Kann man Kunst vom Menschen trennen?

Kann man die Kunst vom Menschen trennen?
Man sollte, finde ich.
Das gleiche gilt für Wagner, Heidegger, Knut Hamsun.
Man muss, Edmund. Oder auch nicht. Eine schwierige Frage.
Jedenfalls war Chick Corea für mich als angehenden Pianisten lange Zeit ein Idol, dem ich staunend und fasziniert zugehört habe. Dass er Scientologe war, wusste ich da gar nicht.
edmund schrieb:


Das gleiche gilt für Wagner, Heidegger, Knut Hamsun.


Kunst kann man trennen. Von Fall zu Fall.
Allerdings weiß ich nicht was Heidegger in der Reihe zu suchen hat.
Es ist für mich schon ein fundamentaler Unterschied ob einer bei Scientology ist und Jazzpiano spielt oder ob ein Philosoph Anhänger des NS ist.
Wagner war glühender Antisemit. Seine Musik wird dennoch auch in Israel gespielt (u.a. von Zubin Mehta), Hamsun schwärmte für den Führer und Heidegger ist einer der größten Denker des 20. Jhdts. und Anhänger des NS.
Hannah Arendt, seine jüdische Geliebte, konfrontierte ihn später (nach der Shoah) mit dem Satz "Du wolltest, dass sie mich umbringen."
Soweit ich weiß, ist auch Scientology totalitär und Menschen verachtend.
Damit setze ich sie nicht mit dem NS gleich.
In dem Zusammenhang will ich nur sagen, es ist schwierig
Es ist immer schwierig, da sind wir uns ja einig.
Ich sehe nur einen gravierenden Unterschied zwischen zb. Musikern oder Komponisten und Philosophen.
Chick Corea kann im Hirn Gülle bis zur Oberkante haben und Wagner Juden hassen ohne Ende, aber das wird man nicht in der reinen Musik hören (Disclaimer: kenne ich nicht alle Wagner Opern Libretti, da können und werden zweifelhafte Inhalte durchaus vorkommen). "Pulp Fiction" wird kein schlechterer Film weil Travolta auch im Team Hubbard ist oder der Produzent ein Sexualverbrecher war.
In Hamsun Stücken, die ich sehr schätze, ist mir auch noch keine krude Ideologie aufgefallen, aber ich habe ehrlich gesagt auch noch nicht so drauf geachtet. Der kann auf jeden Fall Müll leichter in sein Werk packen als ein Pianist.

Aber in philosophischen Schriften wird sich die Gesinnung weitaus eher wiederfinden als in einem Notenblatt.
Und sorry, aber bei "größten Denker des 20. Jhdts". und "Anhänger des NS" schließt für mich das eine das andere kategorisch aus. Da bleib ich lieber im Team Adorno.
Nu, in Wagneropern wirst eher weniger politisch Inkorrektes finden, eher in seinen Schriften und Briefen.

In Heideggers Hauptwerken wie 'Sein und Zeit' oder den späteren 'Ursprung des Kunstwerks', 'Der Satz vom Grund' oder den Werken zu Nietzsche und Hölderlin kann ich auch keine Naziideologie ausmachen - obwohl er, natürlich, hochschulpolitisch schwer und leider auch anhaltend gefehlt hat.

Übrigens macht das Buch von Hermann Mörchen 'Heidegger und Adorno' sehr gut nachvollziehbar, dass es zwischen den Philosophien beider mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes gibt.

Und außerdem: wer Franz Beckenbauer geradezu angebetet hat, kann kein schlechter Mensch sein. Oder
edmund schrieb:

Kann man die Kunst vom Menschen trennen?
Man sollte, finde ich.
Das gleiche gilt für Wagner, Heidegger, Knut Hamsun.

Weiß ich nicht so recht.

Gerade in der Philosophie halte ich es für sehr schwierig, die Argumente von der Person zu trennen. Ich würde die Philosophie auch nicht als Kunstform beschreiben, sondern als Versuch, mit möglichst logisch aufgebauten Gedanken die Welt und den Menschen zu erklären. Gut, je nach Sichtweise könnte man das auch der Kunst zuschreiben 😉, das wäre mal eine spannende Diskussion.

