kneipe "gesucht" hatte.
Vor dem Anpfiff verteilten wir uns in alle Richtungen, um rechtzeitig auf den Platzen anzukommen und die Atmosphäre autzusaugen.
Und dann die 11. Minute, die erste unfassbare Willensleistung von Ante. Danach habe ich noch versucht, mich selbst irgendwie vor dem Gefühl Hoffnung, Glaube und der damit verbundenen heillosen Enttäuschung zu schützen. Aber mit dem Halbzeitpfiff war das nicht mehr möglich. 1:0 zur Pause gegen die Übermächtigen.
Dann der Ausgleich und der Gedanke, dass jetzt alles läuft, wie es "immer läuft", gegen die Bayern.
Aber nicht heute. Heute ist dieser eine Tag von 100 Tagen, an denen Goliat besiegt werden kann.
So viel Wille, wie in diesen 5 Sekunden von Rebic, habe ich in meinen 25 Jahren Fan-Dasein noch nie gesehen. Wahnsinn. 2:1.
Hätten sie das Tor aberkannt- ich weiß nicht, wo meine Aggressionen gelandet wären. So schlugen sie um in pure Freude, Ekstase, Ungläubigkeit.
Ich lag jetzt schon fremden Menschen in den Armen. Ich hielt meine Freundin fest, sie mich, wir uns alle. Ich ging in die Knie, drehte mich weg, und sagte ständig: "Bitte! Nur einmal! Nur dieses eine einzige Mal!"
Und dann, in der 94sten war es vorbei. Der gibt den Elfmeter sowieso. Und sie nehmen uns wieder alles, auf die dramatischste, unfairste, zerstörerischste Art und Weise, die man sich nur vorstellen kann.
Darauf folgte Ungläubigkeit. Er gibt nur die Ecke. Und gleich der Horrorgedanke, dass es dann eben jetzt passiert. Kopfball Hummels. Oder Ullreich.
Doch dann köpfte Willems das Ding raus und die längsten 8 Sekunden des Lebens begannen...
Erst der unbändige Jubel, dann nur noch weinende Menschen um mich herum.
Wir haben es geschafft! Da ist dieser eine verdammte Titel, den ich gemeinsam mit meiner Eintracht im Laufe meines Lebens gewinnen wollte.
Als kleine Anekdote am Rande fiel mir dann noch mein Wettschein in die Hände, an den ich überhaupt nicht mehr gedacht hatte.
Ich schwöre, ich war nüchtern, als ich auf 3:1 getippt habe! Somit waren die unerwarteterweise in den Schoß gefallenen Karten und das ein oder andere Kaltgetränk der langen Nacht quasi "kostenfrei."
Das Anwendung des Wortes "Perfekt" ist immer sehr hoch gegriffen.
Aber so nah dran wie am 19.05.2018 war ich in meinem Leben noch nie.
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Auch, wenn der Tag der Tage nun schon fast 4 Wochen zurück liegt, möchte ich jetzt doch noch ein bisschen was dazu loswerden.
Meine Freundin, mein bester Kumpel und ich haben letztes Jahr alle Hebel in Bewegung gesetzt, um irgendwie an Karten zu kommen- letztendlich erfolglos. Wir haben das 1:2 in Kreuzberg verfolgt, gemeinsam mit Hunderten Adlern in der von der Eintracht gemieteten Location auf der Leinwand. Wir waren so ziemlich die letzten, die damals den Ort des Geschehens verlassen haben. "Nur einmal, nur ein einziges mal in unserem gemeinsamen Fan-Dasein einen Titel am Römer feiern..."...und wieder waren wir so nah dran. Wie 2006, als uns die Karten kurz vor Spielbeginn noch zum regulären Preis hinterher geworfen wurden. Seferovics Pfostenschuss ging mir wochenlang mehrmals täglich durch den Kopf. Wer weiß, wann diese Chance wieder kommt. Müssen wir wieder 11 Jahre auf ein Finale warten? Schaffen wir es nie wieder?
Diesmal waren die Vorzeichen, war meine Gefühlslage vor dem Endspiel eine ganz andere.
Ich hatte mich überhaupt nicht (auch aus privaten,familiären Gründen) mit Nachdruck um Karten bemüht. Sogar eine komplette Absage des Wochenendes in Berlin stand im Raum. Auf Grund der Überzeugungsarbeit meines besten Kumpels, der zu diesem Zeitpunkt sogar schon ein Ticket sicher hatte, habe ich mich dann doch noch überreden lassen. Wir fuhren also Freitagabend gemeinsam los. Komplett ohne Vorfreude und Enthusiasmus.
