Jörg Berger - Vom Republikflüchtling zum Retter der Titanic – Teil 3 (Beitrag 35) Ein Übersteiger, Größenwahn und die Tour des Lebens

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Vorbemerkung: “Resignation ist das Alibi der Schwachen.“
So endet das Buch von Jörg Berger “Meine zwei Halbzeiten – Ein Leben in Ost und West“ (rowohlt-Verlag). Es beleuchtet viele Facetten seines Lebens für den Fußball, seinen Kampf gegen den Krebs und zeigt auch seine menschliche Seite.

In persönlicher Erinnerung habe ich neben Lautern vor allem seine erste Entlassung in Frankfurt und meine Empörung über Ohms, Holz und Gerster, die danach den Stepanovic präsentierten... Die Geschichte wiederholte sich 10 Jahre später, wieder vollbrachte er ein Wunder, um im Dezember 1999 von Heller, Ehinger und Leben geopfert zu werden. Statt der Mannschaft... Aber er blieb in jeder Situation eines: Geradlinig. Und Mensch. Mit Fehlern. Wie er selbst zu seiner Flucht und die späten Gedanken über seinen Sohn schreibt, der bei der 3 Jahre zuvor geschiedenen Mutter lebte:

“Wieso dachte ich erst jetzt ernsthaft an ihn. Die Antwort lag auf der Hand: Ich konnte gut verdrängen. Bei meiner Entscheidung zur Flucht ging es mir hauptsächlich darum, dass ich es mit meinen 34 Jahren leid war, mich vom Kollektiv delegieren zu lassen. Ich wollte mich individuell entwickeln, mich mit eigenen Entscheidungen profilieren – wie gesagt, ich war auch ein großer Egoist.“

Das folgende ist der Versuch, einige Szenen seiner Zeit in Frankfurt für euch wieder zu geben. All dies basiert auf Jörg Bergers Buch, Berichten aus Frank Gottas eintracht-archiv sowie dem Pressearchiv von Frank mit Schnipseln aus der Abendpost Nachtausgabe und dem kicker. Drei Teile hat die Geschichte, so ich es schaffe:

Teil 1: 1979 Republikflucht und ein Frankfurter Transvestit
Teil 2: 1989-1991 Beitrag 20: Familie, Stasianschläge und Mauerfall
Teil 3: 1999-2009 Beitrag 35: Ein Übersteiger, Größenwahn und die Tour des Lebens

Teil I: Republikflucht und ein Frankfurter Transvestit

“Der Trainer der Juniorenauswahl der DDR, Jörg Berger, ist nach Angaben der Belgrader Zeitung Politika Ekspres spurlos verschwunden...“
(Nachrichtenagentur AP) Wir schreiben den 31.03.1979, Berger ist nach 34 Jahren ein Republikflüchtiger und schafft es, in die Deutsche Botschaft der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad zu kommen. Da er ohne Papiere aus dem 200 km entfernten Subotica, dem Austragungsort des U23-Länderspiels, fliehen musste, wird ein Funkbild von ihm zur Identifizierung angefertigt. “Walter Eschweiler könnte mich kennen.“ Der DFB-Schiedsrichter arbeitet damals im Auswärtigen Amt und bestätigt Bergers Angaben. So wird in der Botschaft quasi offiziell ein gefälschter Reiseausweis mit dem Namen Gerd Penzel angefertigt.

Danach geht es mit dem Zug nach Frankfurt. Im sogenannten “Haschisch-Express“ dann die zweite Passkontrolle, nachdem er sich in seinem Abteil versteckt hatte. “Haben sie etwas mit Sport zu tun?“ “Nein!“ Nach minutenlangem Warten, die ihm wohl wie zwei Ewigkeiten vorkamen, gibt ihm der jugoslawische Grenzer augenzwinkernd die gefälschten Papiere zurück: “Und nun, Herr Berger, viel Glück im Westen.“ Zentnerlasten nennt man die Gefühlslage wohl...