Bei Heidegger sind politische Ansichten, politische Ämter und Schriften so eng miteinander verwoben, dass es meiner Ansicht nach nicht ohne eine Gesamtbetrachtung geht. Das bedeutet ausdrücklich nicht, alles was aus seiner Feder kommt, pauschal als NazischeiBe abzutun, aber schon genau und kritisch zu prüfen, in welchem Kontext das jeweils steht.
Ich kenne von seinen Primärtexten nicht allzu viel, weil mir dieses "Das Sein wird durch die Seinswerdung des Seienden an sich zum Sein" schnell zu anstrengend und ehrlich gesagt auch zu doof wurde, aber ich weiß, dass nicht alle seiner Veröffentlichungen problematisch sind. Gerade weil er aber eben auf einem Feld tätig war, das ganz besonders das menschliche Sein in den Blick genommen hat, ist hier bei der Rezeption besondere Vorsicht geboten.

Und das Problem bei der Wagner-Musik ist ja nicht nur, dass er Antisemit war, sondern dass er mit seiner mächtigen und erhabenen Musik auch gut zu der Ideologie und Kommunikationsstrategie der Nazis gepasst hat. So wie diese Gigantomanie-Architektur auch nicht antisemitisch per se ist, aber das damit verbundene Gefühl der Unterlegenheit des Einzelnen gegenüber der staatlichen Institutionen natürlich gewollt war (gibt's übrigens auch 'auf der anderen Seite'. Wer zB einmal in Moskau an der Moskva vor dem Verteidigungsministerium stand, weiß, wie winzig man sich fühlt und was das mit einem macht. Fritz Langs Metropolis lässt grüßen).

In der Kunst bleibt einem zumindest noch der Spielraum der Deutung, wodurch man den Inhalt vom Urheber trennen kann. Natürlich gibt es auch hier Grenzen. Wenn ein Film von einer Sexismusdebatte überschattet wird, dann wirkt sich das auch darauf aus, wie der Film selbst gesehen wird, denn er ist ja das Ergebnis dieser Produktion.
In der Philosophie ist das wie gesagt viel, viel schwerer.

Die philosophische Fakultät in Freiburg ist wegen Heidegger übrigens zutiefst zerstritten. Ist ein heikles Thema, da man bei konsequenter Ablehnung sein - neben Husserl - bestes Pferd vom Hof jagt.

Heidegger ist ein miserables Beispiel, wenn man eine Trennung von Philosophie und Kunst postulieren möchte. Man wird bei seinem späteren Werk, im Grunde schon recht bald nach 'Sein und Zeit' rasch bemerken, dass es eine einzige große Kontemplation über die Sprache ist. Über Sprache und Sein. Über dichterische Sprache. Die alten Griechen, Hölderlin, Rilke, George, Trakl, Nietzsche - das sind zentrale Referenzpunkte für Heidegger. (Ich nenne Nietzsche, denn auch bei ihm kann unmöglich zwischen Literatur/Dichtung und Philosophie unterschieden werden, er hat zahlreiche Gedichte verfasst, auch die Sprache seiner eher reflexiven Texte ist überaus aphoristisch, bildhaft, erzählend und v.a. außerordentlich musikalisch.)

Und das ist nur erst einmal der Bezug zur Dichtung. Seine Gedanken über den Raum etwa hat Heidegger im Dialog mit dem baskischen Bildhauer Eduardo Chillida entwickelt, niedergeschlagen hat sich das in dem gemeinsam herausgegebenen Werk 'Die Kunst und der Raum'.

Da gäbe es freilich viel mehr zu erzählen, würde hier aber den Rahmen sprengen. Dies nur als Anregung dafür, keine vorschnellen Trennlinien zu ziehen.

Ein sehr interessantes Thema, das viele Meinungen und Interpretationen zulässt. Gerade weil du, @Knueller, Wagners Musik angesprochen hast: ein Paradebeispiel für den Interpretationsspielraum. Die Macht und Erhabenheit der Wagneropern ist das eine, seine Themen (germanische Sagen etc.) das zweite, was diese Musik "verdächtig" macht, vor allem natürlich im Kontext seiner Handlungen und Aussagen.

Was aber ist mit der Musik aus dem Vereinigten Königreich? Von "Rule Britannia" will ich ja noch nicht mal sprechen, aber ganz allgemein finden sich doch hier mannigfache Elemente aus der Militärmusik wieder. Auch hier könnte man bei britischen Komponisten, im Kontext mit dem Empiregedanken, einen Militarismus / Imperialismus konstruieren, vielleicht muss man es sogar. Selbst wenn der gar nicht beabsichtigt war.