Mein Kumpel hatte mit seiner Freundin ein Hotel gebucht, ich wurde vor dem Haus eines alten Kumpels aus gemeinsamen Frankfurter Tagen rausgeworfen, bei dem ich die erste Nacht verbrachte, bevor am Samstag meine Freundin in Berlin eintreffen sollte. Wir haben am Abend noch lang gequatscht und auf einmal, während er auf sein Handy schaute, fragte er mich, ob ich auch noch ein Ticket möchte. Und 5 min später war auch ein zweites verfügbar. Ein guter Bekannter von ihm arbeitet mit in der Fußballschule beim Körbel. Und dieses Jahr war, im Gegensatz zu letztem Jahr, noch ein Restkontingent zu haben.
Also frühstückten wir entspannt am nächsten Morgen und anschließend machte ich mich gemeinsam mit besagtem Bekannten auf ins Marriott-Hotel, in dem die Mannschaft übernachtet hatte.
Wir fuhren in den ersten Stock, stellten uns in einem Büro an und warteten, bis ich dran kam. Hinter mir in der Schlange reihte sich Michael Hector ein, der auch noch eine Karte abgreifen wollte, um die alten Kollegen anzufeuern. Später kam meine Freunin an und wir trafen uns am Breitscheidplatz mit vielen anderen.
Erst kurz vor der Abfahrt Richtung Stadion ließ ich die Katze aus dem Sack und verkündete meinen Glücksfall vom Vormittag, nachdem ich genügend gejammert und verzweifelt nach einer angemessenen Kneipe "gesucht" hatte.
Vor dem Anpfiff verteilten wir uns in alle Richtungen, um rechtzeitig auf den Platzen anzukommen und die Atmosphäre autzusaugen.
Und dann die 11. Minute, die erste unfassbare Willensleistung von Ante. Danach habe ich noch versucht, mich selbst irgendwie vor dem Gefühl Hoffnung, Glaube und der damit verbundenen heillosen Enttäuschung zu schützen. Aber mit dem Halbzeitpfiff war das nicht mehr möglich. 1:0 zur Pause gegen die Übermächtigen.
Dann der Ausgleich und der Gedanke, dass jetzt alles läuft, wie es "immer läuft", gegen die Bayern.
Aber nicht heute. Heute ist dieser eine Tag von 100 Tagen, an denen Goliat besiegt werden kann.
So viel Wille, wie in diesen 5 Sekunden von Rebic, habe ich in meinen 25 Jahren Fan-Dasein noch nie gesehen. Wahnsinn. 2:1.
Hätten sie das Tor aberkannt- ich weiß nicht, wo meine Aggressionen gelandet wären. So schlugen sie um in pure Freude, Ekstase, Ungläubigkeit.
Ich lag jetzt schon fremden Menschen in den Armen. Ich hielt meine Freundin fest, sie mich, wir uns alle. Ich ging in die Knie, drehte mich weg, und sagte ständig: "Bitte! Nur einmal! Nur dieses eine einzige Mal!"
Und dann, in der 94sten war es vorbei. Der gibt den Elfmeter sowieso. Und sie nehmen uns wieder alles, auf die dramatischste, unfairste, zerstörerischste Art und Weise, die man sich nur vorstellen kann.
Darauf folgte Ungläubigkeit. Er gibt nur die Ecke. Und gleich der Horrorgedanke, dass es dann eben jetzt passiert. Kopfball Hummels. Oder Ullreich.
Doch dann köpfte Willems das Ding raus und die längsten 8 Sekunden des Lebens begannen...
Erst der unbändige Jubel, dann nur noch weinende Menschen um mich herum.
Wir haben es geschafft! Da ist dieser eine verdammte Titel, den ich gemeinsam mit meiner Eintracht im Laufe meines Lebens gewinnen wollte.
Als kleine Anekdote am Rande fiel mir dann noch mein Wettschein in die Hände, an den ich überhaupt nicht mehr gedacht hatte.
Ich schwöre, ich war nüchtern, als ich auf 3:1 getippt habe! Somit waren die unerwarteterweise in den Schoß gefallenen Karten und das ein oder andere Kaltgetränk der langen Nacht quasi "kostenfrei."
Das Anwendung des Wortes "Perfekt" ist immer sehr hoch gegriffen.
Aber so nah dran wie am 19.05.2018 war ich in meinem Leben noch nie.
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retrufknarf schrieb:

