Fanhistorie XXII Pokal 74

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Darf man auch zweimal? Ich versuchs einfach, weil sich im Moment kein anderer meldet.

Das Stichwort Kindheitserinnerungen ist bereits mehrfach gefallen. Solche habe ich auch noch, ganz dunkel sogar an das Stadion Anfang der 70´er Jahre vor dem Umbau zur WM 1974 mit einer Brüstung auf dem oberen Teil der Haupttribüne und seitlichen Stützpfeilern, die heute beim Ticketverkauf wahrscheinlich die Einstufung " sichtbehindert " zur Folge hätten.
Für mich als Kind war das Aufregende weniger das Spiel, der Kampf und die Technik, als mehr die Emotion im Stadion. Einerseits die Emotion bei einzelnen Besuchern, die heftig aufsprangen und schrien, hochrote Gesichter hatten, auf alles und jeden schimpften und andererseits auch die Gesamtstimmung im Stadion, die sich natürlich bei Eintrachttoren am heftigsten entlud.
Am deutlichsten habe ich hier noch eine Ahnung vom Pokalhalbfinale im Frühjahr 1974 gegen den FCB, bei dem das Spiel hin und herwogte, die Eintracht zu Beginn der 2. Halbzeit ordnungsgemäß in Führung ging, dann aber die Bayern ausglichen, um nur kurz darauf zu meinem Entsetzen durch einen Elfmeter in Führung gingen.
Völlig am Boden zerstört erlebte ich dann eine erneute Wendung des Spiels, bei der zunächst der wunderbare Tommy Rohrbach den Ausgleich schoss und dann eine Angriffsaktion nach der anderen auf das Bayerntor einleitete. Es gab Torschüsse, Torwartparaden, Kopfballduelle, Eckball auf Eckball, aber kein Tor. Längst standen wir alle, ich auf der Bank, um zwischen den Erwachsenen noch etwas sehen zu können. Schließlich der Höhepunkt; Foul im Strafraum, Orkan auf der Haupttribüne, Elfmeter, wütende Proteste der Bayern und Jubel in meiner Umgebung. Die Menschen umarmten sich in froher Zuversicht, vereinzelt wurden die Arme erhoben, um sie beim Jubeln nicht erst noch strecken zu müssen. Mein Jugendheld schritt zur Vollstreckung, Grabi legte sich den Ball zurecht, der Maier Sepp kauerte sich auf der Linie zusammen, streckte die Arme zur Seite und wartete auf das Verhängnis.
So ist großes Theater , nach langem Auf und Ab aller Protagonisten , muss dann der Titelheld persönlich auf den Plan treten und die Entscheidung herbeiführen, er muss sich in blitzender Rüstung auf sein weißes Pferd setzen, das strahlende Schwert ziehen, den finsteren Drachen in Jenseits befördern und dann den Siegespreis empfangen.
Also nimmt Grabi Anlauf , schaut nach links, schießt nach rechts( ganz genau weiß ich´s aber nicht mehr ) ......
und versemmelt das Ding !
Wutgeheul um mich herum, entsetzte Gesichter, Verzweiflung, wohin man auch schaute. Mir war das damals noch nicht ganz klar, ich war eher der Meinung, Elfmeter seien Tore, da sei nur noch die Formalität des Schießens vorher zu erledigen. Das heißt also, wenn der Elfer nicht reinging, sei er konsequenterweise zu wiederholen. Erst allmählich begriff ich, dass ich da auf dem Holzweg war und das die Guten heute noch gar nicht gewonnen hatten.
Die Stimmung um mich herum wurde deutlich schlechter, langsam kam Angst auf, denn jetzt kamen die Bayern auf einmal zu Gegenangriffen, lange zu spielen war nicht mehr, das sagte mir mein Zeitgefühl und kälter wurde es auch.
Ich fing allmählich an zu frieren. Auch die Eintracht ermattete zusehends, abermals hatte sich das Spiel gedreht und gleich war es vorbei und die magische Eintracht besiegt, unglaublich.
Das Leben wurde sinnlos, warum waren wir eigentlich so weit von zu Hause weg, wenn es dem Ende zugeht sollte man doch daheim sein, bei der Familie und nicht inmitten von lauter Fremden ?
Sinnloserweise strebte da noch einmal ein vereinzelter Eintrachtspieler dem Bayerntor entgegen, sollte da vielleicht doch ...? Nein, nein, er wird abgedrängt, keine Gefahr. Und dann...
Genaueres weiß ich ehrlicherweise gar nicht. Um mich herum sprang alles auf, ich aber war zu langsam und zu deprimiert und sah nichts und dann umarmte mich einer, den ich gar nicht kannte und ließ mich nicht mehr los und schrie : " Elfmeter, Elfmeter, wieder Elfmeter...".
Wieder Elfmeter ? Galt das Gesetz doch ? Elfmeter ist ein sicheres Tor und wenn er zufälligerweise nicht reingeht, wird er eben wiederholt ? Warum dann so spät, erst nach ein paar Minuten ? Mysteriös, das alles. Ich verstand es nicht richtig. Jetzt kam einer, den ich noch nicht so genau kannte. "Das ist der Jürgen Kalb " , schrie mein Onkel , "der haut ihn rein ".
Und er haute ihn rein. Sagenhaft; danach war gleich Schluss und die Guten hatten gesiegt.
Klar, beim ersten Mal war der falsche Jürgen gegangen, dass war bloß ein Missverständnis gewesen, deswegen wurde das kurz vor Schluss noch bereinigt.
Alle Aufregung umsonst. Locker bleiben und ab nach Hause.
Abends im Bett hatte ich dann Fieber. " Das ihr den Jungen auch immer mit zum Fußballplatz schleppen müsst ", schimpfte meine Mutter.      
 