Schwierig, schwierig, da gebe ich euch recht - nichtsdestoweniger interessant.
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Hier bitte diskutieren, hat im RIP-Thread in diesem Ausmaß nichts zu suchen.
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Eigentlich eine sehr interessante Frage. Da ich ja eher aus der Ecke des Gitarrenkrachs komme wird man auch da öfters mit dem Dilemma konfrontiert, ob man die privaten Meinungen und Aussagen eines Musikers von seiner Musik trennen kann. Vorausgesetzt das die Musik bzw. die Texte frei von den "kontroversen" Aussagen sind.

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Interessantes schwieriges Thema.

Bei Xavier Naidoo zum Beispiel (auch wenn ich dessen Musik immer scheiße fand), finde ich dadurch, dass er mittlerweile seine Musik auch für entsprechende politische Ansichten nutzt, auch schwierig alte Sachen noch im Radio zu spielen, selbst wenn es da noch nicht der Fall war.

Bei Leuten die ihre Ansichten nicht in Ihre Werke einfließen lassen, kann man es schon eher trennen. Es kommt aber auch da dann immer drauf an. Es gibt zum Beispiel den Wrestler Chris Benoit, der als einer der besten Wrestler aller Zeiten geht. Der hat halt seine Frau und sein Kind umgebracht. Dadurch kann ich auch keine Matches mehr mit ihm gucken.
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Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist die Intensität des Geschehens. Diese Beobachtung ist fast gleichlautend von zahllosen Autoren, Malern, Musikern, in einigen Fällen selbst auch Naturwissenschaftler beglaubigt: wenn es nicht um bloße Meinungsäußerung geht, sondern um wirkliche Vertiefung, Selbstvergessenheit - dann übernimmt ab einem gewissen Punkt das Werk das Kommando und sucht sich seine eigenen Wege.
Das Ergebnis übersteigt dann auch das bewusste Denken und Meinen des Urhebers. Schwierig, ihn dafür verantwortlich zu machen. Er staunt schließlich manchmal selbst am meisten.
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Interessantes schwieriges Thema.

Bei Xavier Naidoo zum Beispiel (auch wenn ich dessen Musik immer scheiße fand), finde ich dadurch, dass er mittlerweile seine Musik auch für entsprechende politische Ansichten nutzt, auch schwierig alte Sachen noch im Radio zu spielen, selbst wenn es da noch nicht der Fall war.

Bei Leuten die ihre Ansichten nicht in Ihre Werke einfließen lassen, kann man es schon eher trennen. Es kommt aber auch da dann immer drauf an. Es gibt zum Beispiel den Wrestler Chris Benoit, der als einer der besten Wrestler aller Zeiten geht. Der hat halt seine Frau und sein Kind umgebracht. Dadurch kann ich auch keine Matches mehr mit ihm gucken.
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Exil-Adler-NRW schrieb:

Es gibt zum Beispiel den Wrestler Chris Benoit, der als einer der besten Wrestler aller Zeiten geht. Der hat halt seine Frau und sein Kind umgebracht. Dadurch kann ich auch keine Matches mehr mit ihm gucken.


Das ist natürlich ein sehr extremes Beispiel. Ich hab letztens mal wieder Wrestlemania XX geschaut und es war schon irgendwie sehr befremdlich sich das anzusehen mit dem Wissen was die selbe Person 3 Jahre später angerichtet hat. Auch wenn der Moment mit Eddie einer der großartigsten der Wrestling Geschichte ist.

Jon Schaffer und Iced Earth ist da ja aktuell auch ein aktuelles Beispiel. Bis 2004 zum Album The Glorious Burden war die Musik bzw. die Texte von Iced Earth frei von überschwänglichen amerikanischen Pathos. Und auch danach hatte Jon Schaffer bis vor paar Jahre in Interviews immer "versucht" sich so zu positionieren das man ihn in Europa nicht als totalen Vollpfosten abstempelt. Das er es doch ist hat er ja leider durch seine Teilnahme am Capitol Sturm und jüngere Aussagen doch bestätigt. Für mich sind die Alben aus den 90ern von Iced Earth aber weiterhin musikalisch relevant. Auch wenn ich jetzt nach den Vorfällen keine Gründe mehr sehe die Band (die eh Geschichte sein dürfte) zu unterstützen.