Auch, wenn der Tag der Tage nun schon fast 4 Wochen zurück liegt, möchte ich jetzt doch noch ein bisschen was dazu loswerden.
Meine Freundin, mein bester Kumpel und ich haben letztes Jahr alle Hebel in Bewegung gesetzt, um irgendwie an Karten zu kommen- letztendlich erfolglos. Wir haben das 1:2 in Kreuzberg verfolgt, gemeinsam mit Hunderten Adlern in der von der Eintracht gemieteten Location auf der Leinwand. Wir waren so ziemlich die letzten, die damals den Ort des Geschehens verlassen haben. "Nur einmal, nur ein einziges mal in unserem gemeinsamen Fan-Dasein einen Titel am Römer feiern..."...und wieder waren wir so nah dran. Wie 2006, als uns die Karten kurz vor Spielbeginn noch zum regulären Preis hinterher geworfen wurden. Seferovics Pfostenschuss ging mir wochenlang mehrmals täglich durch den Kopf. Wer weiß, wann diese Chance wieder kommt. Müssen wir wieder 11 Jahre auf ein Finale warten? Schaffen wir es nie wieder?
Diesmal waren die Vorzeichen, war meine Gefühlslage vor dem Endspiel eine ganz andere.
Ich hatte mich überhaupt nicht (auch aus privaten,familiären Gründen) mit Nachdruck um Karten bemüht. Sogar eine komplette Absage des Wochenendes in Berlin stand im Raum. Auf Grund der Überzeugungsarbeit meines besten Kumpels, der zu diesem Zeitpunkt sogar schon ein Ticket sicher hatte, habe ich mich dann doch noch überreden lassen. Wir fuhren also Freitagabend gemeinsam los. Komplett ohne Vorfreude und Enthusiasmus.
Mein Kumpel hatte mit seiner Freundin ein Hotel gebucht, ich wurde vor dem Haus eines alten Kumpels aus gemeinsamen Frankfurter Tagen rausgeworfen, bei dem ich die erste Nacht verbrachte, bevor am Samstag meine Freundin in Berlin eintreffen sollte. Wir haben am Abend noch lang gequatscht und auf einmal, während er auf sein Handy schaute, fragte er mich, ob ich auch noch ein Ticket möchte. Und 5 min später war auch ein zweites verfügbar. Ein guter Bekannter von ihm arbeitet mit in der Fußballschule beim Körbel. Und dieses Jahr war, im Gegensatz zu letztem Jahr, noch ein Restkontingent zu haben.
Also frühstückten wir entspannt am nächsten Morgen und anschließend machte ich mich gemeinsam mit besagtem Bekannten auf ins Marriott-Hotel, in dem die Mannschaft übernachtet hatte.
Wir fuhren in den ersten Stock, stellten uns in einem Büro an und warteten, bis ich dran kam. Hinter mir in der Schlange reihte sich Michael Hector ein, der auch noch eine Karte abgreifen wollte, um die alten Kollegen anzufeuern. Später kam meine Freunin an und wir trafen uns am Breitscheidplatz mit vielen anderen.
Erst kurz vor der Abfahrt Richtung Stadion ließ ich die Katze aus dem Sack und verkündete meinen Glücksfall vom Vormittag, nachdem ich genügend gejammert und verzweifelt nach einer angemessenen Kneipe "gesucht" hatte.
Vor dem Anpfiff verteilten wir uns in alle Richtungen, um rechtzeitig auf den Platzen anzukommen und die Atmosphäre autzusaugen.
Und dann die 11. Minute, die erste unfassbare Willensleistung von Ante. Danach habe ich noch versucht, mich selbst irgendwie vor dem Gefühl Hoffnung, Glaube und der damit verbundenen heillosen Enttäuschung zu schützen. Aber mit dem Halbzeitpfiff war das nicht mehr möglich. 1:0 zur Pause gegen die Übermächtigen.
Dann der Ausgleich und der Gedanke, dass jetzt alles läuft, wie es "immer läuft", gegen die Bayern.
Aber nicht heute. Heute ist dieser eine Tag von 100 Tagen, an denen Goliat besiegt werden kann.
So viel Wille, wie in diesen 5 Sekunden von Rebic, habe ich in meinen 25 Jahren Fan-Dasein noch nie gesehen. Wahnsinn. 2:1.
Hätten sie das Tor aberkannt- ich weiß nicht, wo meine Aggressionen gelandet wären. So schlugen sie um in pure Freude, Ekstase, Ungläubigkeit.
Ich lag jetzt schon fremden Menschen in den Armen. Ich hielt meine Freundin fest, sie mich, wir uns alle. Ich ging in die Knie, drehte mich weg, und sagte ständig: "Bitte! Nur einmal! Nur dieses eine einzige Mal!"
Und dann, in der 94sten war es vorbei. Der gibt den Elfmeter sowieso. Und sie nehmen uns wieder alles, auf die dramatischste, unfairste, zerstörerischste Art und Weise, die man sich nur vorstellen kann.
Darauf folgte Ungläubigkeit. Er gibt nur die Ecke. Und gleich der Horrorgedanke, dass es dann eben jetzt passiert. Kopfball Hummels. Oder Ullreich.
Doch dann köpfte Willems das Ding raus und die längsten 8 Sekunden des Lebens begannen...
Erst der unbändige Jubel, dann nur noch weinende Menschen um mich herum.
Wir haben es geschafft! Da ist dieser eine verdammte Titel, den ich gemeinsam mit meiner Eintracht im Laufe meines Lebens gewinnen wollte.
Als kleine Anekdote am Rande fiel mir dann noch mein Wettschein in die Hände, an den ich überhaupt nicht mehr gedacht hatte.
Ich schwöre, ich war nüchtern, als ich auf 3:1 getippt habe! Somit waren die unerwarteterweise in den Schoß gefallenen Karten und das ein oder andere Kaltgetränk der langen Nacht quasi "kostenfrei."
Das Anwendung des Wortes "Perfekt" ist immer sehr hoch gegriffen.
Aber so nah dran wie am 19.05.2018 war ich in meinem Leben noch nie.