“Wir sind ein starkes Kollektiv, bei uns wird es keine Verräter am Sozialismus geben.“
Mit diesen Worten impfte der Parteisekretär die Jugendauswahl der DDR mit Trainer Berger im Dezember 1976. Knapp vier Wochen vorher waren die Chemie Halle-Spieler Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl bei einem U21-Spiel der DDR gegen die Türkei in Bursa geflohen. Berger wurde vorgeworfen, er hätte die beiden in Halle “ideologisch nicht richtig erzogen“.

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Nachtweih und Pahl landeten übrigens im DDR-Flüchlings-Aufnahmelager in Gießen, aus dem der FDP-Parteivorsitzende und Eintrachtpräsidiumsmitglied Wolfgang Mischnick sie zur Eintracht lotste...

“Was fangen wir mit Ihnen an?“
Der Empfang in der DFB-Zentrale in Frankfurt bei Präsident Neuberger Anfang April 1979 verläuft nicht wirklich nach Plan für Jörg Berger, er wird zunächst nach Gießen in das Auffanglager geschickt, wo er BND-Beamten Rede und Antwort stehen muss. Zudem wird ihm eine Scheinadresse besorgt, die die Stasi nach den Unterlagen in Bergers Akte bereits am nächsten Tag enttarnt...

Diesmal ist Mischnick zwar nicht zur Stelle, dafür erhält er eine Ehrenkarte mit rotem VIP-Bändchen für das Spiel der Eintracht gegen den VFB Stuttgart (1:2-Niederlage am 4.4.1979), wo er seine Spieler Nachtweih und Pahl in den Katakomben des Waldstadions nach 3 Jahren wieder sieht...

“Komm, wir zeigen dir das Frankfurter Nachtleben.“
Gesagt, getan am nächsten Abend. Zu später Stunde eine Hand auf Bergers Bein, bis Nachtweih dazwischen geht. “Was ist denn los? Das ist mein Mädel“, braust Berger auf. Nachtweih zieht ihn weg: “Bist du eigentlich bescheuert? Na das war doch ein Mann!“ Bergers erste Frauenbekanntschaft in Frankfurt war ein Transvestit, was zu der Geschichte führt, die beide noch Jahre später im Mannschaftskreis erzählen werden: “Wir mussten unseren Trainer von einem Mann trennen, die wollten gerade heiraten.“ Einige Hektoliter Alkohol später kann er bei Norbert Nachtweih in einem kleinen Zimmer auf einer Matzratze schlafen. Es wird die erste Bleibe für Jörg Berger in Frankfurt...

Danach wird der neue Pass beantragt und der nächste Gang führt zum Sozialamt. Statt Trainergehalt gibt es Sozialhilfe, eine Arbeitserlaubnis hat er ja nicht. Immerhin darf der DDR-Auswahltrainer als “Trainee“ (damals hieß dies Hospitant) bei der Eintracht mitmachen, soll heißen: mit auf der Bank sitzen und zuschauen bei Trainer Friedel Rausch. So titelt die Abendpost Nachtausgabe am 11.4.:

“DDR“-Trainer sitzt schon bei Frankfurt auf der Bank...
„Ganz unverbindlich,“ meint Eintracht Manager Udo Klug, während der Berger darüber staunt, dass es keine Trainingspläne gibt und sehr locker zugeht. Weniger locker geht es beim DFB zu. “Sie müssen einen Befähigungsnachweis haben, falls sie einen Bundesligisten trainieren wollen.“ Berger trainierte von 1972-1974 die DDR-Oberligisten (1. Liga) Jena und Chemie Halle, danach die DDR-Jugendnationalmannschaft und war zum künftigen Bundestrainer der DDR auserkoren worden. Und nun soll er einen halbjährlichen Lehrgang an der Sporthochschule Köln absolvieren...

War er da wirklich Trainer? 2004 besucht Jörg Berger das Abbe-Stadion von Jena und betrachtet ein Bild vom Pokalsiegerfinale 1974, bei dem er sogenannter Trainer-Praktikant neben Hans Meyer war. Er erkennt seinen Körper, auf dem jedoch der Kopf eines gewissen Dr. Dreßler fotomontiert wurde. Dieser war nach seiner Flucht der offizielle Co-Trainer...  