Ein anderes evtl. noch extremeres Beispiel wäre ja Varg Vikernes. In den 90ern Mitbegründer und für viele einer der wichtigsten Black Metal Musik aus Norwegen. So gar das Rock Hard und das Deaf Forever (beide Magazine eher dem linken Spektrum zu zuordnen) schätzen die ersten 4 Alben von Burzum (der 1 Mann Band von Vikernes) als Meilensteine des Black Metal. Diese Album sind Textlich auch frei  von jeglicher rechten und antisemitischen Ideologie. Das der Karriereverlauf von Vikernes dann von Brandstifter über Mörder zu Antisemit und völkischer Esoterik weiter verläuft ist dann das, was die ganze Sache schwierig macht. Kann man das dann noch trennen?
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Exil-Adler-NRW schrieb:

Es gibt zum Beispiel den Wrestler Chris Benoit, der als einer der besten Wrestler aller Zeiten geht. Der hat halt seine Frau und sein Kind umgebracht. Dadurch kann ich auch keine Matches mehr mit ihm gucken.


Das ist natürlich ein sehr extremes Beispiel. Ich hab letztens mal wieder Wrestlemania XX geschaut und es war schon irgendwie sehr befremdlich sich das anzusehen mit dem Wissen was die selbe Person 3 Jahre später angerichtet hat. Auch wenn der Moment mit Eddie einer der großartigsten der Wrestling Geschichte ist.

Jon Schaffer und Iced Earth ist da ja aktuell auch ein aktuelles Beispiel. Bis 2004 zum Album The Glorious Burden war die Musik bzw. die Texte von Iced Earth frei von überschwänglichen amerikanischen Pathos. Und auch danach hatte Jon Schaffer bis vor paar Jahre in Interviews immer "versucht" sich so zu positionieren das man ihn in Europa nicht als totalen Vollpfosten abstempelt. Das er es doch ist hat er ja leider durch seine Teilnahme am Capitol Sturm und jüngere Aussagen doch bestätigt. Für mich sind die Alben aus den 90ern von Iced Earth aber weiterhin musikalisch relevant. Auch wenn ich jetzt nach den Vorfällen keine Gründe mehr sehe die Band (die eh Geschichte sein dürfte) zu unterstützen.

Ein anderes evtl. noch extremeres Beispiel wäre ja Varg Vikernes. In den 90ern Mitbegründer und für viele einer der wichtigsten Black Metal Musik aus Norwegen. So gar das Rock Hard und das Deaf Forever (beide Magazine eher dem linken Spektrum zu zuordnen) schätzen die ersten 4 Alben von Burzum (der 1 Mann Band von Vikernes) als Meilensteine des Black Metal. Diese Album sind Textlich auch frei  von jeglicher rechten und antisemitischen Ideologie. Das der Karriereverlauf von Vikernes dann von Brandstifter über Mörder zu Antisemit und völkischer Esoterik weiter verläuft ist dann das, was die ganze Sache schwierig macht. Kann man das dann noch trennen?
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Spannende Frage, wie es sich verhält, wenn der Künstler im Lebensverlauf eine Wandlung durchgemacht hatte.
Dann könnte ja konsequenterweise über eine mögliche Zäsur tragbarer von nicht länger akzeptabler Kunst nachgedacht werden. Spätestens an diesem Punkt wird das Dilemma augenscheinlich.

Für mich persönlich wäre der Punkt möglicher Trennung von Künstler und Werk keinesfalls mehr aufrechterhaltbar, wenn ein lebender Künstler, den ich aufgrund seiner Geisteshaltung ablehne, wirtschaftlich durch mich dennoch unterstützt würde. Da wäre dann auch etwa ein Album oder ein Buch aus unverdächtigen Zeiten tabu.
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Spannende Frage, wie es sich verhält, wenn der Künstler im Lebensverlauf eine Wandlung durchgemacht hatte.
Dann könnte ja konsequenterweise über eine mögliche Zäsur tragbarer von nicht länger akzeptabler Kunst nachgedacht werden. Spätestens an diesem Punkt wird das Dilemma augenscheinlich.