Danke für diesen tollen Bericht, der mir selbst auch 4 Wochen danach noch Gänsehaut und Emotionen entlockt
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6Frankfurt 15Berlin 16Marsch 18Bierstand 19.30Zelle 22.15Siegesfeier
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Ich schreib nicht so oft und nicht so schnell, also habe ich mal mein Passwort rausgesucht und los geht´s.
Ich gehe seit 42 Jahren ins Waldstadion, bin im Prinzip der "Ruhige" mache aber auch immer gerne noch Party.

Meine Frau habe ich seit 6 Jahren. Sie hat mich mit der EINTRACHT geheiratet und weiß Bescheid. Normalerweise lasse ich sie zu Hause, aber ab und zu nehme ich sie (auch gerne) mit. Ihre SGE-Erfahrung ist ausschließlich negativ.

Ich habe ihr im Abstiegsspiel gegen Köln mal unabsichtlich den Finger gebrochen, als sie mich abhalten wollte auf den Platz zu gehen.... definitiv kein Ruhmesblatt von mir.
Warum ich von ihr erzähle???

Sie hat als Einzige aus meinem Umfeld fest an den Pokalsieg geglaubt. Sie hat sich selbst als Pechvogel gesehen, der der SGE nur Niederlagen bringt und wollte die Karte, die ich ihr als "Liebesbeweis" besorgt habe nicht annehmen.
Sie wäre wohl nie wieder zur Eintracht gegangen, wenn sie uns eine "Niederlage" beschert hätte.
Egal. Ich war bei diesem Aberglauben ganz entspannt.

O.K., gleich gehts um Fußball. Nur noch ein Satz zu meiner Frau. Sie hat das ganze Wochenende fest an meinen Verein geglaubt, unzählige Bayern-Fans beschimpft und genauso wie meine Fußball-Kumpels das Wochenende legendär werden lassen. Auf dem Breitscheidplatz war ein richtiges "Block"-Treffen.

Vor, während und nach dem Spiel war ich in Trance, auf Wolke 7, oder unter Alkoholeinfluss.
Nach dem Speil war ich baff, dass mich mehrere Male Bayern-Fans verbal angegangen sind (ohne voran gegangene Provokation meinerseits - ich schwör). Ich fand es Klasse, dass Ruhe war und auch die Eintracht-Fans sich gesittet verhalten haben. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt was das soll.

Das Spiel war natürlich oberaffengeil, aber auch anstrengend. Obwohl wir danach einen riesen Dorscht hatten, sind wir noch 1 Stunde geblieben. Die Feierlichkeiten hatten ja gerade erst begonnen. Ich muss gestehen, dass mir diese Stunden nicht mehr so genau in Erinnerung sind. Das Frühstück im Hotel war spät, aber lebensnotwendig.

Ich weiß nur die Wochen und Monate danach halten mich immer noch gefangen von diesem wunderschönen Pokalsieg. Heute habe ich die Flüge nach Rom gebucht. Der Kommentar meiner Frau: "Geil"
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Ich schreib nicht so oft und nicht so schnell, also habe ich mal mein Passwort rausgesucht und los geht´s.
Ich gehe seit 42 Jahren ins Waldstadion, bin im Prinzip der "Ruhige" mache aber auch immer gerne noch Party.

Meine Frau habe ich seit 6 Jahren. Sie hat mich mit der EINTRACHT geheiratet und weiß Bescheid. Normalerweise lasse ich sie zu Hause, aber ab und zu nehme ich sie (auch gerne) mit. Ihre SGE-Erfahrung ist ausschließlich negativ.

Ich habe ihr im Abstiegsspiel gegen Köln mal unabsichtlich den Finger gebrochen, als sie mich abhalten wollte auf den Platz zu gehen.... definitiv kein Ruhmesblatt von mir.
Warum ich von ihr erzähle???

Sie hat als Einzige aus meinem Umfeld fest an den Pokalsieg geglaubt. Sie hat sich selbst als Pechvogel gesehen, der der SGE nur Niederlagen bringt und wollte die Karte, die ich ihr als "Liebesbeweis" besorgt habe nicht annehmen.
Sie wäre wohl nie wieder zur Eintracht gegangen, wenn sie uns eine "Niederlage" beschert hätte.
Egal. Ich war bei diesem Aberglauben ganz entspannt.

O.K., gleich gehts um Fußball. Nur noch ein Satz zu meiner Frau. Sie hat das ganze Wochenende fest an meinen Verein geglaubt, unzählige Bayern-Fans beschimpft und genauso wie meine Fußball-Kumpels das Wochenende legendär werden lassen. Auf dem Breitscheidplatz war ein richtiges "Block"-Treffen.

Vor, während und nach dem Spiel war ich in Trance, auf Wolke 7, oder unter Alkoholeinfluss.
Nach dem Speil war ich baff, dass mich mehrere Male Bayern-Fans verbal angegangen sind (ohne voran gegangene Provokation meinerseits - ich schwör). Ich fand es Klasse, dass Ruhe war und auch die Eintracht-Fans sich gesittet verhalten haben. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt was das soll.

