"Moggi-Gate" oder Calciopoli

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@concordia-eagle
Vielen Dank für die ausführliche Erklärung. Die nähereren Infos werde ich mir demnächst bei einer Grillfete beim gründlichen Heinz besorgen.

Ich hatte auf den ersten Blick Bedenken wegen des Begriffes "Korruption" im Zusammenhang mit der Affäre um die BVB-Lizenzerteilung, die ich nach wie vor als einen Schlag ins Gesicht eines jeden kaufmännisch halbwegs verantwortungsvoll handelnden Vereinspräsidenten / Vorstandsvorsitzenden empfinde.
Bisher hatte ich den Begriff Korruption wohl auch etwas eindimensional verstanden... Laut Wikipedia ist dem aber nicht so:
Korruption (von lat. corrumpere = verderben, entkräften, entstellen, bestechen) ist der Missbrauch einer Vertrauensstellung in einer Funktion in Verwaltung, Wirtschaft oder Politik, um einen materiellen oder immateriellen Vorteil zu erlangen, auf den kein rechtlich begründeter Anspruch besteht. Korruption bezeichnet Bestechung und Bestechlichkeit, Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung. In Deutschland sind diese Straftatbestände geregelt in den §§ 331 ff. StGB, wenn so genannte Amtsträger betroffen sind. Im geschäftlichen Verkehr sind insoweit die §§ 299, 300 ff StGB einschlägig.

In einer weiter gefassten Definition bedeutet Korruption auch "moralische Verdorbenheit".

http://de.wikipedia.org/wiki/Korruption
Wenn die Wikipedia-Definition stimmt, stimmt´s.  

Ob es nun aber die gleiche Art von Korruption ist?
Nun, da stimme ich erst zu, wenn mich Meister Gründel bei der besagten Grillfete mit den Belegen über geleistete Zahlungen und reichlich Äppler versorgt hat.
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Die Darstellung von Concordia ist natürlich richtig.Allerdings muss man auch erwähnen, dass die wirtschaftlichen Auflagen der DFL den Zweck haben, den Spielbetrieb zu gewährleisten, d.h. zu verhindern, dass ein Verein sich wirtschaftlich übernimmt, insolvent wird und so mitten in der Saison ausscheidet. Auf dieser Grundlage hat die DFL wie oben dargestellt entschieden, was man durchaus kritisieren und ablehnen kann.
Die Situation in Italien ist allerdings eine völlig andere. Derartige Manipulationen führen das Spiel ad absurdum. Es ist tatsächlich nur mit der italienischen Mentalität zu erklären, dass so etwas hingenommen und im Grunde nicht bestraft wird.  Nicht mißverstehen, ich bin gerne in Italien, mag die Leute dort und Rom haut mich jedes Mal wieder um. Aber italienischen Fußball kann man getrost vergessen. Das Berufungsurteil ist ein deutliches Signal, dass alles so weiter gehen soll wie bisher, nur das sich die Hintermänner geschickter anstellen werden.
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@stefank
so wie Du hatte ich dan Fall Dortmund auch erst verstanden, bis mich der Heinz darauf hingewiesen hat, daß wohl aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten damals für die DFL gar kein Handlungsspielraum bestanden habe. Im Kern hast Du aber recht, die Vergehen im italienischen Fußball treffen den ganzen Fußball ins Mark.

Gruß
concordia-eagle
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Na ja Heinz,
das ist doch klar. Wenn die öffentlich jubeln würden, käme dies einem Schuldeingeständnis gleich und es soll der Öffentlichkeit "verklickert" werden, wie furchtbar hart doch diese Farce ähh dieses Urteil ist.
Gruß
concordia-eagle
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Natürlich beschweren sie sich. Da müsstet Ihr Anwälte doch dafür vollstes Verständnis haben. Strafe wurde ja schon einmal gestutzt, jetzt schaut man halt, was noch so geht. Deren Ziel ist es, möglichst unbeschadet da raus zu gehn, so wie es das Ziel der anderen Klubs auch ist. Da ist sich jeder selbst der nächste. Wieso sollten die auf einmal den moralischen bekommen und "mea culpa" jammern?
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Nee Schusch da haben Concordia und meine Wenigkeit natürlich überhaupt kein Verständnis
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Interessant finde ich an der Sache, dass die italienische Presse sich nicht gerade positiv zu den Urteilen äußerte.

Interessant ist übrigens auch dies....

Sport1.de schrieb:

Milan muss zittern

Die Uefa entscheidet am Donnerstag auf einer außerplanmäßigen Sitzung über die Zulassung des AC Mailand zur dritten Runde der Champions-League-Qualifikation.
Milan waren im Berufungsprozess im Manipulationsskandal rückwirkend lediglich 30 Zähler statt 44 Zählern abgezogen worden, so dass die Lombarden in der korrigierten Tabelle der Serie-A-Saison 2005/06 noch den dritten Rang belegten.
Daraufhin meldete der nationale Verband FIGC den Klub für die Ausscheidungsspiele zur europäischen "Königsklasse".