Für mich persönlich wäre der Punkt möglicher Trennung von Künstler und Werk keinesfalls mehr aufrechterhaltbar, wenn ein lebender Künstler, den ich aufgrund seiner Geisteshaltung ablehne, wirtschaftlich durch mich dennoch unterstützt würde. Da wäre dann auch etwa ein Album oder ein Buch aus unverdächtigen Zeiten tabu.
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Guter Punkt.
Bei trivialen Sachen, wenn z.B. ein Autor sich als Bayernsau outet, da habe ich es als Privatperson einfach. Wenn es mich stört, dann kaufe ich keine Sachen von ihm, auch nicht die Sachen aus seiner bayernfreien Zeit. Problem für mich erledigt.
Da ich als Privatperson handle kann die Hürde für einen  "Boykott" so niedrig und albern sein wie ich will.

Schwierig wird es wenn öffentliche Stellen reagieren sollen, also z.B. öffentlich-rechtliche Radiosender.
Hauptpunkt ist für mich die Schwelle ab wann es nicht mehr "tragbar / sendebar" ist. Da liegt das Problem, weil es Leute gibt die beim kleinsten Anlass Künstler verbannen wollen, wäre auf dem anderen Ende der Skala die Meinung steht nur explizit gesetztes widrige Sachen müssen rausfliegen.
Schwierig - ich gebe aber zu derzeit eher ein Ungleichgewicht in Richtung zu viel Aufregung / Shitstorm und zu viel "verbieten" zu sehen.

Heidegger ist ein miserables Beispiel, wenn man eine Trennung von Philosophie und Kunst postulieren möchte. Man wird bei seinem späteren Werk, im Grunde schon recht bald nach 'Sein und Zeit' rasch bemerken, dass es eine einzige große Kontemplation über die Sprache ist. Über Sprache und Sein. Über dichterische Sprache. Die alten Griechen, Hölderlin, Rilke, George, Trakl, Nietzsche - das sind zentrale Referenzpunkte für Heidegger. (Ich nenne Nietzsche, denn auch bei ihm kann unmöglich zwischen Literatur/Dichtung und Philosophie unterschieden werden, er hat zahlreiche Gedichte verfasst, auch die Sprache seiner eher reflexiven Texte ist überaus aphoristisch, bildhaft, erzählend und v.a. außerordentlich musikalisch.)

Und das ist nur erst einmal der Bezug zur Dichtung. Seine Gedanken über den Raum etwa hat Heidegger im Dialog mit dem baskischen Bildhauer Eduardo Chillida entwickelt, niedergeschlagen hat sich das in dem gemeinsam herausgegebenen Werk 'Die Kunst und der Raum'.

Da gäbe es freilich viel mehr zu erzählen, würde hier aber den Rahmen sprengen. Dies nur als Anregung dafür, keine vorschnellen Trennlinien zu ziehen.

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Ich glaube, hier gehen ein paar Dinge durcheinander.

Heidegger ist zum Einen (und ich glaube auch in erster Linie) Philosoph. Natürlich arbeitet er ausdrücklich und vor allem anderen mit Sprache und diese Sprache steht nicht im luftleeren Raum, sondern ist beeinflusst von seinen Lehrern, seiner Lehre, dem soziohistorischen Kontext, in dem er gewirkt hat. Trotzdem sind die Inhalte philosophischer Natur und keine Prosa und Lyrik als Kunstform, auch wenn die Sprache literarisch ausfallen mag. Zumindest ist entscheidend, wie man den Text liest. Wenn man ihn literarisch liest, sind die genannten Aspekte sicher sehr spannend, dann ist es vermutlich eher möglich, ihn als Schriftsteller zu verstehen, dessen politische Ausrichtung sekundär wird. Wenn man ihn als Ontologe liest, sind die philosophischen Ideen zu Sein und Zeit im Vordergrund. Und wenn es um das Sein geht, dann ist, wie oben geschrieben, wirklich Vorsicht geboten, denn hier wird kein christlicher Existenzialismus oÄ diskutiert, sondern tatsächlich das Menschsein. Wenn sich da politisch zweifelhaftes Gedankengut einschreibt, wäre es fatal, das nicht zu entschlüsseln oder mit dem Bad der literarischen Qualität auszuschütten.
Anders mag es bei der Raumphänomenologie sein. Dass die Thesen gemeinsam mit einem Bildhauer entwickelt wurden, war mir nicht bekannt. Aber anders als bspw. beim 'sozialen Raum' spielen in der Phänomenologie Machtfragen und Fragen nach diskursiven Formationen ja eben genau keine Rolle. Aber dieses Geschwurbel als Literatur zu bezeichnen, fällt mir dennoch schwer