Das Spiel war natürlich oberaffengeil, aber auch anstrengend. Obwohl wir danach einen riesen Dorscht hatten, sind wir noch 1 Stunde geblieben. Die Feierlichkeiten hatten ja gerade erst begonnen. Ich muss gestehen, dass mir diese Stunden nicht mehr so genau in Erinnerung sind. Das Frühstück im Hotel war spät, aber lebensnotwendig.

Ich weiß nur die Wochen und Monate danach halten mich immer noch gefangen von diesem wunderschönen Pokalsieg. Heute habe ich die Flüge nach Rom gebucht. Der Kommentar meiner Frau: "Geil"
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Hallo gibgas. Habe gerade deinen Bericht gelesen und muss sagen das ich auch so ne tolle Frau habe, die mich zwar manchmal bescheuert nennt aber mein Hobby toleriert. Ein Hoch auf unsere Frauen.
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Hallo gibgas. Habe gerade deinen Bericht gelesen und muss sagen das ich auch so ne tolle Frau habe, die mich zwar manchmal bescheuert nennt aber mein Hobby toleriert. Ein Hoch auf unsere Frauen.
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AdlerNRW58 schrieb:

Ein Hoch auf unsere Frauen.



Dem schließe ich mich sehr gerne an.
Mein Kumpel und ich hatten unsere Endspielkarten wie auch im letzten Jahr sicher. Sehr schnell war auch klar, dass unsere Frauen wieder mit nach Berlin fahren und das Endspiel in Kreuzberg in der Bar Dresden schauen.

Zwei Wochen vor dem Endspiel rief mich mein Kumpel an und berichtete, dass er eine weitere Karte bekommt. Für seine Frau stand aber sofort fest, dass sie nicht in das Stadion geht, wenn wir für meine Frau keine Karte bekommen. Da wir keine weitere Karte bekommen konnten, fuhr nun auch die erwachsene Tochter meines Kumpels mit. Sie hatte jetzt das Glück, dass Endspiel im Stadion zu sehen.

Meine Frau und ich reisten bereits am Donnerstag nach Berlin. Am Freitagabend kam mein Kumpel mit seiner Frau und Tochter an. Wir trafen uns zum Essen und fuhren dann gemeinsam nach Kreuzberg in die Dresdner Straße. Natürlich gab es an diesem Abend fast nur ein Thema, das Endspiel. Ich war bis dahin eher ohne große Erwartung und ging davon aus, dass wir es nicht schaffen werden. Mein Kumpel ist in Sachen Eintracht aber grundsätzlich Optimist und strahlte an diesem Abend die feste Überzeugung aus, dass wir die Bayern schlagen. Das zeigte bei mir auch Wirkung. Am nächsten Tag war ich so angespannt, dass ich beim Frühstück völlig appetitlos kaum etwas runter brachte. Ich sagte noch zu meiner Frau, dass ich heute nicht wieder als Verlierer aus dem Stadion gehen möchte, dass ich mir diesem Pokalsieg so sehr wünsche. Als sie von ihrer Nachrichtenapp eine Pushmeldung auf ihr Handy erhielt, sagte ich ihr, dass heute Abend die Meldung kommen soll

„Sensation in Berlin, Eintracht Frankfurt ist Deutscher Pokalsieger“.

Wir trafen uns mit den drei Anderen am Breitscheidplatz und unsere Frauen entschieden, dass sie den Fanmarsch mitmachen und in Stadionnähe ein Lokal suchen, in dem sie das Endspiel sehen können. So kam es dann auch. Als wir uns vor dem Stadion trennen mussten, war das für unsere Frauen natürlich eine bescheidene Situation. Umso mehr war ich der Frau meines Kumpels dankbar, dass sie auf das Stadionerlebnis verzichtete und mit meiner Frau gemeinsam das Endspiel in dem Garten eines italienischen Restaurants schaute. Sie erzählten hinterher, dass sie dort gut aufgehoben waren und von dem Personal bestens umsorgt wurden.

Die Emotionen im Stadion waren unglaublich und ich möchte hier nur noch auf den unmittelbaren Moment nach dem Spielende eingehen. Der Auslöser meines Berichts war ja das „Hoch auf unsere Frauen“. Nach dem Schlusspfiff stand ich völlig fassungslos im Block und ich spürte, dass meine Frau genau jetzt an mich denkt und sich für mich freut. Sie wusste was dieser Sieg für mich bedeutet, was die Eintracht für mich nun schon seit mehr als 45 Jahren bedeutet. Obwohl sie in diesem Moment nicht bei mir war, war sie es trotzdem und ich war in diesem Moment ganz allein mit ihr da. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, es war einfach ein wahnsinnig schönes Gefühl und ich spürte unsere feste Verbundenheit.

Als wir uns dann in dem Lokal mit unserem Frauen trafen, war es noch mal ein wunderbarer Moment. Ich möchte diesen Bericht deshalb auch mit einem

„Hoch auf unsere Frauen“ beenden.
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AdlerNRW58 schrieb:

Ein Hoch auf unsere Frauen.