“Aber dieser Fall wird Konsequenzen für ihre Eltern und ihren Sohn haben“
Nachts um eins wird er vor Nachtweihs Haustür von zwei dunkel gewandeten Männern angesprochen, die ihm nahe legen, ein arrangiertes Treffen mit seiner Mutter in Schweden wahrzunehmen. Er lehnt ab und kann Jahre später in seiner Stasi-Akte zum “Maßnahmenplan zum OV Leder“ noch einmal nachlesen, wie sich dies im April 1979 zutrug. Vom Vergiftungsversuch wird noch zu schreiben sein (Teil 2)...



“Willst du damit andeuten, dass ich mich da vorstellen soll?
Doch zuvor muss er in die Wanne, bekommt einen neuen Wessi-Haarschnitt verpasst, von Jo Kröschner - einem Freund von Nachtweih - die Krawatte, das Hemd sowie ein paar Schuhe und von Nachtweih einen grauen Anzug. Es geht zum Vorstellungsgespräch beim Bundesligisten SV Darmstadt 98, der eigentlich einen neuen Co-Trainer für Coach Lothar Buchmann sucht, da Klaus Schlappner seinen A-Schein machen möchte.

Kröschner behauptet in dem Gespräch mit Vorstand Schäfer keck, das Buchmann bereits beim VfB einen Vertrag unterzeichnet habe für die neue Saison. Das Gerücht stellt sich später als wahr heraus...

Ab dem 1. Juli 1979 wird Jörg Berger Trainer bei den inzwischen abgestiegenen Lilien, die nächsten Stationen führen ihn nach Ulm, Düsseldorf, Kassel, Hannover und Freiburg, bis ein Anruf aus Frankfurt kommt, das einen Nachfolger für Pal Czernai sucht...

Fortsetzung folgt!

Dank an Frank für die Bilder aus dem eintracht-archiv!
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gereizt schrieb:

Dank an Frank für die Bilder aus dem eintracht-archiv!


und  Dank an dich Thomas für diesen ersten Teil der Würdigung von Jörg Berger.
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klasse, vielen dank.
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Wirklich schön.

Die Autobiografie ist im Übrigen absolut empfehlenswert, toll geschrieben und nicht nur Larifari.
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Schön. Freue mich auf die Fortsetzung und werde nach wie vor sehr traurig, wenn ich dran denke, dass Berger diese Woche verstorben ist.  
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TOLL!!
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Vielen herzlichen Dank für diesen Thread zu dem einzigen Trainer, dem ich nachgeweint habe oder der mich überhaupt zu solchen Gefühlsäußerungen im Sport veranlasst hat.
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--alle achtung herr gereizt..
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Vielen, vielen  Dank, Thomas. Ich wünschte, Du wärest offizieller Hofschreiber der Eintracht: Dann könnte ich von Dir längere erste, zweite und dritte Teile fordern und wäre noch zufriedener beim Lesen. Ich mag es nicht, wenn Deine Texte zuende sind.
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Danke Thomas.....
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Klasse !!!
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Danke für diesen wunderbaren Text.
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Ganz stark. Thx.
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Mein lieber Gereizt,

schon deine Spielvorberichte sind ein Hochlicht, dieser Nachruf jedoch ist die Krone und eine höchst angemessene Würdigung unseres Adlers  Jörg Berger.

Beve, Kid, rotundschwarz, Franks Archiv, dich und die ungezählten anderen; ich verneige mich.
Uli
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DaZke, ich ziehe meinen virtuellen Hut!
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Vielen Dank für Teil 1, ich freue mich auf die Fortsetzung.
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Vielen Dank für diesen Artikel, und noch mehr die Weise in die er verfasst ist!
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Ein ganz herzliches Danke - es tut weh zu denken, dass dies hier jetzt nicht einfach nur ein Rückblick auf die Lebensgeschichte eines Menschen ist, der eng mit der Eintracht verknüpft ist, sondern die Erinnerung an jemanden, der nicht mehr da ist.
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thx.
wie so oft schoen zu lesen
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Ein würdiger Auftakt zu einem sicherlich jetzt schon passenden Nachruf! Danke!


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