Zu Wagner: Da geht  bzw. ging es vielmehr um den Einsatz der Musik. Ob Wagner dezidiert und gewollt 'mächtige Musik' komponiert hat, kann ich nicht genau sagen. Auffallend ist aber, dass die Nazis die Musik nicht nur 'schön' fanden, sondern sich das Epochale und Erhabene, das den Nazis wichtig war, in dieser Musik finden ließ. Dass in der Romantik germanische Sagen verarbeitet wurden, ist völlig normal. Das konnte zur damaligen Zeit durchaus einem nationalstaatlichen und patriotischen Gedanken untergeordnet sein, ist aber von dem, was im späten 19. und 20. Jahrhundert draus gemacht wurde, erstmal noch weit entfernt. Patriotismus war damals ja kein rechtes Geschrei, sondern der Wunsch nach einem geeinten Vaterland als Gegenmodell zur Kleinstaaterei. Die Burschenschaftler der 1848er-Jahre waren in hohem Maße progressiv und liberal und wurden nicht ohne Grund von der Reaktion zensiert und als Demagogen diffamiert (Problem ist, dass sie sich seit dem nicht mehr weiterentwickelt haben und daher heute im Wortsinne reaktionär sind). Auf der Suche nach 'Beweisen' für die gemeinsamen kulturellen Wurzeln dienten bspw. eben jene Sagen und vor allen Dingen der Mythos vom 'Waldvolk' nach Tacitus. Indem man auf solche Mythen verwiesen hat, versuchte man deutlich zu machen, dass die Grenzen der Kleinstaaten künstlich sind und der richtige Zustand jener eines eigenen Nationalstaates ist. Von der Romantik bis zu den Nazis fand dann schon eine politische Aufladung solcher Mythen statt, die im frühen 19. Jh. etwa ihren Ursprung nimmt, genau genommen bei den Brüdern Grimm. Aber das Fass mach ich jetzt nicht auch noch auf, sonst werd ich garnicht mehr fertig.
Also auch die Tatsache, dass Wagner sich auf solche Mythen berufen hat, ist mAn erstmal noch kein Hinweis auf Antisemitismus in der Musik selbst, allerdings ist unbestritten, dass seine Haltung bei den Nazis auf fruchtbaren Boden fiel und hochgradig politisch aufgeladen wurde.
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Ich glaube, hier gehen ein paar Dinge durcheinander.

Heidegger ist zum Einen (und ich glaube auch in erster Linie) Philosoph. Natürlich arbeitet er ausdrücklich und vor allem anderen mit Sprache und diese Sprache steht nicht im luftleeren Raum, sondern ist beeinflusst von seinen Lehrern, seiner Lehre, dem soziohistorischen Kontext, in dem er gewirkt hat. Trotzdem sind die Inhalte philosophischer Natur und keine Prosa und Lyrik als Kunstform, auch wenn die Sprache literarisch ausfallen mag. Zumindest ist entscheidend, wie man den Text liest. Wenn man ihn literarisch liest, sind die genannten Aspekte sicher sehr spannend, dann ist es vermutlich eher möglich, ihn als Schriftsteller zu verstehen, dessen politische Ausrichtung sekundär wird. Wenn man ihn als Ontologe liest, sind die philosophischen Ideen zu Sein und Zeit im Vordergrund. Und wenn es um das Sein geht, dann ist, wie oben geschrieben, wirklich Vorsicht geboten, denn hier wird kein christlicher Existenzialismus oÄ diskutiert, sondern tatsächlich das Menschsein. Wenn sich da politisch zweifelhaftes Gedankengut einschreibt, wäre es fatal, das nicht zu entschlüsseln oder mit dem Bad der literarischen Qualität auszuschütten.
Anders mag es bei der Raumphänomenologie sein. Dass die Thesen gemeinsam mit einem Bildhauer entwickelt wurden, war mir nicht bekannt. Aber anders als bspw. beim 'sozialen Raum' spielen in der Phänomenologie Machtfragen und Fragen nach diskursiven Formationen ja eben genau keine Rolle. Aber dieses Geschwurbel als Literatur zu bezeichnen, fällt mir dennoch schwer