Dem schließe ich mich sehr gerne an.
Mein Kumpel und ich hatten unsere Endspielkarten wie auch im letzten Jahr sicher. Sehr schnell war auch klar, dass unsere Frauen wieder mit nach Berlin fahren und das Endspiel in Kreuzberg in der Bar Dresden schauen.

Zwei Wochen vor dem Endspiel rief mich mein Kumpel an und berichtete, dass er eine weitere Karte bekommt. Für seine Frau stand aber sofort fest, dass sie nicht in das Stadion geht, wenn wir für meine Frau keine Karte bekommen. Da wir keine weitere Karte bekommen konnten, fuhr nun auch die erwachsene Tochter meines Kumpels mit. Sie hatte jetzt das Glück, dass Endspiel im Stadion zu sehen.

Meine Frau und ich reisten bereits am Donnerstag nach Berlin. Am Freitagabend kam mein Kumpel mit seiner Frau und Tochter an. Wir trafen uns zum Essen und fuhren dann gemeinsam nach Kreuzberg in die Dresdner Straße. Natürlich gab es an diesem Abend fast nur ein Thema, das Endspiel. Ich war bis dahin eher ohne große Erwartung und ging davon aus, dass wir es nicht schaffen werden. Mein Kumpel ist in Sachen Eintracht aber grundsätzlich Optimist und strahlte an diesem Abend die feste Überzeugung aus, dass wir die Bayern schlagen. Das zeigte bei mir auch Wirkung. Am nächsten Tag war ich so angespannt, dass ich beim Frühstück völlig appetitlos kaum etwas runter brachte. Ich sagte noch zu meiner Frau, dass ich heute nicht wieder als Verlierer aus dem Stadion gehen möchte, dass ich mir diesem Pokalsieg so sehr wünsche. Als sie von ihrer Nachrichtenapp eine Pushmeldung auf ihr Handy erhielt, sagte ich ihr, dass heute Abend die Meldung kommen soll

„Sensation in Berlin, Eintracht Frankfurt ist Deutscher Pokalsieger“.

Wir trafen uns mit den drei Anderen am Breitscheidplatz und unsere Frauen entschieden, dass sie den Fanmarsch mitmachen und in Stadionnähe ein Lokal suchen, in dem sie das Endspiel sehen können. So kam es dann auch. Als wir uns vor dem Stadion trennen mussten, war das für unsere Frauen natürlich eine bescheidene Situation. Umso mehr war ich der Frau meines Kumpels dankbar, dass sie auf das Stadionerlebnis verzichtete und mit meiner Frau gemeinsam das Endspiel in dem Garten eines italienischen Restaurants schaute. Sie erzählten hinterher, dass sie dort gut aufgehoben waren und von dem Personal bestens umsorgt wurden.

Die Emotionen im Stadion waren unglaublich und ich möchte hier nur noch auf den unmittelbaren Moment nach dem Spielende eingehen. Der Auslöser meines Berichts war ja das „Hoch auf unsere Frauen“. Nach dem Schlusspfiff stand ich völlig fassungslos im Block und ich spürte, dass meine Frau genau jetzt an mich denkt und sich für mich freut. Sie wusste was dieser Sieg für mich bedeutet, was die Eintracht für mich nun schon seit mehr als 45 Jahren bedeutet. Obwohl sie in diesem Moment nicht bei mir war, war sie es trotzdem und ich war in diesem Moment ganz allein mit ihr da. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, es war einfach ein wahnsinnig schönes Gefühl und ich spürte unsere feste Verbundenheit.

Als wir uns dann in dem Lokal mit unserem Frauen trafen, war es noch mal ein wunderbarer Moment. Ich möchte diesen Bericht deshalb auch mit einem

„Hoch auf unsere Frauen“ beenden.
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Klasse Artikel ... und wenn ich jetzt, ein knappes halbes Jahr später, diese Berichte lese bekomme ich noch immer Gänsehaut ... meine Frau bekommt hier meine Planungen für Rom hautnah mit.  Ich renne hier zeitweise rum wie ein aufgeschreckter Gockel. Meine Frau erklärt mich zwar des öfteren fur bescheuert aber stärkt mir bei allen Planungen und Aktivitäten für die Eintracht den Rücken ... Ein "Hoch auf unsere Frauen"
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Kurz und bündig:

Ein extrem geiles Ding war das. Und ich habe schon einiges erlebt. 5:1 gegen Lautern; 6:3 gegen Reutlingen; UEFA-Cup Sieg 1980 im Waldstadion mit Fred Schaub.

Berlin im Mai 2018 war das Beste von all dem😎
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Jetzt sind Sage und Schreibe 4 Monate her, nachdem glorreichen Pokalsieg, Wochen, Tage, Stunden und Minuten vergangen. Später wird einem langsam erst klar: ICH HABE EINEN TITEL MITERLEBT!!!
Als im östlichen Teil Berlins lebender Eintracht Fan war das mein Highlight im Leben.