Click-Click!
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ZoLo schrieb:
Interessant finde ich an der Sache, dass die italienische Presse sich nicht gerade positiv zu den Urteilen äußerte.




Wem willste des dann auch so was allen Recht machen? Geschätzte 20 Millionen Italiener sehen ihren Verein betrogen, weil er bestraft wird, der Rest sieht seinen Verein benachteiligt, weil die nicht richtig bestraft werden.

Darüberhinaus ist es auch schwierig innerhalb dieser kurzen Zeit unter diesen Umständen ein gerechtes Urteil zu finden. Normalerweise würde so ein Prozess Jahre dauern. Aber spätestens im September soll ja wieder gekickt werden. Da ist man angreifbar von allen Seiten. Das kann ja alles nur schlampig sein.  Deshalb interpretiere ich diese Strafmilderung als einen Versuch, mal da schnell wieder Ruhe reinzubringen. "Wir erlassen Euch etwas und gut ist". Funktioniert halt nicht so, solange jeder nur seine Partikularinteressen verfolgt, es um jeden seine Ehre geht, und kein "buon senso" herrscht, wie man da jetzt weiter machen soll.
Der Schuss ging mal richtig nach hinten los.
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Uiii, Inter ist Meister. Na, da können sie jetzt schön feiern, nach 17 Jahren wieder Meister.

http://www.repubblica.it/2006/07/sezioni/sport/calcio/moggi-parla/scudetto-assegnato/scudetto-assegnato.html
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schusch schrieb:
Uiii, Inter ist Meister. Na, da können sie jetzt schön feiern, nach 17 Jahren wieder Meister.

http://www.repubblica.it/2006/07/sezioni/sport/calcio/moggi-parla/scudetto-assegnato/scudetto-assegnato.html



Auch der VT im ZDF meldet auf Seite 213: Inter bekommt Meistertitel zugesprochen
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Nee Schusch,
Heinz spricht da 100% in meinem Namen, wir finden das kein bißchen gut. Weiß nicht, ob das Urteil wegen der Kürze der Zeit angreifbar ist aber hast Du die Doppelseite im Kicker mit den Auszügen aus den "Abhörprotokollen" gelesen? Das ist schon echt krass. Die Fans sind eh die ärmsten Schweine aber wenn die Eintracht so beschißen hätte, bin ich mir nicht sicher, ob nicht auch ich für einen Zwangsabstieg wäre. Ob man für so ein Urteil ein "buen senso" hinkriegt , laß ich mal offen.
Auf jeden Fall hat das Urteil nichts mit den Juristen zu tun, sondern verletzt das Recgtsempfinden "aller billig und gerecht Denkender" (Heinz und stefank habe ich das nicht schön gesagt für die Uhrzeit und ob der Tatsache, daß ich gerade von einem ausführlichen Besuch bei meinem Nachbaritaliener- die WM habe ich ihm verziehen- komme)?
Gruß
concordia-eagle
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Gut finden? Wer redet von gut finden?

Klar ist das krass. Aber glaubs mir, den Fans war schon lange klar, was da abgeht. Da ist der Vorwurf eher an den eigenen Verein, wieso kann Juve uns bescheißen und wir nicht Juve, Padrone?

Rechtsempfinden ist da ohnehin schwach ausgeprägt, wenn man im Alltag sich irgendwie arrangieren muss. Rom ist da weit weg. Und Rom vermisst da keiner. Warum auch? Was die im großen machen, müssen wir im kleinen machen, um über die Runden zu kommen.

Allein die italienische Geschichte seit 753 v. Chr. ist ja schon recht aufschlussreich. Da gings immer nur darum, wer wen bescheißt. Das römische Recht wurde später in Konstantinopel kodifiziert und einen Savanarola habe sie dann doch lieber verbrannt, um weiter rumh.uren zu können.

Ich finde, das was da stattfindet auf eine gewisse Art ehrlich. Da hat keiner das Moralmäntelchen an. Aber ich bin ja auch ein Zyniker. Römisch-katholisch, bei der letzten Ölung kann ich ja immer noch alles beichten.
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Da ist was dran, Schusch. Spiel ich also mal den Advocatus diaboli.

Ehrlicher- und konsequenterweise könnte man erwägen, ob nicht die Existenz von Regeln sportlicher Fairness in zur Korruption neigenden Gesellschaften nicht an sich schon anachronistisch und, ja, ein wenig verlogen ist. Warum sollte in Gesellschaften, wo sonst wenig danach gefragt wird – und um je mehr Geld es geht, desto weniger wird gefragt -  ausgerechnet vom Sport – und im Profisport geht es um verdammt viel Geld – integres Verhalten erwartet werden? Einzig zur Camouflage vielleicht?