Zu Wagner: Da geht  bzw. ging es vielmehr um den Einsatz der Musik. Ob Wagner dezidiert und gewollt 'mächtige Musik' komponiert hat, kann ich nicht genau sagen. Auffallend ist aber, dass die Nazis die Musik nicht nur 'schön' fanden, sondern sich das Epochale und Erhabene, das den Nazis wichtig war, in dieser Musik finden ließ. Dass in der Romantik germanische Sagen verarbeitet wurden, ist völlig normal. Das konnte zur damaligen Zeit durchaus einem nationalstaatlichen und patriotischen Gedanken untergeordnet sein, ist aber von dem, was im späten 19. und 20. Jahrhundert draus gemacht wurde, erstmal noch weit entfernt. Patriotismus war damals ja kein rechtes Geschrei, sondern der Wunsch nach einem geeinten Vaterland als Gegenmodell zur Kleinstaaterei. Die Burschenschaftler der 1848er-Jahre waren in hohem Maße progressiv und liberal und wurden nicht ohne Grund von der Reaktion zensiert und als Demagogen diffamiert (Problem ist, dass sie sich seit dem nicht mehr weiterentwickelt haben und daher heute im Wortsinne reaktionär sind). Auf der Suche nach 'Beweisen' für die gemeinsamen kulturellen Wurzeln dienten bspw. eben jene Sagen und vor allen Dingen der Mythos vom 'Waldvolk' nach Tacitus. Indem man auf solche Mythen verwiesen hat, versuchte man deutlich zu machen, dass die Grenzen der Kleinstaaten künstlich sind und der richtige Zustand jener eines eigenen Nationalstaates ist. Von der Romantik bis zu den Nazis fand dann schon eine politische Aufladung solcher Mythen statt, die im frühen 19. Jh. etwa ihren Ursprung nimmt, genau genommen bei den Brüdern Grimm. Aber das Fass mach ich jetzt nicht auch noch auf, sonst werd ich garnicht mehr fertig.
Also auch die Tatsache, dass Wagner sich auf solche Mythen berufen hat, ist mAn erstmal noch kein Hinweis auf Antisemitismus in der Musik selbst, allerdings ist unbestritten, dass seine Haltung bei den Nazis auf fruchtbaren Boden fiel und hochgradig politisch aufgeladen wurde.
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Zu Wagner
Dass er Antisemit war, ist unumstritten. Dass in seinen Opern Figuren auftauchen, die antisemitisch gezeichnet sind (Sixtus Beckmesser in den Meistersingern und Kundry in Parsifal sind die bekanntesten Beispiele), ist auch klar. Seine Musik passt als solche aber überhaupt nicht zu den Nazis (zu romantisch, zuviel Liebe und andere Emotionen, zuviel Humanismus). Erklärt wird die Schwärmerei Hitlers für Wagner oft damit, dass er ihn einfach nicht verstanden hat. Und die Ursprünge von Hitlers Antisemitismus sind auch eher in seiner Wiener Zeit zu suchen, denn in Wagners Musik oder anders ausgedrückt: diese Musik hat nichts diabolisches, was ihn in seinem Glauben bestärkt haben könnte.
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Zu Wagner
Dass er Antisemit war, ist unumstritten. Dass in seinen Opern Figuren auftauchen, die antisemitisch gezeichnet sind (Sixtus Beckmesser in den Meistersingern und Kundry in Parsifal sind die bekanntesten Beispiele), ist auch klar. Seine Musik passt als solche aber überhaupt nicht zu den Nazis (zu romantisch, zuviel Liebe und andere Emotionen, zuviel Humanismus). Erklärt wird die Schwärmerei Hitlers für Wagner oft damit, dass er ihn einfach nicht verstanden hat. Und die Ursprünge von Hitlers Antisemitismus sind auch eher in seiner Wiener Zeit zu suchen, denn in Wagners Musik oder anders ausgedrückt: diese Musik hat nichts diabolisches, was ihn in seinem Glauben bestärkt haben könnte.
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Und wie hat er ihn verstanden, wenn er ihn nicht verstanden hat?
Irgendwas muss er ja in Wagners Musik gehört haben, was ihm imponiert hat?
Das Hitler nicht 'wegen Wagner' Antisemit wurde, steht, denke ich, außer Frage, das wäre ein merkwürdiger Kurzschluss.
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Und wie hat er ihn verstanden, wenn er ihn nicht verstanden hat?
Irgendwas muss er ja in Wagners Musik gehört haben, was ihm imponiert hat?
Das Hitler nicht 'wegen Wagner' Antisemit wurde, steht, denke ich, außer Frage, das wäre ein merkwürdiger Kurzschluss.
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Kunst ist auch Interpretationssache.


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