Nachdem Spiel gegen Schalke, nach allem Unruhen mit Kovac, etc hab ich mir gedacht "Hat das Finale einen Sinn? Gegen die Bayern, die immer soviel Glück haben?" Kaum war Montag, alle Gedanken weg, mitten in der Prüfungs- und Klausurenzeit, nur das Finale, nur noch der 19.05.2018 war in meinen Gedanken. Wie fast immer mit breiter Brust Richtung Berufsschule, auf dem Weg die gleiche Leier - Hertha, Bayern, Dortmund, Union, gesehen. Schräge Blicke sind normal. Ein Unioner kam zu mir und wünschte der Eintracht für den 19.05. alles Glück der Welt, wir sollen die Bayern weghauen. Selbstverständlich konnte ich nur sagen.
Mittwoch, der 16.05., die Jungs von EintrachtTV waren bei uns in der Glühlampe, währenddessen unseren Gruppengegner Marseille im Euro League Finale geschaut. Geschichten vergangener Jahre wurden erzählt und der Versuch eine Karte fürs Stadion zu bekommen wurde immer wieder angedeutet, leider erfolglos.
Nachdem ein oder anderen Äppler ging es für mich nach Hause, die Berufsschule wartete mal wieder - niemand verstand, dass ich im Pokalfieber war und dadurch eher Arbeitsunfähig gewesen bin.
Der Donnerstag wurde eingeläutet, mit lauter Eintrachtmucke im Auto zur Schule, die Gedanken waren nur bei der launischen Diva. die Schule aus, der Weg zum Parkplatz mit einem Kumpel angetreten. Ich in Eintrachtmontur. Daraufhin einen Jungen gesehen, vermutlich 16 Jahre normal gelaufen im Bayernshirt. Die Meisterschaft beeindruckte ihn wahrlich nicht. Daraufhin zeigte ich im den Adler auf meinem Trikot, er grinste. Das grinsen wurde durch einem "Noch grinst du, Samstag nicht mehr" erwidert. Man munkelt, er grinse tatsächlich nicht mehr.
Kaum zu Hause ging es aber direkt los zum Flughafen Tegel, die Mannschaft sehen, Mut machen, zeigen, dass sie UNS haben, den 12. Mann. Einige weitere Eintracht Fans angetroffen, kurze geplaudert.
Als der Mannschaftsbus losfuhr. Endete auch mein Tag.

Der Freitag war angebrochen. Der Puls war irgendwas zwischen Äppler und hoch. Im Rückkehr der Adlershirt und Fischerhut eine Exkursion durch den Prenzl Berg gehabt. Aufkleber wurden angebracht. Unschöne Herthaaufkleber fachmännisch überklebt.
Mit viel Vorfreude auf die Vorfeier in der Lampe am Abend mit 2 Kumpels in die S-Bahn eingestiegen. Einer zeigte mir, er habe die Spur von 2 Eintracht Fans gewittert. Ich mit meinem geschulten Augen, sah sie direkt und grüßte mit einem Lautstarken "Gude Pokalfinalisten". Sie antworteten das gleiche ebenfalls. An der Haltestelle Landsberger Allee trennten sich die Wege (vorübergehend, bis dato ahnte ich nicht, ich werde sie wohl öfters noch sehen.)
Am Abend ging es in die völlig überfüllte Glühlampe. Siehe da die Herrschaften aus der S-Bahn wieder getroffen. Es wurde gelacht und geplaudert. Zuvor konnte ich mir noch eine Karte fürs Spiel klären.
Einige Kumpels aus FFM wurden angetroffen, die Freude war groß, der Gesang laut. Leider gefiel es dem Mieter in dem Haus nicht, weshalb er uns nicht mit einem Eimer Äppler sondern Wasser uns duschte.
Im Laufe dessen kam die Polizei, wir sollen reingehen. In stickiger, kuschliger Wärme alle rein und es wurde ausgiebig gefeiert.
Gegen 4 Uhr morgens, waren nur noch sehr wenige da. Ich und paar Kollegen haben beim säubern geholfen und ein gratis Getränk abstauben können.
Es war ca 6 Uhr, ich kam zu Hause völlig erschöpft an und legte mich schlafen. 8 Uhr fing der Wecker anzuklingeln, das Frühstück ruft.
Nun war es 10 Uhr 30, ich wusste nicht wie die Planung aussieht. Leider kann man nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein. Fanfest? Indeed-Boot oder Bus? Es wurde sich für das Fanfest entschieden. Der Konsum fing frühzeitig an. Der Äppler musste ja verbraucht werden, soll ja nicht schimmeln
Auf dem Weg zum Breitscheidplatz in Lichtenberg Menschen gesehen mit Eintrachtklamotten. Hätte nie gedacht sowas einmal zu sehen. Während ich in der M6 saß, fuhr ich am Alex vorbei. Das Fanfest in der Bahn begutachtet und siehe da - gar nichts nur ein paar Kunden vom FCB.
Endlich am Breitscheidplatz angekommen, überall Eintracht Fans, Freude pur in meinem Gesicht. Soviele Adlerträger in seiner "Heimatstadt" ist sehr besonders gewesen.
Mit Kollegen getroffen und zu Fuego, Caser, Hany, Celo und Abdi gefeiert. Während Roy Hammers Auftritt gehüpft und gelacht.
Nach einiger Zeit eine Person wieder getroffen, dem ich diese Sucht zu verdanken habe, nach langen Jahren zusammengewesen.
Der Weg wurde wiedermal Richtung Glühlampe fortgesetzt, kühle Getränke geholt und auf in die S-Bahn.
Am Bahnhof Ostkreuz ging die Bahn nicht mehr, die gesamte Reisecrew musste mal für kleine Pokalfinalisten. Nirgends ein Stilles Örtchen. Nach 10 Minuten ca eine S-Bahn die uns den Weg zur Warschauer ermöglichte.
Mit Eiltempo ging es zur U-Bahnstation, dann die Treppe runter und die Erlösung folgte.
Einige von uns machten sich auf dem Weg zum Treffpunkt der UF. Ich schnell zur Glühlampe, Karte abgeholt, bezahlt und einfach vor Freude geschrien. Allerdings wieder mit flinken Füßen zur U-Bahn Richtung Sophie Charlotte Platz, überall Eintracht Fans und lautstarkes gefeier. Angekommen, schnell zum Späti der da ist. Der Besitzer genießt wohl noch seinen Malediven Urlaub, denn der Laden war fast leer gekauft.
In prallender Hitze ging es nach kurzem warten direkt zum Stadion. Der Fanmarsch einfach abnormal geil. Die SGE ist wieder da!