Warum nicht dopen bei der Tour de France, wo doch Doping, im weiteren, aber durchaus auch im engeren Sinne, heutzutage gesellschaftlich weit verbreitet ist? Warum nicht bestechen beim Fußball, wenn in Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft, Politik, Medien etc. mitunter bestochen wird auf Teufel komm raus?

Haben wir nicht grundsätzlich die Möglichkeit zur Entscheidung? Sollte dann aber nicht die Struktur, für die wir uns entschieden haben, in sich konsistent sein?
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Hej Schusch,
das klingt ja geradezuz depressiv. Das brauchts wirklich nicht. Wenn viel Geld im Spiel ist, wird´s immer einige geben, die daran teilhaben wollen. Deiner Theorie von 753v.Chr. folge ich nicht ganz, unzweifelhaft ist aber im Rom der 70 Jahre (v.Chr.) Korruption das ständige Thema gewesen (damit meine ich nicht einmal die Ermordung Caesars 53 v. Chr, tu quoque meus filius), sondern die "Verlotterung" Roms ganz allgemein. Ich darf aber doch darauf hinweisen, daß wir das Rechtssystem Roms nahezu 1:1 übernommen haben. Und in den meisten Fällen ist das auch gut so (trotz dieses Zitats von Wowereit, nein ich bin nicht schwul und das ist auch gut so ). Also siehe es locker, ich bin jeden Tag mit Urteilen konfrontiert, mit denen ich -selbst im Fall des Obsiegens- nicht 100% konform gehe, Grund zu Deiner (zu) pessimistischen Einstellung sehe ich nicht.
N8
Gruß
concordia-eagle
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[img]http://www.taz.de/pt/.1/gif.t,kari.d,1153994400[/img]
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adlerkadabra schrieb:

Haben wir nicht grundsätzlich die Möglichkeit zur Entscheidung? Sollte dann aber nicht die Struktur, für die wir uns entschieden haben, in sich konsistent sein?




Natürlich haben wir jeder die Möglichkeit zur Entscheidung. Und ich entscheide mich ja auch, indem ich nur Dinge tu, die mit mir vereinbar sind. Und die Struktur mag ja auch konsistent sein: Das Rechtswerk ist da, die Institutionen sind da, alles da. Trotzdem sieht das alles da anders als irgendwie "moralisch" und "integer" aus. Wenn die Institutionen versagen und deren Mißachtung irgendwie zum Lebenstil gehört, dann muss halt jeder selbst schaun, wo er bleibt. Und wenns dazu anderer Mittel Bedarf, na dann halt. Bologna hat sich immer korrekt und integer verhalten: Ordentliche Bilanzen, ausgeglichener Haushalt, nix geschoben, wo sind sie? Serie B.
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Die Tatsache, dass die Vereine immer noch in Revision gehen, kann man eigentlich nur noch mit einer gehörigen Portion Galgenhumor ertragen.
Ich gehe mal davon aus, dass die am Montag im Kicker abgedruckten Telefonprotokolle korrekt sind. Schon angesichts dieser Beweise sind die Strafen schlicht ein Witz.
Vermutlich fordern die betroffenen Vereine in der nächsten Instanz, wegen ihrer besonderen Cleverness in der nächsten Saison mit Bonuspunkten starten zu dürfen. (Seria A natürlich)
Eigentlich darf man überhaupt nicht darüber nachdenken, wie unser Sport von Funktionären missbraucht und kaputtgemacht wird (ich meine hier nicht nur den Italienischen Fußball).
Fassungslose Grüße
Bernie
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Adnote zu meinem Posting # 436:

Anders gesagt, wiederum als Teufelsadvokat: das Faktum, dass heute die Öffentlichkeit Qualitäten wie Fairness, Unbestechlichkeit etc. nach wie vor ausdrücklich dem Sport abverlangt , und namentlich dem Profisport (nicht zuletzt ja auch ein veritabler Wirtschaftszweig) – das ist bemerkenswert, da diese Qualitäten in anderen Bereichen mehr oder weniger im stillschweigenden Konsens verabschiedet wurden.

D.h., der definitive Verlust dieser Qualitäten ist nicht erwünscht, man sucht für sie einen (vermeintlich) geeigneten Bereich – nicht zufällig vielleicht: einen "Arena-Bereich" -,  in dem sie ostentativ nach wie vor ausgeübt werden sollen  – und reagiert verständlicherweise besonders gereizt, wenn es auch dort nicht so recht damit klappt.

Aber selbst, wenn dies zutreffen sollte, wäre es, glücklicherweise, auch nur eine Teilwahrheit.


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