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owladler schrieb:
Darf man auch zweimal? Ich versuchs einfach, weil sich im Moment kein anderer meldet.



Gude,
mach Dir kein Kopp, mit solchen Berichten darfst Du so oft Du willst. Es ist einfach nur Klasse

In diesm Sinne....
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Jetzt, nachdem ich es nachgelesen habe, stelle ich fest, dass die Erinnerung mir einen Streich gespielt hat. Der Elfer von Grabi war nicht nach dem 2: 2, sondern vor dem 2: 2. Ist halt schon lange her....
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Dieses Halbfinale war das letzte Pokalspiel der Eintracht, das ich noch als aktiver Schüler erleben durfte.

Es war sehr dramatisch, und die legendäre Abendpost Nachtausgabe formulierte zum Siegtor und dem damit verbundenen Einzug ins Finale durch den Elfmeter von Kalb sinngemäß: "Der Aufschrei war noch bis nach Offenbach und Darmstadt zu hören."

Schöner konnte man die Emotionen kaum darstellen.

Das Finale fand wegen der WM erst eine Woche vor Beginn der neuen Saison statt (zum Ende meiner 10-wöchigen Sommerferien ).

Zum Thema Euphorie: Deutschland wurde bekanntlich Weltmeister, die Eintracht war frisch gebackener Pokalsieger.
Beim ersten Saisonspiel gab es in Bremen vor 16.000 einen 3:0-Sieg. Danach zuhause vor immerhin 41.000 gegen Gladbach ein 1:1. Nur 10 Tage später kam der HSV (die Eintracht hatte zwischenzeitlich in der neuen 1.Pokalrunde in Bielefeld 3:1 gewonnen), da kamen mittwochs abends  gegen den Tabellenzweiten gerade noch 30.000. Das Spiel wurde 1:3 verloren. Danach gewann man in Berlin bei TeBe mit 4:1, schlug in der ersten Europapokalrunde zuhause vor nur 19.000 Monaco mit 3:0, und schlug dann Kaiserslautern (ja, auch damals schon einmal) mit 5:1 - vor lediglich 17.000 Zuschauern. Danach siegte man in Duisburg, bevor man, als mittlerweile Tabellenzweiter, zuhause mit dem bisherigen Rekordsieg von 9:1 Rot Weiß Essen vom Acker jagte - vor armseligen 13.000 Zuschauern.

Die Zeiten haben sich geändert. Was wohl heutzutage bei einem derartigen Saisonverlauf los wäre?

@ owladler: Danke für das Ausgangsthema  ,-)


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