Nach vielem gelaufe und abgelaufen Schuhen angekommen und kurz pausiert. Langsam aber sicher ging es ins Stadion. Der Einlass dauerte sehr lange. Vom Gefühl her wie Leipzig 2017. Man kletterte über die Wellenbrecher und hat eine Spur gewittert. Ein Vater mit seinem Sohn, der junge klein und im Dortmund Trikot. Ist er wohl 1 Jahr zu spät gewesen.

Im Stadion angekommen trennten sich die Wege der Gruppe, jeder war woanders. Irgendwie gelaufen um in meinem Block zu kommen. Und dann fing Gerre an mit Schwarz-Weiß wie Schnee.
Ich hatte keine Ahnung wo eigentlich mein Platz ist. Mit großen Augen suchte ich ein Finalshirt. Auf dem Boden mit Füßen getreten, lagte eins unbeachtet. Dies war dann wohl meins.
Im Laufe des Spiels mit den Leuten neben mir angefreundet und dann fiel das 1:0. Extase pur.
Während des Spiels ging die angeschlagene Stimme, wurde immer kratziger und heiser.
Zur 2. Häflte wurde es recht frisch, wenig Spannung man kühlte ab. Daraufhin das kotzen, das Tor von den Bayern durch ein Eigentor. Aus Frust gegen den Stuhl getreten - Resultat = etwas verstaucht der Knöchel. Stimmung kurz getrübt, danach war Feuer drin. Rebic lässt Hummels stehen, lupft den Ball über Ulreich und wieder Extase pur. Elfmeter Ja oder Nein? Ich kenne Fußball, der Schiri gibt Elfer. Plötzlich zeigte er Ecke und ich dachte mir nur "Höh? Was denn hier los?"
Willems köpft den Ball zum Mijat, er lief und lief und lief. Während seines Sprints, wusste ich nicht was ich machen sollte: Hüpfen, Schreien, Weinen, Tanzen, Beten? Ich habe versucht alles irgendwie gleichzeitig zu machen. Der Ball war drin. Jeder freute sich, jeder hat sich umarmt, fasste sich an den Kopf und musste es realisieren. Danach Abpfiff und einfach Party pur im gesamten Stadion. Die runterhängenden Köpfe der Bayern Fans waren dazu sehr schön mit anzusehen.
Das Stadion leerte sich, der Schmerz im Knöchel machte sich breit und es wurde gehumpelt Richtung U-Bahn zur Warschauer Straße. Freunde zuvor gesehen und sie mit "Eiii Gude du Pokalsieger" begrüßt.
Nach ausgiebiger Feierei und vielem kühlen, transportierte mich das Taxi nach Hause mit einem Kollegen. Nach kurzem Fussballcrashkurs wusste der Taxifahrer was an dem Tag los war.
Sonntag ging es in den Garten und per Livestream die Ankunft verfolgt.
Anschließend ging es Mittwoch mal wieder in die Berufsschule, natürlich verspätet. Aber mit lautem Gesang und einer Fahne im Gepäck. Die Fahne wurde im Raum aufgehangen. ich singte einige Lieder und habe mich für die Glückwünsche bei einigen Klassenkameraden bedankt, die mir nach dem Pokalsieg gratulierten.

Nun sehe ich, es wurde tatsächlich sehr viel. Viel Spaß beim Lesen


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